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Antoinette Blume
Sekt oder Selters, Ambient oder Techno, Leipzig oder Berlin, lieber Lesen oder Schreiben - kein Entweder-oder, sondern alles, gleichzeitig und umgekehrt-nacheinander. Unter www.antoinetteblume.de erfahrt ihr an welchen Orten unsere Autorin liest, ausstellt oder was sie wo installiert. Foto: Flory Gruendig

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1 Jahr Mjut: „Mit dem Rücken zur Wand kannst du nur nach vorne schauen.“

09. Mai 2019 / Kommentare (1)

Letztes Jahr traf ich die Macher*innen des Clubs noch auf einer Baustelle, die einmal der Außenbereich des Clubs werden sollte. Eine Couch wurde nach draußen getragen, der Boden war erdig, aufgerissen und staubig. Heute, ein Jahr später, ist genau dieser Platz mit Sand aufgefüllt. Sitzgelegenheiten, mehrere Container und eine Frittenbude umrahmen den Spot. 

Zum Interview kommen Adem und Marcus. Adem ist in der Produktion und im Booking tätig. „Und du bist der Besitzer hier, richtig?“, frage ich Marcus, worauf er grinst: „Es gibt keinen Besitzer bei uns. Ich bin einer der Geschäftsführenden, ja.“ Neben dem Mjut ist er Co-Founder der Anlagenfirma Ultraschall. 

Dieses Mal setzen wir uns in den Backstage. Ein alter Kronleuchter hängt über uns, zwei Kühlschränke brummen und an den Wänden kleben Plakate vergangener Veranstaltungen. Schön hier, finde ich. Adem und Marcus sitzen mir gegenüber und sind bereit, zu erzählen – von den Schwierigkeiten des ersten Clubjahres, von personeller Umstrukturierung und ihren Plänen für die kommende Saison. 

„Ganz nett“

Der Geburtstag zum ersten Jubiläum des Clubs wurde gut beworben, fettes Line-Up, Afrodeutsche als Head-Linerin, diverse, gute Acts zierten den Time-Table. Erneut ein Line-Up nur mit FLINT* DJs und Performenden. Aber in Erinnerung ist den meisten wohl die Meldung, das kurz vor der Feier im Mjut eingebrochen wurde. 

Türen wurden aufgebrochen, ein paar tausend Euro erbeutet. „Letztes Jahr hatten wir ein Loch im Dach, dieses Jahr hatten wir ein Loch im Safe“, resümiert Marcus den drastischen Vorboten zum 1. Geburtstag. Hoffnung, dass der Fall geklärt werde, habe er nicht. Adem und Marcus konnten den Geburtstag daher weniger genießen – zumindest nicht so, wie es wohl gewesen wäre, ohne Loch im Safe. Auf die Frage, wie denn die Party gewesen sei, antwortet Adem etwas verhalten: „Es war… ganz nett.“

Marcus erzählt, er habe gerade kürzlich das alte Interview des IfZ zu deren erstem Jahr bei frohfroh gelesen. Mit den Betreibenden des Clubs unter dem Kohlrabizirkus ist er regelmäßig im Austausch. „Uns geht’s genauso wie denen damals – das erste Jahr ist einfach schwierig“, sagt er. 

Zwar fühle es sich natürlich auch schön an, aber vor allem ernüchternd: „Die Realität trifft auf die verklärte Vorstellung dessen, was wir uns anfangs gedacht haben“, meinen die beiden und setzen nach: „Deshalb hieß unser Geburtstag auch Re:Start. Wahrscheinlich werden wir jedes Jahr wieder einen Neustart feiern.“

Die bisherige Zeit im Mjut war also voller Höhen und Tiefen. „Wir hatten Nächte, die waren musikalisch der Wahnsinn, aber finanziell eine Katastrophe – und umgekehrt. Wir haben viele Fehler während des ersten Jahres gemacht. Unsere Wahrnehmung, was die Stadt braucht und unsere Vorstellung, was wir dabei geben wollen und können, das muss mit der Realität nicht übermäßig viel zu tun haben“, meint Marcus und isst ein paar Pommes vom hauseigenen Stand.

An der Strukturfindung während der schnellen Bauphase habe es am meisten gehapert, sagen die beiden. Das wollen sie jetzt angehen beziehungsweise sie sind dabei – welche Struktur in welchem Team sinnvoll ist, wird neu erarbeitet.

Einige der Menschen, die den Club anfänglich mit aufgebaut haben, verließen das Projekt. Anfangs waren es noch um die 80 Menschen, jetzt sind 60 im Mjut aktiv. „Das Team erholt sich langsam wieder. Es kommen und gehen eben immer wieder Leute. Im Kern sind wir jetzt weniger, aber wir halten zusammen und schauen nach vorne“. Gutes Stichwort. Der Szene-Gossip ließ die letzten Wochen vermuten, das Mjut stünde mit dem Rücken zur Wand. 

Dazu wollen sie Stellung nehmen: 

„Na ja, wenn man solchen Gerüchten glauben würde, dann hätte die Tille schon sieben Mal zugemacht und das So&So schon drei Mal wieder auf. Und ja, uns geht’s nach dem ersten Clubjahr finanziell nicht gut – wer hätte es gedacht. Aber wer mit dem Rücken zur Wand steht, der kann nur nach vorne schauen. Wir machen weiter. Man könnte auch sagen, wir fangen gerade erst an.“

„Es wird gerade alles viel klarer. Wir treffen uns schon von Beginn an regelmäßig im Plenum und planen dort unter anderem die nächsten Veranstaltungen. Die Herrensauna kommt zum Beispiel demnächst zu uns – wir richten uns neu aus und sind dabei, den Club wieder nach vorne zu arbeiten“, ergänzt Adem. 

Was das Booking angeht, komme man in Leipzig um Massenkompatibilität nicht herum, das habe sich deutlich gezeigt. „Wir müssen die Einstiegsbarriere niedriger setzen, damit Menschen angezogen werden – damit sie sich aktiver mit der Musik, die hier gespielt wird, auseinandersetzen können und wollen“, beschreibt Marcus die Situation. Neben Eigenproduktionen wie zum Beispiel der Reihe Futuro Grande oder den Residents-Partys wollen sie verstärkt Kollektive und Veranstaltungscrews in den Club holen. 

Leipzig = überdimensionales Dorf?

Das Publikum für experimentelle, eklektische Musik müsse in Leipzig noch wachsen. Das geht nicht von heute auf morgen. Sie würden jeden Tag dazulernen, wie sie ein breiteres Publikum erreichen können:

„Leipzig ist schon eher ein überdimensionales Dorf. Wir spielen mit den anderen Clubs im gleichen Sandkasten – und den wollen wir nicht aufteilen, sondern erweitern.“

Adem und Marcus sind, trotz all der Probleme, trotz des Einbruchs und dem Kommen und Gehen von Mitwirkenden, zuversichtlich, was die Zukunft des Mjuts angeht: „Wir schwimmen – aber mit dem Kopf über Wasser.“ Zwischen den Tiefphasen gab und gibt es auch immer ‚high times‘. An denen merken die Clubbetreiber*innen dann wieder, dass sich der Club gut entwickelt. So fällt das vorläufige Fazit aus.

Zum Abschluss formulieren die beiden noch ihre Wünsche für das zweite Jahr. Einmal, dass sich die Menschen wieder mehr mit dem Musikangebot beschäftigen. Und mehr Ruhe im Clubgeschäft – der ständige Rush setze ihnen schon sehr zu. 

Nach dem Gespräch gehen wir wieder raus in den Hof, der sich jetzt wie eine gut besuchte Strandbar anfühlt. Wasser sprudelt aus einer Tonne, vor der Bar hat sich eine Schlange gebildet. Eike, der zweite Teil von Ultraschall, salzt Pommes hinter der Theke, eine DJ sucht nach der nächsten Platte in ihrem Koffer.

Bald geht es wieder los mit dem Tagesgeschäft. Jetzt setzen sich die beiden noch kurz auf eine Holzbank in die Sonne und verschnaufen. 

CommentComment

  • Neele / 09. Mai 2019 / um 20:16
    Also den Club der im ersten Jahr ein fettes plus einfährt, sofort etabliert ist und keine strukturellen oder sonstigen Probleme hat und bei dem Vorstellungen nicht mit der Realität clashes, möchte ich erstmal gezeigt bekommen :)

    Haltet durch und findet euren weg!

    Lg Neele

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