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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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„Wir repräsentieren nicht nur die Feierkultur der elektronischen Musik“ – Global Space Odyssey

18. Juli 2012 / Kommentare (1)

Am 21. Juli startet die Global Space Odyssey wieder am Connewitzer Kreuz, um einmal quer durch die Stadt für die Belange der freien Szene zu demonstrieren. Wir hatten ein paar Fragen, Sascha Heyne beantwortete sie.

Die Global Space Odyssey gehört mittlerweile fest zum Leipziger Jahreskalender. Was ich nicht wusste war, dass sie bereits seit 2001 existiert. Damals noch als Teil des Global Marihuana March. Heute ist die Global Space Odyssey in ihrem thematisch breiten Anspruch zu einem Unikum avanciert – anders als Shit- oder Hanfparade, auch anders als der Karneval der Kulturen. Ähnlich ist jedoch der Spaß, der trotz der Ernsthaftigkeit auf die Straßen Leipzigs gebracht wird.

Nach einer Pause 2007 kümmert sich seit 2008 ein neues Team um die Organisation und Themensetzung der GSO. Und zunehmend reicht das Engagement über die reine Demonstration hinaus. Zeit also einmal kurz resümieren und hinter die Kulissen zu schauen. Sascha Heyne alias Sencha vom Organisationsteam fand die Zeit für ein paar Antworten.

Die GSO hat in den vergangenen Jahren immer konkreter und ausführlicher Themen gesetzt und ihr Engagement auch über die reine Demo verstärkt – hat sich das Selbstverständnis verändert?

„Das Selbstverständnis der GSO hat sich in den vergangenen Jahren sicherlich geändert. Seit wir uns als Orga-Team vor fünf Jahren neu formiert haben, ist auch das Verständnis dahingehend gewachsen, dass es für uns nicht nur um diesen einen entscheidenden Tag im Jahr geht, an dem wir alle gemeinsam auf die Straße gehen, um für kulturelle Vielfalt, Freiheit und Selbstbestimmung zu demonstrieren.

Wir beobachten die kulturpolitischen Entwicklungen in der Stadt sehr genau, melden uns dann auch zu Wort oder informieren über unsere Netzwerke über aktuelle Ereignisse oder Prozesse in Leipzig. Zudem wollen wir die GSO auch immer sinnvoll ‚durch den Winter bringen‘. Zum Beispiel durch gesonderte Plakataktionen oder die kontinuierliche Erarbeitung eines nachhaltigen Freiflächenkonzepts für Veranstaltungen, die sonst teils in die Illegalität gedrängt werden würden.“

Wie werden Themen gesetzt?

„Die Themen ergeben sich meist aus der Situation heraus, die uns umgibt. Also in erster Linie meint dies uns als Orga-Team, da die meisten auch einen ’subkulturellen‘ Hintergrund mitbringen, egal ob als DJ, Veranstalter oder einfach, indem sie sich irgendwie in der „freien Szene“ bewegen. Und da der Begriff Kultur auch mit Lebensumständen außerhalb vom Feiern zu tun hat, spannt sich der thematische Bogen entsprechend weiter.

Dass die GEMA dieses Jahr weit oben auf der Liste stand, ist nachvollziehbar. Sorgt doch die Tariferhöhung für bedrohte Existenzen unter den Clubbetreibern und ebenso für empfindliche Einschnitte bei der Partykultur allgemein. Und das nicht nur in Leipzig, sondern bundesweit. Was wir dieses Jahr noch stärker in den Fokus rücken möchten, ist das Problem fehlender Bandproberäume in unserer Stadt. Gerade weil die GSO häufig nur mit elektronischer Musik gleichgesetzt wird, war es uns wichtig, hier auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Denn wer sich unsere Aufrufe zur Demo durchliest, wird merken, dass wir keinesfalls nur die Feierkultur der Sparte elektronischer Musik repräsentieren.

Letztlich war es dieses Jahr auch ein wichtiges Anliegen, uns selbst ein wenig zu reflektieren, was einer unserer Broschürentexte zur diesjährigen GSO sehr gut widerspiegelt. Denn es geht nicht immer nur ums Einfordern: Wir alle können selbst schon wichtige Akzente für ein besseres Miteinander setzen.
Außerdem kommen viele GSO-Themen jedes Jahr erneut auf den Tisch, weil sich eben in gewisser Hinsicht nichts oder zumindest viel zu wenig seitens der Stadtverwaltung verändert.

Schaut man sich nur die Entwicklung der Clubkultur Leipzigs an oder denke eben an das angesprochene Freiflächenkonzept, das schon seit geraumer Zeit durch blockierende Ämter ins Stocken geraten ist, weiß man, warum man das macht. Auch die Hürden, die wir mit den Clubs für unsere Aftershow-Partys vor drei Jahren zu nehmen hatten, gossen natürlich von Seiten der Ämter noch einmal zusätzliches Öl ins Feuer: völlig kurzfristig gab es ein Veranstaltungsverbot für Gieszer16, DHF und das Superkronik.

Abgesehen davon arbeiten wir mit dem Ordnungsamt stets gut zusammen, auch wenn nicht immer jede von uns vorgeschlagene Demonstrationsroute abgesegnet wurde oder uns die ein oder andere Auflage für die Durchführung der Demo übertrieben scheint. Auch die Absprache mit der Polizei während der GSO lief die letzten Jahre durchaus gut.“

Wie hat sich die Wahrnehmung entwickelt – speziell die Akzeptanz der Stadt gegenüber der GSO?

„Speziell meinst du sicher auch die Außenwahrnehmung der Global Space Odyssey. Das ist für uns ein wichtiger Aspekt, an dem wir in den letzten Jahren stets dran geblieben sind, um eine Schnittstelle zwischen den Themen, die uns am Herzen liegen und dem richtigen Zugang nach ‚außen‘ zu entwickeln. Es bringt ja nichts, sich hinzustellen und erst einmal prinzipiell ‚anti‘ zu sein.

Wir wollen ganz einfach an der Entwicklung der Stadt teilhaben und diese mit gestalten, Freiräume schaffen, für ein respektvolles und tolerantes Miteinander werben. Uns liegt es sehr am Herzen, was in Leipzig passiert und wollen nicht zusehen, wie es sich in eine Richtung entwickelt, die eher Konsum und Vermarktung hinterher rennt und die Menschen selbst dabei zurückbleiben. Dies sind wichtige und absolute legitime Forderungen und Wünsche, die wir auf kritische aber eben auch auf bunte Weise auf die Straße bringen wollen.

Auch wenn die Medien hier und da gern wieder das Bild einer inhaltslosen Spaßparade zeichnen, wird uns das nicht davon abhalten, diesen Themen weiter Gehör zu verschaffen. Wir sind immer bemüht, das so auszubalancieren, dass die Message ankommt. Und ich hoffe, das gelingt uns von Jahr zu Jahr besser.

Im Übrigen haben wir heute Morgen dem Oberbürgermeister Burkhard Jung eine Einladung zur Global Space Odyssey geschickt. Quasi als Reaktion auf seine PR-schwangere Antwort zu einem recht guten Artikel von Robert Schimke in der ZEIT. Wir sind gespannt, ob er kommt und seinen Blick auf die Dinge, die wirklich in dieser Stadt vorgehen, ein wenig schärft.“

Gibt es einen festen Kern an mitgestaltenden Leuten oder wechselt es jährlich?

In der jetzigen Gruppe arbeiten Viele von Anfang an mit – also über die letzten vier bis fünf Jahre. Es kommt natürlich immer wieder vor, dass jemand durch Studium oder Job zu sehr gefordert wird und mal aussetzen muss. Alles in allem kann man aber sagen, dass die Zusammenarbeit trotz eines recht bunt zusammen gewürfelten Haufens wunderbar klappt. Ab und zu gibt es Diskussionen, aber immer sehr von Akzeptanz geprägt. Das macht das Arbeiten sehr angenehm. So sollte es auch sein, immerhin machen wir das alle in unserer Freizeit und für lau. Wenn es dann Spaß macht und man Ergebnisse sieht, ist das auch vollkommen okay.

Trotz allem ist die GSO über die letzten Jahre ziemlich gewachsen: sowohl inhaltlich, was die Themen und die Umsetzung nach außen angeht, als auch die Demo an sich. Wir reden mittlerweile von über 3500 Menschen, die begleitet von vielen bunten Wagen durch die Straßen Leipzigs ziehen und ihre kritische Stimmen bzw. Füße erheben. Das erfordert natürlich wiederum ein wacheres Auge für die Organisation der Demo. Daher haben wir vor ein paar Monaten zu einem Infotreffen geladen, um neue Leute für unser Team zu gewinnen. Und das hat auch prima funktioniert. Wir sind jetzt um ein paar kluge Köpfe und helfende Hände reicher.

Global Space Odyssey Website

CommentComment

  • Adelina Horn / 24. Juli 2012 / um 10:24
    Ich war dieses Jahr auch erstmals dabei und fand es eine ganz tolle Aktion. Die Stimmung war toll und man hat einen guten Zusammenhalt gespürt. Auf der einen Seite ein schönes Konzept eine derartige Parade in Form eine Demonstration aufzuziehen, aber ich befürchte dennoch, dass die Vielzahl der Leute mehr zum Feiern an dem Umzug teilnehmen, als tatsächlich mit den Zielen der GSO vertraut zu sein. Super finde ich auch, dass die Aftershowparty der Refinanzierung der Demo dient!

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