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Autor/-in

Antoinette Blume
Sekt oder Selters, Ambient oder Techno, Leipzig oder Berlin, lieber Lesen oder Schreiben - kein Entweder-oder, sondern alles, gleichzeitig und umgekehrt-nacheinander. Unter www.antoinetteblume.de erfahrt ihr an welchen Orten unsere Autorin liest, ausstellt oder was sie wo installiert. Foto: Flory Gruendig

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Heute leider nicht

15. Februar 2019 / Kommentare (2)

Ein Gastautor schreibt gemeinsam mit unserer Autorin Antoinette Blume über Rausch, Unerbittlichkeit, Krankmelden am Montag und Techno. Eine subjektive Wahrnehmungsgeschichte, die von Zeit zu Zeit von sehr bitteren Worten bestimmt ist, die Clubszene als den Mittelpunkt des Lebens begreift und dem Techno-Lifestyle alles andere unterordnet.

M. kenne ich flüchtig. Wie kaputt, wie drogenabhängig, wie intellektuell M. ist, hinterfrage ich nicht, brauche ich nicht. Oft gesehen, oft umarmt, hallo, tschüss, hast du vielleicht noch Speed? Follow me on Instagram. Eines Abends eine Nachricht, ein Text für mich. Den lese ich.

Was hältst du davon, was ist das überhaupt und was hat das mit Techno zutun? Viel, schreibe ich ihm. Wir treffen uns, er nimmt ein bisschen G, wir reden.

Lass uns da was draus machen, veröffentlichen, irgendwie, verbinden, zugänglich machen, sage ich. Ständig wird darüber geredet, sinnentleert bei jeder Afterhour geht es nur um Drogen, um Kaputtheit, um Beziehung und Geflechte, Gossip, wer was wie oft und wo, Namedropping, u know what I mean. Oder auch nicht.

Ich möchte diese Textfragmente, M.s Sicht auf die Technoszene dieser Tage, zeigen. Eine Chronik, ein Einblick ins Innere. Non-konnotiert, vielleicht kuratiert und_oder verbunden-unverbunden.

Wir machen das einfach, schreibe ich ihm. Ich bekomme immer wieder Texte, wir bleiben in Kontakt.

Auftakt

M. schreibt:

Ist die Technoszene die Subkultur mit den meisten Drogenabhängigen? Hier treffen sich verschiedenste Charaktere um sich mit Drogen abzuschalten. Eine Subkultur, in der es egal ist ob du weiß, schwarz oder asiatisch bist – hier kompensieren alle. Ob nun eine posttraumatische Belastungsstörung oder eine Depression – hier sind alle gleich und der unerbittliche 4/4 Takt macht uns alle zu seinem Sklaven und wäscht uns vermeintlich rein. Techno macht uns gleichwertig, ist aber nur ein temporärer Zustand und vor allem eine Fiktion. Die bittere Wahrheit wartet außerhalb des kalten, dunklen Gemäuers des Clubs. Jeder von uns setzt sich mit anderen Problemen im Leben auseinander und kommt damit nicht klar – die Flucht ist der düstere Keller, in dem man nicht fühlen muss, sondern einfach nur tanzt und sich den Schein-Emotionen des jeweiligen Pulvers hingibt.

Das letzte Mal / Reisebericht / Trip

Ping. Eine neue Nachricht.

Über 36 Stunden Dauerrausch. Ich komme in die Eingangshalle des Clubs und ziehe mir meine halbwegs gesellschaftstauglichen Klamotten an, zwei Sofas weiter schreit eine Frau ‚Aua‘ und ‚Hilfe‘ während genervte Türsteher versuchen sie wieder aufzurichten. Ich packe meine Sachen in meinen Rucksack, lasse meine kurze Hose liegen, bekomme einen Abschiedskuss von einem Mädchen, mit dem ich mich während der Party wohl gut verstanden habe und warte auf einen Freund, der noch irgendwo im Darkroom sein soll… 

Irgendwann gehe ich alleine los und treffe ihn später, dort, wo unser Bus nach Hause abfahren soll – 50 Minuten Verspätung – mein ‚Partner in crime‘ kotzt hinter die Blumenkästen eines Hotels, während wir in der Kälte warten. Ist das der Hedonismus, von dem alle reden? Wir kommen irgendwann an, es ist mittlerweile Montag. Ich hätte noch 3h bis ich zur Arbeit müsste. Hätte, müsste. Lege mich ins Bett und melde mich später krank.

Tag zwei des Drogengelages, es folgen noch drei weitere Tage. Ich sitze bei meinem besten Freund auf der Couch und schaue mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Zukunft bedeutet bei mir die nächste Woche. Ich lebe im Moment. Frei. Jung. (Un)abhängig. Leih ich mir gerade die gute Laune der nächsten Woche oder bin ich nüchtern immer mies drauf?

Immer wieder weiter

Wochenend-Marathon. Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache aber trotzdem bin ich aufgeregt, angespannt, voller Motivation. Ich sitze im Fernbus nach Berlin. Hier gehen die Partys länger als in Leipzig. In den letzten Tagen bin ich nur zu zehn Stunden Schlaf gekommen, fühle mich aber trotzdem relativ gut. War gerade auf der Toilette des Busses und habe meine Fanta mit G veredelt. Schmeckt nicht, lohnt sich aber. Irgendwoher muss ja die Motivation für die folgenden 40 Stunden kommen. Spätestens im Club werde ich nicht mehr zu halten sein, denn ich tanze gerne durch. Auf Technopartys rede ich nicht viel, meine Freunde wissen, wo ich tanze und können sich gerne zu mir gesellen. Aber ich bin gerne alleine mit der Musik, die wohl das Einzige ist, was mich im Leben antreibt…. Gespräche, die sich anfühlen als hätte man davon einen Mehrwert, kann ich später auf einer Afterhour führen. „Ekelhaft“, denke ich, während ich einen Schluck trinke. Die Fanta? Oder ich?

Ich schreibe ihm: Keep the good work comin‘! Aber es wird dich runterziehen. Ziehen, haha. Wir sollten eine Brieffreundschaft pflegen. Oder eine Kolumne. (…) Und… du solltest weniger Drogen nehmen, das hört sich alles sehr zerstört an. Nicht zerstörerisch, nein, ZERSTÖRT.

-Was geht es dich an? 

Dann schreib mir, wenn du Texte hast.

-Mach ich. 

Anmerkung: Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:

Suchthilfe Leipzig (Stadt Leipzig)

Übersicht regionaler Hilfsangebote (erstellt von DrugScouts)

Übersicht überregionaler Hilfsangebote (ebenfalls erstellt von DrugScouts)

CommentComment

  • sociotechnical-system / 17. Februar 2019 / um 00:45
    "surprise surprise" .
    und was soll das jetzt mit uns machen ?
    oder schauen wir einfach nicht hin .
    like always
  • Booga / 15. Februar 2019 / um 18:32
    "Aber ich bin gerne alleine mit der Musik, die wohl das Einzige ist, was mich im Leben antreibt…"

    Ein Satz wie ein Lichtblick.

    Dennoch so wenig Musik, soviel anderes.

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