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Nicht ganz neu, aber definitiv entdeckt: Minor Label

02. Dezember 2016 / Kommentare (1)

Seit 15 Jahren gibt es das Minor Label aus Leipzig. Nur war bei uns davon wenig zu lesen. LXC holt es nach und war für ein langes Interview in Anger-Crottendorf.

Wir kehren zurück ins triste Grau des spätherbstlichen Leipzigs, sehen ein wenig genauer hinter die Mauern und beleuchten einmal mehr einen jener Charaktere, die unserem kleinen widerständigen Dorf seine ganz spezielle Patina verleihen. Ein Hauch von Keller, viel Herzblut und jede Menge Vinyl gibt es bei Minor Label zu entdecken. Der liebevoll selbstgemachte kleine Verlag treibt sich zwischen Krach, Experimenten und auch manch basslastiger Elektronik im rauen Osten Anger-Crottendorfs herum.

2016 waren Minor und Minor Label sehr fleißig und hiermit seien folgende Tonträger wärmstens empfohlen:

Wer abstrakten Techno mag und keinerlei Berührungsängste mit Ausflügen hat, sollte in die „Kill Dry“ 12“ von Koichi Kimbara mit der Katalognummer 34 reinschnuppern. Selten gibt es so vertrackte und verspulte Dubtechno-Neuinterpretationen. Angenehm weit draußen von allem lässt’s sich so ruhig auf dem Soundmeer triben. Irgendwo muss doch eine der 100 Kopien auftauchen.

Die Folgenummer 35 wird eine Kollaboration mit dem Label Moniker Eggplant und ihrer Hausband Meier & Erdmann. „Howler Monkey“ ist quasi als Mini-LP erdacht und konsumierbar. Vier Tracks pro Seite erfreuen mit einem bunten Strauß von Tönen und Stilen zwischen diversen Bassmusiken, Electronica, IDM, Acid, Elektroakustik und einem Hauch Brostep (nicht wirklich). Sorry für den Spoiler, Minor.

Auf dem Album „Streetlight“ der Tobacconists toben sich alte Drone-Hasen in schrägen dystopischen Elektronik- und Bassgitarren-Sessions aus – teils durchaus mit Kopfnickfaktor, mit Beastie-Boys-Bässen auf LSD.

Auch auf dem Nebengleis Flop Beat Disk gibt es Neuzugänge: die Split-12″ von Memero und Tlic, deren B-Seite auf flop0008 hört und auf der sich Gameboy- und Tracker-Core ein Stelldichein geben, die flop0009 7″ mit rhytmischem Loopnoise aus Augsburg (Insider) und die schon vor Veröffentlichung quasi legendäre Bloodsport Soundclash EP mit der aus der Reihe tanzenden Katalognummer FLOP0ZFE, die von dem Breakcore-Ur-Fan und -macher Zombieflesheater kommt, via seines Labels Kritik Am Leben mitproduziert wird und so ziemlich die Essenz seines Schaffens darstellen dürfte.

For those who know – und in bestimmten Kreisen sicher eine der wichtigsten Breakcore-Platten der 2010er. Falls das hier noch wen juckt.

Mit dem neuen Sublabel minoRobscuRa werden harsche Krach- und Grind-Untiefen in wilden Punkrock-Split-7″-Verbünden ausgelotet. Das dürfte auch für manche spannend werden. Weitere Arbeiten und Vinyls mit befreundeten internationalen Labels und Musikern folgen. Minor und sein Label freuen sich weiterhin auf neues Material und Interesse an unkonventionellen Geräuschkulissen. Nun aber auf zum Interview.

Wie kam es zu dem Namen? Was ist richtig: Minor oder Minorlabel oder Minor Label? Findet sich das in Konzept, Auflagestärken oder gar Tonarten wieder?

Ursprünglich, also mit dem Entwurf der ersten Platte im Jahr 2000, war es Minor Label, erdacht als kleiner Bruder des Major Label (Anm.: das gerade die Anthologiebox von AG Geige veröffentlicht). Dieses wird von Freunden aus der Zeit davor mitbetrieben. Die Sache nahm ihren Lauf und mit der Zeit tauchten verschiedene Schreibungen, Auslegungen und Interpretationen auf: „klein“, „nebensächlich“ und „Moll“. Ich hoffe, nichts davon hatte Auswirkungen darauf, welche Sachen herauskamen, welche Aufmachung sie hatten und wie sie letztendlich ankamen. Natürlich hoffe ich auch, dass niemand daraufhin denkt: Etwas, das sich so nennt, interessiert mich nicht.

Ansonsten gibt es keinen Bezug zwischen Output und Label-Namen. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich größere Auflagen herausbringen kann und sich somit mehr Menschen über die Musik freuen können. Der momentane Stand spiegelt die Situation der Nischenszene, in der ich mich befinde, und auch die aktuelle Nachfrage wider.

Minor steht seit einigen Jahren dann als Projekt für mich als Person und alles was, womit ich mich beschäftige: also auch die Musik-Projekte, in denen ich als Person involviert war und bin.

Als Label für hype-freie Elektronik und Selbermach-Subkultur aus Leipzig ist Minor bei Discogs zu finden. Ist das Definition oder eher Abgrenzung? Wohin soll es gehen – auch musikalisch gesehen?

Momentan handelt es sich vorrangig um eine Zusammenfassung der zurückliegenden aktiven Jahre – mit Augenzwinkern, Erfahrungen und Konsequenzen. Quasi eine kurze Profil-Umschreibung. Ich mag es, mit Symbolen zu spielen, diese zu verschieben und neu anzuordnen. Ich hoffe, demjenigen der sich damit befasst, ein paar anregende Gedankenausflüge zu bereiten. Wenn es im Zusammenspiel mit der Musik geschieht – also während der entsprechende Tonträger läuft – dann ist das genau das, was ich mir wünsche.

Ich habe natürlich auch schon Gespräche geführt, in denen mir gesagt wurde, dass man solche Formulierungen nicht bringen kann, wenn man sich als produktives Label betrachtet. Oder ganz banal, dass mancher das als „Underdog“-Gehabe empfindet, was keinerlei weitere Beachtung verdient. Damit kann ich leben. Man kann gerne mit mir ins Gespräch kommen, um mehr darüber zu erfahren. Von mir heraus gehe ich ungern auf andere zu, um ihnen zu erklären, was ich mit bestimmten Wortgruppen oder Überschriften auf meinen Flyern meine.

„Wohin die Reise geht, wird sich daran orientieren, wie meine Veröffentlichungen in der nächsten Zeit angenommen werden.“

Die Musiklandschaft verändert sich. Mittlerweile geschieht das bis an den Punkt, an dem ich mir die Frage stellen muss, inwieweit ich Mühen und Kosten auf mich nehme, tatsächlich einen weiteren anfassbaren Tonträger herzustellen.

So sehr ich das Do-It-Yourself-Konzept liebe, als Label bin ich natürlich darauf angewiesen, dass sich Interessierte finden, die auch bereit sind, Scheiben aus meinem Programm zu erwerben. Bisher habe ich versucht, mit den üblichen Risiken zu leben. Freunde und unbekannte Schreiberlinge gleichermaßen erzählen einem, dass sie neuerdings mehr auf DoomMetal abfahren oder dass sie ihre Sammelleidenschaft gerade einschränken oder einstellen werden. Die Vertriebe stellen fest, dass sich davon keine 50 Stück in drei bis vier Wochen verkaufen lassen und nehmen gar keine.Bestimmte Sachen verkaufen sich besser, andere schlechter. Soweit so gut. Du kannst bisher keine Tendenz ausmachen? Irgendwas, bei dem du denkst, das könnte noch mal gehen? Oder meinst du das generell?

Wohin es musikalisch geht, hängt eigentlich nur von zwei Dingen ab: welches Material den Weg zu mir findet und ob ich es mag. Elektronisch sollte es sein, denn damit kenne ich mich einigermaßen aus. Musikalisch ließe sich einiges unterbringen – dazu gibt es die Sublabels und diverse labelähnliche Projekte, die ich unterstützte und bei denen ich mich beteilige, ohne mich groß zu erkennen zu geben.

Was die Tendenzen angeht, die es in der Musiklandschaft gibt, bin ich überfragt. Als Hörer betrachte ich mich eigentlich als flexibel und habe auch das Bild von mir, dass ich aufgeschlossen bin. Als Label will ich jedoch interessant und eigenständig bleiben, so dass ich mich weigere, die x-te Platte von einer „neuen“ Spielart herauszubringen, die angeblich „in“, gleichzeitig in der Hauptstadt oder in London aber doch schon wieder „out“ und die nun auch in der Provinz angekommen ist.

Raggacore und Dubstep sind die besten Beispiele, die ich hautnah mitverfolgen konnte. Ich versuche zu vermeiden, dass Minor als Label für all diejenigen verstanden wird, die von den genre-definierenden Labels abgelehnt werden und es mit ihrem Aufguss oder Versuchen, auf solche Züge aufzuspringen, nun bei jenen versuchen, die in den einschlägigen Linklisten und Netzwerken zu finden sind.

Wie klingt Minor? Gibt es da einen speziellen Sound?

Ich finde: ja. Andere sagen: nein und haben mir gegenüber auch schon angedeutet, dass sich für jede Veröffentlichung ein eigenes Profil schreiben ließe. Ich finde das zunächst erst einmal gut. Ich halte nichts davon, wenn Labels eine einzige homogene Reihe sind, von der man alle kaufen kann, ohne sich damit beschäftigen zu müssen oder zu wollen.

Wenn ich die Musik beschreiben soll, dann würde ich sagen, dass ihr als wichtigstes Merkmal zunächst das Vorhandensein von klassischer Liedstruktur fehlt. Ich halte nichts von diesen Schemata, von vorgeschriebenen Mustern, was Aufbau, Klang oder auch Länge und Tempo eines Tracks betrifft, um in ein bestimmtes Genre zu passen oder um von der Allgemeinheit das Prädikat „wirkliche Musik“ zu bekommen. Wer Drum & Bass will, der bekommt ihn bei Minor höchstwahrscheinlich nicht – vielleicht noch im Minor Mailorder.

Ansonsten befindet sich auf meinen Platten experimentelle elektronische Musik, deren Schwerpunkt mal auf vertrackter Rhythmik, mal auf Analog-Homage oder Loop-Monotonie liegt.

„Manchmal sickern Techno-Ästhetiken durch, manchmal auch eher ungemütliche improvisierte Lofi-Noise-Attitüden.“

Ob eine Platte im Regal unter Ambient oder IDM einsortiert werden kann, überlasse ich anderen. Mehr kann ich zum Sound nicht sagen, da ich selbst Musik vor allem nach zwei Kriterien wahrnehme: gefällt mir oder gefällt mir nicht.

Was hat Minor nach Leipzig geführt, gibt es da auch lokale Synergien oder ist das Netzwerk eher international verwurzelt?

Zunächst führte mich nicht die Musik nach Leipzig, sondern meine Immatrikulation an der Uni anno 2000. Die Idee eine Platte zu machen brachten wir mit – damals im Team mit Ixtab. In Leipzig bot sich dann die Möglichkeit, Zeit und Motivation, sie zu realisieren. Allerdings nicht bei R.A.N.D. Muzik, das kannten wir zu dem Zeitpunkt nicht, sondern in Tschechien.

Als die Scheibe dann fertig war, habe ich mich mit ihr auch in Leipzig vorstellen wollen und dabei einen interessanten Einblick in ein paar Szenen der Stadt und die darin aktiven Leute und Crews erhalten. Ich habe mich über die unerwarteten Verknüpfungspunkte gefreut, die ich gefunden habe. Aus manchen Kontakten zu Musikern und szene-aktiven Leuten sind Freundschaften entstanden, die noch heute bestehen.

Davon habe ich sehr profitiert und dieser Austausch hat erheblich dazu beigetragen, dass es Minor heute so gibt. Ohne die Ermutigungen, unsere gemeinsamen Projekte und auch etwas angespornten Ehrgeiz wäre das Label heute ein anderes.

Etwas allgemeiner gesehen hat sich die Stadt, wenn ich sie als Wohnort von vielen aufgeschlossenen Menschen verstehe, die an Austausch und Miteinander interessiert sind, jedoch eher von der sprichwörtlich uninteressierten Seite gezeigt und ich habe mich auch manches Mal gewundert: Die Industrial-Szene von Leipzig hat sich mir gegenüber eher überheblich und arrogant präsentiert.

Ich musste feststellen, dass man von der Mehrzahl der ach so weltoffenen jungen Menschen sogar dafür belächelt wird, sich noch aktiv um soetwas wie Plattenmachen zu kümmern, kein Geld damit zu verdienen oder gar so unerwachsen zu sein, sich für den Fortbestand von Szene(n) einzusetzen. Sie strömen ins Zoro oder UT, beschweren sich über das, was sie dort (nicht) vorfinden oder machen sich über die lustig, die szenetechnisch dorthin gehören und sind dann ebenso schnell wieder verschwunden.

Das ist in jeder anderen Stadt wahrscheinlich genauso. Was Leipzig betrifft, so kann ich es bestätigen, weil ich es selbst erlebt habe und auch noch immer beobachte. Meine Bezugspunkte für den Austausch von Musik, Gedanken, Schwatz und auch den Verkehr von meinen Veröffentlichungen befinden sich tatsächlich eher im Ausland. Das hat wiederum weniger mit Leipzig zu tun, sondern liegt im Anspruch, ein Musik-Label zu sein, das Veröffentlichungen herausbringt, die auch über die Stadtgrenzen hinaus verteilt werden wollen. Das ist jedoch meiner Beobachtung nach kein Einzelphänomen, es geht den erwähnten befreundeten Musikern meines Erachtens größtenteils ähnlich.Die Vernetzung scheint ja doch sehr holprig zu laufen – fehlt da ein Bindeglied? Woran liegt diese Versprengung der Szene deiner Meinung nach?

Das kann ich nicht sagen. Es existiert zumindest das Bild in mir, dass eine Szene eine Vernetzung von aktiven Menschen zu sein hätte, denn sonst hört sie ja auf zu existieren. Wenn ich nun wüsste, woran es im Fall von Leipzig liegt, dass es eben nicht so ist oder wenn andere bis jetzt dahinter gekommen wären, dann ließe sich da vielleicht etwas machen. Es könnten beispielsweise Partys, die für die Organisatoren im finanziellen Desaster enden, vermieden werden.

Mögliche Gründe für die Zersplitterung sind zum einen Neid und zum anderen Trotz, um es mal mit zwei Klischees zu sagen. Die Generation der Aktiven, in der ich mich befinde, weiß nach Jahren des Ausprobierens, der Rückschläge, Erfolge und Erfahrungen recht genau, was sie möchte, wie etwas abzulaufen oder zu klingen hat und ist nur teilweise bereit, sich auf Kompromisse einzulassen.

Die jüngeren Generationen haben von sich das Bild, dass sie etwas neues machen müssten, haben aber einfach noch nicht genügend Erfahrung gesammelt und präsentieren dann oft etwas, dass in den Augen der anderen nicht passt. Ich schließe mich da mit ein: Auf bestimmten Partys fühle ich mich wie Falschgeld und höre daher lieber Zuhause die Platten, die mir gefallen.

Nach einer ersten LP in 2001 wurden auf Minor Label etliche Jahre hauptsächlich CD-Rs veröffentlicht, seit 2013 kamen fast nur noch Schallplatten heraus. Wie kam es zu diesem Umlenken, welche Medien stehen in Zukunft im Visier und warum?

Die mehrjährige CD-R-Phase erklärt sich recht leicht: Ich habe versucht, nebenbei die Uni sinnvoll abzuschließen und hatte zwar die üblichen Jobs, jedoch für große finanzielle Reinfälle wie Plattenproduktionen kein Geld. Als die Durststrecke dann abgeschlossen war und sich die eher kurzlebige Ära der CD-R dem Ende neigte, habe ich mich wieder auf das konzentriert, was ich von Anfang machen wollte: Schallplatten.

Zwischenzeitlich gab es den Versuch mit mehreren CD-Veröffentlichungen, die jedoch leider nicht die gewünschte Resonanz erhielten und denen wohl das Schicksal als kostenlose Beigabe bei Bestellungen in meinem Shop bevorsteht.

Digital-Releases wird es von Minor niemals geben. Das Konzept des Digital-Labels halte ich für albern. Es besteht tatsächlich kein Grund, sich etwas ausschließlich Digitales zu kaufen, wenn so viel vergleichbares und auch gutes verfügbar ist. Das ist schlecht für diejenigen, die ein Label betreiben möchten, aber nicht zu ändern.

„Solange es Minor gibt, wird es Schallplatten geben.“

Eine Umorientierung ist nicht vorgesehen – und würde mir keinen Spaß machen. Die Zukunft ist ungewiss, denn auch das Interesse und die Begeisterung an kleinen elektronischen Nischen-Labels ist am Absterben. Bequemlichkeit hat Einzug gehalten, die einstige Platten-Generation ist in die Normalität verschwunden und hat ihre Sammlungen bei Discogs verschachert. Musik und ihre Verfügbarkeit hat für die Nachkommenden einen komplett anderen Stellenwert, so dass ich momentan nicht genau weiß, wie viele ich von meinen Scheiben eigentlich machen soll.

Vom Vinyl-Hype des letzten Sommers ist also bei Minor nichts angekommen?

Falls es ihn gibt oder gab, egal ob er künstlich, virtuell oder einfach nur von der Musikindustrie geschaffen wurde, so ist er an sich erstmal nur die Beschreibung einer Begeisterung, die noch nichts darüber sagt, auf welche Weise und wo er sich abspielt. Medien haben vermehrt berichtet, dass das Medium Vinyl wieder auflebt.

Für mein Empfinden spielt sich dieser Hype hauptsächlich in der Re-Edition von Rolling-Stones- und Genesis-Best-of-Boxen und Wiederveröffentlichungen vergriffener Lofi-/Minimal-Tapes aus den 80ern in den überflüssigen Like/Dislike-Ketten sozialer Netzwerke und in lebhaft formulierten Berichten der Hipster-Blogs ab.

Dass die Produktion von Platten angestiegen ist, lässt sich auch in den Musikabteilungen von Saturn und Media-Markt entdecken. Mit den kleinen Labels hat das jedoch nichts zu tun. Was ich konkret zu dieser Sache erlebt habe, ist, dass die kleinen Produktionsaufträge von den Labels, mit denen ich in Kontakt stehe, nach wie vor sehr lange dauern, sich ab und an der Verdacht aufdrängt, als ob sie verschoben werden, und es gibt Fälle, in denen Record-Release-Partys und Konzis trotz großzügiger zeitlicher Planung ohne die entsprechende Record stattfinden. Und damit endet das Erlebbare dieses sogenannten Hypes eigentlich bereits für mich.

Mag sein, dass er außerhalb meines musikalischen Freundes- und Bekanntenkreises stattfindet, doch beobachte ich dabei in meinem Rahmen nichts, was Minor, mir und meinen Label-Freunden in irgendeiner Weise nützt. Angestiegene Verkäufe bei kleinen Labels und nicht im Mainstream anzusiedelnder Musik sind damit auf keinen Fall gemeint.

Wenn es den Mainstream wieder auf Platte gibt, dann verliert sich der Indie- und Nischenwert noch weiter und wird letztendlich von der anderen Seite, hinter der eindeutig kapitalistische Interessen und demnach eine viel effizientere, vor allem aber erbarmungslosere Vermarktungsmaschinerien stehen, ausgelöscht werden. Public Enemy wussten es vor 20 Jahren schon und ich wiederhole es gerne: Don’t believe the hype!

Woher kommt der Drang, gerade elektronische digital erzeugte Musik so gezielt auf eben ein analoges Medium zu bannen? Einigen mag das anachronistisch erscheinen. Physikalische und somit haptische Präsenz ließe sich beispielsweise auch mit einem bespielten USB-Stick im Verbund mit Booklets, Postern, Stickern, Merch usw. erzeugen.

Das lässt sich mit Blick auf Minor nur ungenügend beantworten. Ich muss abwägen, wie viel Zeit ich in etwas investieren kann und wie viele Mitarbeiter ich habe, um solche durchaus spannenden Dinge umzusetzen und zu betreuen. Da ich allein bin und weder nachts beim Arbeitgeber den Plotter für Projekte nutzen kann, noch mich mit Programmierung und grafischer Gestaltung über die Basics hinaus auskenne, bleibt mir nur das, was möglich ist und womit ich mich nun nach all den Jahren des Lernens, Ausprobierens und Verwerfens einigermaßen klarkomme. Durch die bereits angedeutete schwierige Lage kann ich es mir nicht leisten, professionellere Unterstützung zu holen.

Ich hoffe natürlich trotzdem, dass das Endprodukt dann doch irgendwie überzeugt. Ich möchte meine Releases so herausbringen, dass ich mich, wenn ich als unbedarfter, neugieriger Musikinteressierter mit 16 über so etwas gestolpert wäre, gefreut hätte und begeistert gewesen wäre.

Welche Kriterien spielen bei der Auswahl der vertretenen MusikerInnen eine Rolle? Operiert Minor in einem eigenen kleinen verschworenen Netzwerk oder entsteht alles eher spontan? Aus welchen Kanälen kommen neue Ideen ins Spiel?

Es gab ein solches internationales Netzwerk und auch regen Austausch, doch mit dem Abtauchen einiger wichtiger Kontaktstellen im In- und Ausland ist dieses seit einigen Jahren deutlich am Einschlafen. Noise und Improvisationskrach spielte da eine wichtige Rolle und hatte somit einen starken Einfluss auf die CD-R-Veröffentlichungen von Minor. Falls man diese Richtung als Genre bezeichnen kann, so ist das definitiv eines, mit dem ich im Persönlichen noch das ein oder andere Versöhnungsbier zu trinken hätte.

Ich freue mich, wenn mich Musiker von sich aus kontaktieren. Ich frage manchmal bei befreundeten Labels an, was sich bei ihnen für Material einfindet. Und mancher Track wird dann an mich weitergeleitet, weil er in deren Programm oder Philosophie nur bedingt passt.Welche Philosophien schweben im Hintergrund mit, was sollen die Tonträger transportieren?

Elektronische Musik. Als Ausdruck von Kreativität, Schaffenskraft und Freude am Klang. Als Teil von subkultureller Bewegung, Interaktion und Reflektion. Als anfassbarer Tonträger für alle, die gerne schubladenübergreifende Musik hören, ohne griesgrämig zu murren, dass man das alles schonmal irgendwo gehört hätte. Für Musikinteressierte, die sich darüber freuen, dass es sie auf diese Weise noch gibt. Die das Auflegen als kleines Ritual handhaben, die sich dann auch das Booklet anschauen oder über Sticker freuen, die aus dem Sleeve herausfallen.

Das, was mich begeisterte, als ich 16 war, versuche ich weiterzuführen, um Menschen, die ähnliche Neugier und Begeisterung haben, eine Freude zu machen. Das waren und sind für mich Platten, mit denen man sich beschäftigen kann. Die nicht nur Musik, sondern auch ein paar Infos beinhalten: mit Booklets, Greetings, Splits etwas über Umfeld und Szene erzählen und mir mit Stickern, Postern und Geschichten die Möglichkeit geben, ein Teil davon zu werden. Da gehörte für mich auch immer dazu, bei kleinen Mailordern zu bestellen, mit Kumpels gemeinsam zu hören und nachzuforschen, Spuren zu entdecken und selbst welche zu hinterlassen.

Stellenweise herrscht im Programm gepflegte Konsistenz, hier und da aber auch Mut zur Lücke, zu fehlenden Katalognummern, verschobenen Veröffentlichungen, chronologischen Inkonsequenzen – all das macht den Katalog angenehm persönlich und sympathisch – kämpft da der Drauflos-Punk mit dem wohlsortierten Kunstliebhaber?

Ich bin kein Kategorisierungsfetischist, doch ich bevorzuge diverse Sortierungen. Mir haben verständliche Nummerierungen immer geholfen. Manche Musik passt aus bestimmten Gründen nicht zum Sound, den ich für Minor Label geeignet halte, soll jedoch trotzdem herausgebracht werden. Dafür gibt es dann neue Nummerierungsreihen oder Sublabels. Da ich keinen Zeitdruck habe, gönne ich einigen dieser Ideen auch eine Pause, um sie vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt fortzusetzen. Oder auch nicht, falls es sich nicht ergibt.

Die minor010 fehlt, weil das eigentlich dafür geplante Release nach viel Wirbel und großen Worten aus mehreren Gründen nicht das Licht der Welt erblickte.
In welche der beiden Kategorien mich diese Arbeitsweise nun schiebt, überlasse ich zufrieden nickend den anderen.

Wer entwickelt die Konzepte und Erscheinungsbilder der Veröffentlichungen, gibt es z.B. hausinterne Künstler hinter der Gestaltung?

Ja und nein – ich versuche immer, ein Release in Zusammenarbeit mit dem Musiker zu erstellen. Je nachdem stammt Artwork und Layout dann von diesen, oder wird, sofern das erwünscht ist, von mir gemacht. Die Bastelarbeit – Schneiden, Falten, Eintüten – übernehme aus logistischen Gründen meist ich, denn bei mir landen die Kisten mit den frischgepressten Scheiben. Als einzigen kontinuierlichen Helfer oder vielleicht auch Sachbearbeiter kann ich dich, LXC, nennen, der den Klang veredelt und bisher tapfer auch aus hoffnungslosem Brei noch das Beste herausgezaubert hat.

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  • Nicht Ganz Neu, Aber Definitiv Entdeckt: Minor Label | KRITIK AM LEBEN / 02. Dezember 2016 / um 16:55
    […] Nicht ganz neu, aber definitiv entdeckt: Minor Label […]

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