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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Two Play To Play – 2. Probe – März 2018

19. März 2018 / Kommentare (0)

Am vergangenen Mittwoch traf der GewandhausChor mit seinem Leiter Gregor Meyer zum zweiten Mal auf Martin Kohlstedt. Dieses Mal vermischten sich erstmals die Chorstimmen mit der Elektronik. Hier unser Nachbericht.

Sieben Wochen liegt sie zurück, die erste öffentliche Probe des „Two Play To Play“-Debüts mit Martin Kohlstedt und dem GewandhausChor. Und zwischendurch gab es auch kein weiteres, nicht-öffentliches Treffen, wie Chorleiter Gregor Meyer zu Beginn der zweiten Probe betont.

Wieder drängen sich drei Dutzend Besucher mit etwa ähnlich vielen Chorsängern/innen in den Chorprobensaal des Gewandhauses. Hier ist nichts von der feierlichen Staffage der Buchmesseneröffnung zu sehen, die am selben Abend im Gewandhaus stattfindet.

Dafür: noch weniger Platz als bei der ersten „Two Play To Play“-Probe. Martin Kohlstedt hat neben seinem Klavier eine Reihe an Synthesizern um sich herum aufgebaut – welche genau, erfahrt ihr hier. Nachdem er in der ersten Probe von der ebenso entertainenden wie fordernden und dominanten Wucht von Gregor Meyer etwas verschüchtert in den Hinterhalt geriet, könnte man meinen, Kohlstedt möchte den Schutzwall erhöhen, seinen musikalischen Rückhalt stärken.

Allein die offensive Präsenz der Geräte in dem kleinen Saal und der raumgreifende Klang, den bereits wenige Tastenschläge erzeugen, legt die Vermutung nahe. Doch es ist der logische nächste Schritt, seitdem er bei seinem dritten Album „Strom“ das Klavier um Elektronik ergänzt.Bei „Two Play To Play“ wird sie offensichtlich auch ihren Raum bekommen: Erste Ambient-Phasen klingen im Laufe der zweiten Probe an, kurz setzt auch ein hektischer Beat ein, HiHats zischen. Dazu loopt Kohlstedt den Chor, der daraufhin selbst wieder einsetzt. „Es muss nicht genau auf den Loop passen. Hauptsache die Energie stimmt“, vermittelt Gregor Meyer.

Für den Chor ist dieses Projekt sichtlich fordernd. Aber offensichtlich nicht überfordernd. Wenn eine Passage Meyers Empfinden nach noch „zu sehr nach Kopf“ klingt, treffen die Sängerinnen und Sänger im nächsten, spätestens übernächsten Versuch den Nerv des Chorleiters.

Was er verlangt? „Namenslaub“ etwa, ein flackerndes Flüstern der eigenen Namen und der benachbarten Chormitglieder. Oder super schnelle Tonwechsel und Stufengesänge. Zwischendurch ein Beatboxing-Part. Dann wieder leise Verwebungen der verschiedenen Stimmen aus denen sich später Windpfeifen herausschält. Die stillen, sich überlagernden Stimmenflächen – oft nur wenige Buchstaben intonierend – sind besonders einnehmend und vermengen sich bislang am nahtlosesten mit den Klängen von Martin Kohlstedt.

Dann unterbricht Meyer und meint zu Kohlstedt:

„Hier spielst du etwas anders, als ich mir das notiert habe.“

Für den Chor bedeutet dies: „Ihr müsst spontan sein und reagieren, wenn Martin an einer Stelle abkürzt.“ Es ginge hier ständig um die Verhandlung von Fixierung und Freiheit, schiebt Meyer einen Subtext in Richtung des Publikums ein.Und genau diese Verhandlung ist in der zweiten Probe deutlicher mitzuerleben. Immer wieder haken Chormitglieder ein, haben Anmerkungen. Zwischendurch gibt es Absprachen zwischen Meyer und Kohlstedt bzw. dessen Tontechniker – the one and only Mario Weise aka DJ Marlow btw. Die zweite Probe ist weniger Entertainment, Gregor Meyer führt nach wie vor, wirkt aber dieses Mal weniger zentral. Das tut der Probe gut.

Nach anderthalb Stunden fällt es noch immer schwer, sich aus den vielen, lose wirkenden Versatzstücken der Probe ein stimmiges Werk vorzustellen. Zu sehr rast Meyer durch die Stationen, wie die einzelnen Stücke des finalen Werks genannt werden. Ein zwei Versuche lässt er zu. Sobald es sitzt, geht es weiter.

Nur in Andeutungen ist zu erahnen, welche Power von Martin Kohlstedt zu erwarten ist. Etwa, wenn Meyer eine geprobte Sequenz mit „Da tobst du dich dann aus und vernichtest uns“ beendet oder wenn sich aus Chor und Elektronik erste trippige Soundwellen formen.

Noch knapp drei Monate sind Zeit bis zur Uraufführung – und es bleibt spannend. Am 11. April geht es weiter mit der dritten öffentlichen Probe von „Two Play To Play“.

Fotos von Markus Postrach und Christian Rothe

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