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Christoph
Christoph mag es, wenn es breakig und verspielt klingt. Nicht zu gerade. Als Kid Kozmoe legt er auch auf. Und heimlich produziert er eigene Tracks. Aber pssst.

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Sehnsuchtsmedium Vinyl – Robyrt Hecht von Yuyay Records im Interview

12. Januar 2016 / Kommentare (0)

Mit der achten Veröffentlichung forscht Yuyay Records nun auf Vinyl. Robyrt Hecht erklärt die Label-Mythologie im Interview.

Sechs Tracks von Sophus Y. Lie ‎gibt es hier zu hören, die wieder sehr in der verspielteren Seite der elektronischen Musik verankert sind. Vielleicht ist es dem Medium geschuldet, dass die Stücke diesmal fokussierter daher kommen und somit auch im Club prima einsetzbar sind. Wobei der Einsatz gut gewählt sein will: Die gesamte EP strahlt eine Wärme aus, die sämtliche winterliche Kälte sofort vergessen lässt und auch einen Gegenpol zu den meisten unterkühlten Electro-Platten bildet.

Wer genau aufpasst, hat bestimmt schon festgestellt, dass sich hinter den mysteriösen Namen neben befreundeten Musikern meist Robyrt Hecht selbst versteckt. Die sechs Stücke auf „Endomorphism“ stammen ebenfalls von ihm und zeigen eindrucksvoll sein Gespür für sehnsuchtsvolle, Detroit-inspirierte Harmonien und Sounds.

Woher die Inspiration für all das stammt, erzählt Robyrt Hecht im Interview. Nebenbei könnt ihr bei Bandcamp reinhören.

Yuyay ist vielleicht das einzige Label in Leipzig, das eine eigene Mythologie zur Musik erfindet. Woher kommt die Inspiration dafür?

Die Idee wurde natürlich von Drexciyas umfassendem Werk geweckt. Jener Hybrid aus einzigartiger Musik und Sci-Fi Geschichten multiplizierte sich dort zu etwas unbeschreiblich Größerem. Dies mit eigenem Charakter aufzugreifen war die Initialzündung von Yuyay.

Da ich zu dem Zeitpunkt ein Auslandssemester in Argentinien im Zuge meines Mathematikstudiums bestritt, fanden die Gedankengänge schnell zu einer Mixtur aus lateinamerikanisch-indigenen Kulturen und der Mathematik. Deshalb verarbeiten bei Yuyay Mathematiker das naturwissenschaftliche Nachwerk des Yskay Stammes.

Welchen Einfluss hat die Mythologie auf die Musik?

Die Rohfassungen meiner Stücke entstehen zumeist mit Jam-Charakter ohne initiale Einbindung in das Gesamtwerk. Monate später werden ausgewählte Stücke dieser ersten Versionen wieder aufgearbeitet; diesmal jedoch bereits im Kontext. Somit ergibt sich ein Ausgleich zwischem weitem Experimentierfeld und engem Mythologie-Konstrukt. Es schwingt im zweiten Prozess daher immer der Gedanke um die Kohärenz von Stück und größerem Werk mit.

Bezüglich Titel aus anderer Hand, die auf Yuyay Einkehr finden, geschah die Mythologisierung bisher erst mit der Wahl der Titelfolge, der Aufmachung und dem Geschichtsabschnitt. Und es gilt natürlich stets: den Einfluss des Beiwerks zur Musik bestimmt der Konsument – je nachdem ob er nur hört oder auch anderweitig wahrnimmt.

Wie gestaltet sich die Beziehung zwischen der Mathematik und der Musik für dich? Fließen mathematische Überlegungen in die Musik ein oder trennst du die beiden Welten vielmehr?

In der vormodernen Mathematik wurde stets versucht, gewonnene reale Eindrücke in ein Modell zu übersetzen, um die Realität besser verstehen zu können. Je komplexer dieses mathematische Modell wurde, desto mehr Erkenntnisse konnten aus dem Modell selber abgeleitet werden. Erstaunlicherweise wurden auf diese Weise wiederum reale Ereignisse beschrieben; es kam zum Fortschritt. Das heißt, die Realität führte zur Theorie, welche wiederum die Wahrnehmung der Realität erweitern konnte.

Genau in diesem Komplex sehe ich meine Musik als Realität. Diese kann ich durch Mathematik nicht ändern, wohl aber versuchen, sie mit mathematischen Gedanken zu verknüpfen. Je nach Ausgereiftheit kann dann dies wiederum zu erweiteter musikalischer Wahrnehmung führen, die in irgendeiner Form wieder Einfluss auf die Musik nehmen muss. Denn Beobachtung beeinflusst Wirklichkeit, wie wir aus der Physik wissen.

Gibt es Pläne, die Mythologie auch über andere Medien zu erzählen? Wird es irgendwann eine Roman-Serie geben?

Dem Artwork und der Podcast-Serie SYGNAL – audiolandschaftlich erzählende DJ Mixe – werden ja bereits Textstücke beigegeben; einerseits im Charakter eines Geschichtsbuches, andereseits als Auszüge eines Expeditions-Logbuchs. Gemeinsam mit der grafischen Gestaltung sehe ich derzeit ausreichend Multimedia-Komponenten.

Das Vorbild Drexciya schaffte es nur mit Tracklisten und Vinyl-Etchings viel größere Welten aufzuspannen. Yuyay ist da noch auf dem Weg die Kunst der maximalen Minimalität zu erlernen. Im Video-Bereich kann ich mir allerdings eine zusätzliche Komponente vorstellen.

Bisher sind die fünfte und sechste Veröffentlichung die einzigen Gast-Beiträge auf dem Label. Wer steckt hinter den beiden EPs?

Dass die Künstlernamen um die verstorbenen Mathematiker gewählt wurden, hat natürlich die Intention, das Augenmerk auf das Werk und weniger auf die Personalien zu lenken. Verkrampfte Anonymität soll dennoch verhindert sein; hinter der YUY006 „Axiomatic System“ stehen in wechselnder Konstellation Norman Hecht, Stephan Glowatzky, Radarfilm und Jasper Eberhard, deren Tracks in ein-abendlichen Hardware-Jams entstehen.

Auf der YUY005 „Volatile Increments“ sind je ein Stück von Nachtzug (Norman Hecht + Stephan Glowatzky) beziehungsweise Initial Gain (Nachtzug + Telebot) vertreten. Allesamt Leidenschafts-Musiker, lebhaft im Berliner Sumpf. Nachtzug durften einige Leipziger zuletzt live auf dem Open Air „Clear Memory“ im Spätsommer erleben.Die achte Veröffentlichung erscheint auch auf Vinyl. Welchen Stellenwert hat das Medium für dich?

Wie man dem Artwork seit der ersten Veröffentlichung entnehmen kann, war es von Beginn an das Sehnsuchtsmedium. Die Verbundenheit zu Musik auf glänzendem Vinyl in rauer Pappe ist nicht mit der zu Materiallosem vergleichbar.

Als DJ fahre ich komplett mit Schallplatte; für Yuyay ist nun der erste Schritt mit der achten Veröffentlichung getan. Dabei geht es hier auch vermehrt um Wahrnehmung. Die Flut an Veröffentlichungen jeglicher Couleur bewegt viele Menschen verständlicherweise dazu ihre Aufmerksamkeit nur auf materialisierte Musik zu lenken. Vielleicht erreicht Yuyay nun auch einige von ihnen.

Das Vinyl-Mastering stammt von Alek Stark, der mit Fundamental Audio ebenfalls ein Liebhaber-Label betreibt. Wie kam es zu dieser Wahl?

Alek Stark verschreibt sich seit jeher dem aus Kraftwerk, Breakdance und Sci-Fi inspiriertem Electro. Da die YUY008 zwar diesen Electro aufgreift, jedoch einen weniger computerisiert kalten Klang anschlägt als üblich, fand ich es spannend, mit ihm einen Mastering-Engineer zu wählen, der die eher melancholisch warme Atmosphäre der Stücke etwas in den klassischen Electro einfügt.

Robyrt Hecht Soundcloud
Yuyay Records Website
Mehr zu Yuyay Records bei frohfroh

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