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Jens
Im Stadtmagazin kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Zu Hause bei CVBox

07. April 2017 / Kommentare (1)

Anfang des Jahres hat CVBox mit „So ist es im Nadelwald“ ein sehr deepes, nächtlich gedimmtes Album veröffentlicht. Wir haben ihn zu Hause besucht.

Mit CVBox verschieben sich die zeitlichen Dimensionen. Und es vergegenwärtigt, dass nicht immer alles on point fertig sein muss, um gut zu werden. Das war bei seinem Album „So ist es im Nadelwald“ so, das seine Zeit zum Reifen brauchte.

Und so war es auch bei unserem Interview. Noch nie ist zwischen dem Interview und seiner Veröffentlichung so viel Zeit bei uns vergangen. Ende Januar waren wir mit CVBox in der Südvorstadt verabredet – neben mir war auch Gregor mit seiner analogen Kamera dabei. Doch dann brauchte ich einen Monat zum Abtippen und CVBox einen weiteren Monat zum Gegenlesen, zwischendurch gab es ein zweites Foto-Shooting.

Dennoch, oder vielleicht genau deshalb, gehört das Interview mit CVBox zu meinen liebsten. Wahrscheinlich, weil es den sympathischen Eigensinn meines Gegenübers und die unberechenbare Direktheit dieses Gesprächs so treffend widerspiegelt. Im Hintergrund könnte übrigens sein aktueller Podcast von IO laufen:


Du kommst ursprünglich aus Zittau. Rührt deine Naturverbundenheit daher?

Ja. Das Beste war das Klettern. Das haben wir damals viel gemacht. Bouldern, Pilze sammeln und Tschüss sagen für einige Tage. Das war herrlich.

Als Jugendlicher war das oder als Kind?

Ja, als Jugendlicher. Als Kind war ich viel allein.

Hast du dich einsam gefühlt?

Nein, ich kannte es nicht anders.

Wieso bist du nach Dresden gezogen?

An der Uniklinik hatte ich einen guten Job bekommen und das war super. Allerdings musste ich dann irgendwann weg.

Und dort hast du auch die Leute von Uncanny Valley kennengelernt?

Da ist das Fat Fenders dran schuld. Fabian von dort hat mich mit den Jungs zusammengebracht. Mit Micha Freier hatte ich mal eine CD gemacht und die habe ich im Plattenladen abgegeben. So sind sie auf mich und uns aufmerksam geworden. Früher gab es offensichtlich Treffen, bei denen neue Musik angehört wurde. Da ging es dann auch um die ersten Uncanny Valley-Platten, nehme ich an. Ich hatte gar keinen Plan, was da geht und bin dann mal mitgegangen.

Wer ist Micha Freier? In einem anderen Interview habe ich gelesen, dass deine Eltern sein Equipment zwischengelagert haben, wodurch du mit Synthesizern in Kontakt kamst.

Micha kommt aus Löbau und wir haben früher ein paar kleinere Partys zusammengemacht. Er war eine Zeitlang unterwegs und die Geräte mussten irgendwo hin.

„Schöne Geräte, dachte ich damals, die probiere ich doch mal aus. Damit war es geschehen.“

Du hast sie dir dann selbst nachgekauft oder nutzt ihr sie noch immer gemeinsam?

Teils teils.

Von ihm selbst wurde gar nicht so viel veröffentlicht.

Ich habe mich darum meist bemüht, weil ich einige gemeinsame Tracks von früher wirklich gut finde. Da haben wir zusammen ein paar rausgesucht und vorgestellt.

Das sind also alles richtig alte Tracks?

Von den Stücken, die auf Ortloff rauskamen, ist das älteste Stück von 2004. Wir haben zwar in Zittau schon um 2000 Musik gemacht, das ist aber alles, nun ja … da waren wir wohl etwas depressiv.Konnte man in Zittau eigentlich damals weggehen?

Wir veranstalteten selbst Partys – das war das einzige. Die Partys, die sonst noch waren, waren eben so, wie Partys in einer Kleinstadt sind. Da gab es bloß große Diskotheken. Die Techno-Partys musste man schon selbst machen.

Was für Orte habt ihr da ausgehoben?

Wir konnten das meist in einem alternativen Café machen. Es gab auch noch leerstehende Industriehallen.

Wer kam da? Gab es da eine kleine Szene?

Da gab es schon eine Szene. Ich bin da nur dazugekommen als Hörer. Anfang der Neunziger gab es den Eiskeller in Löbau. Irgendwie ist Sachsen eh ganz merkwürdig bei der Musik.

Inwiefern?

Es kommen mittlerweile viele Leute aus Sachsen, die gute Musik machen.

Alte Netzwerke der Provinz, die dann in den Großstädten die Szene mitprägen.

Vielleicht, in Dresden kenne ich auch Leute aus Zittau.

Gibt es in Zittau heute noch Leute, die Techno-Partys veranstalten?

Keine Ahnung. Ich habe mich da komplett herausgenommen und sehe auch kaum Jugendliche, wenn ich dort bin.

Das ist wahrscheinlich eine Spirale – wenn kein Angebot ist, gehen die Jungen weg.

Sicherlich, aber es muss doch ein paar Zehntklässler, Abiturienten oder Studenten geben, die ausgehen wollen und ein bisschen musikalisches Niveau haben? Es muss ja nicht Techno sein, es gibt ja auch Reggae oder Tango.

In einem anderen Interview erzählst du, dass du bei deinen Eltern schon Platten mit elektronischer Musik gehört hast. Was sagen die jetzt zu deiner Musik?

Meine Mutter findet es großartig. Sie ist selbst Künstlerin. Als Kind fand ich die Klaus Schulze- und Vangelis-Platten wirklich toll. Für Kinder ist das vielleicht eine Art Fantasy-Musik gewesen, zumindest für mich.

Ein künstlerisches Elternhaus also.

Ich glaube schon. Damals war eben nichts mit Pistole oder ferngesteuertes Auto kaufen oder Fernsehen gucken. Das war schon schwierig. Mit 12 gab es endlich einen Fernseher, großartig. Sonst war es so, dass ich zu anderen Leuten ging, um dort Fernsehen zu schauen.

Und da bist du als Kind eben allein durch die Wälder gezogen.

Nein, mit meinem Vater war ich Pilze sammeln.

Er hat dir alles gezeigt, wie sie heißen, welche man essen darf und so weiter?

Genau. Ich nehme alle, nicht nur die mit Schwamm. Auch die anderen, die es noch so gibt.

Die psychedelischen meinst du?

Was für welche? – Ich habe keine Ahnung.

Wo findet man hier die besten Pilze?

In den Kiefernwäldern. Viele Pilze gibt es hier aber auch nicht. Durch Leipzig habe ich immerhin den Edel-Reizker kennengelernt. Den gibt es in Zittau selten. Das ist ein rötlich-oranger Pilz mit Lamellen. Wenn man den anschneidet, kommt eine rötliche Milch heraus – und der schmeckt super.Warum bist du nach Leipzig gezogen?

Ich musste aus Dresden weg. Mir ging es gesundheitlich nicht gut und mit der Arbeit in der Notaufnahme wurde mir das zu viel. Ich hatte viel Verantwortung. Meine damalige Freundin hat das gemerkt und mich da rausgeholt. Es ist halt schwierig, wenn man arbeitet und nebenher Musik macht – ich habe nichts anderes mehr gemacht. Ich bin nicht mehr rausgegangen. Arbeiten, Musik machen, Arbeiten, Mucke machen. Da hat mein Körper irgendwann gesagt, es reicht. Es war eine gute Entscheidung.

Dann hatte die Musik einen sehr großen Stellenwert?

Sicher, für mich war das auch Entspannung. Abschalten können. Ich brauchte zwar immer erst eine Zeit, um alles auf Null zu setzen, um dann produktiv zu sein.

Kannst du Muster sehen: Wenn es mir so ging, klang die Musik so?

Das höre ich so, aber manch andere hören das nicht so. Meine Freundin sagt oft, dass es so schön und verträumt klingen würde. Ich sehe da aber schon viel Negatives. Ich finde die Musik teilweise traurig. Da sind sicherlich viele Erinnerungen dabei.

„Es gibt Harmonien, die bewegen sich an der Grenze von traurig und fröhlich.“

Vermisst du die Uncanny Valley-Crew, seitdem du in Leipzig lebst?

Als ich die Jungs kennengelernt habe, bin ich gerade aus Dresden weggezogen. Wir treffen uns jetzt also mehr als vorher, einmal im Monat etwa. Das ist sehr angenehm.

Ach, du wohnst schon so lange in Leipzig?

Ja, seit 2011. Aber schön, dass Alex (Credit 00) nun auch hier wohnt.

Kanntest du die Leute von Uncanny Valley schon aus deiner Dresdner Zeit?

Nur Jacob Korn. Den hatte ich ein paar Mal gehört.Produzierst du jetzt anders als in der schwierigen Zeit in Dresden?

Als ich in Leipzig angekommen bin, habe ich mich erst einmal runtergefahren, gefunden und anders produziert. Die letzte Zeit habe ich allerdings nichts produziert.

Das heißt, das Album ist auch eine Zusammenstellung von alten Stücken?

Ja. Ich habe in den letzten Jahren viele Stücke fertiggemacht, die ich über die ganzen Jahre aufgenommen habe und die jetzt auf dem Album zu hören sind.

Du könntest dich also zurücklehnen und einfach dein Archiv nach und nach veröffentlichen.

Nein, eben nicht. Da sind schon gute Sachen, aber auch viel Schrott dabei.

Die Stücke auf dem Album klingen sehr fokussiert, sehr kompakt und stromlinienförmig. Weniger rau als bei den EPs. Es hat auch eine nächtlich klingende, einsame Stimmung. Bist du für das Album anders herangegangen oder hattest eine bestimmte Idee von einem Sound?

Das liegt eher an der Auswahl, die ich getroffen habe und der Rest hat sich ergeben.

Wie ist es eigentlich im Nadelwald?

Spitz und hohl im Aluminium.

Das erstaunt mich aber. Ich habe tatsächlich an einen herrlichen Nadelwald gedacht. Das Artwork geht ja auch in die Richtung.

Der Nadelwald hat eben viele Seiten. Es kann auch die Nähnadel, Flexüle-Kanüle oder eben die Plattennadel sein. Aber natürlich auch der Wald in der Natur.

„Am Ende kann jeder die Nadeln assoziieren, die er mag.“

Wie ist es mit dem Wald in Leipzig?

Naja, an den Seen um Leipzig hast du leider nur künstlichen Wald.

Aber was ist mit dem Auwald, der ist sehr speziell.

Damit kenne ich mich nicht so aus. Da riecht es im Frühling nach dem Knoblauchgewächs.

Bärlauch.

Ja.

Wann denkst du, wirst du wieder mit neuen Aufnahme-Sessions anfangen?

Bald. Ich habe wieder richtig Bock darauf zu produzieren. Lust auf Musikmachen habe ich eigentlich oft, aber dann setze ich mich einfach ans Klavier.

CommentComment

  • Conrad / 07. April 2017 / um 16:35
    So isser ❤️

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