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Paula
Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz, elektronische Musik und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit.

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Let’s Talk: Ein Interview mit der Nice4What Crew

08. Juli 2019 / Kommentare (0)

Unsere Autorin Paula hat Nice4What zum Thema Sexismus in der Clubkultur befragt – hier lest ihr das ganze Interview.

Was fällt euch als Erstes ein, wenn ihr Sexismus im Zusammenhang mit Clubbing bzw. der elektronischen Musikszene hört?

Isa: Es gibt leider keinen Bereich der Gesellschaft, in dem Sexismus keine Rolle spielt, deswegen ist auch die Clubkultur davon betroffen.

Marlene: Besonders absurd in diesem Kontext finde ich den Kontrast zwischen der Clubkultur als Sehnsuchtsort, an dem gesellschaftliche Konventionen abgelegt werden können und sich jede Person frei ausleben kann – und dem gegenüber die tatsächlich vorherrschenden Zuständen in der Clubkultur.

Sexismus ist im Clubbetrieb, hinter dem DJ-Pult sowie beim Booking mindestens so stark vertreten wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Anna: Vor allem in der Leipziger Clubszene gibt es inzwischen viele Initiativen und Orte, von denen und in denen struktureller Sexismus thematisiert wird und versucht wird, dem entgegenzuwirken. Allerdings gibt es diese Räume nur punktuell – in anderen Städten oder auch teilweise in anderen Kreisen in Leipzig sieht es wohl noch anders aus. Deswegen ist es wichtig, wie Isa schon sagt, neben dem Mikrokosmos Club auch die größeren Zusammenhänge zu sehen: Es geht um Strukturen und Verhältnisse, die sich durch die ganze Gesellschaft ziehen.

Franzi: Aus Künstler*innenperspektive kommen mir dabei vor allem die geschlechterrollenspezifischen Stereotype und daraus folgendes diskriminierendes Verhalten in den Sinn, die sich natürlich auch nach wie vor im Clubkontext offenbaren.

Inwieweit erlebt ihr als Akteurinnen in der Szene Sexismus?

Isa: Das passiert wirklich ständig. Es geht da los, wo man gesagt bekommt, man könne ‘für eine Frau’ gut auflegen, und geht weiter mit Aussagen wie ‘Sie ist bestimmt nur so erfolgreich, weil sie eine Frau ist’. Typen, die einem beim Auflegen im Club in den Mixer/ in die Platte greifen, weil sie denken sie können sich das jetzt einfach so rausnehmen und mir mal zeigen wie man das richtig macht bis hin zu Menschen, die daran zweifeln, dass ich einen Mix selbst aufgenommen habe, ohne mir dabei von einem Mann helfen zu lassen. Die Liste lässt sich ewig so weiterführen.

Franzi: Ja, von zu vielen Seiten! Einige gehen zum Beispiel davon aus, dass Frauen* nicht auf gleichem Niveau wie männliche Kollegen auflegen können. Jede von uns kann von irgendwelchen Erfahrungen erzählen, die sie als DJ erlebt hat. Mann erklärt Frau* ungefragt wie die Technik funktioniert, was auf welchem Floor an Musik nun gut passen würde oder welche bpm-Zahl gerade angemessen wäre.
Also, meist kommt das von männlicher Seite, aber geschlechterstereotype Denkmuster sind auf allen Seiten internalisier. Neulich habe ich beispielsweise die Soundtechnik für den Abend vorbereitet und eine Frau kam auf mich zu um mir beschwichtigend mitzuteilen, dass gleich ein Kumpel vorbeikäme, der sich mit Technik auskenne und da mal drüber gucken könne, ohne in Erwägung zu ziehen, dass ich das durchaus alleine bewerkstelligen könnte.

Marlene: Ich erlebe auch immer wieder große Überraschung darüber, dass ich als Frau tatsächlich mit Platten auflege.

Anna:  Manchmal habe ich das Gefühl, bei dem was ich tue kritischer beobachtet zu werden. Als müsse man allen nochmal beweisen, dass ich es als Frau mit zwei Jahren DJ-Erfahrung tatsächlich verdient habe, auf einer bestimmten Party oder einem bestimmten Slot zu spielen. Wenn man dann mal einen Mix verhaut, scheint es manchen eine Bestätigung zu sein, dass man an dem Abend nur hinterm DJ-Pult stehen darf, weil man eine Frau ist.

Ihr geht alle mehr oder weniger regelmäßig auch als Gäste feiern – wie erlebt ihr einen Abend im Club als „Frau“?

Franzi:  Für mich verläuft eine wünschenswerte Clubnacht so, dass ich an mein „Frau“-Sein bestmöglich keinerlei Gedanken verschwenden muss, sondern mich fallen lassen kann, weil ich mich durch die Leute im Club um mich herum aufgehoben und sicher fühlen kann. Dennoch läuft auf so einer semibewussten Ebene irgendwie von vornherein so eine Hab-Acht-Stellung, weil man sich in einen Raum begibt, in dem Personen eben gerne über die Stränge schlagen und dabei leider manchmal das letzte Fünkchen respektvoller Umgang verschwindet. Als Frau muss ich dann aufgrund patriarchaler Machtstrukturen leider eher damit rechnen, dass mir oder anderen Frauen* diskriminierendes Verhalten widerfährt.

Marlene: Sowohl als Gast als auch hinter der Bar oder hinter dem DJ-Pult erlebe ich immer wieder unangenehme Situationen, wie angestarrt, angetanzt oder unter komischen Vorwänden angequatscht zu werden. Was ungewolltes Angefasst-Werden angeht, kann mich spontan an mindestens fünf Situationen in den letzten Jahren erinnern. Bekomme ich eine solche Situation mit oder erlebe sie selbst, ist der Abend für mich eigentlich gelaufen. Ich glaube, den meisten Personen, von denen diese Situation ausgehen, ist gar nicht bewusst, was sie durch ihr Verhalten gerade auslösen. Deswegen versuche ich sie offen darauf anzusprechen, dass sie gerade eine Grenze überschreiten. Leider treffen solche Aussprachen gerade im Partykontext häufig auf Unverständnis. Umso wichtiger finde ich es, dass Clubs mit Awareness Konzepten arbeiten.

Die vier Mitglieder der Nice4What-Crew

Awareness Maßnahmen

Speaking of Awareness: Welche Maßnahmen kennt ihr, die dieser dienen und der classic sexistischen Szenerie in Clubs vorbeugen bzw. entgegenwirken sollen?

Isa: Das beginnt ja meistens schon vor dem Club, also durch Selektieren an der Tür, zum Beispiel dass große Männergruppen nicht reingelassen werden (und nein, das ist kein Sexismus gegen Männer), oder Menschen, die zu viel konsumiert haben. Und ich finde es wichtig, dass an der Tür darauf aufmerksam gemacht wird, dass es bei Problemen Ansprechpartner*innen gibt. Super sind auch Awareness-Personen oder Safer Clubbing, die ansprechbar sind und sich im Notfall kümmern.

Franzi: Ich würde an Isas Gedanken anknüpfen, denn ich denke, dass sich ein bestimmter, unter den Veranstaltenden als Norm gesetzter Umgang auch nach und nach auf Besucher*innen-Seite reflektiert. Dafür ist eben ein entsprechendes Briefing an der Tür über den gewünschten Habitus im Club wichtig. Im Club tragen alle Beteiligten das dann ja hoffentlich ebenfalls weiter, indem sie sich danach verhalten, unterstützen und gegebenenfalls intervenieren.

Für Notfälle und generellen Safer Use ist Safer Clubbing definitiv eine großartige Errungenschaft. Im Prinzip fänd‘ ich es aber auch grandios, wenn wir irgendwann soweit sind, dass wir keine „extra“ Awareness-Instanz mehr benötigen, weil alle schon ausreichend aufeinander Acht geben.

Anna: Für mich macht es viel aus, wenn in klassischerweise cis-männlich besetzten Positionen, beispielsweise an der Tür, an Licht, Technik und als Abendverantwortung Frauen* zu sehen sind. Im Conne Island gibt es bei Tanzveranstaltungen beispielsweise immer eine Einlass-Schicht, während derer nur Frauen* an Tür und Einlass stehen, was viel zum Setting des Abends beiträgt. Einige Clubs achten schon stark darauf, dass in allen Crews ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht. 

Ich finde auch wichtig, dass man als Gast selbst aufmerksam bleibt, im Club, auf dem Weg und auf der Afterhour, und auf Personen zugeht, die sich unwohl zu fühlen scheinen.

Wie erlebt ihr die Szene (in Leipzig und anderswo) hinsichtlich der Präsenz nicht-männlicher Acts?

Isa:
Insgesamt ist da in den letzten Jahren schon einiges passiert, aber da ist noch richtig viel Luft nach oben. Im IfZ wird darauf geachtet, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu haben, guckt man sich allerdings die ganzen Studenten-/ Mainstream-Clubs in Leipzig oder auch überall anders an, ist die Präsenz von nicht-männlichen Acts immer noch verschwindend gering.

Franzi: Ich glaube in Leipzig haben wir da momentan schon ein Bubble-Phänomen, indem in der vergangenen Dekade bezüglich nicht-männlicher Artists so einiges passiert ist. Seit sich im Conne Island vor zehn Jahren G-Edit und der DJ-Proberaum begründet haben, kamen stetig neue fem* DJs dazu und gerade in den letzten zwei, drei Jahren zeigen immer Acts selbstbewusst, was für ein Potential Leipzig im Hinblick auf Frauen* in der elektronischen Musik besitzt. Selbstverständlich ist das Potential an sich nichts absolut Leipzig-spezifisches, nur hatten wir hier eben das Glück, dass bereits Strukturen initiiert und etabliert wurden, die den Zugang zur elektronischen Musik erleichterten. Vernetzung und gegenseitiges Empowerment sind in dieser Hinsicht wie in vielen Bereichen eben auch hier essentiell.

Marlene: Ich denke auch, dass in den letzten Jahren verstärkt ein Bewusstsein für die Unterrepräsentierung von nicht-männlichen DJs geschaffen wurde und auch schon einige erfolgreiche Maßnahmen ergriffen wurden, gegen diesen Zustand anzukämpfen. Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass sich durch female*only line-ups und die Vernetzung vieler Frauen* in female*only Crews sowas wie eine parallele fem* DJ-Szene entwickelt hat und ausgeglichen-gemischte Crews und Veranstaltungen weiterhin eher die Ausnahme bleiben.

Was sagt ihr zu der klassischen Erklärung von Booker(*inne)n, wenn sie wenig bis keine female* acts buchen, es gäbe einfach nicht so viele wie Männer?

Isa:

Es gibt auf den ersten Blick mehr cis-Männer als Frauen*, die auflegen. Aber dass man keine Frau* findet, die musikalisch ins Konzept passt, ist einfach nur Bullshit.

Es gibt female* Kollektive oder auch verschiedene Netzwerke bei denen man sich schlau machen kann, da gibt es ja sogar Seiten wie female:pressure auf denen Artists aufgelistet sind. Was dabei aber noch wichtig ist, dass man nicht einfach irgendwen bucht, um eine „Quotenfrau“ auf dem Lineup zu haben, sondern auch darauf achtet, dass das vom Genre Sinn macht.

Franzi: Durch eigene Bookingerfahrungen musste ich auf jeden Fall feststellen, dass es aus verschiedenen Gründen nicht immer realisierbar ist, ein 50/50-Booking auf die Beine zu stellen.

Nichtsdestotrotz kann mir keine*r erzählen, dass es so wenige female* Acts gibt, dass es immer noch regelmäßig zu komplett männlichen Lineups kommt und es maximal für eine „Quotenfrau“ reicht, völlig schnuppe, ob die musikalisch reinpasst. Dass dient dann eher einem female* friendly Imageanstrich und um mehr muss man sich dann nicht scheren. Sowas nervt mich auf jeden Fall hart.

Anna: Wenn es so scheint, als gäbe es wesentlich weniger nicht-männliche Acts, die auflegen, dann sollte man sich erstmal fragen, warum für diese die Hürden anscheinend höher sind und versuchen, diese abzubauen. Wer wo spielen kann, hat viel mit informellen Netzwerken zu tun. Aber anstatt sich auf die Empfehlung von Kumpel zu Kumpel auszuruhen, kann man sich schon mal aktiv umhören, wer noch so gute Sets auf SoundCloud hat und Newcomerinnen pushen.

Die Zukunft: Künstler*innenförderung

Was muss eurer Meinung nach (noch mehr) passieren, um weibliche* Nachwuchs-Artists zu fördern?

Isa: 
Booker*innen: Kümmert euch darum, dass die Lineups ausgeglichen sind. 
Ansonsten: Freund*innen, die anfangen aufzulegen, motivieren, dran zu bleiben. Wer selbst auflegt kann in Sets darauf achten, auch weibliche Produzent*innen zu repräsentieren. Wer als cis-Mann auf eine Party gebucht wird, auf der ansonsten auch nur Männer spielen, kann das ansprechen, Acts vorschlagen.

 Franzi:  Ich denke auch: Buchen, Austauschen, Netzwerken. Skillz sharen. Untereinander konstruktiv Kritisieren und Selbstbewusstsein fördern für ein solides Standing finde ich persönlich auch sehr wichtig.

Anna: Wenn ihr auflegen könnt, Technik verkabeln oder mit Ableton umgehen könnt, zeigt’s euren Freundinnen und Bekannten – und dann setzt sie in Positionen und gebt ihnen Verantwortung. Und es ist wichtig, Räume zu schaffen, in denen sich Frauen* austauschen, ausprobieren und gegenseitig Skills beibringen können.

Nice4What

Die vier Frauen von Nice4What gründeten sich basierend auf ihrer geteilten, wie sie sagen, grenzenlosen Liebe für House im Oktober 2018. Kennengelernt und angefreundet haben sie sich im Proberaum des Conne Island.

Im Institut fuer Zukunft haben sie bereits mit dem Riotvan-Label, dem No Show-Kollektiv und der G-Edit-Crew, von der sie ebenfalls alle vier Teil sind, kollaboriert. Die FLIRT im Mjut, eine 18-Stunden-Party, geht auf ihre Kappe, genauso wie „Nicer Garden X 10YRS Halftime“ im Island – da treten sie jetzt nämlich in die großen „KANN Garden“ Fußstapfen und übernehmen die Veranstaltungsreihe.

Alle vier mischen auch solo an unterschiedlichen Stellen in Leipzigs Clubszene mit. 

Isa kuratiert seit Sommer 2017 die wöchentlich donnerstags stattfindende „Channel“ im IfZ mit. Sie ist Teil von feat.fem und hat im Safer Clubbing Team des IfZ gearbeitet.

Marlene arbeitet seit 1 1/2 Jahren im Ifz an der Bar und organisiert Veranstaltungen mit, wie die Halftime am Conne Island oder mit feat.fem, G-Edit oder mit dem Frauenproberaum

Franzi kam über feat.fem zu G-Edit und kuratiert im LNDT in Lindenau Musikbars und Partys als Teil der „Petrola“-Crew.

Anna organisiert den Frauen-Proberaum im Conne Island mit, gibt regelmäßig DJ-Workshops, betreut Technik und Licht bei Veranstaltungen im Conne Island und im Institut fuer Zukunft, veranstaltet u.a. die Halftime im Conne Island mit und ist dort im Booking tätig.

[1] In diesem Artikel wird das * verwendet, um all diejenigen Personen einzuschließen, die nicht cis-männlich sind, sprich cis-weibliche, trans- bzw. non-binary Akteur*innen. Es ist ein Versuch, den Lesefluss des Artikels zu verbessern, um nicht an jeder Stelle erneut darauf hinzuweisen, dass all diese Personen gemeint sind. An einigen Stellen, beispielsweise, wenn es um sexistische Stereotype geht, wird bewusst auf das Sternchen verzichtet, um das heteronormative Denkmuster zu verdeutlichen, oder an Stellen, an denen die Interviewten explizit von sich als cis-Frau sprechen.
Wird von „Männern“ gesprochen, wird auf das Sternchen verzichtet, um zu verdeutlichen, dass es dabei um cis-männliche Personen geht und trans- bzw. non-binary Personen an dieser Stelle nicht gemeint sind.

Anmerkung: Auch die Visibility von Personen des LGTBQI-Spektrums und Black and Indigenous People/Person(s) of Color ist in der elektronischen Musikkultur wie in anderen Bereichen der Gesellschaft nach wie vor ein Problem.

[2] An anderer Stelle wird statt dem Sternchen der Terminus „nicht-männlich“ verwendet, um klar zu machen, dass es an dieser Stelle um alle Personen des Spektrums geht, die nicht cis-männlich sind. 

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