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Style Wild
Style Wild ist ein Kollektiv aus Tänzer*innen, DJs und Veranstalter*innen. Zweimal im Jahr findet Style Wild in Leipzig statt und bildet urbanen Tanz ab. Für 'Put On Your Dancing Shoes' tauschen sie den Tanzboden gegen die Tastatur unter Mithilfe verschiedener lokaler Tänzer*innen und Musikschaffender. Mehr Infos unter www.stylewildbattle.de

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Put On Your Dancing Shoes Part II – Hip Hop Dance

22. Februar 2019 / Kommentare (0)

Part II hat ein wenig auf sich warten lassen, aber Dank der Unterstützung von Phil & Ken von Klein Paris und Jenny Sharp geht’s nun in die nächste Runde von Put On Your Dancing Shoes.

Hip Hop ist ja heutzutage ein irres Teekesselchen. Ihr wisst schon, ein Wort, dass mehrere Bedeutungen haben kann. So wie Bank zum Beispiel.

Nun, bei Hip Hip Hop ist es so, dass es unter anderem, aber vor allem, einen Kulturbegriff darstellt. Für die Geburtsstunde dieser Kultur gibt es die mythologisch anmutende Schöpfungsgeschichte einer Geburtstagsfete, die Kool DJ Herc im Jahre 1973 für seine Schwester geschmissen hat.

Dort sind, Gott bezeuge es, die ursprünglichen Kulturbestandteile des Hip Hop aufeinander getroffen, welche da sind: DJing, Breaking, Writing sowie die Zeremonienmeister, die ihren Segen zu diesem Beisammensein im Advent des Hip Hop gegeben haben, die MCs.

Aber euren scharfen Augen ist natürlich nicht entgangen, dass sich namentlich Hip Hop Dance nicht unter diesen vier Elementen befindet. Moment mal, Breakdance steht doch da! Tja, wisst ihr, Breakdance und Hip Hop Dance sind eher wie Geschwister, die von den Tanten, die sie zu selten sehen, dauernd verwechselt werden.

Nein nein, damals haben die DJs virtuos ihre Funkbreaks jongliert, die Breaker haben dazu gebreakt, aber es sollte noch 6 Jahre dauern, bis mit Rappers Delight von der Sugarhill Gang der erste offizielle Hip Hop Radiosong erscheint.

Mit dem musikalischen Rückenwind tatsächlicher Hip Hop Musik hat sich in den 80ern in L.A. die Tanzrichtung New Jack Swing entwickelt, hierzulande auch als Hype bezeichnet. Das entspricht ungefähr dem, was euer Körper natürlicherweise macht, wenn ihr das Intro vom Fresh Prince of Bel Air hört.

In den 90ern hat dieser Tanz seinen Weg nach New York gefunden und dort seine technische Reifung zum Hip Hop Dance als eigenständige Tanzkultur erfahren, wie wir sie heute größtenteils kennen. Insbesondere die Einflüsse des New Yorker Tanzstils Rocking, welcher auch schon dem Breakdance zugrunde liegt, sowie die erste Tempoverlangsamung im Hip Hop in Richtung 90 BPM haben den Stil maßgeblich beeinflusst.

Es wirkt jetzt alles ein bisschen, nun sagen wir, cooler:

Ende der 90er hat sich dann der völlig kommerzielle Erfolg von Hip Hop eingestellt und mit MTV und Co. kamen auch die choreographierten Musikvideos. Hach, was soll sich ein bescheidener Eigentümer einer Tanzschule anderes unter Hip Hop Tanz vorstellen als 10 Menschen, die sich synchron mit geradwinkligen Armen bewegen? So wird – bis zum heutigen Tage – Hip Hop in Tanzschulen unterrichtet, der genauer genommen als Videoclipdance bezeichnet werden müsste.

Allein die inheränt notwendige Imitation widerspricht teilweise den Grundprinzipien des Hip Hop, sodass es sich hier um eine imageschädigende Fehlbenennung handelt. Zur Abgrenzung von diesem Videocliptanz, der der Hollywood-Kultur in L.A. zuzuschreiben ist, wird der in New York gereifte Stil hierzulande auch als Freestyle Hip Hop bezeichnet. Oder kurz: Freestyle.

Und man mag es kaum glauben, aber ja, von diesen Freestyle Tänzer*innen gibt es auch welche in Leipzig. Ken Martin (19) von der Leipziger All Styles Crew Klein Paris ist einer von ihnen.

Kens Tanzkarriere hat bereits von einer Dekade mit choreographiertem Hip Hop in Tanzschulen begonnen. Seit 2012 tanzt er Hip Hop Freestyle, nimmt regelmäßig an Battles Teil und bildet jetzt schon die nächste Generation junger Tänzer aus.

Ken, wie erklärst du dem Nachwuchs, was Hip Hop Dance eigentlich ist?

K: Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Hip Hop Dance hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. In den Anfängen – dazu sagen wir auch Oldschool – war Hip Hop Dance gewissermaßen eine Ansammlung von Social Dances, die zu Hip Hop Musik getanzt wurden. Wichtig war dabei vor allem, dass man zusammen groovt. Dabei geht man immer leicht in die Knie, was wir als Bounce bezeichnen. Außerdem kippt man den Oberkörper im Takt, so ein bisschen wie ein Rapper beim Rappen, was wir als Bodyrock bezeichnen. Beim Oldschool Hip Hop Freestyle kombiniert man diese Elemente nach seinen eigenen Vorstellungen.

K: Ganz so uniform sieht Hip Hop Dance mittlerweile aber nicht mehr aus. In den 2000ern wurde die Hip Hop Musik vielfältiger. Und so auch der Tanz. Das lag vor allem am Einfluss unabhängige Beatmaker, die sich dank des Internets selbst vermarkten konnten. Hip Hop klang auf einmal elektronischer und akzentuierter. Und damit wurde auch der Tanz technischer. Das heißt, dass der Old School Social Dance zu Hip Hop New School wurde, Musik wie auch der Tanz. Dabei hat man sich dem Repertoire anderer Tanzstile bedient, zum Beispiel Popping. Diesen Mix verschiedenster Stilrichtungen, der zu Hip Hop Musik getanzt wird, bezeichnen wird als New Style.

K: In der Zeit der Beatmaker habe ich die Szene kennen gelernt.

Wie war das für dich?

K: Mein erster Kontakt mit der Szene war durch ein Battle in der Distillery namens Style Wild, welches bis heute 2 mal im Jahr stattfindet. Bei einem Freestyle Battle improvisieren die Kontrahenten zur Musik, die der DJ auswählt, und eine Jury entscheidet subjektiv über Sieg und Niederlage. Dabei gibt es keine Liga oder Vereinsorganisation wie beim Fußball. Jeder kann sich zum Battle anmelden, auch meine Oma, wenn sie möchte. Seit vielen Jahren sind Battles die dominierende Eventform in unserer Szene. Mittlerweile tritt da aber so eine kleine Sättigung ein. Wir versuchen in unserer wachsenden Community den Wettkampf nicht mehr als Hauptmotivation zu sehen, sondern wollen mehr ungezwungenen Austausch durch Jams und Parties erreichen. Mir persönlich hat das bei meiner tänzerischen Entwicklung viel mehr gebracht.

Einen etwas anderen Weg hat Jenny Sharp beschritten. Vom Tanzboden ging es irgendwann hinter die Plattenteller und dabei ist es durchaus spannend die Szene(erie) durch die Augen einer ehemaligen Tänzerin zu betrachten, welche mittlerweile die Musik selektiert, statt auf sie zu reagieren.

J: Ich habe sieben Jahre aktiv gebreakt. Mich hat am Breaking immer auch die Community, das Beisammensein gereizt – auf Reisen habe ich immer mit Locals trainiert. Mir hat das Tanzen vor allem in Liverpool Spaß gemacht, weil wir da am Wochenende zusammen durch die kleinen Clubs gezogen sind und überall getanzt haben. Allerdings fand ich es schade, dass das Tanzen (hier in Deutschland) meist einen kompetitiven Charakter hatte, was auch der Grund war, dass ich mich irgendwann stärker auf das Auflegen konzentriert habe, weil ich hier eine Community und keinen Wettbewerb (im Battlesinn) hatte.

Was mir immer wieder aufgefallen ist, dass Breaker überall auf der Welt zu den gleichen Tracks tanzen – Breakbeats sind einfach universell, aber eben leider doch begrenzt in ihrer Auswahl, da heute kaum noch Funkbreaks produziert werden. Das empfand ich damals bereits als etwas eintönig.

Ich war auch schon, bevor und während ich noch aktive Tänzerin war, auf sehr vielen verschiedenen Partys unterwegs (von ganz früher Drum´n´Bass, Jungle, Dubstep, zu später Bassmusik, Hip Hop und Instrumentalbeats), sodass ich an meinen persönlichen musikalischen Vorlieben festgehalten habe, als ich von der Tanzfläche an die Decks gewechselt bin. Auch weil es nie mein Ziel war, bei Breakdance-Veranstaltungen zu spielen, sondern in meinem Podcast „Sharp Radio“ eben eine sehr diverse und auch zeitgemäße Selection, die sich seit meinen DJ-Anfängen immer weiterentwickelt, zu präsentieren.

Das Netzwerk, das ich während meiner Breakdance-Zeit aufgebaut habe, also die Connections zur Szene haben mir den Move zum Auflegen überhaupt erst ermöglicht. Durch das Tanzen habe ich sehr viele Leute außerhalb des Tänzer*innendunstkreises kennen gelernt, die musikalisch aktiv sind und die mich dann dabei unterstützt haben, mir Sachen erklärt und mich technisch beraten, mir ihre Technik geliehen, mich gebucht haben etc.

Das Tanzen hat mich natürlich Taktgefühl gelehrt, was beim Auflegen eine Grundvoraussetzung ist. Das aus dem Tanzen so typische Einzählen des Beats auf 5-6-7-8 mache ich heute beim Auflegen immer noch unterbewusst Auch das Gefühl, was tanzbar ist, hilft bei der Selection.

Nun gibt es immer wieder diesen akward Moment für Tänzer*innen, wenn sie sagen „Ich tanze Hip Hop und gehe auf Tanz Battles„ – denn viele schließen direkt auf Filme wie Step Up to 2 the streets, Streetdance und Co, wenn sie von Hip Hop Tanz Battles hören.

J: Das hat nur sehr wenig mit der wahren urbanen Tanzkultur zutun. Auch wenn Elemente aus den Bewegungen dieselben sind, ist die kompetitive Struktur und die Dynamiken zwischen Tänzern ganz anders. Zum Beispiel sieht man bei Step Up andauernd 5er oder 8er Gruppen synchrone Tänze dramatisch unter Regen performen.

Freestyle Hip Hop ist nur selten ein Tanz, den man mit anderen in Form von so genannten „Routines„ – also kurzen Choreographien, die man mit seinen Crew-Mitgliedern zusammen und synchron vorführt. Diese „Routines„ sind wenn überhaupt nur kurz bei Battles zu sehen, wenn 2 vs. 2 Tänzer*innen gegeneinander antreten. Es gibt sogar manchmal die Regel, dass man nur eine Routine pro Runde machen darf.

Eine Plattform hat Hip Hop New School mit den ersten größeren Battles in den 2000ern gefunden. Eines der größten Europäischen Events war und ist noch heute Juste Debout mit seiner ersten Edition 2002 in Paris.

Seit 2006 ist Juste Debout ein internationales Battle, bei dem die Vorauswahl der Gewinner in ca. 7 verschiedenen Ländern stattfindet und im Anschluss das Finale mit all diesen Gewinnern in Paris nochmal gegeneinander antreten. Seitdem erlebt Hip Hop Tanz einen großen Wandel, der schon lange nichts mehr mit Old School Social Dance im Club zutun hat.

Es gibt mittlerweile aber wieder den Trend zurück in den Club zu gehen und dieser Trend wird immer populärer bei Events. So gibt es jetzt Veranstaltungen wie House Dance Forever oder Juste Debout die unter dem Motto „back to clubbing„ stattfinden.

Trotzdem ist das unter den urbanen Tänzern und Zuschauern umstritten, da man Spaß und „Clubbing„ so wenig erzwingen kann, wie jemanden im Club kennenzulernen. Zudem haben sich die Juste Debout Battles seit 2002 erheblich verändert und kommerzialisiert. Hier einmal ein klarer Vergleich von 2002 und 2018:

Die Medaille hat also mehr als zwei Seiten, deshalb wollen wir abschließend nochmals Jennys Perspektive einnehmen und den Blick für das Geschehen schärfen.

J: Ich weiß nicht, ob es da so riesige Unterschiede gibt, auch jede Party Crowd kann sehr unterschiedlich sein. Wenn ich vorher weiß, dass Hip Hop Tänzer am Start sind, pack ich auf jeden Fall ein paar 90 BPM instrumental Beats ins Set, weil sie dazu gut bouncen können. Das Problem bei Breakern auf Partys ist für mich, dass sie auch auf dem dreckigsten Kellerfloor sofort eine Cypher eröffnen, sobald man einen funky Break spielt, was die anderen Gäste manchmal vom Tanzen abhält und wenn kein Breakbeat läuft, wissen einige gar nichts mit sich anzufangen.

Tänzer*innen sind meiner Meinung nach offen und stehen bei deinem Set nie mit dem Handy vor dir und wollen, dass du unbedingt IHREN Lieblingstrack spielst. Sie lassen sich vielleicht mehr darauf ein, was man ihnen zeigt und respektieren den DJ. Wenn Tänzer am Start sind, ist die Energie auf dem Dancefloor spürbar. Also es gibt natürlich auch andere Crowds, bei denen das so ist!

Andererseits finde ich, dass die meisten Tänzer*innen viel öfter auf Partys gehen sollten. Die meisten Tänzer*innen, die ich kenne, gehen quasi nie in Clubs, das habe ich schon, bevor ich mit Auflegen angefangen habe, nie verstanden. Aber es liegt sicher daran, dass viele Tänzer*innen gesund leben, viel trainieren, seltener rauchen und weniger Alkohol trinken.

Vielleicht gefällt ihnen auch einfach das musikalische Angebot nicht – ich weiß es nicht. Aber ich muss auch sagen, dass ich wenige Tänzer*innen kenne, die sich wirklich mit Musik auseinandersetzen und auskennen – für sie steht eben das Tanzen im Mittelpunkt, was ja auch völlig okay ist.

Ich habe das Gefühl, dass die vier Elemente des Hip Hops heutzutage oft eher koexistieren, als dass sie wie ursprünglich miteinander praktiziert werden. Früher haben Breaker auf Partys zu der Musik des DJs getanzt, auf die ein MC gefreestylt hat, während draußen die Writer gesprüht haben.

Heute malen die Graffitiartists Pieces, die DJs legen auf Partys auf, die Rapper rappen auf Konzerten und die Breaker trainieren in ihrem Spot – die Berührungspunkte gibt es natürlich noch, aber nicht mehr im gleichen Maße. Das soll nicht negativ klingen, nur ist das eben der Lauf der Dinge.

Wie versprochen gibt’s auch dieses Mal eine Playlist für all diejenigen unter euch, die Bock haben noch ein wenig mehr abzutauchen:

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