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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Two Play To Play #1 – Uraufführung

18. Juni 2018 / Kommentare (0)

Anfang Juni war es soweit – im Mendelssohnsaal des Gewandhauses fand die Uraufführung der neuen Cross-Over-Reihe Two Play To Play statt. Martin Kohlstedt traf auf den GewandhausChor – und wir waren dabei.

Es ist super heiß an diesem Freitag, den 8. Juni. 30 Grad auch noch am frühen Abend. Der Mendelssohnsaal im Gewandhaus wirkt beim ersten Betreten einen Tick zu kühl klimatisiert. Leichter Nebel liegt im Raum – und eine gewisse Gespanntheit. Was wird an diesem Abend wirklich passieren? Wer bei einer der öffentlichen Proben dabei war, bekam bereits einen vagen Eindruck. Doch auch dort blieb es bei Fragmenten, bei vielen offenen Fragen. Rückblickend war es ein Luxus, so nah am Entstehungsprozess dieses experimentellen Projekts dabei gewesen sein zu dürfen.

Als sich die Saaltüren gegen 20 Uhr schließen, ist es der rund 70-köpfige GewandhausChor, der zuerst die Bühne betritt. Komplett in Schwarz gekleidet. Ihm folgt Gewandhausdirektor Prof. Andreas Schulz mit einem einleitenden Grußwort. Er wisse nicht, was heute passieren wird. Bewusst habe er die Proben nicht besucht – er wollte sich überraschen lassen. Eine Überraschung dürfte es wahrscheinlich auch für viele andere Besucher dieser ausverkauften Uraufführung sein. Er kündigt Martin Kohlstedt und Chorleiter Gregor Meyer auf die Bühne.Gedimmtes, blaues Licht fällt auf die Bühne. Martin Kohlstedt beginnt mit einem seiner Piano-Module, der Chor stimmt nach wenigen Augenblicken ein. Leise und subtil – aber seine Kraft wird unmittelbar spürbar im Saal. Viele der folgenden Stücke kenne ich aus den Proben, jedoch nur als lose Parts. An diesem Abend fügen sie sich endlich zu einem durchgehenden Fluss. Von Gregor Meyer, der in die Proben als sehr unterhaltsamer, super fokussierter und aufmerksamer Bändiger der verschiedenen Stimmen und Stimmungen auffiel, ist zur Uraufführung kein Wort zu hören. Er steht vor seinem Chor und lenkt die Dynamiken mit den Händen – und sicher mit seiner Mimik.

Etwas mehr als eine Stunde dauert das finale Programm nun und es macht deutlich, wie divers, experimentieroffen und anpassungsfähig der GewandhausChor ist. Er agiert kaum text-, dafür sehr soundbasiert. Mal wird er zum Synthesizer und erzeugt langsam modulierende Klänge, die sich nahtlos mit Martin Kohlstedts Klavierspiel verbinden. In einer anderen Phase überrascht er mit einer Art Choreografie. Das besondere bei der Uraufführung: Anfangs wird der fest getaktete Ablauf von Zischen, auf Bein und Brust klatschen sowie einem abschließenden Stampfen von Mikrofonen verstärkt – und dies macht die Choreografie noch schärfer, messerscharf. Zusammen mit dem roten Licht sowie der schwarzen Kleidung des Chors entwickelt dieser Moment eine bedrohliche, irgendwie politische Dimension. Wie der einstudierte Appell einer drohenden dunklen Macht.Es ist nicht der einzige dystopische Part dieser Aufführung. Generell fällt das Programm in seinem Gesamtdurchlauf überraschend düster aus. Mit jedem Stück wechseln zwar die Farbstimmungen, doch die Scheinwerfer fallen immer seitlich und eher von unten auf die Szenerie. Farbe und Schatten, Unschärfe und Präsenz. Dies gilt auch für die musikalische Verschmelzung der Welten. Immer wieder verzahnen sich die melancholischen Piano- und Elektronik-Sounds von Kohlstedt mit den Stimmen des Chors.

Doch es gibt auch Situationen, in denen deutlich wird, dass jede Seite die andere locker an die Wand spielen könnte – Kohlstedt mit seiner Elektronik, der Chor mit seiner Stimmkraft.

Besonders im letzten Drittel, als die Synthesizer mehr Raum bekommen, der Chor geloopt wird und es auch rhythmisch druckvoller wird.Einer der stärksten Momente das ganzen Abends findet in der Mitte statt: Der Chor löst sich plötzlich auf, die einzelnen Sänger*innen verteilen sich im Saal, jeder singt im Gehen weiter. Es bildet sich eine Mischung aus Chaos und spannender Polyphonie, schließlich kommt der Chor hinter dem Publikum zum Stehen. Nur Gregor Meyer bleibt die ganze Zeit auf der Bühne stehen, dreht sich nicht um – eine extrem starke Geste. Er ist der Fels, er bringt die Sicherheit. Nach einer kurzen Pause reicht eine kleine Fingergeste und der Chor positioniert sich wieder vorn auf der Bühne.

Zum Schluss werden die 70 Chorsänger*innen zu einem einzigen Körper. Sanfte, gleichmäßige Atemgeräusche erfüllen den Saal, werden immer langsamer, parallel dimmt das Licht wieder herunter. Danach: Drei Sekunden totale Dunkelheit und Stille. Als die Kronleuchter angehen, folgt tosender Applaus und Standing Ovations. Zurecht. Dieses Debüt von Two Play To Play ist voll aufgegangen, hat Gräben überwunden und ein Werk direkt aus der Gegenwart erschaffen. In der nächsten Saison wird diese Aufgabe übrigens Micronaut übernehmen. Ich bin gespannt, was kommt. Martin Kohlstedt und der GewandhausChor haben den Maßstab sehr hoch gesetzt.

Eine gute Nachricht noch: Wie im Blog von Two Play To Play zu lesen ist, wurde der Samstag und Sonntag nach der Uraufführung für Aufnahmen genutzt. Und es sind weitere Aufführungen abseits des Gewandhauses geplant.

Fotos von Markus Postrach und Christian Rothe

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