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Christoph & Jens
Manchmal widmen sich Christoph und Jens auch zusammen einem spannenden Thema. So wie hier.

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„Es ist gut zu zweit zu sein“ – Neonlight im Interview

13. Mai 2016 / Kommentare (1)

Neonlight gehören zu den bekanntesten Drum & Bass-Acts von Leipzig. Ihr erstes Album „My Galactic Tale“ ist Anlass für uns, sie persönlich zu treffen.

Zugegeben: Neonlight hatten bei frohfroh bisher keinen allzu guten Stand. Ihr präzise und effektiv aufgepumpter Drum & Bass-Sound war uns immer irgendwie zu viel. Und irgendwann fehlten die Worte und wir brachten unsere erste Open Review überhaupt: Andere sollten uns von den Qualitäten Neonlights überzeugen.

Übel genommen haben uns Jakob Thomser und Tobias Jakubczyk den skeptischen bis kritischen Ton scheinbar nie. Der Mail-Kontakt war immer offen und freundlich. Aber wir wollten mehr wissen über Neonlight und ihr erstes Album „My Galactic Tale“ war ein guter Anlass sie auf den Hof des Tapetenwerks zu einem Interview einzuladen.

„My Galactic Tale“ weist schon im Titel darauf hin, dass den Hörer ein imaginäres Science-Fiction-Epos erwartet. Science-Fiction ist im Drum & Bass natürlich eine häufig bemühte Inspirationsquelle. Gerade dystopische, paranoide Szenarien á la „Blade Runner“ schimmern da immer wieder durch.

Bei Neonlight hingegen begegnet uns aber vielmehr eine action-reiche, effektgeladene Blockbuster-Produktion in 3D-Optik. Passend dazu steigt das Album nach dem Intro mit den bombastischen Arrangements von „Neon City“ ein. Die größtenteils sehr funktionalen Beats lassen im weiteren Verlauf kaum Zeit zum Atemholen. Erst zum Ende hin brechen Neonlight das Drum & Bass-Korsett stärker auf, indem sie das Tempo auf dem „Shovel Groove“ halbieren oder mit „The Story of Sidus“ einen kleinen IDM-Ausflug wagen. Das Album endet mit dem arg poppigen Vocal-Track „Frontier“, der dann doch zuviel des Guten ist.

Ihr seid super bekannt, tourt durch die Welt, aber gefühlt wissen vor Ort nur wenige, wer ihr genau seid – wo kommt ihr subkulturell her? Seid ist ihr aus Leipzig?

J: Unser beider Wurzeln liegen im Vogtland – unsere Väter haben bereits zusammen in einer Band gespielt. Geboren bin ich aber in Dresden. Meine Oma lebt in dem Dorf, in dem Tobi aufgewachsen ist – Syrau. Die Drachenhöhle gibt es da, eine von Europas größten Tropfsteinhöhlen. Wir haben zusammen im Buddelkasten gespielt und kamen irgendwann auch dazu, Musik zu machen. Über viele Jahrzehnte hat sich das dahin entwickelt, wo wir heute sind. 2011 gab es noch einmal einen Punkt an dem wir uns konkret für Neonlight zum Brötchenverdienen entschieden haben. Ich habe in Leipzig Musik studiert, Tobi kam ein Jahr später auch zum Studieren nach. Hier hat sich das intensiviert und wir haben beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen – und es hat funktioniert.

T: Mein subkultureller Hintergrund war die „Dorfjugend“. Bis zu meinem 17. Lebensjahr habe ich fast nur Leichtathletik oder anderen Sport gemacht. Mein großes Ziel war damals Profi zu werden. Dann kam aber eine Verletzung dazwischen. Zu der Zeit war ich in Dresden. Jakob hatte damals schon elektronische Musik gehört – mit 12/13 hat er uns Blümchen, Dune, RMB und so etwas vorgespielt, während ich noch ein Metaler war. Ich fand das total nervig. In Dresden hatte er dann mit Kumpels aus dem Fat Fenders und der High Finesse Crew seine ersten Drum & Bass-Kontakte. Da war ich ab und zu mit auf deren Partys – Jakob und sein Bruder hatten schon ein paar Platten gekauft – 1998/99 ging das langsam los. Parallel hat er in Dresden und ich in Plauen kleine Partys veranstaltet. Aber wir haben nur punktuell, vielleicht dreimal im Jahr aufgelegt – für unsere Kumpels auf den eigenen Partys.

Auch schon zusammen oder jeder für sich?

T: Nein, wir haben uns immer hin und her gebucht. 2003 haben wir angefangen, ein wenig Musik zusammen zu machen. Da haben wir uns einmal im Vierteljahr an einem Wochenende getroffen. Meist bin ich nach Dresden gefahren, weil Jakob einen einigermaßen guten Computer hatte.

J: Dann hattest du aber irgendwann die vernünftigeren Monitorboxen und ich bin ich mit meinem Rechner unter dem Arm in der blauen Ikea-Tasche mit der Mitfahrgelegenheit zu dir nach Berlin gedüst. Da haben wir dann drei, vier oder fünf Tage nonstop und bis spät in die Nacht Musik gemacht.

T: Bis 2008 haben wir das so gemacht. Zwischenzeitlich war ich in Berlin und kam schließlich zum Studieren nach Leipzig. 2009 haben wir Neonlight richtig gegründet. Vorher hatten wir nur unsere eigenen DJ-Namen – ich war Nize5ive, Jakob hieß Pitch’n’Sulphur. Wir hatten vorher schon ein paar Releases zusammen, aber der Name war so lang und wurde oft falsch geschrieben, also haben wir uns für Neonlight entschieden. Ab da hat alles mehr Hand und Fuß bekommen. Erst hatten wir ein paar kleine Remixe, die dann bei größeren Namen in England landeten. Bei Optiv von Cause4Concern beispielsweise. Er war einer der ersten, der unser Zeug spielte – Ed Rush war später auch ein erstes Highlight.

Sind das auch eure musikalischen Helden?

T: Direkt für Drum & Bass auf jeden Fall. Meine ersten Platten war die „Virus 001“ und welche von Bad Company und J Majik. Auch Renegade Hardware, Metalheadz und Moving Shadow waren die Labels von denen ich mir ganz schnell ganz viel gekauft habe. Es sind immer noch meine Helden, lebende Legenden und es ist schon witzig, wenn man weiß, dass sie nun auch unsere Musik spielen.

J: Mittlerweile kennen wir sie auch persönlich. Man ist per Du und trifft sich ab und zu auf größeren Events und Festivals. Das ist schon toll, plötzlich festzustellen: Wir gehören dazu.

T: Das hätten wir uns so nie vorgestellt.

J: Genau. Das war nie der Plan, irgendwann als DJ und Musikproduzent sein Geld zu verdienen. Wobei es für mich schon feststand, dass ich von der Musik leben möchte, aber nicht auf diese Weise.

Du hast hier an der Musikhochschule studiert?

J: Ja, genau an der HMT. Percussion habe ich studiert. Also alle möglichen Formen von Handtrommeln und Rhythmen. Aber eher in Richtung afro-kubanische Musik, wie Latin, Salsa und Latin-Jazz.

Tobi, du warst auch an der HMT?

T: Nein, ich habe nach der Schule erst Physiotherapeut gelernt, weil ich das mit dem Sport noch im Kopf hatte. In Leipzig habe ich dann Sportwissenschaften angefangen und für die Musik aufgegeben. Bitte alle weghören, die jetzt studieren: Bis ich 2012 geext wurde, habe ich die Zeit genutzt, um viel im Studio zu sein. Hätte ich ernsthaft studiert, wäre wahrscheinlich vieles auf der Strecke geblieben. Ich war bei uns aber auch ein wenig der Arschtreter.

Bei den Feedbacks zu eurem Album war das Statement von Syncopix spannend: Er schätzt die „entspannte Aggressivität“. Wenn ihr hier vor uns sitzt, wirkt ihr alles andere als aggressiv. Woher kommt also die Power für das, was eure Musik ausmacht?

T: Vieles kommt von dieser Musik selbst und was sie für den Hörer bereithält. Gerade bei unseren „Fat Bemme“-Partys im Pferdehaus haben wir auch eine richtig geile Anlage – das kickt einfach. Wir haben auch ein sehr dichtes Bass-Arrangement und die Art, wie die Drums komprimiert werden, hat so einen Punch, bei dem du zwangsläufig das Gefühl hast, jemand will dir auf den Hinterkopf hauen. Wir haben von Beginn an Lust gehabt, was zu machen, was etwas verrückter und nicht ganz so konventionell ist. Egal ob es musikalische Ansätze oder das Energie-Level betrifft. Beim Produzieren sitzen wir ganz ruhig da, aber wenn es zur Musik kommt, drehen wir mächtig auf.

J: Bei meinem ersten Kontakt mit Drum & Bass dachte ich: Nein, das ist nicht meins. Lustigerweise kam es dann über das Tanzen. Da waren ein paar Tunes dabei, die fetzten und bei denen ich merkte, dass es sich auch gut dazu tanzen lässt. Vom Tempo fand ich das genial. Und darüber bin ich an der Musik kleben geblieben. Wenn du so energiegeladene Musik machst, musst du das ja auch kompensieren. Und das ist unser normales Leben. Wenn du auf der Bühne stehst, kommt noch etwas Adrenalin dazu und wenn ein paar hundert, teilweise auch ein paar tausend Leute vor dir stehen, gehst du einfach mit der Musik mit. Da passiert es schon mal, dass wir auch ein wenig Show machen. Das ist aber nichts Aufgesetztes oder Geplantes, das kommt so raus. Ein bisschen Rampensau sind wir schon auch.

T: Wir haben auch schon versucht, ruhigere Sachen zu machen, bei denen der Vibe mehr im Vordergrund steht. Wir können das auch machen, aber irgendwann kommt immer der Punkt, an dem es uns nicht genug kickt und wir mehr wollen. Es ist ja auch schön, dass es solch eine Breite in dem Genre gibt. In unseren Sets versuchen wir auch wieder mehr zu mischen. Früher waren wir sehr monoton in der Auswahl, aber im Alter stellt man fest, dass es auch schön ist, auf einer Party einen Spannungsbogen zu haben. Wenn man mehr als eine Stunde spielt, lässt sich das auf jeden Fall machen.Wie kann man sich die Studiosituation vorstellen? Habt ihr eine große Anlage, die ihr immer auf Anschlag haut?

J: Nein, gar nicht. Für unseren Hauptraum sind die Monitore eigentlich zu klein dimensioniert. Aber generell arbeiten wir bei moderater Lautstärke. Wir haben auch schon in Kollaborationen mit anderen Leuten zusammengearbeitet und die produzieren teilweise auf einem viel höherem Lautstärke-Level. Mich persönlich nervt das aber schnell. Meine Ohren machen dann dicht und ich kann nicht so lange dran bleiben. Es ist aber natürlich viel wert, dass wir oft unterwegs sind und unsere Sachen im Club spielen können, um Tracks zu testen und zu merken, dass vielleicht im Bassbereich zu viel ist oder irgendwo anders noch ein wenig fehlt.

Wer hört eure Musik hauptsächlich. Könnt ihr das von eurem Feedback zu den Tracks oder aus dem Club her einschätzen?

T: Man kann es einmal in Geschlecht und Alter unterteilen. Unsere Hörer sind schon eher männlich und zwischen 16 und 25 Jahren alt. Teilweise auch bis 30, aber dann dünnt es sich schon aus. Ab 30 werden viele sicher durch Familie und andere private Umstände ruhiger und hören lieber etwas mit 4/4-Takt. Zumindest habe ich das bei vielen alten Freunden so erlebt. Ich würde schon sagen, dass wir junge männliche Hörer haben. Mit einem hohen Drang zum Bewegen. Es variiert aber auch: Gerade in Leipzig gibt es einen Schwung an jungen Menschen, bei dem auch viele Mädchen dabei sind. Und die haben alle richtig Bock drauf, kennen die Lieder und informieren sich. Das war fast schon vergessen, dass es Leute gibt, die mehr als nur auf Party gehen wollen, sondern sich auch mit der Musik identifizieren und sich damit beschäftigen. Auf der anderen Seite kann man auch Ländern und Regionen unterscheiden. Im Osten Europas – Tschechien, Polen, Russland, Slowenien, Slowakai und Ukraine – haben wir ganz viele Fans. In Südeuropa mit Spanien und Portugal geht auch sehr viel.

J: Belgien kommt gerade auch stark. Die haben dort mittlerweile auch richtig große Veranstaltungen und es gehen wirklich viele Leute auf die Musik steil. Deutschland geht so, wobei es auch wieder kommt. Wenn ich fünf, sechs Jahre zurückdenke, gab es da weniger. Das hat sich in den letzten Jahren wieder erholt. Ende der Neunziger gab es ja so eine Welle, die von UK aus rüber schwappte. Da gab es auch hier einige große Veranstaltungen, dann kam ein Loch. Was ich aber noch sagen möchte wegen der Mann-Frau-Verteilung: Auf großen Veranstaltungen in Belgien und Tschechien ist es eigentlich 60:40. Gerade Tschechien geht durch das „Let It Roll“-Festival sehr ab. Da wurde über Jahre etwas aufgebaut – mittlerweile kommen die Leute aus der ganzen Welt dahin. Und da sieht man viele Frauen.

T: Laut den Facebook-Statistiken schlägt der Balken bei den Männern aber deutlich aus.

Es gibt aber keine Gefahr, dass ihr selbst aus dem Alter herauswachst?

T: Nein. Ich kann mich in vielen Momenten noch gut an meine Jugend erinnern. Wir altern auch nicht so sehr, habe ich das Gefühl. Wir halten uns ganz tapfer und haben immer auch junge Leute um uns herum. Das ganze Umfeld in Leipzig mit Leuten, die Drum & Bass machen, hält irgendwie jung. Und es gibt auch viele große Vorbilder. Ed Rush beispielsweise ist ja Anfang 40 und spielt weiterhin und hat Bock. Wir haben eher das Gefühl, dass es vielleicht jetzt ein bisschen losgehen kann – gerade mit dem Album im Rücken.

Interessant: Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass ihr schon mittendrin seid.

J: Es gab immer schon mal so Punkte an denen wir dachten, dass es jetzt richtig losgeht. Und nach dem Album ist es wieder so. Es gibt einen Schub – und es ist ein Statement. Nicht jeder Künstler schafft es soweit, auch mal ein Album zu machen. Bei vielen Leuten, die mit uns vor sechs, sieben Jahren angefangen haben, wurde es dann ruhiger. Die haben auch richtig geiles Zeug gemacht, haben sich dann aber anders orientiert, was ihr privates oder berufliches Leben angeht. Da kommen dann Kinder hinzu und das zieht viele auch ganz schön ab. Ich habe es selbst gemerkt – ich habe eine Frau und zwei Kinder. Nach dem ersten Kind war Tobi der Arschtreter und das war wirklich Gold wert, weil ich natürlich schon zwischen den Stühlen stand. Die Musik wäre auf der Strecke geblieben, wenn Tobi nicht hinterher gewesen wäre. So ging es einigen anderen eben auch, sie haben es aber nicht zum Album geschafft.

Wenn ihr sagt: Es könnte jetzt losgehen, was sind denn Ziele und Punkte, die ihr als Erfahrungen gern mitnehmen möchtet?

T: Rein musikalisch kann ich mir vorstellen, dass wir jetzt versuchen, uns vom Sound her noch weiter auszudehnen und uns mehr zu trauen. Anfangs ist es doch so, dass man eine Art findet, wie Tracks entstehen und wenn die Leute gut darauf reagieren, versucht man seinen Sound dahingehend aufzubauen. Das haben wir mittlerweile gut geschafft. Jetzt kann man sich auch mehr aus seiner Komfortzone heraus trauen. Das wäre ein Anreiz für uns und wir würden einfach schauen, was sich daraus wiederum ergibt. Kollaborationen zum Beispiel. Vielleicht auch mal mit Leuten außerhalb des Drum & Bass-Spektrums. Da sind wir aufgeschlossen. Aber konkrete Pläne – Grammy gewinnen oder so etwas – haben wir nicht. Wir sind erstmal happy, wenn wir so weitermachen können und die Möglichkeit haben, viel zu spielen. Vielleicht auch mal in den USA. Das Drum & Bass-Ding wächst da gerade extrem und das wäre schon interessant. Da hängt aber viel mehr dran mit Visum und einer guten Agentur, die dich ordentlich mit Gigs versorgt. Es ist ein großes Land und man bleibt schnell auf der Strecke, wenn das nicht gut geplant ist – zumindest ist so etwas von anderen zu hören. Das wird aber passieren, wie es kommt.

Ihr macht mit Leed:Audio ja auch Auftragsarbeiten – hat sich da euer Neonlight-Name positiv ausgewirkt?

J: Nicht wirklich. Es sind schon zwei verschiedene Dinge. Leed:Audio machen wir zusammen mit Flo „Wintermute“ und das läuft nebenher. Das ist ein kleines Pflänzchen, was mal wieder gedüngt werden müsste. Es war aber auch schon so, dass Sachen von selbst reinkamen und wir nicht groß Klinken putzen mussten. Aber es läuft nebenbei und war eher so gedacht, dass wir später einmal auch von hier aus etwas mit Musik machen und uns in ganz anderen Feldern ausleben können. Das wird bestimmt auch wieder mehr zum Laufen kommen.

T: Viele von den Leed:Audio-Kunden wissen auch gar nicht, was wir mit Neonlight machen. Aber beide Seiten profitieren extrem von dem Know-how. Musikalisch sind wir bei Leed:Audio auch recht breit aufgestellt. Florian Förster aka Wintermute hat eine andere Art an Musik heranzugehen. Was uns andersherum bei unserem Album geholfen hat: Wir haben ja den Soundtrack zum „Schein“-Game gemacht und das war sehr orchestral und mit vielen Dingen, die im Drum & Bass wenig Platz haben. Aber ein ähnlich episches Intro sollte beim Album dabei sein und so haben wir es ja auch gemacht. Das war schon etwas, dass seine Wurzel in dem Soundtrack hatte und in der Erfahrung, die wir währenddessen gesammelt haben. Wir mussten ja selbst erst schauen, wie sich so ein Orchester am Computer gut arrangieren lässt.

J: Aber auch der konzeptionelle Aspekt kommt aus der Richtung. Bei einem Spiel muss man konzeptionell heran gehen. Du hast einen grafischen Stil und eine bestimmte Atmosphäre, die durch das Spiel geschaffen werden. Die Musik muss dies aufgreifen, mitnehmen, verstärken und mit Stimmungen spielen. Beim Album war es dann auch so, dass wir ganz schnell eine Geschichte im Kopf hatten. Mehr und mehr hat sich das auch geklärt. Wir haben viel geredet, Ideen verworfen und wieder zusammengebracht. Und so hat sich das Stück für Stück zusammengestrickt und irgendwann haben wir gemerkt, dass diese Story mittlerweile einen so großen Stellenwert hat, dass wir sie mit nach außen transportieren müssen. Das passiert nun im Booklet der CD und auf der Website. Da können die Leute das Album auch mit dem Hintergrund der Geschichte durchhören und vielleicht auch ansatzweise miterleben, welcher Film bei uns läuft, wenn wir die Musik hören und den Text lesen. Es war wirklich oft so, dass wir einen Soundtrack machen zu einem Film, der nur in unserem Kopf abläuft.Im Pressetext schreibt ihr, dass das Album euer musikalisches Spektrum erweitert. Inwiefern?

T: Wir haben erstmals einen Track mit Vocals gemacht – „Frontier“ mit Solah. Wir hatten vorher auch schon Remixe mit MCs produziert, aber da kann man auch viel einkürzen, wenn einem das nicht gefällt.

J: Bei Remixen ist der Text auch schon da. Bei „Frontier“ hatten wir der Sängerin eine musikalische Vorlage gegeben. Daraufhin hat sie Lyrics geschrieben. Wir haben dann gemeinsam noch weiter daran gearbeitet, um eine bestimmte andere Richtung zu probieren. Auch musikalisch sind wir bei „Frontier“ pop-orientierter herangegangen. Es ist ganz klassisch: Strophe, Refrain, wieder etwas Strophe, dann Interlude und in einer anderen Tonart der Refrain, bis es ausläuft. Das war eine andere Herangehensweise als bei einem klassischen Drum & Bass-Track.

T: Es ist viel reduzierter mit klareren Rhythmen und einem simplen Bass, der einen großen Harmonieumfang hat, was ja sonst bei uns anders ist. Da passiert über eine Oktave sehr viel. Auch bei dem harmonischen Wechsel in der Tonart gab es den Hintergedanken, dass das Lied so endet, wie das Album vorn anfängt. Es ist musikalisch in der selben Tonart, um für uns den Bogen noch einmal zu spannen. Auch „Neon City“ mit seinem Arrangement gab es so bei uns auch noch nie. Der ist viel leichter angelegt, euphorisch und positiv und weniger technisch bis ins letzte Detail durchgeplant. Das Album sollte generell etwas klarer und durchsichtiger sein, so dass sich der Hörer auf das Wesentliche konzentrieren kann und nicht durch zu viel Firlefanz abgelenkt wird.

J: In so einem Albumkontext kann man auch noch viel mehr abdriften. Bei einer EP hast du nur vier Songs. Entweder du machst da etwas völlig Ausgefreaktes oder was Straightes und Konformes. Aber es wird komisch, wenn du aus jedem Bereich was zusammenwürfelst, die in so einem Release nicht zusammenkommen. Bei einem Album kannst du einfach mehr Bandbreite bringen. Man muss aber auch Lust darauf haben. Es gibt natürlich auch Alben innerhalb der Szene, die recht straight durchlaufen. Das mag im Club funktionieren, aber beim Durchhören bekommt man auch Lust auf was anderes. Mal eine andere Farbe, eine neue Stimmung. Und das wollten wir bei unserem Album machen. Bei ein paar Tracks arbeiten die Drums auch mehr gebreaked. „Talespin“ entwickelt sich auch sehr langsam und endet sehr untypisch, weil er im Nirgendwo mit White Noise hängen bleibt.

T: Früher stand man auch einfach weniger zu sich. Das klingt krass: Aber nach sieben Jahren finde ich persönlich, dass dies der erste Release ist, bei dem ich von vorn bis hinten sage, dass es genauso sein sollte. Das ist Neonlight. Dazu stehe ich zu 100 Prozent. Egal was die Welt um mich herum sagt. Ihr müsst es nicht gut finden, Geschmäcker sind verschieden. Aber wir müssen uns nicht vorwerfen lassen, dass wir nicht versucht haben, es geil zu machen.

Seid ihr Perfektionisten?

T: Ja. Auf verschiedenen Ebenen. Wir unterscheiden uns da ein wenig. Jakob kann schneller mal sagen „Lass erstmal, wir müssen vorankommen“. Gerade, wenn es um Songstrukturen geht. Ich bin dann eher im Soundgefummel gefangen. Ich kann oft erst gut arbeiten, wenn ein kurzer Loop komplett passt. Wenn der Flow und der Vibe stimmen, kann ich weitergehen. Da werde ich in einer sehr frühen Phase perfektionistisch.

Ihr macht die Tracks richtig zu zweit?

T: Letztendlich machen wir alles zusammen. Es ist aber nicht so, dass wir immer zusammensitzen. Wir teilen uns schon auf, weil es mittlerweile effektiver ist. Aber wir checken permanent den Status ab und reden extrem viel darüber.

J: Hier ist es wieder cool, dass wir zu zweit sind. Man bekommt plötzlich völlig neuen Input. Da war man drei Stunden im anderen Raum und hört dann das, was der andere gemacht hat. Und dann hat man sofort eine Idee dazu. So funktioniert es.

Aber jeder hat dieselben Skills oder teilt ihr euch in Bereiche ein?

T: Jein. Bis zu einem gewissen Maß sind wir bei vielen Dingen gleich. Aber dann kann der eine noch was drauf packen. Wir ergänzen uns in erster Linie gut. Ich habe teilweise etwas mehr Zeit, weil Jakob durch seine Familie natürlich eingespannter ist. Aber er geht noch einmal mit einem ganz anderen musikalischen Know-how heran. Er ist ein sehr bewanderter Musiker und Instrumentalist. Teilweise spielt er Sachen ein, auf die ich so nie gekommen wäre. Und bei Sound-FX-Dingen wird Jakob auch zum Perfektionisten. Obwohl das am Ende kaum in zeitlichen Dimensionen wahrnehmen. Aber das macht es besonders.

J: Ich kann manchmal eine Stunde an einem Fade oder einer Filter-Automation sitzen, weil ich das Gefühl habe, es passt noch nicht. Ich muss es spüren. Für verrückte Sound-Gebilde habe ich auch etwas mehr Geduld.Beim Auflegen teilt ihr euch aber auf?

J: Umgekehrt: Wir spielen ab und zu zusammen.

T: Wir spielen eigentlich immer getrennt. Es hat sich so ergeben als wir mehr Gigs bekamen, auch im Ausland. Da konnten wir nicht sagen, dass wir zu zweit kommen, weil die finanziellen Möglichkeiten der Veranstalter das nicht zugelassen hätten. Wir waren froh, da ein bisschen Geld zu bekommen und es war cool, dort zu spielen. Logistisch passte das bisher besser. Theoretisch können wir auch vier Gigs an einem Wochenende spielen, was mittlerweile durchaus öfter angefragt wird. Mit der guten Agentur im Rücken werden wir vielleicht langsam in der Lage sein, auch zusammen zu spielen. Für die Zukunft ist das schon wünschenswert. Wir teilen zwar die ganze Woche das Studio, aber unterwegs zusammen zu sein, ist noch einmal was ganz Anderes. Da erlebt man am Flughafen oder vor Ort im Club die Dinge anders.

Und sagen die Booker dann, ich möchte jetzt Jakob oder Tobias haben?

J: Wenn man irgendwo schon einmal gespielt hat und viel Spaß mit den Leuten im Club hatte, kommt es schon vor, dass sie sagen: “Es wäre cool, wenn du wieder kommst.“ Manchmal lässt es sich einrichten. Manchmal ist es aber auch nicht schlimm, wenn der andere übernimmt.

T: Rückwirkend hat sich niemand beschwert, dass der „Falsche“ kam. Wir benehmen uns auch immer gut.

Unterscheidet ihr euch beim Auflegen?

J: In Nuancen, ja. Aber zu 90 Prozent spielen wir die gleichen Sachen.

T: Beim Mixen unterscheiden wir uns. Und wir legen unterschiedlichen Wert auf die Track-Selection und zu welchem Zeitpunkt was im Set kommt. Aber das ist ja auch schön. Mittlerweile versuchen wir viele eigene Sachen zu spielen. Vor ein paar Jahren war es so, dass wir zwar eigene Tracks hatten, wir aber nie richtig zufrieden damit waren. Besonders was die Sound-Qualität anging. Aber mittlerweile haben wir so viel eigene Musik, die aktuell ist und gut klingt. Dennoch hat jeder seine Eigenheiten beim Auflegen. Jakob steigt auch gern mal auf den Tisch, dreht mal kurz durch und schüttet sich Wasser über den Kopf. Da sind wir sehr unterschiedlich.

Was waren Highlights bei euren Auftritten?

J: Ein Highlight für mich war „Pirate Station“ in St. Petersburg. Das war der erste große Gig für mich vor 11.000 Leuten. Sehr imposant war auch das „Dream Beach“-Festival im letzten Jahr. Die EDM-Bühne war zwar dreimal größer als unsere. Aber es war nicht zu verachten, was vor der Drum & Bass-Bühne los war. Ansonsten auch die Australien/Neuseeland-Tour von unserem Label Blackout Music. Das war eine tolle Gruppe an Leuten mit einem guten Miteinander.

T: Ich habe von 2012 bis 2014 immer auf dem „Let It Roll“ gespielt und das ist schon das Highlight in der Festivalsaison für einen Drum & Bass-DJ. Ähnlich wie das Sonar vielleicht für andere Genres. Dann noch London. Da durfte ich noch im Cable Club spielen, bevor er zugemacht wurde. Auf dem Line-up standen Ed Rush, DBridge, Dillinja und Black Sun Empire – alles Szene-Urgesteine. Und dann spielt auch noch der kleine Neonlight mit. Von fünf bis sechs Uhr habe ich dort gespielt und es war immer noch voll. Da freut man sich. Jakob war noch im Club Fabric – ebenso in London. Im Juni sind wir da wieder. Wer eigentlich? Ich will spielen.

J: Du darfst.

In Deutschland sind Gigs eher in einem kleineren Rahmen?

T: Es hat den Flair, wie wir ihn mit der „Fat Bemme“-Reihe in Leipzig haben – 250 bis 400 Leute im Schnitt. Hier und da gibt es auch größere etablierte Events, in Bremen die „Dreamland“ zum Beispiel. Da stehen auch 1.000 Leute vor dir. In Köln und Berlin gibt es auch größere Sachen. Im Gretchen ist es immer gut gefüllt. Aber wenn es in Rostock bei den Leuten der MS Stubnitz „nur“ 200 Leute sind, ist der Laden voll und sie stehen quasi mit im DJ-Pult. Das ist auch immer wieder geil. Da kann man sich hinter nichts verstecken. Da steht dann auch meistens kein MC. Nur du und deine Musik. Das ist u.a. das Schöne an den Gigs in Deutschland.

Bei Facebook haben wir zu Publikumsfragen aufgerufen. Es kamen tatsächlich zwei. Einmal Tina: „Da ihr viel herumgekommen seid, würde mich interessieren, wie ihr die Drum & Bass/Breaks-Szene in Leipzig einschätzt bzw. was ihr darüber berichtet, wenn ihr unterwegs seid?

T: Generell muss ich sagen, dass wir sehr glücklich sind, hier in dieser Stadt zu leben. Vorher war ich ein paar Jahre in Berlin und als ich hier gelandet bin, wusste ich: Leipzig is the shit. Und es ist immer noch so. Die Szene hier war ein ausschlaggebender Punkt dafür, dass es sich so für uns entwickelt hat. Hier herrscht ein großes Miteinander, obwohl ich sagen muss, dass ich von den Leuten der großen alten Szene aus den Neunzigern niemanden persönlich kenne. Aber mit den ganzen Newcomern der letzten sieben Jahre haben wir eine freundschaftliche Ebene. Wir treffen uns auch so viel zusammen. Es ist eine große Family. Und dass erzähle ich unterwegs gern. Durch das Hypezig-Ding in den Medien haben die Leute die Stadt durchaus auf dem Schirm.

J: Bei mir ist es ähnlich. Ich finde die Stadt super entspannt. Nicht nur durch das grüne Band rundherum. Es ist auch gut, dass die Leute was dagegen machen, wenn sie etwas stört. In Dresden hatte ich viele Jahre lang das Gefühl, dass Sachen hingenommen wurden. Hier wird mehr Initiative ergriffen. Das trage ich auch gern nach draußen.

T: Das Global Space Odyssey-Ding ist ja auch eine wichtige Triebfeder dafür, dass die Subkultur sich ihren Platz nimmt.

J: Auf die Szene bezogen, erzähle ich auch oft, dass sie mir anfangs, als ich hier hergezogen bin, sehr in den Neunzigern hängen geblieben schien. Der Altersdurchschnitt auf den Partys war relativ hoch. Die Musik hat sich weiter entwickelt. Das ist aber scheinbar nicht so richtig angekommen oder angenommen worden. Jedenfalls hatten wir anfangs hier Veranstaltungen mit der Knagge-Crew gemacht, die eher auf unseren Sound abzielten – noch bevor es Neonlight gab. Und die liefen überhaupt nicht gut. Dali erzählte da damals, dass die Szene halt so sei. Und sie war auch wesentlich kleiner als jetzt. Das hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Es gibt wieder viel junges Publikum. Bestimmt hat das auch was mit der Dubstep-Welle zu tun. Nach dem Abebben haben da manche Leute vielleicht im Drum & Bass einen Ersatz oder eine neue Liebe gefunden. Auch die „Fat Bemme“-Reihe fußt darauf. Anfangs wollten wir erstmal vier Veranstaltungen probieren und dann entscheiden, ob es weitergeht. Und schon nach der dritten Nacht war klar, dass es weiterläuft, weil es scheinbar an der Zeit war, so einen Sound zu bringen.

Nächste Frage von Sven: Wie steht ihr zu aktuellen Trends – Rückkehr des Mid-90s-Jungle- und TechStep-Sounds – und welche Artists und LPs aus dieser Zeit haben euch stark geprägt?

T: Der Trend ist auf jeden Fall da mit diesem straighten techy Drum & Bass, den wir ja auch unterbewusst immer wieder gemacht haben. Gerade den Ed Rush, Optical- und Virus-Sound. Für Skynet, einen Artist, der Mitte der Neunziger ziemlich big war und vieles mitkreiert hat, was für spätere Generationen wichtig war, haben wir jetzt einen Remix gemacht. Das hat musikalisch gar nicht so viel damit zu tun, aber wir wollten gern für ihn einen Remix machen, weil er schon jemand ist, der für vieles ein Wegbereiter war. Ansonsten stehen natürlich ein paar Bad Company-Scheiben bei uns in den Regalen. Auch viele von Renegade Hardware. Den Jungle-Einfluss habe ich persönlich nie groß gehabt. Ich fühlte mich schon immer zum klassischen Drum & Bass hingezogen.

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  • Who The F@*k is Dr. Shepherd? | IT'S YOURS / 23. Juni 2016 / um 14:51
    […] den Kollegen von FrohFroh gibt es ein ausführliches Interview zu den beiden wo sie sowohl auf das Album, als auch auf sich, als auch auf die Leipziger Drum & Bass Szenen […]

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