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Christoph
Christoph mag es, wenn es breakig und verspielt klingt. Nicht zu gerade. Als Kid Kozmoe legt er auch auf. Und heimlich produziert er eigene Tracks. Aber pssst.

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Drum and Bass Reloaded

17. November 2017 / Kommentare (0)

Aua Aua Ü30-Partys. Normalerweise gibt es keinen Grund, darüber zu berichten, außer sie entstehen so authentisch aus einer Underground-Szene heraus, wie bei der Drum and Bass Reloaded-Reihe.

Irgendwie wirkte es wie ein neckischer Spaß als 2013 zum ersten Mal zur Drum and Bass Reloaded-Nacht eingeladen wurde. Da durften von den lokalen DJs nur Tracks aus den Neunzigern und frühen 2000ern gespielt werden. Der Spaß und Zulauf war so enorm, dass sich daraus ein wichtiges jährliches Treffen der Leipziger Breaks-Szene entwickelt hat – auch für die U30-Raver. Doch die Reihe möchte sich nicht mehr nur in der Nostalgie suhlen und vergrößert sich erstmals in Institut fuer Zukunft. Was es damit auf sich hat, erzählen zwei der Veranstalter, Booga und Derrick, im Interview.

Im Techno gibt es übrigens auch Ü30-Partys: so treffen sich die Altraver zum Betreuten Raven oder den Basis-Erinnerungspartys ein bis zweimal im Jahr.

Ihr beide habt mit euren Aktivitäten die Leipziger Drum & Bass- und Jungle-Szene stark mitgeprägt. Wenn ihr auf die letzten Jahrzehnte zurückblickt: Was waren die Höhen und Tiefen in Leipzig? Und wie seht ihr die gegenwärtige Lage in Leipzig?

Booga: Meine Highlights waren ’97 und ’99 Kemistry (r.i.p.) & Storm als Team im Conne Island erleben zu können, 2001 DJ Marky und Stamina MC in der Tangofabrik zu veranstalten, jede Nacht mit Marcus Intalex (r.i.p.) und die Local Crew-Sausen der breaks.org Zeit von 2001-2003. Die Drum and Bass Reloaded Veranstaltung war gewissermaßen auch eine Reaktion auf die seit zehn Jahren merklich abkühlende Landschaft für das Genre. Außerdem sind Ü30-Veranstaltungen bekanntermaßen der Hit, da war eine Oldschool-Drum & Bass-Party überfällig.

Derrick: Da stimme ich Booga zu, auch wenn die vielbeworbenen Ü-30-Veranstaltungen alles andere als der Hit sind. Meine Drum & Bass-Highlights der letzten Jahrzehnte in Leipzig waren die Jungleistic-Rave-Serie im Conne Island Ende der 90er Jahre gefolgt von der Fridaylub-Serie in der Distillery – u.a. mit Dissident Sound aus Marseille.

Dazu auch der DnB Soudclash 2007 im Conne Island, Live-Drum & Bass Events wie Jojo Mayers Nerve 2004, Ulan-Bator-Geburtstage, wie der mit MC TC Izlam, Demolition Man und Dyer, breaks org im Island – die Liste ist lang.

Tiefen für die Leipziger Drum & Bass Szene sah ich in der Vergangenheit vor allem im Location-Mangel. Über einige Jahre hinweg gab es weniger als drei Locations, die sich für diesen Sound eigneten. Auch die Qualität der Anlagen fand ich lange Zeit ungenügend. Eine PA, die für House, Techno oder Bandmusik funktioniert, ist selten für Subbässe, wie sie Drum & Bass oder Dubstep strapazieren, geeignet.

Glücklicherweise hat sich beides in den letzten fünf Jahren verbessert. Es gibt spannende neue und reaktivierte alte Locations.

Und dass Bass-Musik vom Abbilden tiefer Bässe lebt, ist bei den meisten Soundtechnikern der Stadt auch angekommen.

Mehr noch: Eigenständige Soundsystem-Crews wie Plug Dub, Bssmssg, 2 Guys 1 Dub oder Bass Culture Audio gestalten Leipzigs Bass-Musik-Szene aktiv mit. Da wird viel Zeit, Geld aber vor allem Liebe zum Sound investiert.

Der Hype um Drum & Bass, wie wir es Ende der 90er bis Anfang 2000 erlebt haben, ist vorbei. Doch die Leipziger Bassmusik-Szene ist mit vielen neuen und einigen alten Bassheadz nach wie vor sehr aktiv und engagiert.Mit Juke, Footwork und Halfstep liegen die wesentlichen neuen Einflüsse im Uptempo-Bereich ja auch schon wieder ein paar Jahre zurück. Wo finden aus eurer Sicht derzeit die spannendsten Entwicklungen statt?

Booga: Vor der Haustür geht es los: Alphacut, Break The Surface, Boundless Beatz, Junglelivity, Defrostatica – das sind Labels, die sich kümmern und für Talente sehr offen sind und auch inhaltlich die Bandbreite von Drum& Bass aufzeigen. Auf Crew-Seite gibt es mit 2 Guys 1 Dub, Dub Logic, EaseUp und BreakOut gewissermaßen die zweite Generation.

Das gilt auch für die Veranstalterseite: Dark Drum & Bass Convention, die legendäre Bassmæssage, die 3Takter-Partys, die Impact-Reihe, die Defrostatica-Nächte, die Global Space Odyssey – nur um einige zu nennen. Wenn man da hingeht, bekommt man sehr viele spannende Entwicklungen mit.

Derrick: Für Leipzig stimme ich dem zu was Booga sagt. Was die spannendsten Style-Entwicklung angeht finde ich aktuell Releases von Labels wie Cosmic Bridge, Metalheadz, Amar und von Künstlern wie Amit, Dub Phizix, Kabuki, DJ Madd, Om Unit oder J:Kenzo spannend. Zwischen 160 und 170 BPM passiert produktionstechnisch in Sachen Bassmusik im Moment einiges.

Drum & Bass Reloaded wird diesmal im IfZ statt im Conne Island zu Gast sein. Wie kam es dazu und was wird den Besucher erwarten?

Booga: Im Kern ist Drum and Bass Reloaded ein erfahrener und liebevoller Blick zurück auf fantastische Hymnen und unterschätzt-rotzige Banger aus allen Spielarten von Amen über Jungle bis Tech-Step seit Beginn der frühen ’90er.

Wir haben die Drum and Bass Reloaded-Idee verfolgt, weil es in meiner Generation und auch in der nächsten Generation viele Menschen gibt, die großen Bock auf Klassiker über eine dicken Anlage haben. Das Format gab es so noch nicht und die Leute aus den alten Crews Ulan Bator, Rolling Sounds, Alphacut, Repertoire und Cuba Crew haben dann einfach 2013 losgelegt.

Konnte ja keiner ahnen, dass das publikumsmäßig so einschlagen würde.

Der Grund für den Location-Wechsel ist die seit langem gewünschte Erweiterung des Oldschool-Konzepts um neuere Drum and Bass-Musik. Wir können im IfZ drei Floors nutzen. Auf dem großen Floor wird das Kernkonzept mit Oldschool Drum & Bass fortgeführt.

Nun wollen wir aber auch die Chance nutzen, die Oldschool-Aficionados auf neue, geile Entwicklungen im Drum & Bass aufmerksam zu machen. Eine Konzeptaufweichung Oldschool und Newschool auf einem Floor schien uns keine gute Idee dafür. Also haben wir uns umgeschaut und mit dem IfZ einen Partner gefunden, der neben dem Oldschool-Floor einen weiteren Floor für aktuellen Drum & Bass und noch einen Barfloor für Breakbeat-Tunes mit weiterem Tempospektrum bieten konnte.

Derrick: So ist es. Das IfZ verfügt auf dem Hauptfloor außerdem über eines der besten Soundsyteme Leipzigs. Das Kirsch-Audiosystem macht richtig Bass aka Spass. Wer immer schon mal herausfinden wollte, wie 20 Jahre alte Oldscool-Jungle-Basslines sich 2017 auf einem High-End-Soundsystem anfühlen – am 21.11. ist Eure Chance.Vier Jahre Drum & Bass Reloaded: Gab es besondere Momente, die euch in Erinnerung geblieben sind? Oder bestimmte Tunes, die immer noch Gänsehaut erzeugen?



Booga: Vor zwei Jahren haben CFM und Francis ein Back-to-back-Set gespielt, das von der Auswahl der Tunes und dem Aufbau des Mixes dramaturgisch komplett auf den Punkt war – die haben hart mit meinen Gefühlen gespielt.

Eine Mischung aus „ich will einen Rewind“ und „um Himmelswillen, lass die einfach immer weiter spielen“. Dann gibt es Full Contact, zu dem gehört quasi Bill Rileys „Closing In“, keiner mixt wie Derrick Ganja Kru „Super Sharp Shooter“ und ich habe eine böse Schwäche für John Bs „Pressure“. Ich bin sehr gespannt, wie die ganzen Leute auf die IfZ-Anlage reagieren werden und welche neuen Hits auf dem Newschool-Floor entstehen. Lasst uns das mal rausfinden.

Derrick: Besondere Reloaded-Momente gab es so viele wie DJs und Reloads. Besonders erinnere ich mich aber an die Freude zu sehen, wie sich Soundkultur in Leipzig entwickelt hat. Nämlich wenn „alte“ Drum & Bass-Fans (30+) mit jungen Ravern und Bassheadz gemeinsam feiern. Die Energie und Euphorie aus der Golden Era des Drum & Bass kam zurück auf die Tanzfläche – Reloaded!

Außerdem: 2016 um 23:30Uhr – die 100Meter-Menschenschlange im strömenden Regen vor dem Conne Island. Meine perönlichen Gänsehaut-Tunes nach wie vor sind: „Can’t Punish Me“ von Dom & Roland und natürlich „Beneath The Mask“ von  Makai alias Kabuki & Mainframe.


Drum and Bass Reloaded 2017 / 21.11.2017 / Institut fuer Zukunft

Oldschool Floor
MCs: Amon & Phowa

Snoopy / Ulan Bator
Malcolm / Downtown Lyrics
Audite / Boundless Beatz
CFM / Repertoire
Derrick / Ulan Bator
Full Contact / Downtown Lyrics
Tronic / Nasdia

Future Floor – DnB Zeitgeist

Mary J / XXX
2 Guys 1 Dub
Heatwave / Dublogic
Madera / VariFocus
Booga / Defrostatica
Conscious Mind / ease up
Plastiks / Blackhill Production

Breakbeat floor – Wurzeln & Ausläufer

Tina / Kords + Kajal
Donis / Ilses Erika

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