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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Visionäre Brüche

20. Oktober 2009 / Kommentare (4)

Die Oberfläche aufbrechen, so lässt sich der Labelname übersetzen. Und Brüche sind in der noch jungen Geschichte von Break The Surface tatsächlich ein prägendes Merkmal – interessant zum Erzählen sind sie obendrein.

Die Musikindustrie steckt schon seit Jahren im Wandel, die Prognosen zu deren Zukunft bleiben aber weiterhin uneindeutig. In den USA verkauft iTunes mehr Musik als Amazon, in Deutschland bleiben die CD-Verkäufe hingegen noch recht stabil, während es online nur langsam voran geht. Dass sich unser Alltag zunehmend digitalisiert, dürfte unbestreitbar sein. Dass ein Label aber konsequenterweise nur noch digital veröffentlicht, bleibt vorerst noch ungewöhnlich.

Break The Surface ist wahrscheinlich Leipzigs erstes Label, das seine EPs ausschließlich digital im MP3-Format vertreibt. Gestartet hat es Nick Totfalusi – als DJ Metasound kein unbekannter in Leipzig – im Frühjahr 2008. Die Entstehung und Entwicklung des Labels ist dabei erstaunlich nah mit seiner Person verbunden. Ein Label zu gründen, geisterte Nick schon länger im Hinterkopf, immerhin gab es in seinem Umfeld einige talentierte Producer, denen bislang aber eine Plattform fehlte. Für Vinyl-Pressungen reichte aber das Geld nicht.

MP3 versus Vinyl

Die Idee war jedoch stärker als der Kontostand und so wurde aus der Not eben ein Stück visionärer Aktionismus – Ausgerechnet mit einem Tonträger-Format, das für einen Vinyl-Liebhaber wie Nick bis vor wenigen Jahren keine Alternative war. Aber als damaliger Drum’n’Bass-DJ merkte er irgendwann, dass es immer weniger interessante Vinyl-Veröffentlichungen gab. „Die meisten Labels und Vertriebe gehen auf Nummer sicher. Dadurch entsteht ein gewisser Einheitsbrei. In vielen DJ-Sets hörte man aber spannende und innovative Tracks, die selten veröffentlicht wurden, weil sie eher experimentell waren“, schildert Nick seine Erfahrungen. Seit drei Jahren legt er selbst nur noch digital auf und so war der Schritt zum Digital-Label nicht weit. Break The Surface startete als Drum’n’Bass-Label – in einer Phase, in der für Nick dieses Genre immer mehr an Reiz verlor und er aus House und Techno mehr Inspiration und Freude ziehen konnte.

Bruch und Neustart

Ein Jahr nach dem Start dann die Zäsur: das Label konzentriert sich ausschließlich auf gerade Rhythmen. „Ich hatte schon kurz überlegt, ein neues Label zu gründen. Aber letztendlich passt der Bruch für mich sehr gut in das Label-Konzept. Ich finde es spannend, wenn man Entwicklungen authentisch aufzeigen kann“, so Nick. Mit Konventionen und Erwartungen brechen, eine Herangehensweise, die möglicherweise seiner Punk- und Hardcore-Sozialisation zuzuschreiben ist.

Im Fall von Break The Surface trifft das Unkonventionelle auch auf den Sound der Künstler zu – mehr oder weniger deutlich. Es sind nicht unbedingt die tighten, superfunktionalen Club-Tracks die von Leuten wie Efka, Okoli, Arsen1Computerklub sowie Metasound selbst kommen. Gerade der Berliner Arsen1Computerklub könnte als prototypisch für das Break The Surface-Spektrum angesehen werden: Sein Techno-Verständnis ist geprägt von allerlei musikalischen Querverweisen und dem Blick auf ungewöhnliche Sounds, ohne dass auf dem Dancefloor keiner mehr tanzen will. Nicht zu vertrackt, nicht zu glatt, so ließe es sich weiter verkürzen.

Verhaltene Medien und Web 2.0-Promo

„Für mich ist jetzt wichtig, bei der Auswahl der Tracks noch strenger zu werden“, so Nick. Und damit ist nicht unbedingt die Strenge eines Geschäftsführers gemeint, sondern eher der Anspruch und der Wunsch zu zeigen, dass digital veröffentlichte Musik genauso gut uns spannend sein kann, wie Tracks auf Vinyl. Bis auf die De:Bug tun sich die klassischen Musikmagazine noch schwer mit den Digital-Labels. Umso wichtiger ist die Promotion im Internet – in Foren, sozialen Netzwerken und bei den Download-Shops.

Im dreistelligen Bereich werden die Break The Surface-EPs momentan gekauft, Tendenz steigend, wie Nick betont. Über einen Vertrieb ist der Label-Katalog in vielen wichtigen Download-Shops gelistet. Tragischerweise nicht beim Primus Beatport. Tragisch daher, weil die ersten EPs sehr wohl bei Beatport angeboten wurden – Allerdings reichten die Verkäufe nicht aus, so dass sie wieder rausflogen. Jetzt wo Break The Surface sogar Feedbacks von Richie Hawtin, Laurent Garnier, Someone Else und anderen internationalen DJs bekommt, ist es ungleich schwerer, wieder von Beatport aufgenommen zu werden.

„Es ist alles noch in einer Experimentierphase, und trotzdem sehe ich Break The Surface als normales Label. Die Musik ist ebenso gut, die Arbeitsabläufe sind ähnlich“, sagt Nick. Noch muss drauf gezahlt werden, um eine Promo-Agentur zu engagieren, durch die Radio-Sender wie BBC oder eben Hawtin, Garnier & Co auf das Label aufmerksam werden – die ungezählten Stunden, die Nick aufbringt noch nicht einmal eingerechnet. Letztendlich funktioniert Break The Surface auchdank eines kleinen Netzwerks: Nick kümmert sich um die gesamte Organisation und künstlerische Linie, in Berlin sitzt ein Grafiker, der das Label visuell prägt, Con.struct mastert alle Tracks.

Für die Zukunft sind übrigens weitere Brüche möglich. Nick schließt nicht aus, irgendwann schon auch mal eine Vinyl-Platte zu veröffentlichen, wenn es finanziell möglich wird. Und er schließt auch nicht aus, in die derzeitige House-/Techno-Schiene überragende Drum’n’Bass-Tracks dazwischen zu grätschen, wenn sie ihn tatsächlich flashen sollten.

Break The Surface-Website
Mehr zu Break The Surface bei frohfroh

CommentComment

  • Metasound & Lucius14 »Campfire Funk Pt. 1« (Break The Surface) « frohfroh – we like dance music from leipzig / 22. August 2011 / um 09:16
    [...] sein, gerade auf rein digitalem Terrain und gerade für ein Label, dass bereits eine große Zäsur hinter sich hat. Break The Surface lässt sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Mit [...]
  • low / 26. Oktober 2009 / um 18:03
    yeah,
    push things >>!
  • fab / 21. Oktober 2009 / um 19:30
    nice. schöner artikel. vielen dank, jungs.
  • arsy / 21. Oktober 2009 / um 11:20
    yeah yeah yeah.
    :)

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