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Style Wild
Style Wild ist ein Kollektiv aus Tänzer*innen, DJs und Veranstalter*innen. Zweimal im Jahr findet Style Wild in Leipzig statt und bildet urbanen Tanz ab. Für 'Put On Your Dancing Shoes' tauschen sie den Tanzboden gegen die Tastatur unter Mithilfe verschiedener lokaler Tänzer*innen und Musikschaffender. Mehr Infos unter www.stylewildbattle.de

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Put On Your Dancing Shoes – Teil III: Locking – Feel the Funk!

08. April 2019 / Kommentare (0)

Für gewöhnlich lassen sich Türen abschließen, manche lassen sich gar recht gut und massiv verriegeln. Um Türen soll es heute allerdings nicht gehen, sondern um Locking – und was Verriegeln denn im Tanz zu suchen hat.

Locking aka Campbellocking ist eng mit Soul und Funk verbunden und hat eben genau da auch seine Ursprünge. Also werfen wir einen etwas genaueren Blick zurück in die Geschichte, denn Locking ist 2019 zwar noch lebendig, allerdings droht der Tanzstil immer wieder in Vergessenheit zu geraten.

Und vor allem weil kaum ein urbaner Tanz so sehr mit ‚Social Dance‘, ein Begriff der uns innerhalb der Reihe schon mehrmals untergekommen ist und immer wieder begleiten wird, verbunden ist wie eben Locking.

Die Wurzeln und das Movement von Locking liegen tief in der Social Party Scene, welche Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ihren Höhepunkt hatte. Viele missverstehen den Begriff und nennen es Soul-Dance, doch die anfängliche Gründung sollte sozial sein und war nicht als Performance oder Wettbewerb ausgelegt.

Der innige Wunsch nach mehr Gemeinschaft und Zusammenhalt wurde durch Tanz und Musik ausgedrückt, denn auf diese Weise konnten gesellschaftliche, alltägliche und persönliche Geschichten weitergetragen werden. Künstler wie Marvin Gaye, James Brown, Curtis Mayfield und Issac Hayes offenbarten dieses Sozialbewusstsein und drückten die Gedanken und Gefühle der Menschen mit ihren Songs aus.

Dabei waren die Tänze und ihre Musik inspiriert von den Themen der 1960er Jahre und der Bürgerrechtsbewegung, die in den Vereinigten Staaten vor allem eine antirassistische, soziale Bewegung war und sich für eine Gleichberechtigung und Durchsetzung der Bürgerrechte Afroamerikaner einsetzte.

Den Durchbruch erlebte der Social Dance mit der US-amerikanischen Fernsehsendung „Soul Train“, die ab 1971 landesweit einmal wöchentlich am Spätnachmittag gesendet wurde. In der Show präsentierte man auf einer kleinen Bühne Funkbands, Rhythm & Blues, Soul und später auch Hip-Hop-Musiker, welche von diversen TänzerInnen umgeben waren.

Soul Train

wurde zum Portal und enthüllte der Welt seine Kreativität. Die afroamerikanische Jugend zeigte sich stolz mit ihren großen Afro-Frisuren und farbenfroher Kleidung. Das wichtigste Element waren jedoch die Line-Dancer, die gemeinsam eine Gasse bildeten durch die man wie auf einem Laufsteg hindurch tanzen musste. Teilnehmen konnte jede*r und am Ende gewann das Team, welches die beste Performance darbieten konnte.

Dieses Tanzformat hat zur Identität sowie Beliebtheit der Show beitrugen und wurde Mittelpunkt der Sendung. Soul Train ist dazu die erste amerikanische Show, die hauptsächlich ein schwarzes Publikum ansprach, da in den 1960er Jahren Afroamerikaner in den Medien nur sehr selten präsent waren. Somit erfüllte sie auch die Ziele der Bürgerrechtsbewegung und erfreute sich einer besonders großen Popularität.

Die Sendung löste einen regelrechten Hype aus und wurde mit über 1100 Episoden zu einer der erfolgreichsten Shows im Land, welche bis 2006 produziert wurde.

Durch die Fernsehsendung wurden nicht nur viele TänzerInnen sondern auch ihre Tänze sehr populär. Rufes Thomas beispielsweise produzierte Songs wie „Breakdown“ oder „Funky Chicken“ und gab Tanzschritten wie „The Funky Chicken“ sozusagen ein musikalisches Gewand.

Diese und viele weitere Schritte wurden ursprünglich einfach als Partytänze bezeichnet und waren dementsprechend häufig bei Soul Train zu sehen. Der „Lock“ selbst wurde von Don Campbell entwickelt, als er einige Party-Tänze wie bspw. „The Robot Shuffle“ oder „The Funky Chicken“ tanzte und seinen eigenen Flair mit einbaute, in dem er einfach nach einer Bewegung eingefroren ist. Dieser Stil wurde als „Lock“ bezeichnet.

So hat sich Locking oder Campbellocking zu einer Tanzkunstform mit improvisierten Bewegungen, welche alle groß und teilweise übertrieben dargestellt werden, entwickelt. Typische Locking-Bewegungskombinationen tragen oft Namen aus dem Cartoonbereich wie zum Beispiel „Scooby Doo oder „Skeeter Rabbit“, da die Inspiration einiger TänzerInnen unter anderem aus den Zeichentrickfilmen kam und man versuchte diese typischen und witzigen Bewegungen nach zu ahmen.

Nach dem man den Tanz im Nationalen Fernsehen sah, löste er ein Tanzphänomen aus, das sich von der Innenstadt von Los Angeles über das ganze Land ausbreitete und Nachahmer fand. Die Original Locker´s, bildeten rund um Don Campbell eine der ersten Tanzformationen und erarbeiteten mit dem neuen Tanzstil ganze Shows mit denen sie auf großen Bühnen auftraten.

Sie waren maßgeblich dafür verantwortlich, das Locking sich soweit verbreitet hat und eine der fundamentalen Grundlagen der urbanen kulturellen Bewegung geworden ist.

Es gibt verschiedene historische Berichte über die Entstehung von Locking aber auf hier findet man eine Zusammenstellung der historischen Ereignisse, auf der die Informationen von Augenzeugen, Mitwirkenden und Originalschöpfern erster Hand weitergegeben werden.

Wenn man sich heute in der urbanen Tanz-Szene umschaut, könnte man meinen, dass Locking eher eine Randbewegung ist und nur noch sehr wenig verbreitet ist. Während die meisten Tänzer*innen in den 80er Jahren noch Breakdance, Popping und Locking zusammen tanzten und man die Stile nicht so sehr voneinander getrennt hat, findet man heute eine deutliche Separierung der Tanzformen.

Das hat sicher viele Gründe aber der wichtigste ist wohl die Weiterentwicklung der Musik und Spezialisierung verschiedener Musik-Genre. Interessant ist jedoch, warum es heute so wenig Locking-Tänzer*innen gibt, während man doch die Breaking und Popping-Tänzer*innen kaum noch zählen kann.

Warum das so ist, wollte Daniel von der Leipziger Klein Paris Crew 2017 etwas genauer wissen:

„Auf meiner fünfmonatigen Reise durch Europa habe ich versucht 2017 dieser Frage auf den Grund zu gehen und mich mit den wenigen Locking Tänzer*innen getroffen, die ich damals ausfindig machen konnte. Dies hat im Vorfeld eine umfassende Recherche in den sozialen Medien gebraucht und viele Besuche bei diversen Events, um die nötigen Kontakte zu knüpfen.

Nachdem also mein geliebter VW T4, mein Kumpel Ken und ich viele 1000 km zurückgelegt haben, konnte ich einige interessante Entdeckungen über die seltene und etwas schüchterne Spezies der Locking-Tänzer*innen machen.

Richtig ist, das Locking nur noch von sehr wenigen Tänzer*innen aktiv getanzt wird. Viele kennen Locking und können einige Basics, aber nur sehr wenige haben ihren Fokus auf diesen Tanzstil gelegt und sich fundiertes Wissen angeeignet.

Jedoch findet man in den meisten größeren Städten ein bis zwei Locking- Tänzer*innen, die mehr oder weniger aktiv trainieren und versuchen ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.

Ein großer Kritikpunkt über den sich alle einig sind, ist der gefühlte Stillstand der Funk-Musik. Gehen wir heute auf eine Funk-Party hören wir immer noch die gleiche Musik wie vor 40 Jahren, mit wenigen ausnahmen vielleicht. Das heißt während die DJs für Breaking und Hip Hop – Tänzer*innen immer wieder neue Musik suchen und präsentieren, welche auf den Markt strömt, tanzt man bei Funk immer noch zu den gleichen Songs.

Somit ist der Kreislauf: Musiker*in – DJ – Tänzer*in unterbrochen, denn moderne Funkbands oder vom Funk inspirierte Musik gibt es, nur hört man diese zu wenig in Clubs, weil zu wenige DJs nach neuer Musik aus diesem Genre Ausschau halten.

Und ähnlich wie in den Clubs, so bieten auch nur sehr wenige Battles die Kategorie Locking an. Dabei sind Battles mittlerweile fast die einzigen Möglichkeiten für Tänzer*innen zusammenzukommen und sich auszutauschen.

Außerdem gibt es einen großen Generationskonflikt zwischen den Pionieren der ersten Locking Ära und der neuen Generation, welche versucht das Movement von Locking weiter zu entwickeln.

Oldschooler beharren darauf, dass Locking genau so auszusehen hat wie Don Cambell es erfunden hat, was der Weiterentwicklung Grenzen setzt und man sich in einer kleinen Box bewegt.

Voraussetzung für die Weiterentwicklung ist natürlich, dass man sich intensiv mit dem Tanz, den Grundlagen und der Herkunft beschäftigt hat, um nicht nur die Bewegungen nachzuahmen; darüber sind sich alle einig.
Trotzdem erfreut sich Locking heute immer noch einer großen Beliebtheit und ist oft eines der Highlights bei Tanz-Veranstaltungen.

Die Power des Funk und der Spirit des Tanzes

sind definitiv nicht verloren gegangen und die Essenz des Social Dance steht immer noch bei den meisten Vertreter*innen im Vordergrund.

In den letzten Jahren ist das Interesse an diesem Stil wieder deutlich gestiegen und es finden sich immer mehr Tänzer*innen, welche diese in den Hintergrund geratene Form des Ausdrucks erlernen wollen und an Dritte weitergeben.“

Scheint also nicht so ganz einfach mit dem Verriegeln im Jahre 2019. Hat man aber den Vibe und den Funk einmal live gespürt, wird man die positive Energie, welche diese Tanzform umgibt, nicht mehr so schnell los.

Also lasst euch gerne von Daniels Playlist anstecken!

Foto von Enrico Müller.

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