Deef-Freunde-Kolonie

Digitaler Sommer

Autor: Jens / Datum: 24. August 2010
24DiAugust

Der Sommer ist toll. Aber nicht vor dem Computer. Daher war es hier über die letzten Wochen auch etwas stiller als sonst. Es gilt einiges aufzuholen, was zuletzt in dieser Stadt passierte. Los geht es mit einem digitalen Überblick.

Eigentlich komisch, dass es in meinem Kopf noch immer die Kategorisierung nach Formaten gibt. Aber irgendwie ist es auch reizvoll drei musikalisch völlig verschiedene Veröffentlichungen aus genau diesem Grund gemeinsam in den Fokus zu rücken.

Immerhin gibt es auch genügend Labels und Künstler die sich vom Dogma des physischen Tonträgers nicht beeindrucken lassen – oder das Digitale zumindest als eine eigenständige Form der Verbreitung zu nutzen wissen. Darin zumindest sind sich Analogsoul und Instabil einig – beide Net- bzw. Digital-Labels veröffentlichen ausschließlich digital, in deren weiteren Rahmen gibt es aber auch CDs und Vinyl-Platten.

Analogsoul nutzt seinen digitalen Ableger für Newcomer. Und da sind in letzter Zeit auch einige sehr viel versprechende ans Tageslicht gekommen. Ich denke nur an Anda oder Rio Blanco. Deef + Freunde könnten sich da einreihen. Die EP ”Kolonie“ hat viele verwunschen klingende Momente – einiges erinnert mich sogar an den tollen Marsen Jules der unheimlich elegische, im besten Sinne langatmige Ambient-Stücke produziert.

Bei Deef und seinen drei Freunden kommen neben der verhallt mäandernden Elektronik noch mehrere Gitarren dazu. Der Sound hat etwas wunderbar naturalistisches, als ob jemand mit einem Segelflieger über den Wald fliegt und die verschiedenen Düfte aufnimmt um sie in Töne umzuwandeln. Nur einen Aussetzer gibt es: Das letzte Stück der Trilogie ”Utopische Angelegenheiten“. Da ist mir die Mischung aus Laptop-Reggae, 8bit-Niedlichkeit und Ambient zu plump und nicht stimmig genug. Auf dem Analogsoul-Blog gibt es übrigens ein Interview mit Deef zu lesen.

P-Laoss-Dub-ShadesBei Instabil geht es mit deepen Dub-Techno weiter. Von P.Laoss höre ich das erste Mal, obwohl er im digitalen Dub Techno-Bereich schon einige Veröffentlichungen aufweisen kann. Was auffällt an den beiden Stücken des Schweriners sind die Aufgeräumtheit und die geschliffenen Sounds – bei ”Dub Shades“ wird dies noch deutlicher als bei ”Kiwi Fruits“, der etwas rougher ist.

Das Problem an solchen Stücken ist aber generell, dass sie in ihrer Deepness viel Raum auftun. Sie rauschen aber auch sehr haltlos vorbei. Das ist Musik für den Moment, nichts was man lange mit sich nimmt. Vielleicht macht gerade das Dub Techno auch aus. Im Martin Schulte-Remix wird ”Dub Shades“ dann noch stärker auf House-Kurs gebracht. Das tut dem Stück sogar erstaunlich gut.

Falk-America-EPDer Übergang von Instabil zu Falk, einem Leipziger Producer ist leicht. Denn demnächst erscheint eine EP von ihm dort und auch ein Track auf der nächsten Ausgabe der ”File Under Dub“-Compilation-Reihe. Seit sieben Jahren produziert Falk Golz, doch erst jetzt dringt einiges von seiner Festplatte nach außen. 2010 könnte ein gutes Jahr für ihn werden, immerhin stehen fünf digitale EPs an.

Anfang August erschien bei dem Berliner Netlabel Electrolyt seine ”America EP“. Vom Sound her ist die sehr im Electro verwurzelt. Dicke und verspielte Synthie-Basslines, digitaler Funk – mit sehr eingängigen Stücken präsentiert sich Falk auf dieser EP. Besonders ”Urban Chaos“ will ein kleiner Hit werden.

Das bringt viel Hörfreude und könnte teilweise auch gut zu Mikrodisko passen, wenn es vom Sound noch einen Tick rougher wäre. Wobei zu vermuten ist, dass sich Falk nicht nur auf einen Sound festgelegt hat – auf Instabil würde die ”America EP“ nämlich kaum passen. Auf jeden Fall mag ich davon noch mehr hören.

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  1. deef | 25. August 2010 | um 18:18

    danke für die kritik jens!
    es wurde nun zum zweiten mal der letzte track auf der ep kritisiert.
    Um diesen genießen zu können biete ich darum folgendes an:
    Es ist ein kleiner Moment der Transzendierung, augenzwinkernd um den Kitsch wissend verweist es auf die melancholische Ernsthaftigkeit des zuvor gehörten „hippster electrofolks“ und löst damit dieses sich-selbst-zu-ernst-nehmen auf, womit es gleichzeitig den rest auf die reflexive Stufe mithebt, indem es seine computerwurzeln offen und ehrlich freilegt, die Ernsthaftigkeit als noch größeren Kitsch entlarvt und letztendlich den Kitsch als den eigentlichen Kitsch markiert; diesen damit gänzlich abschafft
    und das hören, sehen und fühlen inklusive der globalen erwärmung schlussendlich vollkommen besiegt.
    (jegliche hochgestochenheit ist nicht beabsichtigt!!)

    deef

  2. Jens | 26. August 2010 | um 08:28

    Hey Deef,

    was für ein Statement. Klingt nachvollziehbar was du da schreibst. Dein konzeptioneller Gedanke hinter dem Stück lässt aber auch genau die Ernsthaftigkeit erahnen, die du ja eigentlich persiflieren möchtest. Ein schmaler Grat. Auch wenn jegliche Hochgestochenheit nicht beabsichtigt sei.
    Jens