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Autor/-in

Antoinette Blume
„Denn Zuhause ist, wo Techno dich verschwinden lässt und die Toilette ein Brettchen bietet – zum Festhalten.“ Antoinette Blume schreibt nicht nur bei frohfroh über Technoliebe, Liebe und Techno, sondern auch bei mimiundkathe.com über Erlebnispornographie, sexy Times und Beziehungen. Liebesbriefe, Lob und Einladungskarten an: afterhour@frohfroh.de. Bild: David Szubotics

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Afterhour #9 Liebe, Techno, Leipzig – Falko

01. September 2017 / Kommentare (2)

In unserem letzten Talk Talk-Podcast hatten wir bereits mit dem Türsteher Erkan gesprochen. Nun traf Antoinette Blume für ihre Afterhour-Kolumne Falko, der neben dem Studium an der Clubtür arbeitet. Ja, du kommst rein. Einfach klicken.

Aus dem Club rausstolpern, ein schüchterner Blick Richtung Tür, nochmal leise „Tschühüüss“ rufen und zur Tram verschwinden. Müde sein, das Ich-habe-100-Zigaretten-zuviel-geraucht-Gefühl, einfach nur noch Zähne putzen wollen. Oder noch zwei Minuten nachdem das Licht im Club angeht (denn nur dann weißt du, ob du …) nicht recht wissen wohin – und zur Afterhour taumeln.

Die Nacht der Nächte gehen lassen. Oder nicht, wie auch immer. Gesehen wird man beim Raustreten und beim Eintreten von: Surprise, surprise! Den Türstehern und Türsteherinnen. Die Verwandlung von Raupe zu Schmetterling und wieder zurück innerhalb zwölfstündiger Tanzaerobic (in teilweise anaeroben Zonen) kann von eben diesen wunderbarst begleitend-beobachtet werden. Hach. Und worüber gab es in Leipzig mehr Rumore, Beschwerden, Gerüchte und Geschichten als über die Institutstür? Richtig, mir fällt auch nichts ein.

Steckbrief
Lieblingsclub?Institut fuer Zukunft
ZuhausemusikKlassik und Jazz
Liest gerade …?„Der patagonische Hase“ von Claude Lanzmann

Türsteher, Clubconcierge, Selektor
Falko. Ich würde sagen, einige der Nachteulen (lol, liebe dieses Wort) Leipzigs kennen ihn. Der Mann an der Tür, der gerne auf dem Barhocker im Eingangsbereich sitzt und ab und zu bei Streifgängen durch die Flure und Gänge des Instituts für Zukunft herum- und herüberschwirrt.

Wieder einmal bin ich ganz von den Socken (liebe diesen Ausdruck, Part II), wie nett Falko ist – ich habe ihn mir „ganz anders vorgestellt“, bevor wir zwei-drei Sätze tauschten. Autoritär, vielleicht einen Zacken unnahbar, wie so ein Türsteher eben meistens in unseren Köpfen anmutet. Aber hey, gar nicht.

Falko ist seit 15 (fünfzehn!) Jahren Türsteher. Und versteht sich selbst viel eher als Clubconcierge, um dem üblichen Türsteher-Image zu entgehen. Nicht nur im IfZ, sondern auch auf dem Think!-, Splash!-, Melt- oder Endless Summer-Festival und im Werk 2 steht Falko an der Tür bzw. am Einlass-Point.

Die typischste aller typischen Fragen, die man einem Türsteher eben so beim ersten Treffen stellt: Ob er an den Orten selbst gerne feiert, oder gerne feiern würde? „Ich bin gar nicht so der Feiertyp …“, überlegt Falko. Er würde zwar manchmal gerne auch freizeitlich ins IfZ oder in einer Bar socializen – nur fehlt ihm die Zeit. Unter der Woche studiert er Kulturwissenschaft an der Universität Leipzig, ist gerade mit seiner kulturgeschichtlichen Bachelor-Arbeit über das Thema „Antisemitismus in der Massenkultur“ beschäftigt und steht am Wochenende an der Tür. Auch gerne mal Doppelschichten – hm. „Ich arbeite eben genau dann, wenn andere feiern“ – ja, tadellos, zum Glück. Sonst könnten wir wohl nicht so feiern, wie wir es tun. Stichwort Selektor.

Nein = Nein
In 15 Jahren als Türsteher, was lernt man da so? Was bleibt als Message? Das Unverständnis für das Verhalten von Menschen, in den verschiedensten Abstufungen. Zum Beispiel: Leute, die mit 50 oder 100 Euro Scheinen Einlass verlangen, kleine Bestechung und dann läuft es? Errrm, nein. Nein heißt nein, auch oder besonders an der Tür. „Ohne Auswahl ist das Projekt sinnlos“, sagt Falko. Die Kuration einer Veranstaltung im Institut fuer Zukunft beginnt am Veranstaltungsabend für die Gäste an der Tür. Und entscheidet damit für den einen oder anderen Gast, ob er_sie, auf welche Weise auch immer – tanzend, stehend, kurz, lang, ausufernd, einufernd – teilnehmen wird oder nicht.

Wie in der Schule
Was für mich komplett neu war und was ich das letzte Jahr wohl falsch verstanden habe: Wenn mich der Türsteher oder die Türsteherin fragt, welche Veranstaltung denn ist, dachte ich bisher: Die fragen dich ab, es ist ein Test, wie in der Schule. Gut auswendig lernen, toitoitoi! Völlig falsch. So soll nur ein kurzes Gespräch initiiert werden, um abzuchecken, ob die Party zu den Menschen passt oder umgekehrt. Kein Abfragen, sondern kurzes Kennenlernen. Auswählen, aber auf nette Art und Weise. Der Hocker am Einlass soll ebenfalls nicht als bedrohlicher Thron, sondern als Instrument dienen, auf Augenhöhe mit den Gästen zu kommunizieren.

Wieder was dazugelernt!

Zum Schluss-Schluss noch schnell ein Fazit, bisschen unvermittelt, aber okay, ich möcht‘ es euch erzählen:

„Ich kann mir keinen anderen Nebenjob vorstellen“ (Falko).

Find ich schön.

PS: Ich darf noch etwas ankündigen. Wer gerne sexpositive Texte liest, sie sich noch viel lieber von mir vorlesen lässt, bzw. lassen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte; vielleicht auch schon mitbekommen hat, dass ich zu diesen Themen schon manches Textlein geschrieben habe; wer es zur letzten No Show-Party nicht geschafft hat oder zu jeder No Show pilgert, der ist herzlichst dazu aufgefordert und eingeladen, am 30. September eine kurze Tanzpause einzulegen und im Trakt III auf eine klitzekleine Lesung zu den Themen Gangbang, Mädchenliebe und Pornos reinzuschauen.
Bin dann mal afk. Man sieht sich.

Foto (as always) von Henry W. Laurisch und Artwork (natürlich) von Manuel Schmieder.

CommentComment

  • Jens / 28. September 2017 / um 08:59
    Hi Leonie, um 4 Uhr, meint Antoinette.
  • Leonie S. / 27. September 2017 / um 23:30
    Wann genau findet denn die Lesung statt?

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