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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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„Es ist work in progress“ – Arpen im Interview

18. Oktober 2016 / Kommentare (0)

Wir sind sehr geflasht von Arpens Solo-Debüt-Album und wollten mehr zur Entstehung erfahren. Hier ist unser Interview mit ihm.

Letzte Woche haben wir es bereits euphorisch vorgestellt. Vielleicht übertreibe ich auch, aber die Art, wie Arpen die klassischen Pop-Schemen entzerrt, ohne ins Avantgarde zu kommen, bewegt mich gerade sehr. Zum Interview traf ich dann einen ebenso unprätentiös-ernsten wie emotionalen Musiker mit einer scheinbar unermüdlichen Freude am Entdecken und Schreiben neuer Musik. Jemand, der trotz seiner musikalischer Ernsthaftigkeit und Reife auch pragmatisch auf sein Schaffen schaut.

Bisher warst du hauptsächlich in Band-Konstellationen oder als Gastmusiker unterwegs. Wie war es für ein Solo – Album zu arbeiten?

Es ist einen relativ langen Weg gegangen ist. Ich wusste auch gar nicht ganz genau, was am Ende herauskommen sollte. Ich wusste eigentlich nur, mit wem ich das machen will. Aber das ist eigentlich immer so. Wir haben sehr viel gemeinsam im Studio gearbeitet. Da braucht man erstmal Zeit, um in einen Workflow reinzukommen. Die Urteilsfindung in manchen Fragen hat sich manchmal schon gezogen, weil ich erstmal herausfinden musste, was ich eigentlich gerade vorhabe.

Es ist ja elektronischer und offener geworden.

Ja, das ist einer der wenigen Punkte, der mir von vornherein klar war.

Woher kam das – gab es neue Inspirationen?

Es gab schon musikalische Inspirationen. Aber generell ist das einfach die Richtung, in die ich mich entwickelt habe und die ich musikalisch interessant finde – und in dem Zuge ist die Kooperation mit Niklas Kraft entstanden. Aber das hat natürlich auch viel mit Zodiaque aus Berlin, mit denen wir das Album aufgenommen und gemischt haben, zu tun. Da führten ein paar Wege zusammen. Ausschlaggebend ist aber vor allem die eigene musikalische Entwicklung.

Warum wolltest du mit Niklas für das Album zusammenarbeiten?

Wir kannten uns schon eine Weile, hatten aber nie etwas miteinander gemacht, weil er viel in anderen Kontexten gearbeitet hat. Unter anderem hat es mit dem Album so lange gedauert, weil ich es unbedingt mit ihm umsetzen wollte.

„Niklas ist ein sehr interessanter Musiker und ich wollte eben diesen Geist drin haben.“

Eine bestimmte musikalische Herangehensweise, gar nicht so sehr bedacht darauf, was er zum Beispiel für ein Instrument spielt und wo er unterwegs ist. In Kooperationen finde ich die generelle Herangehensweise an Musik von demjenigen am wichtigsten, mit dem ich das gern durchführen möchte. Das ist für mich eine Brain-Sache, um eine ganz bestimmte Persönlichkeit in einer Produktion zu haben.

Das Zusammenarbeiten mit anderen Leuten ist dir generell wichtig?

Ja, immer. Oft ist es so, dass ich eine Idee von etwas habe und dann will ich es mit bestimmten Leuten umsetzen, weil bereits in der Konzeptionierung oft schon etwas steckt, das es von außen benötigt. Das finde ich auch am spannendsten – sowohl die Ideen von anderen aufzunehmen als auch meine eigenen Ideen in diese Kombination einfließen zu lassen. Wahrscheinlich entsteht daraus auch die Tatsache, dass ich bisher musikalisch sehr unterschiedlich gearbeitet habe. Am Ende geht es immer darum, wie man verschiedene Gehirne verbinden kann.

Du bist also ein Puzzleteil von vielen. Oder würdest du bei dem Solo-Album sagen: „Das bin jetzt wirklich ich“?

Ja, das auf jeden Fall. Aber ich sehe mich immer als ein Puzzleteil von einem Ganzen. Ich habe den Release schon bewusst als „Arpen“ betitelt um einen neuen Startpunkt zu setzen und dem keinen anderen Namen gegeben. Aber am Ende entsteht Musik bei mir trotzdem immer gleich. Fast egal in welchem musikalischen Kontext ich arbeite.Im Info-Text ist ein schönes Bild formuliert: Im Prinzip hattest du die Stücke schon lange im Kopf, aber die Form fehlte. Wie überwindet man so etwas? Eben mit anderen Musikern?

Ja, das glaube ich schon. Es ist aber natürlich auch die Frage, was man als Stück oder Song definiert. Darin bin ich wesentlich freier geworden. Am Ende ist für mich wichtig: Was macht das Stück mit mir? Wohin führt es mich? Wenn ich etwas bestimmtes habe und in diesem bestimmten Moment macht es genau dieses oder jenes mit mir, dann erscheint es mir als „richtig“ und ich gehe diesen Weg weiter. Am besten funktioniert das Entstehen von Musik darüber, dass ich weiß, was ich noch nicht darin höre. Und dann nähere ich mich einem Ideal an. Zumindest für diesen Moment. Wenn ich das Album jetzt aufnehmen würde, würde ich viele Sachen schon wieder ganz anders machen.

Noch offener und freier?

Ja, und noch viel länger.

Stimmt, es ist super kurz. Es ist super pointiert mit den Stücken, aber am Ende denke ich, dass da noch eine Viertel Stunde mehr kommen könnte.

Das ist tatsächlich so, ja. Vielleicht ist das auf eine gewisse Art auch eine Schwäche des Albums. Aber so war es und dafür habe ich mich entschieden. Live wird es sich aber anders gestalten.

„Das Album hängt schon noch sehr an der Songform.“

Das ist ein Aspekt, den ich beim nächsten Album anders machen möchte.

Aber eigentlich finde ich schon, dass die Songform an vielen Stellen aufgebrochen ist. Da ist ja viel vom Pop-Ursprung weggelassen.

Ja, auf jeden Fall. Weglassen und Destruktion sind mein Thema. Das zieht sich eigentlich durch fast alles, was ich musikalisch mache. Soweit, bis es am Ende nur noch die Hälfte von dem ist, was ich am Anfang dachte zu brauchen. Gerade der Destruktionsgedanke von Form ist bei mir relativ gegenwärtig. Aber dieser Release jetzt wird einer von mehreren sein – und das ist der jetzige Stand, der in irgendeiner Form erstmal fertiggestellt werden musste. Irgendwann musst du diesen Punkt abschließen, um zum nächsten zu kommen. Man kann nicht ewig daran herumbasteln, unabhängig davon, wie man sich jetzt ein Jahr später dazu positioniert.

Ist für dich in der Kürze des Albums aber alles gesagt, was du sagen wolltest?

Ja. Und um nicht aus allem ein Geheimnis zu machen: Es war einfach das beste Material, was ich zu der Zeit hatte. Ich bin auch immer noch happy damit. Hätte ich es länger machen wollen, hätte das noch einmal mindestens bis jetzt gedauert. Und auch dann verändern sich wieder Dinge, werden Sachen rausgehauen – und am Ende ist es dann wieder so kurz.

Du hast das Album einer Fotografin gewidmet, Taryn Simon. Warum?

Taryn Simon ist eine fantastische Künstlerin, die unter anderem mit Fotografie arbeitet. Fotografie ist ihr Dokumentationsmedium. Sie arbeitet auch stark inhaltlich. Sie hat ein Buch namens „An American Index of the Hidden in Unfamiliar“ herausgebracht, das mich extrem inspiriert hat. Wenn du ein Bild eben nicht nur ästhetisch, sondern genau so intensiv auch inhaltlich betrachtest, bekommt es quasi noch eine inhaltliche Ästhetik. Das finde ich unheimlich interessant.

Also der Kontext, der mit dem Bild verbunden ist.

Genau, der Kontext, der mit dem Moment des Bildes einhergehen muss. Du kannst es nicht losgelöst von dem Inhalt betrachten. Dann wäre es ziemlich unspektakulär. Durch beide Punkte bekommt das Bild aber eine Kraft und Tiefe. Seitdem ich das Buch entdeckt habe, habe ich mich stark mit ihr beschäftigt und in den letzten Jahren ist sie jemand gewesen, dessen Arbeit ich sehr interessiert verfolgt habe. Taryn Simon hat auf jeden Fall viel dafür getan, dass das, was ich jetzt veröffentliche, entstanden ist.

Wie kann man sich das konkret vorstellen: Die Bilder waren vor dem Songwriting da?

Es sind weniger ihre direkten Bilder als die Herangehensweise. Was ich auch interessant an ihr finde: Ich weiß nicht, ob das tatsächlich ihre Intention ist, aber sie macht den Kopf für alles Individuelle auf. Zum Beispiel: Hier ist eine Blume, die sieht aus wie Tausend andere, aber ich rede exakt von dieser einen zu sehenden Blume. Das ist ein interessanter Blick. Sachlich, aber darin steckt auch eine extreme Emotionalität. Unter diesem Blick ist alles einzigartig.

Gibt es inhaltlich eine Linie, die du durchziehen wolltest?

Es ist schon geschlossen, aber nicht kontextuell in sich geschlossen. Oder zumindest nicht so, wie ich das mittendrin dann mal vorhatte. Next time.

Was war die ursprüngliche Konzeption?

Die war viel songlastiger. Am ersten Tag der Session sind wir alle Songs durchgegangen und ich habe gemerkt, dass alles scheiße ist. Da habe ich erstmal drei Songs wieder rausgehauen und ein paar Ideen verworfen. Man muss für sich selbst auch immer erstmal verbalisieren, was daraus werden soll. Das geschieht am besten, indem man Sachen ausschließt und weniger indem genau weiß, wo man hin will. Denn dann hat man nur diese eine Option für sich und für das Material.Bei dem Booklet sind acht Fotos dabei – steht jedes für einen der acht Songs?

Ja.

Und jeder kann es sich selbst zuordnen?

Genau. Das soll sich jeder selbst zusammen assoziieren. Sechs davon sind von mir, zwei sind von Jana Lidolt, die auch das Artwork gestaltet hat.

Du hast für dich eine Sortierung?

Ja, habe ich, verrate ich aber nicht. Es geht darum, dass man den Fotos seinen eigenen Content zuweist. Aber acht Bilder und acht Songs – da gibt eine offensichtliche Parallele. Ich möchte auch nicht so den Über-Metaberg drüber ballern.

Bei den Videos hast du auch eine starke Bildsprache gewählt. Aber theatralischer und überzeichneter, finde ich. Die Fotos haben etwas beiläufiges, dokumentarisches. Bei den Videos wolltest du offensichtlich noch etwas anderes ausdrücken.

Daran merkt man, wie sich die Sicht auf die eigene künstlerische Idee ändert. Als die Konzeptionierung für das Album fertig wurde, gab es da noch eine etwas andere Sicht auf den visuellen Aspekt, den ich damit verbinden möchte. Aber durch die Videos hat das einen komplett anderen Dreh bekommen. Da zeigt sich, wie man die Songs auch inhaltlich in vollkommen andere Interpretationen packen kann. Das ist einfach work in progress und da muss man sich locker machen.

Wird dieses Visuelle auch bei den Konzerten eine Rolle spielen?

Man muss es praktisch sehen: Klar hätte ich gern Visuals und ein komplettes Lichtset dabei, aber gerade ist es mir nicht so umfassend möglich. Auch das benötigt ein Konzept. Das ist nicht das letzte Album und das möchte ich in Zukunft auf jeden Fall wesentlich stärker einbeziehen.

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