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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Digitale Avantgarde in der Sackgasse?

16. September 2009 / Kommentare (0)

Am 19. September veranstalten die Essential Existence Gallery, das sublab und die Free Software Foundation Europe den „Tag der freien Lizenzen“. Neben einer Ausstellung, einem Workshop und einer Podiumsdiskussion findet auch die erste Leipziger Netaudio-Nacht statt. Grund für uns nach dem Status Quo der Leipziger Netlabels zu fragen.

Die Digitalisierung der letzten Jahre hat einige Turbulenzen ausgelöst. Viele kulturelle und wirtschaftliche Konventionen müssen überdacht werden. Netlabels galten da eine Zeit lang als die Avantgarde der klassischen Musikindustrie, die viel zu lange die Digitalisierung als Bedrohung stigmatisiert hat. Über das Internet veröffentlichen immer mehr Netlabels die Musik von mehr oder weniger bekannten Künstlern kostenlos. Zwar sind die Download-Zahlen teilweise überaus beeindruckend, doch die einfachen Möglichkeiten zum Start eines Netlabels, haben eine Menge Mittelmaß hervorgebracht. Was für eine Zukunft hat diese Alternative also?

Wir fragten Jan Stern, einen der Initiatoren vom „Tag der freien Lizenzen“ zu generellen Aspekten von Netlabels. Anschließend finden sich Statements von Steffen Bennemann und Matthias Kretzschmar, die Betreiber zweier erfolgreicher – mittlerweile aber wieder eingestellter – Leipziger Netlabels.

Worin liegt der Reiz als Musiker oder Label seine Musik zu verschenken?

Da müsste man sich zunächst die Frage stellen, warum jemand Musik macht. Die meisten Musiker würden wohl von sich behaupten, dass sie sich durch Musik ausdrücken. Persönlich hat der Musiker sicher mehr davon, wenn ihm fünf Leute sagen, dass sie seine Musik sehr gut finden und dass sie dadurch berührt werden, als wenn ihm fünf Leute jeweils ohne Statement einfach einen Euro auf sein Konto überweisen.Dennoch ist klar: Der Musiker hat in sein Werk eine Menge Zeit investiert und diese Zeit sollte auch von den Konsumenten honoriert werden.

Mit den heutigen digitalen Möglichkeiten ist es für immer mehr Menschen möglich geworden ohne ein großes Tonstudio elektronische Musik zu produzieren. Gleichzeitig haben die üblichen Vertriebswege über Labels und physische Tonträger durch die MP3-Technologie stark an Einfluss verloren.

Es gibt also einen immens großen Fluss an neuer Musik, die aber nicht unbedingt massenkompatibel genug ist und somit niemals von einem Majorlabel heraus gebracht werden würde. Dennoch gibt es eine Menge Liebhaber, die diese Musik hören möchten und auch bereit sind dafür Geld zu bezahlen. Den Musikern muss man eine Plattform bieten und diese schaffen Netlabels.

Natürlich gibt es auch hier gute und schlechte Beispiele, aber die Maxime eines Netlabels sollte sein, dass es auf Qualität Wert legt und eine entsprechende Filterung für den Konsumenten vornimmt. Die Betreiber sind meistens selbst Musikliebhaber und erwarten für sich recht wenig davon, ein Netlabel zu betreiben. Ihnen geht es wohl eher um die Unterstützung von Musikern, die in ihren Augen mehr Aufmerksamkeit benötigen. Diese Musiker haben dadurch die Möglichkeit recht schnell einige Tausend Leute zu erreichen und wenn nur ein Bruchteil davon die Musik eines solchen Musikers behält und Wert schätzt, hat er schon einen größeren Erfolg erzielt als so manch anderer Musiker, der sein Werk auf Platte veröffentlicht hat.

Diese Konsumenten werden oft zum Fan, verbreiten die Musik weiter, gehen auf Konzerte, kaufen sich T-Shirts und sind auch nicht selten bereit für den Download der MP3s zu zahlen. Im Übrigen bin ich sowieso dafür, dass man dem Kunden die Chance gibt, die Musik kostenlos herunter zu laden und man im Nachhinein dennoch die Möglichkeit hat – über einen unkomplizierten Weg – Geld für die Stücke zu zahlen.

Durch den Vertrieb von kostenlosen MP3s über ein Netlabel werden wohl die Wenigsten reich, aber es kann den Grundstein für so manche Karriere legen und schließt nicht aus, dass der Künstler am Ende Geld an seiner Musik verdient. Generell sollte gute Musik einfach gehört werden und nicht auf den Festplatten der Musiker versauern, und allein darin liegt wohl der Reiz auf einem Netlabel zu veröffentlichen.

Die meisten Netlabels veröffentlichen elektronische Musik, was vermutest du könnte der Grund dafür sein?

Bei akustischer Musik sind einfach noch mehr technische Gegebenheiten erforderlich um z.B. eine Band mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang abzumischen. Diese Voraussetzungen sind oft nur in einem Tonstudio umsetzbar, was wiederum mehr Geld kostet als zu Hause am eigenen Computer Musik zu produzieren. Kostenlos ist auch das nicht und neben einer guten Idee gehört natürlich auch ein gutes technisches Verständnis und entsprechendes Equipment dazu, aber definitiv ist es im elektronischen Sektor einfacher, einen Track fertig zu bekommen.

Sind die Netlabels in ihrer Nische gefangen? Medial findet deren Output kaum Beachtung.

Sicherlich sind sie ein Stück weit darin gefangen, aber das liegt ja auch daran, dass sie sich in der Regel bewusst von anderen Labels mit physischen Tonträgern abgrenzen. Es wird ja ein ganz anderer Musikmarkt bedient. Es sind eben selten massentaugliche Stücke und finden natürlich auch weniger mediale Beachtung. In meinen Augen ist das aber nicht verkehrt, denn es gab auch schon vor dem Internet Musik, die nicht medial relevant war und dennoch ganze Generationen geprägt und begeistert hat und das ist auch gut so.

Die Leipziger Netlabel-Szene ist ja quasi zusammengebrochen bzw. orientiert sich doch wieder an klassischen Verwertungsmöglichkeiten. Haben Netlabels also überhaupt eine Zukunft?

Zur Leipziger Netlabel-Szene kann ich persönlich nicht wirklich viel sagen, da sollte man lieber die (Ex-)Betreiber fragen. Ich kenne nur zum Teil deren Motivation und ihre Geschichte. Aber um – davon abgesehen – ein positives Beispiel anzuführen, führt kein Weg an Jahtari vorbei. Sie haben als Netlabel angefangen und nach dem enormen Feedback beschlossen, neben kostenlosen Downloads auch Vinyl zu vermarkten. Zudem sind Jahtari-Künstler mittlerweile in der ganzen Welt unterwegs und nehmen, neben vielen Erfahrungen, eben auch Geld mit ihrer Musik ein. Ich finde, es gibt hier kein Gut und Böse. Jede Form, egal ob Labelart oder Art des Tonträgers, hat Vor- und Nachteile. Man muss eben nur abwägen, welche Form im entsprechenden Fall am Sinnvollsten ist. Es bringt nichts, sich den Hut der Musikindustrie aufzusetzen und immer wieder das Internet für Umsatzeinbußen verantwortlich zu machen, sondern man muss es nutzen, um neue Geschäftswege zu gehen.


Steffen Bennemann und Mirsch gründeten 2005 das Netlabel 1bit wonder für elektronische Musik im weitesten Sinne. Innerhalb der Netlabel-Szene gehörte 1bit zu den bekanntesten Labels. Im Frühjahr 2008 wurde nach 32 Veröffentlichungen das Ende des Labels bekannt gegeben. Steffen Bennemann erklärt die Gründe die dafür.

1Bit Wonder war ein sehr erfolgreiches Netlabel, warum habt ihr trotzdem damit aufgehört?

Mirsch und ich hatten einfach nicht mehr genügend Zeit, 1bit auf dem gewohnten Level weiter zu führen. Also haben wir uns gesagt: Dann lieber aufhören als nur so halb dran zu bleiben. In diese Entscheidung hat allerdings auch reingespielt, dass wir mit 1bit so ziemlich das Maximum erreicht hatten, was für uns im Bereich des Möglichen lag. Um es dann auf eine noch höhere Stufe zu hieven – z.B. durch Veröffentlichungen auch auf physischen Tonträgern – hätten wir noch mehr Zeit gebraucht als 1bit ohnehin schon verlangt hat und das war natürlich erst recht nicht möglich.

Gab oder gibt es mittlerweile Überlegungen als Digital-Label weiterzumachen? Die Infrastruktur für den Digital-Vertrieb hat sich ja mittlerweile etwas verbessert.

Nein, gibt es nicht. 1bit ist ein Netlabel der alten Schule und „free music“ ist ein elementarer Bestandteil der 1bit-Philosophie. Ganz abgesehen davon halte ich relativ wenig von reinen Digital-Labels, auch wenn das für viele inzwischen eine Option zu sein scheint. Auch eine Entwicklung zum physischen Label ist bei 1bit keine Option, das Kapitel 1bit ist beendet und wird immer als kostenloses Netlabel bestehen bleiben.

Haben Netlabels mit kostenlosen Downloads überhaupt eine Zukunft?

Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass kostenlose Netlabels bei allen Nachteilen, die damit verbunden sind – geringe Reichweite, unüberschaubarer Output, kaum künstlerische Selektion – unbedingt ihre Berechtigung haben. Nicht nur für abseitige Musik, die sich schlecht verkaufen lässt, sondern vorallem auch in ihrer Funktion als „Talentscouts“. Daran ändern auch die inzwischen aufgekommenen Digital-Labels nichts.


Instabil ist das Sub-Label von Statik Entertainment, gestartet 2004 als Netlabel. Im April 2008 stieg das Label dann aber auf kostenpflichtige Downloads um und vertreibt seine Musik nun über verschiedene MP3-Shops. Warum, das erklärt Matthias Kretzschmar, der Betreiber von Statik Entertainment und Instabil.

Was hat dich dazu bewogen, Instabil nicht mehr als Netlabel mit kostenlosen Downloads zu betreiben?

Instabil lag bis 2008 für etwa zwei Jahre auf Eis – doch der Grund ist nicht etwa das Schmieden des Masterplans gewesen, wie man dem Musik-Fan jetzt Geld für die Tracks aus der Tasche ziehen könnte. Es gab einfach andere Prioritäten. Aber die Frage nach dem konzeptionellen Umstieg von einer Creative Commons-Basis zum Bezahl-Download schließt immer irgendwie eine Art Vorwurf ein, den es aus der Welt zu schaffen gilt. Also: ich bin einfach der Meinung, dass das Bemühen des Künstlers und auch unsere Labelarbeit in gewisser Art und Weise gewürdigt werden muss. Zudem hat sich die Netlabel-Szene nicht positiv entwickelt, der Quantität steht nicht ansatzweise die entsprechende Qualität gegenüber. Also ist der kostenpflichtige Download auch eine Art „Filter“ oder Gütesiegel. Und noch eine Bemerkung: wir fahren seit dem Label Re-Launch keine S-Klasse oder wohnen in Villen, unseren Sound gibt es im Bryzant-Shop für schmale 99 cent.

Wie haben sich die Download-Zahlen nach dem Schritt verändert?

Die legalen Downloads sind seit dem System-Umstieg ohne Ausnahme nach unten gegangen. Jede andere Antwort bei solch einem Umstieg wäre mindestens Flunkerei. Aber das ist auch gar nicht die entscheidende Frage: Das Label spielt die Unkosten wieder ein, die Künstler erhalten einen Profit – und das Wichtigste, was auch im Vergleich zu früher geblieben ist: der Künstler erhält durch eine Veröffentlichung auf instabil die entsprechende Reputation.

Wo siehst du Vor- und Nachteile eines reinen Online-Labels, gerade in Hinblick auf deine Erfahrungen mit Statik Entertainment als Vinyl-Label?

Digitale Musik ist die Zukunft – die Möglichkeiten des Downloads zu negieren wäre fatal. Wir befinden uns gerade im Umbruch, die Diskussionen um das Tonträgerformat werden sich in naher Zeit durch ein geändertes Konsumverhalten sowieso erledigen. Dann wird man auch Antworten auf die bisher ungeklärten Fragen gefunden haben, etwa wie man die illegalen Downloads erschwert oder wie eine qualitative Auswahl der Angebote in einem Download-Shop sichergestellt wird. Das beides sind noch Nachteile. Und auch wenn sich meine Antwort gerade wie ein Plädoyer für MP3 & Co liest: die physischen Tonträger werden auch ihren Platz im Markt finden. In welchem Umfang ist offen – es wird sich zeigen, wem die Haptik langfristig wichtiger bleibt als der Komfort der Files. Und die „Macher“ wie Labelchefs oder Plattenladenbesitzer werden sich einer betriebswirtschaftlichen Frage stellen müssen; doch solange es Sammler, Liebhaber und Nerds gibt werden Schallplatten gepresst.

Wie wählst du die Tracks für Instabil und Statik Entertainment aus – also ab wann wird etwas physisch oder digital veröffentlicht?

Nach meinem Musikgeschmack – nur danach! Grundsätzlich könnte jede instabil auch eine Statik Entertainment sein – und umgekehrt. Es erscheinen also nicht die Tracks, die es auf Statik Entertainment „nicht geschafft“ haben, auf instabil. Vinyl ist nicht der unwiderrufliche Maßstab für Qualität.

Die Statik Entertainment-Platten werden auch digital vertrieben, wie sind da deine Erfahrungen?

Sehr sehr gut – die Downloads steigen von Katalognummer zu Katalognummer, während die physischen Verkäufe stagnieren. Und das ist meines Erachtens auch ein Zeichen für den sich schon erwähnten ändernden Umgang mit Musik. Es gibt nicht nur die alten Vinyl-Fans, die sich eine farbige Pressung ins Regal stellen, sondern auch Musikinteressierte der neuen Generation, die ein Statik Entertainment-Release digital kaufen.

Weitere Infos zum „Tag der freien Lizenzen“
Instabil Myspace
1bit wonder Website

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