← ZurückLifeLife

Autor/-in

Antoinette Blume
„Denn Zuhause ist, wo Techno dich verschwinden lässt und die Toilette ein Brettchen bietet – zum Festhalten.“ Antoinette Blume schreibt nicht nur bei frohfroh über Technoliebe, Liebe und Techno, sondern auch bei mimiundkathe.com über Erlebnispornographie, sexy Times und Beziehungen. Liebesbriefe, Lob und Einladungskarten an: afterhour@frohfroh.de. Bild: David Szubotics

Links

Teilen

Afterhour #6 Liebe, Techno, Leipzig – Black Nakhur

01. Juni 2017 / Kommentare (0)

Black Nakhur, einer der Pferdehaus-Organisatoren stand von Anfang an auf der Afterhour-People-Liste von Antoinette Blume. Ihr Text könnte nun nicht passender erscheinen – denn das Pferdehaus schließt im Juni.

Platz im Gefüge
Als DJ ist es einfach, seinen Platz im Nachtleben zu finden. Hinter dem DJ-Pult, that‘s it. Und das stimmt bei so ungefähr keinem DJ, den ich bisher getroffen habe. Die einen machen noch die Licht-/Technik, die Bar, das Booking, die Künstlerbetreuung; vom Putzdienst bis zum Einlass irgendwie alles. Oder alles das auf einmal. Kommen, Spielen, Gehen – scheinbar gar nicht anstrebenswert.

Um wirklich Teil der Gestaltung des Nachtlebens in Leipzig zu sein, engagieren sich viele Künstler über das Künstlersein hinaus. Symptomatisch hierfür sind die vielen Crews, Open-Airs, Kollektive, Partys und nicht zuletzt unterdessen festetablierte Clubs, die überhaupt erst hieraus entstanden und hoffentlich weiterhin entstehen. Viel benutzt, aber auch mir fällt kein besseres Wort ein: Es ging und geht in Leipzig immer noch um Freiraum und ungeachtet der einigermaßen bekannten und teilweise gepflegten Drogenkultur viel eher um das Kultivieren, Sichtbarmachen, Erleben und Kreieren von (elektronischer) Musik.

Steckbrief
Clubnest?Pferdehaus im Westwerk (RIP)
Zuhausemusik? Dub
Zeit zu gehen?Mal früher, mal später. Meistens aber später.

Nowhere: Black Nakhur
Wer auch einst einfach nur mal eine Party in Leipzig (mit)organisieren wollte und nie mehr davon loskam, ist Black Nakhur. Seit sechs Jahren DJ, von der Skyline bis zum Berghain, Mitgründer des Labels Pneuma-Dor und einer der Menschen, die den allerletzten Track im Pferdehaus spielen werden (warum-wieso-weshalb lest ihr hier). Allerdings soll dieser Text kein verschriftlichter Trauergottesdienst um das Pferdehaus werden, welchen man beim Leichenschmaus zeilenweise zitiert wie den Wetterbericht oder das Line-Up des Nachtdigital-Festivals – nein. Lücken bringen Neues, ob es etwas Neues geben wird, wird sich zeigen. Mit dem Ende einer Räumlichkeit besiegelt sich noch nicht das Ende der Welt.

„(…) klingt pathetisch, macht aber glücklich.“
Black Nakhur kommt ursprünglich aus Berlin, hat mal studiert, kam nach Leipzig, hat dann eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann gemacht und seinen Job in eben diesem Metier gekündigt, als es mit dem Pferdehaus ernster wurde. No risk, no Berghain. Dort hat er auch schon aufgelegt, was für jeden mittelmäßig interessierten Technokenner doch beeindruckend ist. Er selbst ist da wesentlich bescheidener:

„Eigentlich ist jeder Auftritt vor Publikum bei dem ich die Musik spielen kann, die ich mag und bei der Menschen dazu tanzen, lachen, weinen, knutschen, … eine Art Traumerfüllung – klingt pathetisch, macht aber glücklich.“

Das sagt Black Nakhur und erklärt, er halte das „ganze Ding“ um das Berghain für etwas hochstilisiert, wenngleich trotzdem auch ein Wunsch in Erfüllung ging, eben dort einmal zu spielen.

Und wie ist das, immer nachts zu arbeiten? Als Veranstalter, DJ und zum eignen Label kommt dazu, dass Freizeit auch Arbeitszeit und umgekehrt ist. Dabei lernt man, nicht jeden Schnaps mitzutrinken – was mir neu war, aber irgendwie schon logisch klingt. Dafür kann man dann morgens noch nett frühstücken, bevor die bessere-andere Hälfte zur Arbeit geht. Und man selbst ins Bett.

Tschüss-Wunsch
Es bleiben zwar die gleichen Themen, fast immer, überall. Partys. Bookings. Feiern. Aber gerade jetzt darf/kann/soll/muss man sich vom festen Etablissement freischwimmen, sich in neuen Kontexten und anderen Erwartungen wiederfinden. Also, auf dass wir Black Nakhur doch mal in ungewohnter Umgebung, nämlich bei Tageslicht und auf einem Festival, auflegen sehen und man ihm endlich seinen geheimen Wunsch eines eigenen Festivalbiers erfülle. Und dass junge Nachwuchskünstler, Crews und Producer wieder einen so freien Ort finden, sich auszuprobieren und zu lernen; mit genauso engagierten Menschen wie es sie im Pferdehaus gab.

Postskriptum
PS: Die letzte Party im WW aka Closing-Party findet am 9. und 10. Juni statt. Wer dem Pferdehaus die letzte Ehre erweisen möchte, der sollte es an diesem Wochenende tun. Un-be-dingt.

PPS: Noch mehr Afterhour gibt es übrigens am 29. Juni zwischen 21 und 22 Uhr bei Radio Blau. Geplaudert wird dort u.a. mit mir über Nachtgeschichten. Ich darf mir fatalerweise sogar Musik wünschen. Ob sich mein allgemein stark überschätzter Musikgeschmack in der letzten Zeit annehmbar verbessert hat, welches meine liebste Gute-Nacht-Geschichte ist und warum das Pferdehaus eigentlich die Geburtsstätte dieser Kolumne ist – findet es heraus. Ich weiß, sonst läuft bei euch nur Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, aber Radio Blau ist nicht nur an diesem Tag mal ein Reinfrequenzieren wert.

Wir hören uns!

Foto von Henry W. Laurisch
Artwork von Manuel Schmieder

CommentComment

    RelatedRelated

    Two Play To Play – Auftakt – Interview mit Martin Kohlstedt

    LifeLife / 23. November 2017 / Kommentare (0)
    Klassik und freie Szene, U und E – die neue Reihe „Two Play To Play“ möchte Brücken schlagen und bringt Musiker aus verschiedenen Sphären zusammen. Wir begleiten das Projekt und haben einführend mit Martin Kohlstedt gesprochen.

    Drum and Bass Reloaded

    LifeLife / 17. November 2017 / Kommentare (0)
    Aua Aua Ü30-Partys. Normalerweise gibt es keinen Grund, darüber zu berichten, außer sie entstehen so authentisch aus einer Underground-Szene heraus, wie bei der Drum and Bass Reloaded-Reihe.

    Dissonant Counterpoint – Diana Policarpo

    LifeLife / 08. November 2017 / Kommentare (0)
    Um Kunst geht es bei frohfroh fast nie. Obwohl es durchaus spannende, klangliche Überschneidungen gibt. Beispielsweise bei Diana Policarpo – sie beschäftigt sich in ihrer neuen Ausstellung mit einer hochspannenden, leider verkannten Komponistin, die in Leipzig geboren wurde.
    zum Seitenanfang scrollen