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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Geschichten aus der Neustadt – Deko Deko im Interview

12. September 2016 / Kommentare (0)

Am letzten Samstag ist das Deko Deko-Album herausgekommen. Wir haben Lena und Tristan zum Interview getroffen.

Vielleicht fehlt mir der Einblick, aber gefühlt entsteht in Leipzig wenig ernstzunehmende elektronische Musik, die souverän Pop und experimentelle Ambitionen verbindet. Deko Deko füllen diese Lücke. Vor fünf Jahren tauchte das Duo mit der EP „Make Death Listen“ aus dem Nichts auf und machte Lust auf mehr. Doch es brauchte  vier Jahre, um mehr zu bekommen – mit „Neustadt“ ist soeben das Debüt-Album von Deko Deko erschienen und es gab einiges zu fragen. Hier sind die Antworten von Lena und Tristan.

Eigentlich war das Album für Anfang 2015 angekündigt – warum hat es noch einmal so lange gedauert bis es veröffentlicht wurde?

Lena: Das hatte eigentlich einfache Gründe: Wir hatten kein Label und haben überlegt, wie wir das ganze überhaupt veröffentlichen. Wir haben dann O*RS gefunden – aber das hat von der ersten Absprache bis jetzt auch noch einmal ein Jahr gedauert. Dann haben wir auch ein Kind bekommen. Das hat auch noch einmal alles verzögert.

Tristan: In der Zwischenzeit haben wir eigentlich noch einmal die Platte neu produziert. Es gab schon ein fertiges Konstrukt, aber mit Micha (Good Guy Mikesh) sind wir noch einmal durch alles gegangen, haben Spuren durchgeschaut, fürs Mastering optimiert, hier und da noch etwas weggenommen oder dazu gepackt – eigentlich haben wir noch einmal das Beste herausgeholt.

Also hatte die Pause auch etwas positives oder hättet ihr das Album gern früher herausgebracht?

Lena: Ja, wir hätten es gern schon 2013 veröffentlicht. Das Material war ja da. Aber ich glaube, es hat den Songs total gut getan. Jetzt sind sie richtig kompakt und komplex. Für die ganze moralische Stimmung war dieser zähe Produktionsprozess aber nicht so gut.

Tristan: Wenn man etwas ausproduziert hat, möchte man es ja auch gern rausschieben. Sonst hört man immer wieder rein und baut noch einmal herum. Die Gefahr sich da zu verfrickeln ist groß.

Lena: Ich finde, dass alles seine Zeit braucht. Und die Songs haben die Zeit auch gebraucht, so dass ich jetzt das Gefühl habe, sie sind großartig. Am Ende war ich bei dem Produktionsprozess gar nicht mehr so dabei und ich kann sie jetzt mit Abstand hören und bin weiterhin begeistert. Ich bin Fan meiner eigenen Musik.

Hättet ihr jetzt gleich Lust und Kraft für das nächste Album oder braucht ihr erstmal Abstand?

Tristan: Ja, tatsächlich habe ich das Gefühl, dass man erstmal was herausbringen muss, ehe man etwas neues beginnt. Ich habe aber schon viel neue Dinge produziert, die noch nicht als Songs zu sehen sind. Vom Material her hätten wir genug für ein nächstes Album. Es muss nur noch formuliert werden.

Lena: Ich habe auch Themen, die ich gern bearbeiten würde, aber ich bin noch nicht weiter gekommen. Ich brauche wohl erstmal dieses Abschließen. Ich merke das, wenn mir Tristan neue Sachen zum Hören gibt. Da denke ich dann: Ja, das kann funktionieren, aber wirklich bereit bin ich noch nicht.

Tristan: Es ist eigenartig, dass es diesen Abschluss wohl braucht. Eigentlich könnte uns das egal sein. Aber ich weiß nicht warum, vielleicht gibt es da ein Geheimnis.

Lena: Vielleicht, weil wir Musik nicht beruflich machen. Bei uns dreht sich ja nicht alles um Musik. Das macht schon viel aus. Ich habe viele Einflüsse von Kunst, Menschen und Garten – Tristan ja auch. Da sind viele Felder, die wir bearbeiten und Musik ist eins davon.

Wenn ich zurückschaue: Der Anfang war ja durchaus spektakulär. Als die EP herauskam, gab es ein Konzert im Wald, dann die Tour mit We Have Band, später der Auftritt im Gewandhaus. Gab es nicht doch die Idee, mehr aus der Band zu machen – oder war immer klar, das es ein Projekt nebenher ist?

Lena: Eigentlich war es klar, dass wir nicht davon leben werden. Immer wenn wir uns darüber unterhalten haben, haben uns diese Mechanismen der Musikbranche genervt. Die kleine Tour mit We Have Band sah zwar von außen vielleicht spektakulär aus, aber es war vor allem anstrengend und zum Teil auch ernüchternd. Ich mochte mehr die Auftritte, bei denen wir alles in der Hand hatten und selbst vorbereiten konnten. Wo Publikum kam, das wegen uns gekommen ist. Im Berghain haben sich die Leute auf uns eingelassen, aber in Hamburg wollten alle einfach Party mit We Have Band machen. Das ist auch ok als Vorband.

Tristan: Aber da sind wir nicht Profi genug, wo man in dem Moment einfach abliefert und um das Publikum kämpft. Wir haben auch Freunde, die das professionell betreiben und die haben eine andere Geschwindigkeit, was das betrifft. Da wird mehr Zeit in Promotion, Interviewtermine oder lohnenswerte Auftritte investiert. Das ist uns einfach fremd, uns geht es ums Musik machen. Dass aber der große Teil der Arbeit erst danach kommt, sehen viele ja nicht.

Die kleine Tour hat sich in dem Sinne durch einen glücklichen Zufall ergeben. Jan Barich (Map.ache) hat uns damals vermittelt, jetzt greift uns Filburt unter die Arme. Es hat immer am besten zusammen mit Leuten funktioniert, die wir kannten. Wir wollten nicht einfach Promogeld ausgeben, damit irgendwelche Seiten unseren Promotext veröffentlichen.

Für uns war das irgendwann auch ein Ansporn: Wir wollten das ein bisschen zurückerobern. Die Musik gibt einem ja was – egal ob während des Entstehens oder wenn sie fertig ist. Und dass wollten wir uns von dem Apparat nicht vermiesen lassen. Wir haben uns und es gibt Leute, die das gut finden und wenn das jetzt nicht bis Japan geht, dann ist das eben so. Aber man ist zumindest wieder in einem Modus, in dem man sich gern an neue Musik setzt.

Lena: Obwohl ich es auch wichtig finde, dass es jetzt rauskommt. Sonst hätten wir nicht noch einmal die ganze Kraft aufgewendet. Wir wollen schon, dass das Album gehört wird. Ich habe ja auch etwas zu sagen und trete eigentlich auch in eine Art Diskurs.Warum heißt das Album „Neustadt“?

Lena: Das Wort klingt gut. Aber ursprünglich gab es auf dem Album einen deutschsprachigen Song, der „Alles neu“ heißt – der ist aber wieder rausgefallen. Doch das Thema der Platte dreht sich um Menschen, die abgehängt sind vom Rest der Gesellschaft – vor allem aus Gründen, die in der Kindheit liegen.

„Neustadt ist Synonym für ein Plattenbaugebiet, wie Grünau.“

Und es gibt einen Film von Thomas Heise – „Kinder. Wie die Zeit vergeht.“ Das ist ein Dokumentarfilmer, der sich viel mit den Entwicklungen im Osten beschäftigt hat, vor allem in der Nachwendezeit. In Halle-Neustadt hatte er damals auch Neonazis interviewt. Da gab es einen Eklat, weil er das in einer sehr objektiven Weise gemacht und denen eigentlich eine Stimme gegeben hat. Auf der anderen Seite zeigte er aber damit, woran die Entwicklung liegen könnte.

„Kinder. Wie die Zeit vergeht.“ ist einige Jahre später gedreht worden mit einer anderen Protagonistin, die Mutter von drei Kindern ist. Und man liest quasi wie in einem offenen Buch, was mit Menschen passiert, wenn Dinge schief laufen. Das hat mich in der Phase, in der ich die Texte für das Album geschrieben habe, sehr beschäftigt – und tut es noch heute. Ich lese da auch viel darüber und hatte das Bedürfnis, diesen Kindern, die mittlerweile schon Erwachsene sind, eine Stimme zu geben.

Hattest du konkrete Personen und Biografien im Blick?

Lena: Ja, hatte ich. Zum Beispiel hatte ich einen kleinen Jungen im Blick, den ich selbst kennengelernt habe. Mit sieben Jahren hatte er schon eine totale Verliererbiografie. Mit zwei, drei Jahren wurde er von seiner Mutter weggenommen, weil er dort verwahrlost in der Wohnung gefunden wurde, kam später in eine Wohngemeinschaft, wo es aber auch Zwischenfälle gab. Er war dann natürlich in der Grundschule auffällig und wurde nach der ersten Klasse aussortiert – also versetzt in eine Förderschule, obwohl er total clever war.

Dieses Aussortieren und das ganze System haben mich so wütend gemacht, dass ich das gern nach außen tragen und Leuten mitteilen wollte. Das ist die Geschichte von „Kid“. Ansonsten habe ich auch die Protagonisten aus dem Film als Vorlage gesehen. Es gibt auch zwei Lieder, bei denen es imaginäre Zwiegespräche zwischen dem Kind und seinem erwachsenen Pendant gibt.

Hat der Bandname eigentlich etwas mit dem Dekonstruktionsbegriff zu tun? Habt ihr dieses Zerlegen, Kontexte hinterfragen und interpretieren, Widersprüche aufdecken auch im Hinterkopf beim Musik machen?

Tristan: Lena erzählt ja Geschichten und macht das Songwriting im klassischen Sinne. Das beeinflusst natürlich die Produktion. Meist entsteht erst eine herkömmliche Songstruktur oder ein klassischer Sound und man denkt, dass sich das gut arrangieren lassen könnte, so dass ein guter Song herauskommt.

Das ist aber genau der Punkt: Was kann man zerbrechen von dem, was schön und nett ist, damit es vielleicht interessanter wird oder mehr Raum entsteht.

„Es ist immer ein Spiel zwischen Lärm sowie dem Nicht-Schönen und dem Schönen.“

Das spielt bei uns permanent mit und wir wollten das gern in den Namen reinbringen. Aber so kulturphilosophisch spielt das keine so große Rolle für uns.

Wie entstehen außerdem die Songs?

Tristan: Meist ist ein Beat oder Sound als Fundament da, der als Grundstimmung im Raum schwebt. Dann kommt Lenas Text dazu oder sie probiert verschiedene Varianten, die dazu passen. Nachdem sie eingesungen hat, fange ich an, alles wieder auseinanderzunehmen und Lena singt neue Parts ein. Es sind verschiedene Zweige, von denen einige durchkommen, andere wegfallen. Irgendwann weiß man, dass es jetzt fertig ist.

Lena: „Kid“ war da eine Ausnahme. Den hatten wir im Proberaum eingespielt und dann war er eigentlich fertig. Das war aber auch von einer Wut getrieben. Tristan hat zwar noch etwas verändert, die Essenz ist aber weiterhin spürbar.

Wie seid ihr überhaupt zu diesem düster-sphärischen Sound gekommen?

Lena: Ich finde den eigentlich nicht so düster. Obwohl das viele sagen. Beim Proben für das Release-Konzert denke ich immer, dass es ja total positiv ist. Ganz sensibel mit vielen Dur-Anteilen.

Tristan: Es sind wohl die Sounds. Die treffen schon in eine wavige, finstere Ecke – allein schon durch die Samples und Synthesizer-Auswahl. Was Lena aber auch meint ist, dass die Essenz der Songs eigentlich eine sehr positive ist. Die Frage ist ja auch: Wie kann ich das Thema Wut in elektronischer Musik umsetzen. Bei aktuellen Sachen, wie bei Dubstep und EDM, ist das wie bei McDonald’s: Druck machen und alles in einen Topf hauen. Das verwirrt natürlich dann die Leute, wenn alles etwas zurückgenommen ist: Wir kommen ja aus dem Analogen – unser vorheriges Projekt war Folk. Ansonsten komme ich eben vom Hardcore, Punkrock und HipHop.

Lena, wenn du die Songs eher positiv empfindest, hast du die Geschichten dahinter auch entsprechend angelegt? Haben die dann eher eine hoffnungsvolle Note?

Lena: Nein, es ist eher dokumentarisch. Durch die Symbiose mit der Musik wird es aber tröstlich. So geht es mir bei „Tommi“ und „Sun“, obwohl es nie eine Lösung im positiven oder negativen Sinne gibt. Aber man hat nicht das Gefühl, allein gelassen zu sein. „Kid“ fällt da heraus. Das ist einfach dokumentarisch, ohne gutes Ende, einfach nur schlimm. Aber das Thema an sich erfährt wenigstens musikalisch eine Art Trost.Deko Deko ist ja über die Musik hinaus sehr künstlerisch aufgezogen – mit besonderen Covern, Videos und Online-Anwendungen. Habt ihr konkrete Anknüpfungspunkte zur Bildenden oder Darstellenden Kunst?

Tristan: Ich arbeite auch künstlerisch, aber da geht es eher um Algorithmen. Aber unser Umfeld übt einen großen Einfluss aus. Man schult sich gegenseitig. Wir kommen auch noch aus einer Zeit als man sich ein Album im Laden gekauft hat und das war dann ein Goldstück, das man ewig gehört hat. Zwischendurch fand man es vielleicht auch schlecht, dann wurde es wieder besser. Man ist aber daran gewachsen. Deshalb ist uns das Album als Ganzes wohl auch so wichtig. Wir haben beispielsweise auch viele Videos gemacht, die nach und nach veröffentlicht werden, um dem Ganzen noch eine Illustration zu geben.

Die Videos macht ihr selbst?

Lena: Ja, Videos und Artwork macht Tristan.

Und haben die als künstlerische Ausdrucksform eine ähnliche Relevanz wie die Musik – die scheinen euch ja schon sehr wichtig zu sein?

Lena: Würde ich schon sagen. Das Dekonstruktive findet da auf jeden Fall auch statt.

Tristan: Aber ich finde, dass das der Musik nachsteht. Da muss ich mich selbst kritisieren:

„Die Videos haben nicht dieselbe Kraft wie die Musik.“

Es gibt definitiv Videokünstler, die das besser können, die auch andere Bilder finden.

Lena, hast du Verbindungen zu anderen Kunstformen?

Lena: Ich bin nicht selbst Künstlerin, aber ich vermittle Kunst und ermögliche Projekte – ich bin eigentlich Kulturmanagerin. Viel mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen. Dadurch beschäftige ich mich natürlich viel mit Kunst. Und eigentlich bin ich in den Projekten immer die, die mit den Leuten zusammen künstlerische Lösungen sucht. Ich begleite die Leute in ihrer Suche nach künstlerischen Ausdrucksformen und mache das quasi jeden Tag selbst mit – aber am Ende doch nur für die anderen. Ich selbst mache keine eigenen Projekte mit eigenen künstlerischen Lösungen – jedenfalls nicht in der Bildenden Kunst.Wollt ihr das Album live spielen?

Tristan: Ja, im Vary haben wir das Release-Konzert im kleinen Rahmen gespielt. Der Plan ist aber, dass wir zum Jahresende noch ein paar größere Sachen machen. Am liebsten an Orten bei denen wir wissen, dass es cool ist. Das Rumtouren ist für uns nichts und geht als Familie auch nicht.

Lena: Rein infrastrukturell geht es nicht. Wir können nicht mit einem kleinen Kind rumtouren.

Wie ist es generell als Duo und Paar Musik zu machen – gibt es da andere Herausforderungen oder Erleichterungen?

Tristan: Ich finde es viel leichter.

Lena: Wir haben uns gut eingespielt. Es gibt manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber keinen Streit.

Tristan: Logistisch ist es viel besser. Ich kann sagen, dass ich alles mitbringe und wir machen zu Hause weiter. Es ist nicht so, dass man sich zur Probe trifft und fünf Stunden quatscht, man ist sofort bei der Sache. Manchmal ist das natürlich auch von Nachteil, weil man sich immer in seiner eigenen Suppe dreht, aber ich fand es bisher nicht schwierig.

Ihr habt ein Studio oder passiert alles zu Hause?

Tristan: Den Großteil machen wir zu Hause. Bei der Endproduktion arbeiten wir dann bei Freunden und Bekannten in deren Studios. Es ist eh besser, wenn da noch ein paar Ohren mithört und korrigiert.

Wie kam eigentlich der Kontakt zu O*RS. Das ist ja nach außen hin schon eher ein House-Label. Fühlt ihr euch dennoch gut aufgehoben dort?

Lena: Ich finde schon und glaube auch, dass das für Aufmerksamkeit sorgt. Einmal in der Anhängerschaft von O*RS, weil es ja was total anderes ist. Ich weiß auch, dass einige Leute Filburt fragen, warum er das macht, es würde ja gar nicht passen. Aber allein das ist ja schon ein Aufmerksamkeitsbonus. Ich denke aber auch, dass da Leute dabei sind, die sich nebenher für andere Musik als für House interessieren.

Tristan: Für Filburt ist das aber auch eine Selbstverständlichkeit, dass es sich in verschiedene Bereiche entwickeln kann. Wir haben uns da einfach gefunden und vertrauen uns. Ich finde das auch gut, wenn ein Label so etwas wagt. Wenn ich ein Lieblingslabel habe und das kommt mit einer komischen neuen Platte, setze ich mich trotzdem damit auseinander, weil es ja irgendwo etwas gutes haben muss – sonst würde das Label die Platte ja nicht herausbringen.

Lena: So habe ich früher auch neue Musik entdeckt. Das war immer mit Herausforderungen verbunden, wenn ich neue Sachen entdeckt habe. Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich auch heute noch die Leute von Musik herausfordern lassen.

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