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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Neue Kampagnen-Helden

17. September 2013 / Kommentare (6)

Es ist Wahlkampf draußen und überall Kampagnen. Auch die Distillery befindet sich mitten im Kampagnen-Business.

Im Prinzip ist die Distillery seit letztem Jahr Teil einer Dauer-Kampagne, teilweise unfreiwillig. Erst die 20 Jahre-Feiern, dann die Crowdfunding-Überraschung durch den Doku-Film, dieses Jahr die groß kommunizierten Sorgen um den aktuellen Standort und eben die Premiere des fertigen Films vor wenigen Wochen.

Neulich interviewte der Lokalsender Info TV Steffen Kache und neben den kampagnengemäß oft gehörten Argumenten und Tatsachen blieb mir sein letzter Appell am meisten im Gedächtnis.

Er meinte: wenn jemand einen Politiker kennt, solle er ihn auf die Probleme der Distillery hinweisen – Lobby-Arbeit eben. Gestern folgte ein dreiseitiger offener Brief an den Stadtrat. Es gibt einen Antrag, der von drei Fraktionen getragen wird und über den am morgigen 18. September abgestimmt verlesen werden soll. Aktuell läuft auch eine Online-Petition.

Die Clubkultur nun also mittendrin in der angewandten Interessenpolitik, auf der gleichen Stufe wie Lobbyisten, die sich gegen Automauten etc. winden.

Aus Kampagnenperspektive läuft es gerade gut für die Distillery – die Identifikation aus der Szene ist so groß, wie schon länger nicht mehr, überall Zuspruch und Sympathiebekundungen. Und es sei ihr auch keineswegs missgönnt.

Nur ertappe ich mich derzeit beim Erkennen, dass die Mittel der politischen Einflussnahme sich hier nicht grundlegend von denen unterscheiden, denen viele gemeinhin skeptisch gegenüber stehen. Obwohl es konforme Mittel sind und obwohl die große Wirtschaft sie sehr viel früher und effektiver für sich zu nutzen wusste.

Im Fall der Distillery wird deutlich, dass die Gegenüberstellung von subversiver Sub- und professionalisierter, politischer Einflusskultur nicht mehr funktioniert. Die Professionalisierung der Clubkultur brachte bei manchen Akteuren auch gefestigtere Lobby-Strukturen mit sich.

Vielleicht sollte neben der zu wünschenden gesicherten Zukunft der Distillery auch hinterfragt werden, ob unsere mehr oder weniger ausgeprägte Lobby-Antipathie relativiert werden sollte. Denn jeder trägt Einzelinteressen mit sich herum, die an manchen Stellen auch vehementer einzeln vertreten werden, Demokratie eben.

Distillery Website

CommentComment

  • FensterZumHof / 18. September 2013 / um 20:00
    Da kann man dir nur zustimmen Andreas.
    Probleme wie die GEMA-Reform waren da der erste Schritt um zumindest auf Veranstalterebene zu begreifen,wie wichtig Vernetzung ist. Die Veranstalter organisieren sich bundesweit immer zahlreicher in der LiveKomm, in Leipzig gibt es mittlerweile einen LiveKomm-Stammtisch. Aber auch da merkt man,dass es aus verschiedenen Ecken Vorbehalte gibt, weil man mit xyz nicht kann, obwohls trotz Konkurrenz schlichtweg darum geht, die gemeinsamen Überpunkte die alle betreffen auch zusammen anzugehen. Da ist schon ein stark ausgeprägtes Misstrauen o.ä. zu spüren und warum das über die Jahre so gewachsen ist,ist wirklich ne gute Frage.
    Wie du so schön sagst,es gibt genügend Probleme die man durchaus gemeinsam bewältigen kann. Es ging in dem Post vielmehr darum, wie man diesen Lobbyismus transparenter machen kann sodass es eben kein heimliches Gemunkel mit Kartell-ähnlichen Zuständen wird.
  • andreas / 18. September 2013 / um 10:24
    "Vielleicht sollte neben der zu wünschenden gesicherten Zukunft der Distillery auch hinterfragt werden, ob unsere mehr oder weniger ausgeprägte Lobby-Antipathie relativiert werden sollte."

    berechtigter punkt, der meines erachtens die gut angelegten (aber längst nicht ausgeschöpften!) mitbestimmungs- und einmischungsinstrumente des tille-engagements auch nicht in frage stellt. im gegenteil, als ebenfalls im leipziger kultur-sumpf steckender ist mir aufgefallen, dass der unterschied zwischen einer vitalen und in mehrer hinsicht erfolgreichen (z.b. stilbildend oder kommerziell erfolgreich) musikszene wie in berlin oder hamburg und einer "nur" vitalen musikszene wie in leipzig die vernetzung ist. und zu vernetzung gehört nun einmal lobbyistentum: sich als interessengemeinschaft trotz differenzen verstehen und kommunizieren anstatt sich aufgrund von dann doch relativ oberflächlichen geschmacksurteilen zu distanzieren. eher auf gemeinsamkeiten als unterschiede zu blicken.

    die entwicklungen der vergangenen monate inkl. der kommunikationen rund um anothersoundispossible, täubchental und auch die elektrokonsumenten habe ich trotz prinzipieller offenheit in diese richtung bei 2 von 3 als gegenteilig dazu empfunden: die leipziger musik-szenen sind weder branchenübergreifend (live, produktion, distribution) noch genreübergreifend kurz davor, ihre interessen gebündelt vorzutragen und zu kommunizieren. und da gäbe es mit gema-stress, drohender KSK-abschaffung, ordnungspolizeilichen ausfällen. etc. genug, das alle beträfe.

    nun ja, die macherinnen sind eben auch nicht einfacher zu mobilisieren als die fans & unterstützer, um deren aktivität sie sonst werben.
  • Katja / 17. September 2013 / um 17:16
    Ich mag kein Linksradikale und keine vom rechten Rand sein...nein ich mag eben keine Molotovs werfen und keine Menschen umhauen...ich muss zugeben da ist mir mein aufrechter Gang lieber, auch wenn ich mir eingestehen muss, dass meine Meinung demokratisch einordbar sein muss und ich im bestehenden System mit legalen Mitteln darum kämpfen muss....dann kann ich auch das System ändern - Optimist eben....also onlinepedition, angemeldete Demos und Disskusionen und so zeug mitmachen und sich einmischen.... Demokratie heißt für mich auch - aktzeptieren, dass ich nicht die Mehrheiten auf meiner Seite habe und nicht gewinne...
  • FensterZumHof / 17. September 2013 / um 15:04
    Hey Jens,
    morgen ist erstmal die 1. Lesung, die Entscheidung über den Antrag fällt erst am 16.10.
    Was die Lobbyarbeit angeht. Das ist schon echt ne harte Nuss so rangehen zu müssen. Spass macht das auch keinem, eben wegen dem von dir beschriebenen Zwiespalt.
    Leider funktioniert das im jetzigen System, will man auch nur den Hauch einer Chance haben, gar nicht anders. Auch wenn jetzt Lobbyarbeit betrieben wird, so wäre es doch mehr als wünschenswert wenn das in absehbarer Zeit transparenter wird und das gesamte System partizipativer.
    Die Frage ist nur: Wollen das die Leute/WählerInnen wirklich? Onlinepetitionen sind heutzutage schnell unterschreiben, aber ist der Wille auch da weiter zu gehen? Oder anders gefragt: Ist der momentane Status Quo schon unbequem genug, damit sich die Menschen bewegen?
    Am Ende gehts um mehr als nur die Distillery, das muss allen klar werden. Es geht an diesem Beispiel tatsächlich ziemlich eindeutig um unser Recht auf Stadt und Mitbestimmung. Kurz um, es bleibt spannend ...
  • basti / 17. September 2013 / um 14:39
    Ich wähle doch genau deshalb meinen lokalen Bundestags-/Landtag- oder Stadtratsvertreter damit dieser meine Interessen vertreten kann. Wenn dieser merkt oh da kommen jede Menge Leute in mein Büro denen diese Sache wichtig ist und er sich deshalb um eine Lösung bemüht, ist dies etwas gänzlich anderes als wenn wenige, finanziell gut ausgestattete, Lobbyist hinter verschlossenen Türen für ihr Anliegen werben... oder?
    Aber trotzdem ein interessanter Vergleich :)
  • Richard / 17. September 2013 / um 12:57
    Das kommt für viele jetzt bestimmt überraschend. ;)

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