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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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1 Jahr Institut fuer Zukunft – Interview

29. April 2015 / Kommentare (9)

Seit einem Jahr gibt es das Institut fuer Zukunft. Zwischen anfänglichem Hype und unterschwelligem Mythos ist der Club mittlerweile in der Club-Realität angekommen. Zeit für ein erstes Resümee, Zeit für ein Interview.

Am ersten Mai-Wochenende 2014 eröffnete mit dem Institut fuer Zukunft ein Club, der noch vor seiner Eröffnung so viel Aufmerksamkeit auf sich zog, dass die Erwartungen entsprechend hoch ausfielen. Dass hier ein besonderer Ort für Leipzig entstehen würde, konnte auch der holprige Start nicht wirklich in Frage stellen. Auch wenn er die Nerven vieler auf eine harte Probe stellte.

Seit September läuft das Institut fuer Zukunft regelmäßig, aber längst nicht perfekt. Der Club als Prozess, als gelebte soziale Utopie, gleichermaßen ein Ort des Exzesses und der permanenten Reflexion – mit diesem Hintergrund bietet das Institut fuer Zukunft ein Jahr nach seiner Eröffnung tatsächlich einen spannenden Gegenpart zum klassischen Club-Betrieb.

Zum Interview werden zwei Sofas vor den Eingang getragen. Es ist einer der ersten wirklich warmen Tage des Jahres. Für das Gespräch nahmen sich Tobias, Xaver und Niklas Zeit, drei Leute aus einem weit größeren Kollektiv, das hinter dem Club steht.

1 Jahr Institut fuer Zukunft – was geht euch in diesen Tagen durch die Köpfe?

Xaver: Vor allem durch das Wetter fühle ich mich gerade an die Zeit von vor einem Jahr erinnert, weil es schon eine krasse, intensive Zeit auf der Baustelle war. Da kommen mittlerweile auch schöne Erinnerungen hoch, auch wenn es damals ganz schön krass für alle war.

Niklas: Es ist auch eigenartig: Nach einem Jahr merkt man, dass es eine Struktur gibt. Und es gibt auch kein Zurück mehr.

Tobias: Ich finde, dass das Jahr total schnell rumgegangen ist, es ist alles noch im Fluss. Man schaut, wie Sachen funktionieren oder eben nicht, Sachen müssen neu durchdacht werden. Dadurch verändert sich alles kontinuierlich – mir kommt es deshalb eher wie ein sehr kurzer Zeitraum vor, nicht wie ein Jahr.

Ich habe noch einmal in dem Text zu eurer Crowdfunding-Aktion nachgeschaut. Da hattet ihr das Ziel definiert, eure Vorstellungen davon verwirklichen zu wollen, was ein guter Club bieten sollte – ohne Kompromisse. Wie weit seid ihr diesem Ziel nach einem Jahr näher gekommen?

Tobias: Wir sind mittlerweile an einen Punkt gekommen, an dem wir auch ein taktisches Verhältnis zu dem Ganzen bekommen haben. Wir versuchen uns auf einen Mittelweg zuzubewegen, hin zu einer Balance, weil so ein Laden auch wirtschaftlich funktionieren muss. Es hat sich gezeigt, dass manche zu experimentelle Veranstaltungen nicht wirklich funktionieren. Da suchen wir gerade nach einem Gleichgewicht, um Sachen zu bringen, die über den Tellerrand hinaus schauen und genauso als Club- und Tanzveranstaltungen funktionieren, bei denen die Leute einfach tanzen und nicht irgendwelche Avantgarde-Musik hören wollen. Deswegen würde ich das Statement zu der Crowdfunding-Aktion nicht revidieren, aber ist da ein Veränderungsprozess notwendig gewesen.

Xaver: Das Safer-Clubbing-Konzept funktioniert sehr gut. Das wurde von Anfang an angenommen. Es ist bisher auch einzigartig in dieser Form. Wir versuchen auch, den Laden so weit wie möglich kollektiv zu führen, was kulturelle und inhaltliche Sachen angeht – und das funktioniert auch gut. Wir haben regelmäßig Treffen mit den unterschiedlichen Arbeitsgruppen. Alle zwei Monate gibt es auch ein großes Treffen mit 50 Leuten, bei denen wir uns mit eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnissen auseinandersetzen.

Tobias: Das erwarten wir auch bei Gastveranstaltungen – um noch einmal auf das ‚Ohne Kompromisse‘ zu kommen. Wir wollen da die Standards, wie hier zusammengearbeitet wird, auch bei denen erfüllt sehen, die hier Veranstaltungen machen wollen.

Es war gerade von den experimentelleren Sachen die Rede, die nicht immer so funktionieren – gab es noch andere Bereiche, in denen ihr Kompromisse eingehen musstet?

Xaver: Bei den eigenen Erwartungen mussten wir Kompromisse eingehen, weil uns doch schnell der Alltag hier eingeholt hat – mit viel betrieblicher Arbeit, Papierkram und Verwaltungsmist. Aber wir wissen trotzdem noch wofür wir es machen – und das ist gut.

Aber gab es beispielsweise baulich Dinge, die noch nicht so umgesetzt werden konnten, wie ursprünglich geplant?

Tobias: Ja. Wir schaffen es jetzt erst, dass in Kürze der zweite Toilettentrakt eröffnet wird. Das hätten wir, wie viele andere Sachen wie mehr Sitzmöglichkeiten und Ecken zum Chillen im Club, natürlich gern viel eher geschafft. Da mussten wir auch finanziell Kompromisse machen und weil zeitlich auch nicht alles gleich zu schaffen ist. Die größte Herausforderung war für uns der Winter, weil es hier keine Heizung gibt. Das war das krasseste Problem überhaupt, das sich in alle Richtungen ausgewirkt hat – auf die Stimmungen bei Veranstaltungen, auch auf die Zahl an Leuten, die hier herkommen, wenn es kalt ist – und darauf, wie lange sie hier bleiben. Das hat uns das meiste Kopfzerbrechen bereitet.

Die Heizung müsst ihr irgendwann selbst einbauen oder ist das Sache des Vermieters?

Xaver: Das ist Sache des Vermieters. Er spricht eigentlich davon, dass es jeden Moment passieren könnte. Das sagt er allerdings seit zwei Jahren. Wir sind da weiter in den Verhandlungen und gehen davon aus, dass die Heizung in diesem Sommer kommt.Bild: Tobi Tais-toiNoch einmal zurück zum Start. Der lief nicht sehr rund – die verspätete Eröffnung, danach gleich die Schließung und dann Sommerpause. Was waren die großen Stolpersteine?

Xaver: Ich glaube, wir sind zu blauäugig herangegangen. Wir haben wohl zu sehr erwartet, dass alles nach unserer Nase läuft. Auch in der Zusammenarbeit mit den Behörden. Wir haben alles recht kurzfristig geplant und hatten wenig Zeit nach hinten raus. Und die Ämter haben natürlich nicht so nach unserer Pfeife getanzt.

Tobias: Wir haben uns auch einfach auf Zusagen verlassen, auf die man sich nicht so blauäugig hätte verlassen sollen. Am Ende hatten wir Zusicherungen, alle Abnahmen waren gelaufen und dann haperte es an Kleinigkeiten wie einzelnen Unterschriften.

Xaver: Dann ist die Bearbeiterin im Urlaub, die Stellvertreterin ist krank und plötzlich dauert alles drei Wochen. Wir hatten aber schon die ganzen Veranstaltungen geplant, DJs eingeladen und mussten dann alles absagen, was ziemlich frustrierend für uns war. Aber im Endeffekt war es nicht schlecht, dass wir mehr Zeit hatten, um im September richtig zu starten. Im Nachhinein hätte es uns wahrscheinlich auch überfordert, gleich mit dem normalen Betrieb einzusteigen, weil zur Eröffnung lief beispielsweise eine halbe Stunde bevor die Türen aufgingen der Strom das allererste Mal über das System. Und gleich die nächste Woche darauf wieder Programm zu machen, wäre wohl zu viel gewesen.

Tobias: Den Backstage gab es damals noch nicht einmal. Als die Türen offen waren, wurden da erstmal ein paar Lampen angebracht.

Die Zeit euch selbst noch einmal zu nehmen, war euch aber zu heikel – also zu sagen, wir warten noch ein halbes Jahr?

Xaver: Ich glaube, dafür war der positive Stress vor der Deadline, die wir uns selbst gesetzt haben, zu groß, um noch einmal alle Kräfte kanalisieren zu können. Das war auch eine ziemlich gute Erfahrung für alle 50 bis 70 Leute, die hier gearbeitet haben.

Tobias: Drei Tage vor der Eröffnung sah es hier aber nicht so aus, als ob man einen Club da drin aufmachen kann.

Niklas: Wir sind halt auch alles Zecken und schlafen gern mal länger. Wir mussten uns da auch selbst disziplinieren und Sachen nicht nur halb, sondern richtig angehen. Deshalb war die Deadline wichtig. Wir haben natürlich ein wenig die große Fresse gehabt und mussten dann auch was zeigen.

Tobias: Aber vielleicht dauern bei uns deshalb manche Sachen mal länger, weil wir die meisten clubrelevanten Dinge auf unseren wöchentlichen Treffen besprochen werden. Und dort wird darüber entschieden. Natürlich müssen auch ad-hoc Entscheidungen getroffen werden, aber vieles entscheiden wir eben zusammen. Und bei vielen Dingen und Arbeiten im Club sprechen sich Leute aus einzelnen AGs ab – das klappt mal mehr mal weniger gut. Je nachdem wie es die Leute auch schaffen. Es funktioniert nicht wie in einem normalen Betrieb, in dem ab 8 Uhr die Stechuhr läuft.

Nach dem Start waren es also hauptsächlich die Ämter, die euch einen Strich durch die Rechnung gezogen haben?

Xaver: Das war ein wenig selbst verschuldet, weil wir zu knapp kalkuliert hatten. Als wir die Genehmigung endlich hatten, war es allerdings schon warm, so dass wir nur vereinzelte Veranstaltungen gemacht haben, weil es uns mit der Sommerpause zu unsicher war. Es war aber auch notwendig, nach so einem intensiven halben Jahr auf der Baustelle noch einmal zur Ruhe zu kommen und durchzuatmen und zu rekapitulieren, wie wir einen regelmäßigen Betrieb aufnehmen können.

Ihr seid demnach gar nicht in ein Loch gefallen nach der Schließung?

Tobias: Erst war es eine Zwangspause und dann war es doch eine bewusste Entscheidung für die Sommerpause, um noch einmal runterzukommen und in den Urlaub zu fahren. Das hat natürlich auch andere Probleme mit sich gebracht, weil hier weitergearbeitet und Bauarbeiten bezahlt werden mussten, ohne laufenden Betrieb. Aber trotzdem war die Pause rückblickend gut.

In dem aktuellen Newsletter steht ‚Die Chaos Kids professionalisieren sich‘ – wo gab es konkret Nachholbedarf?

Xaver: Eben weil das Institut fuer Zukunft so ein Community-Ding ist, müssen viele Leute kommunizieren und sich absprechen. Dafür müssen auch Kommunikationswege geschaffen werden, damit jedes Zahnrad ineinandergreift. Das hat etwas gedauert. Seit September haben wir regelmäßig reflektiert, was funktioniert, was nicht, wo ist Nachholbedarf. Und die Sachen daraus haben wir auch versucht, umzusetzen – sowohl bei der Arbeit im Büro und den Fragen, ob man sich in Buchhaltung reinfuchsen muss und wie man sich Deadlines setzt, damit alles rechtzeitig da ist. Und auch, wie man in Stress- und Konfliktsituationen miteinander umgeht, wie auf Kritik von innen und außen reagiert wird, das musste auch erst seine Form finden. Vor einem Monat hatten wir eine Zukunftswerkstatt, bei der es genau darum ging, Kritikpunkte zu erkennen und Lösungen zu finden.

Austausch heißt in erster Linie Plenum?

Tobias: Manchmal passiert es in normalen Treffen, wenn ein paar Leute zusammen sitzen, manchmal aber auch mit einer Art Mediation, mit jemandem, der das leitet und Struktur reinbringt – es braucht eine Form und eine Bündelung, wenn 40 bis 50 Leute zusammen sitzen. Es gibt als Struktur gemeinsame Treffen und Arbeitsgruppen, wie für Booking oder Tür. Die arbeiten selbstständig, haben aber auch Rechenschaft auf den gemeinsamen Treffen abzulegen.

Holt ihr euch dafür auch Input von außen? Dem ://about blank steht ihr nahe, die feiern gerade ihr fünfjähriges Bestehen. Da gibt es also einige Erfahrungen mehr.

Xaver: Auf jeden Fall, das ist unsere große Schwester, die uns immer mit Rat zur Seite stand. Von dort kam eine sehr große Hilfe.

Tobias: Wir tauschen uns aber auch mit den anderen Läden in Leipzig aus. Innerhalb der LiveKomm-Treffen gibt es einen Austausch. Oder wir rufen uns an, wenn es konkrete Fragen gibt – wie regelt ihr das mit Karfreitag beispielsweise.

Wie viele Aktive gibt es?

Xaver: Es sind 120 Leute, die eine Mitarbeitermarke haben, aber das Umfeld umfasst noch mehr Leute, die hier ehrenamtlich mitarbeiten oder sich dem Laden verbunden fühlen.

Und kommen auch noch neue Leute hinzu oder hat sich ein Kern entwickelt, der für Neue vielleicht auch schnell hermetisch wirken könnte?

Niklas: Gerade hat sich schon ein Kern herausgebildet. Es kommen aber immer auch neue hinzu.

Tobias: Es gibt einen Kern, ja. Viele daraus haben wir auch erst in der Baustellenzeit kennengelernt, weil sie sich einfach gemeldet haben. Es gibt aber nach wie vor viele Leute, die dazu kommen. Wir sind auch offen dafür, es gibt immer die Möglichkeit, zu dem Projekt dazu zu stoßen. Natürlich ist die Zahl der Arbeitsplätze hier begrenzt, aber Mitwirkungsmöglichkeiten gibt es immer.Die Crowdfunding-Aktion war ja ein enormer Erfolg – allein, dass ein neuer Club diese Möglichkeit nutzt und solch eine Summe zusammenbekommt. Sie hat jedoch auch enorme Erwartungen geschürt. Wie hat euch das beeinflusst?

Xaver: Dass es so einschlägt, war für uns auch eine riesige Überraschung. Mit dieser Kampagne sind wir ja auch international auf die Radare der Leute gekommen. Das hat auf jeden Fall viel Druck aufgebaut, besonders nachdem wir nach der Eröffnung erstmal wieder schließen mussten.

Tobias: Da haben wir ganz schön Feuer gekriegt und es wurde Kritik laut.

Xaver: Es war stellenweise schon schwierig, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber dadurch, dass wir dann gleich in die Sommerpause gehen mussten, ist der größte Hype auch ein wenig verflogen. Damit konnten wir mit weniger Erwartungsdruck den Betrieb beginnen, was einerseits positiv war, andererseits aber natürlich auch schade, weil es auch schön gewesen wäre, wenn alles so geklappt hätte, wie wir uns das gedacht hatten.

Tobias: Durch die Pause haben wir wahrscheinlich auch an einem Punkt wieder angefangen, an dem viele andere Clubs auch anfangen, wenn sie erstmals eröffnen. Ohne die Schließung wären wir anfangs vielleicht mehr mit Leuten überrannt worden – was sicherlich auch cool gewesen wäre. Aber so sind wir nun in der gleichen Situation wie andere Läden auch, die ebenfalls in der ersten Zeit zu kämpfen haben. Es gab total gute Monate, es gab aber auch einige schlechte, was aber wohl auch normal zu sein scheint.

War das aber auch ein beruhigender Moment für euch: Einerseits wieder starten zu können, andererseits nicht mehr diesen überhöhten Hype im Rücken zu haben?

Xaver: Das war auf jeden Fall beruhigend. Der August war damals wohl der lässigste Moment seit langem – das war auch nötig. Man kann sich auch nur bis zu einer gewissen Grenze belasten.

Tobias: Ich kann mir heute eigentlich nicht mehr vorstellen, wie es ohne die Pause hätte laufen sollen. Wir können sogar darüber froh sein, dass es diesen Break gab. Vom Arbeits- und Stresslevel ging uns die Bauphase schon allen sehr an die Substanz. Das hat man auch allen angesehen. Zum Opening haben wir alle wahrscheinlich keine Glanzfigur abgegeben.

Ward ihr in der Situation dann auch extrem dünnhäutig für die Kritik, die in der ersten Zeit nach der Eröffnung kam?

Xaver: Nein, ich persönlich nicht, weil es für Leute von außen schwierig war, einzusehen, was alles im Vorhinein passiert ist und wie knapp es war. Deswegen fand ich das nicht so beunruhigend – mit dem regulären Start hat sich das ja dann auch gut eingependelt.

Tobias: Wir haben die Kritik aber natürlich registriert und besprochen. Wir haben überlegt, wie man darauf reagiert. Auf manches haben wir auch reagiert, auf anderes nicht. Über einiges hat man sich vielleicht auch geärgert. Es lässt sich aber wahrscheinlich auch besser abfedern, wenn man eine Crew von mehreren Leuten ist, mit der man sich unterstützen und stärken kann, in dem was man macht.

Wäre eine Crowdfunding-Aktion nochmals eine Option?

Xaver: Wir haben darüber nachgedacht, uns aber dagegen entschieden, weil es schon etwas frech wäre, nach so einem Erfolg und Support noch einmal etwas von den Leuten zu verlangen.

Tobias: Aber grundsätzlich können wir es Leuten nur empfehlen, die ein neues Projekt starten wollen. Abgesehen von der finanziellen Unterstützung war der viel größere Nutzen die Publicity und Werbung, die damit erreicht wurde. Das ist uns auch erst richtig im Nachhinein bewusst geworden. Das hat sich von Anfang an auch auf die Bookings von Künstlern ausgewirkt. Total viele Agenturen und Künstler kannten schon das IfZ – das war für uns vorher gar nicht abzusehen.

Und trägt sich der Laden heute finanziell?

Xaver: Er trägt sich. Aber schon ziemlich knapp. Mit der Sommerpause vor der Tür überlegen wir auch viel, was wir da machen können. Wir haben vor, den Außenbereich zu einem Freisitz und Chill-out-Bereich umzubauen, weil erfahrungsgemäß im Sommer kaum einer im Club sein möchte. Aber damit kann man eine Möglichkeit schaffen, den Laden trotzdem noch attraktiv zu halten.

Tobias: Am 13. Juni, kurz vor der Fusion endet der reguläre Betrieb. Im Juni fahren wir den regelmäßigen Betrieb runter und im Juli kommen nur noch vereinzelte Veranstaltungen.

Bei euch läuft gerade die „Absolute Gegenwart“-Reihe, bei der es auch um Verwirklichung und Selbstausbeutung geht. Wie viel Selbstausbeutung steckt im Institut fuer Zukunft?

Xaver: Die ganze Nummer ist Selbstausbeutung – für eigentlich alle. Es gibt ein paar Leute, die hier Mini-Jobs haben. Und es gibt drei bis vier Leute, die sich Miete und Essen davon kaufen müssen. Was mal mehr, mal weniger gut funktioniert. Wir sind auf jeden Fall von ehrenamtlicher Initiative abhängig. Gedacht war es schon als Ort der Selbstverwirklichung, um eigene Ideen umzusetzen. Aber – wie vorhin schon erwähnt – müssen wir da auch Kompromisse eingehen.

Ist es aber ein Ziel, dass der Club für mehr Leute langfristig eine Existenzgrundlage sein kann?

Xaver: Auf jeden Fall. Aber jetzt müssen wir erstmal durch den Sommer kommen.

Tobias: Bisher kann davon aber keine Rede sein. Es wäre wahrscheinlich auch illusorisch, dass nach einem Jahr zu erwarten.Beim Booking seid ihr sehr underground – so, dass durch euch bestimmt nicht wenige Leute in der Stadt auch neue Artists kennenlernen. Wird das durchweg angenommen oder spürt ihr einen gewissen Namedropping-Druck?

Tobias: Ich würde sagen, es gibt weniger einen Namedropping-Druck, eher den Spagat, dass wir in der ersten Zeit die Tendenz hatten, weniger auf den Dancefloor zu schauen und dafür eher experimentellen Avantgarde-Kram zu buchen. Das ist Leuten, die am Wochenende lieber raven wollen, aber doch zu experimentell. Das ist schon eine Erkenntnis, für die wir uns neue Strategien überlegt haben.

Wenn sich Leute über das Booking mokiert haben, dann weniger, weil die großen Namen fehlten, sondern weil der experimentelle Teil einen zu großen Anteil hatte. Da haben wir schon etwas geändert und werden in den nächsten Monaten noch weiter daran arbeiten. Den Samstag wollen wir mehr für Techno etablieren, bei dem man die ganze Nacht tanzen kann – während die experimentelleren Sachen auf den kleinen Floor kommen bzw. besser in ein funktionaleres Line-up eingebunden werden. Gerade die rein experimentellen Abende waren meist Flops. Das sind eher Nerd-Geschichten, die wir auch gern weiter machen wollen.

Wir wollen den Freitag für experimentellere und verspieltere Sachen nehmen. Der Samstag soll zwar nicht total vorhersehbar, aber zumindest so für die Leute kalkulierbar sein, dass sie abgehen können und dass es auch lange geht. Wo wir auch auf jeden Fall hinwollen, ist, dass klar ist, dass es hier auch bis in den späten Sonntagnachmittag geht. Da muss man die Leipziger Feierleute aber auch noch ein wenig mehr daran gewöhnen.

Ist die Stadt generell zu klein für experimentelle Sachen oder haben die es überall schwer?

Tobias: In Berlin gibt es natürlich eine viel größere Szene, aber auch da gibt es experimentelle Veranstaltungen, die nur ein Nerd-Publikum ziehen. Insgesamt finde ich schon, dass in Leipzig interessierte Leute hinzukommen. Man darf es aber auch nicht überschätzen.

Seid ihr musikalisch dort wo hier wollt – oder fehlen noch Wunschfacetten?

Xaver: Ich würde mir öfter noch Konzerte wünschen – Wave- und Synthie-Kram. Da sind wir auch gerade dran. Aber es ist ein stetiger Prozess, der sich mit unseren Erfahrungen, unserem Geschmack, aber auch dem Geschmack der Leute, die hier herkommen, bewegen wird. Es ist eigentlich kein Standpunkt zu dem man hin will, sondern immer in Bewegung.

Tobias: Ich glaube schon, dass wir gern Acts einladen möchten, die in Leipzig bei vielen erst noch entdeckt werden müssen. Es geht schon um den Spagat, nicht zu verkopft zu buchen und zugleich den Leuten neue Sachen zu zeigen. Ich würde mir noch mehr eigenen Output von unseren eigenen Residents wünschen, aber das ist auch etwas, das im Entstehen ist und Zeit braucht.

Wo seht ihr euch bei der nach wie vor aktuellen Diskrepanz zwischen weiblichen und männlichen Artists in den Line-ups?

Xaver: Wir haben uns selbst die Prämisse gesetzt, dass wir keine Partys machen, bei denen nur Typen spielen. Und das ist uns soweit weitgehend gelungen. Mit „No Show“ haben wir auch eine Reihe bei der nur Frauen spielen und die wurde auch gut angenommen.

Tobias: Wir haben uns aber dagegen entschieden, es zu quotieren, weil es in der Tat schwierig ist, wenn man das einigermaßen anspruchsvoll hinbekommen möchte. Das Problem beginnt viel früher – wie fangen Leute an aufzulegen, wie werden sie gefördert, wie bekommen sie Auftrittsmöglichkeiten. Da wollen wir auch ansetzen. Es gibt einige Frauen aus unserem Kollektiv, die angefangen haben aufzulegen, denen wir Möglichkeiten bieten, hier zu spielen. Es gibt bereits jetzt viele Frauen, die auflegen und Musik machen, man kann aber nicht von einem ausgewogenen Verhältnis sprechen.

Der KRe.V. ist sehr wichtig für die inhaltliche Ausrichtung des Clubs – er scheint autark, aber eng mit euch verknüpft. Wie kann man sich das vorstellen?

Xaver: Der ist schon aus dem IfZ-Kollektiv heraus entstanden. Mittlerweile läuft er autark und es sind auch Leute hinzugekommen, die vorher keinen direkten Kontakt zum IfZ hatten. Das fördert auch noch einmal die eigene Lebendigkeit des Vereins. Er ist tatsächlich unverzichtbar für das IfZ, denn uns ist es sehr wichtig, dass der Club über Techno hinausgeht und dass es eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt gibt. Das ist ein sehr fruchtbares Verhältnis.

Im letzten Newsletter stand, der Dark Room sei fertig, ein zweiter Toilettentrakt ist im Bau – was ist baulich noch geplant in nächster Zeit?

Xaver: Wo heute die Garderobe ist, soll künftig der Chill-out-Bereich hin. Die Garderobe kommt gegenüber der jetzigen Toiletten. Das wird aber eher was für die nächste Saison sein. Der Außenbereich kommt zum Geburtstag.

Tobias: Mehr Sitzgelegenheiten im Club. Unser Licht ist verbesserungswürdig. Die Crew holt das bestmögliche raus – aber das ist eben auch eine finanzielle Frage. Da gibt es aber auf jeden Fall noch einiges zu machen.

Vorhin ging es auch darum, dass ihr aus den Erfahrungen heraus durchaus Kompromisse eingehen müsst. Gilt das auch für die Türpolitik?

Niklas: Ich muss dazu sagen, dass viele von uns schon lange an Türen in Leipzig arbeiten. Das Konzept mit einer strikten Türpolitik ist natürlich nicht neu. Es ist aber schwieriger umzusetzen als wir uns das gedacht haben. Wir können ganz ehrlich sagen, dass wir Fehler gemacht haben und jetzt auch noch Fehler machen. Gerade wenn wir schauen, wer zu einer Party passt, ist das immer ein schmaler Grat. Wir haben natürlich ein Grundgefühl, aber wir müssen uns schon auch etwas anpassen. Wir sind entspannter geworden, können Sachen besser einschätzen. Es sind eben auch Erfahrungswerte.

Es gibt aber nicht den Druck, dass eher Kompromisse eingegangen werden müssen, wenn ein Abend vielleicht nicht so gut läuft?

Xaver: Das ist auch ein Missverständnis. Es gibt keine strikten Kategorien, wer reinkommt und wer nicht. Dass Leute abgewiesen werden, ist der seltenste Fall. Es ist schade, dass die Tür so wahrgenommen wird. Es entspricht auch nicht der Realität. Das gesamte Secu-Konzept ist ja auch so aufgebaut, den Leuten hier einen guten Rahmen zum Feiern zu gewähren. Das ist die Prämisse an der sich auch nichts ändert, wenn wenig Leute kommen.

Niklas: Wir arbeiten da aber auch immer an uns selbst. Wir nehmen die Kritik auch ernst, manchmal bekommen wir Mails von Leuten, die nicht reingekommen sind. Das geht hier nicht unter, es kommt bei unserer Crew an und wir beschäftigen uns mit jeder einzelnen Mail. Es ist nicht so, dass wir darauf keinen Bock haben. Wir sind alles Menschen aus der Szene, die auch selbst feiern gehen.

Tobias: Uns war am Anfang wichtig, dass mit dem Projekt auch eine eigene Tür-Crew entsteht und aufgebaut wird. Wir wollten keine Firma von außen nehmen und damit vermeiden, dass eine Tür so eine Art Eigenleben entwickelt. Die Tür entwickelt sich auch mit dem Projekt und ist genauso wenig perfekt wie viele andere Sachen hier. Es ist ein Prozess aus Weiterentwicklung, immer einer Selbstreflexion unterworfen. Es gibt natürlich auch viele Gerüchte. Auch von Leuten, die noch nie da waren.

Euer Gefühl zum Schluss: Wie hat das Institut fuer Zukunft die Leipziger Szene nach diesem ersten Jahr beeinflusst?

Xaver: Ich denke, dass es das Profil von anderen Läden und Party-Crews geschärft hat, weil es eine weitere feste Institution gibt.

Tobias: Es ist eine Mischung aus Glauben und Hoffen: Ich denke, dass es einige Leute musikalisch auf viele neue interessante Sachen gestoßen sind. Und es gibt nun einen weiteren etablierten Ort in Leipzig, der durch die Kollektivstrukturen hier bestimmte Ansprüche lebt, wie man miteinander umgehen und feiern kann. Auch, dass es hier immer die Möglichkeit gibt, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Ich denke, dass wir da weitere Impulse gegeben haben.

Institut fuer Zukunft Website

2. Bild von oben (Eingang): Tobi Tais-toi

CommentComment

  • Staatlicher Paternalismus wider eigener Prinzipien: In Leipzig wird die Sperrstunde reaktiviert | Juliane Nagel / 17. Juni 2017 / um 01:40
    […] >> Bildquelle: Frohfroh […]
  • sugardaddy / 04. Mai 2015 / um 23:11
    Ist ne schöne Institution geworden.

    keep up the good work!
  • Hagen / 02. Mai 2015 / um 12:35
    Schönes ausführliches Interview.
  • the reality / 02. Mai 2015 / um 08:10
    says welcome
  • john / 30. April 2015 / um 22:36
    Echt eine Bereicherung für Leipzig....
  • werner / 30. April 2015 / um 21:33
    sehr ehrliches Interview! Ihr habt in nur einem Jahr eine beindruckende Idee verwirklicht, die sich bis in den hintersten Winkel Süddeutschlands rumgesprochen hat!
  • Thiem / 30. April 2015 / um 13:07
    Informatives, sehr interessiertes Interview... eure Antworten widerspiegeln sehr gut die Ambivalenz der Situation und zeigen dem Publikum die neuen Ideen!
    Liebe Grüße!
  • Lawfulcitizen / 30. April 2015 / um 11:42
    Wir schaffen es -> jetzt erst, dass -> in Kürze der zweite Toilettentrakt eröffnet wird.
  • christian / 29. April 2015 / um 19:28
    tolles interview. toller club!

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