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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Sonntagsdiskurse

15. Juni 2014 / Kommentare (6)

Zwischen zwei Bassdrums bleibt meist wenig Platz für Diskurse. In dieser Woche kamen aber zwei spannende Themen auf.

Nicht unbedingt mit Leipzig-Bezug. Doch allgemein genug, um sie auch auf die lokale Ebene herunterzubrechen. Die aktuelle Groove-Ausgabe thematisiert über fünf Doppelseiten die sich verschärfenden Tendenzen zu immer höheren Künstlergagen, Pop-Star-adäquaten Entourage-Wünschen, einer globalen Monopolisierung der Agenturen und Top-DJs.

Der „Techno-Kapitalismus“ ist nicht neu und nicht per se verwerflich. Nur hat er in den vergangenen Jahren wohl noch einmal an Irre gewonnen. Wenn die Artist Alife-Bookerin Katrin Schlotfeldt (Chris Liebing, Loco Dice, Tale Of Us vertritt sie) meint, dass „wenn eine Anfrage aus Plauen kommt, können wir da keinen Großen hinbuchen,“ lässt sich natürlich entgegenhalten, dass Leipzig nicht Plauen ist. Aus Sicht der global aufgestellten Agenturen dürfte der Unterschied jedoch nur marginal ausfallen.

Einen Sven Väth oder Ricardo Villalobos gibt es demnach nur in einem Festival-Rahmen wie dem Think zu erleben. Oder eben weiter entfernt auf einem anderen großen Festival mit quasi jährlich identischen Line-ups. In der Distillery spielte Richie Hawtin zuletzt 2006. Andererseits: wer braucht die Hawtins und Väths wirklich? Der gemeinsame Nenner. Ist auch wichtig, gehört zum Pop, zum Mittelmaß.

Die interessanten Wagnisse und Neuauslotungen finden jedoch woanders statt. Hier wird es aber auch zunehmend problematisch für die Clubs und Veranstalter. Denn anscheinend steigen auch die Gagen für Underground-DJs und Soundcloud-Newcomer exponentieller als zuvor.

Allerdings scheint in dem Bereich noch mehr Verhandlungsspielraum zu bestehen, immerhin ist Leipzig nicht arm an derartigen Party-Line-ups. Dies bestätigen auch einigen Aussagen in der Groove: von den globalen Bookings der Großen profitieren die Underground-DJs auf der Suche nach regelmäßigen regionalen Auftrittsmöglichkeiten.

Ganz aus dem Rahmen der fortschreitenden Professionalisierung der Clubkultur fallen die Nebenher-DJs. Die Leipzigerin Smilla weist im aktuellen kreuzer daraufhin, dass „Nicht-Berufs-DJs“ kaum noch Slots in den Clubs bekommen. Sie würden eher an die DJs vergeben, die mit den Gagen ihre Miete zahlen müssten.

Wie auch immer: aus Leipziger Sicht scheinen die sich hochschaukelnden Kapitalismus-Gedanken der Groove weit entfernt. Es gibt keinen Mega-Club vor Ort. Und bis auf Moon Harbour, Matthias Tanzmann und Daniel Stefanik kaum einen Ibiza-Akteur.

Aber: Clubmusik ist wieder nahe am Pop. Darauf deutet auch der zweite interessante Beitrag in dieser Woche – veröffentlicht ursprünglich im Conne Island-Newsflyer, re-issued von Das Filter.

Mariann Diedrich sieht das noch recht junge Boiler Room-Format als „zeitgenössisches Pendant des früheres Top of the Pops“. DJs und Live-Acts im schön geordneten, virtuellen, jederzeit klickbaren Pseudo-Club-Kontext. Spannend ist hier aber weniger die Weiterführung der Pop-Mechanismen und die abnehmende Experimentierlust des Formats, sondern die Veränderung des Erlebnisraums Club durch die digitale Social-Media-Durchdringung.

Alles ist verfügbar. Sogar der Club mit allen erdenklich guten Acts. Das Ober-Line-up, ständig abrufbar für das „Kollektiv Online“. Mariann Diedrich dazu: „Das Bekenntnis dieser Generation entblößt sich, wenn Clubschwärmer das musikalische Nachtleben, welches sie bekanntlich als Refugium vor der gesellschaftlichen Realität für sich beanspruchen wollen, freiwillig einem medial-öffentlichen Voyeurismus übergeben und das Bedürfnis nach Entkoppelung dem Online-Wahn des Zeitgeistes untergeordnet wird.“

Kameraverbot für den ungestörten Exzess hier, gestylte Inszenierung für die weltweit ausstrahlende Webcam da. Eine super Dichotomie. Und weiter: „Momentan verlagert sich der Diskurs auf eine […] viel öffentlichere Ebene, wenn nun selbst die Grenzen des subkulturellen Biotops aufgegeben und die finale Banalisierung und Trivialisierung der Clubmusik ohne Wimpern zucken tot gefeiert werden.“

Hier frage ich mich aber, ob nicht eher die digitale Eigendynamik durch Smartphones und Social Media einen größeren Einfluss auf die genannten Thesen hat als ein Format wie Boiler Room. Die Aufhebung der privaten Grenzen und der subkulturellen Refugien liegt maßgeblich in den eigenen Partygasthänden.

Boiler Room spielt der Pop-Werdung und Professionalisierung der Clubkultur in die Karten – Top of the Pops trifft es hier sehr gut. Das Erlebnis Club gerät jedoch durch tausendfaches privates Broadcasten und Selfien ins Triviale.

Die Woche zeigte: es ist durchaus viel Diskursraum zwischen zwei Bassdrums.

CommentComment

  • kosmoe / 20. Juni 2014 / um 10:51
    naja andi, die preis-diskussion gab es schon immer. auch bei 5 oder 7 euro gab/gibt es besucher, die am einlass um einen günstigeren preis feilschen. in leipzig gibt es aber meiner meinung nach durchaus günstige bis kostenlose alternativen, wenn man sich nicht auf einen bestimmten sound oder club einschränkt. und selektieren ist auch nicht verkehrt, dann freut man sich auf seine lieblings-djs umso mehr ...

    dass clubs und veranstalter wirtschaftlich arbeiten müssen, ist keine neue erkenntnis. dass artists mehr geld verlangen, ist auch nicht so verwunderlich, da mit den releases nicht mehr genug geld verdient wird (außer bei irgendwelchen superstars).
  • andi / 19. Juni 2014 / um 16:21
    Sehr gut was hier thematisiert wird. Gagen steigen und der Zutritt zum Club wird auch teurer, zumindest eine Beobachtung der letzten 2 Jahre in L. Mittlerweile muss das Vergnügungen suchende Wesen schon öfters 10 Euro zahlen (vorher 5 bis 7 €), da kommen noch Getränke dazu. Kann man auch gleich in die Großraumdisse gehen:-) nein Scherz. Andere sagen: Ja, in der und der Stadt ist das schon lange so. Eigentlich schade so, der Kapitalismus zehrt an jedermanns Ressourcen. Die Betreiber haben mehr Ausgaben und wer Vergnügen sucht muß zahlen. Bedauerlich, daß da nicht alle mithalten können und dann ausgeschlossen sind aufgrund von Ressourcenmangel. So funktioniert das doch im Kapitalismus oder? Was mal anfing mit "wir haben Spaß gemeinsam" ist vielerorts zum Geschäft geworden. Aber nichts und niemand zwingt Eine/n dazu daran teilzunehmen. Das kann doch mal lebhaft diskutiert werden.
  • Jens / 17. Juni 2014 / um 13:39
    Hey Kosmoe,
    nein, das ist mit dem Layout nicht möglich. Aber ich werde jetzt immer eins der gelben Badges setzen, wenn sich in einem Artikel eine Diskussion entspinnt. Danke für den Hinweis.
  • kosmoe / 17. Juni 2014 / um 13:36
    Hallo Jens,

    mal in eigener Sache: Man bekommt nicht mit, ob sich in den Kommentaren Diskussionen entwickelt. Gibts nicht ne Möglichkeit, auf der Startseite die letzten Kommentare aufzulisten?
    Läuft da ne Diskussion eigentlich über Facebook? Krieg ich leider nicht mit.
    Zum Thema Bookings wären ja Beiträge von Veranstaltern sicher interessant, kann ich aber verstehen, wenn die sich bedeckt halten.
    Mir kommt das Boiler Room Konzept seltsam vor. Sieht immer nach ner öden Party aus, alle stehen rum und wippen n bisschen in die Kamera. Wobei sich das bis auf die Kamera auch nicht von vielen House-Minimal-Tech-Parties unterscheidet ...
  • Jens / 17. Juni 2014 / um 11:00
    Und noch ein Beitrag bei Facebook zum Thema:

    Der Boiler Room Beitrag wirkt irgendwie so, als hätte man da jemanden sein exklusives Clubgefühl weggenommen. Elektronische Tanzmusik ist auch ohne den Boiler Room Mainstream geworden. Mainstream heisst doch aber nicht gleich scheiße. Sind dann halt nur n paar mehr Leute. Warum das coole Feeling nur bleibt wenns "Underground" ist, würde mal interessant zu hören sein.
    Ist am Ende doch auch egal wer da hinten rum hampelt, gibt die einfache Wahl sich nur der Audiospur hinzugeben. Und da gab es wie überall großartige,durchschnittliche,schlechte und gute Sets. Der Verweis auf das Studio R klingt dementsprechend auch mehr nach: Das sind die guten, weil sie sind nicht die Masse.
    Jetzt den Boiler Room zu verhauen ist sehr einseitig betrachtet. Das Internet an sich hat viel verändert. Man geht schon mit nem gewissen Anspruch in den Club, man weiß was man hören will. Das war sicher mal offener, vielleicht aber auch nur anders. Nichtsdestotrotz hebt es vielleicht auch das Level.

    Wer es nicht schafft innerhalb von ner Stunde ein cooles Set zu bauen, der/die sollte sich auch mal in Frage stellen. Denn auf ne gewisse Art und Weise ist das auch ne Challenge. Die kann man annehmen oder auch nicht, aber es gibt genügend Beispiele die aufzeigen dass man in einer Stunde viel präsentieren kann!

    Btw.: Die 5 Minuten Groove Video sind zusammengetragene Schnipsel, das ist genauso manipulativ wie n Festival Recap. Wie man davon auf Gefühle ,Sympathie oder in sich verlorene Menschen schließen kann ist echt ein Rätsel. Ist vielleicht aber auch einfach nur gut die Buddys von der Groove mal abzukumpeln
  • Jens / 17. Juni 2014 / um 10:59
    Beitrag übernommen von Facebook:

    Bisschen viel diffuses Gejammer um "Online-Wahn & Online-Dogma" im Newsflyer. Der Perspektivwechsel der am Ende dieses Artikels (http://www.lrb.co.uk/v36/n11/julian-stallabrass/on-selfies ) beschrieben wird ist interessant: "With this increase in awareness potentially comes a shift in power: from the paparazzi to their prey." - alle werden bessere Kritiker der Bilder die uns umgeben.

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