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Paula
Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz, elektronische Musik und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit.

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Der Soundtrack für den Sommer

04. September 2019 / Kommentare (0)

Zwei Monate vor dem offiziellen Release von Comode 01 schickt mir Julian die gemasterten Tracks. Ich sitze im Zug, habe so gut wie kein Internet und ausnahmsweise die guten Kopfhörer dabei, zum Glück. Ninzes neue EP (die erste Solo Vinyl, ein gar nicht so unwichtiger Aspekt) ist ab der ersten Minute mein inoffizieller weil noch nicht veröffentlichter (psst) Soundtrack für den Sommer. 

Vorüberziehende Landschaften, friends, people, Studioaufnahmen

Wer Ninzes Musik kennt, wird sich sofort aufgehoben fühlen, da ist kein „reinkommen“ nötig. No sferics & tweaks, der erste Track, holt mich direkt ab. Ich denke, eigentlich müsste das jetzt eine Filmszene sein, wie ich hier im Zug sitze, durch die sächsische Provinz fahre, softe Vocals, sphärische Klänge und ein angenehmer Bass im Ohr. Als hätte ich es geahnt ist der Track der Sound für ein Video. Das erste Ninze-Video, selbst gedreht, sehr persönlich. In den letzten drei Jahren hat Julian Videoschnipsel auf all seinen Reisen gesammelt. Vorüberziehende Landschaften, friends, people, Studioaufnahmen. Julian erzählt mir später (gut einen Monat nach meinem Zug-Moment), dass dieser Track und das Video für ihn auch viel Nostalgie bedeuten. 

Die letzten Jahre, kleine Sequenzen, die einen Einblick in sein Leben als Künstler in der elektronischen Musikszene liefern, unglaublich nah dran und persönlich, aber irgendwie auch weit weg. Denn die meiste Zeit sieht man alles aus seiner Perspektive, er selbst ist nur selten zu sehen. Und genauso ist seine Musik: Unaufdringlich, es fügt sich alles zusammen und lässt einem selbst gleichzeitig viel Raum. 

Ninze – Comode 01

Über Ninzes Musik im Duo mit Okaxy habe ich vor ein paar Jahren Folgendes geschrieben: 

„Ein bisschen gleicht das Gefühl, was man bekommt, wenn man ein Set der beiden hört, jenem, was man erlebt, wenn man nach einer durchtanzten Nacht auf einem Festival in der Sonne liegt, eine Zitronenlimo in der Hand.“

Das passt auf jeden Fall immer noch, aber für mich sind die neuen Tracks von Julian vor allem eines: alltagstauglich. Nicht mehr notwendigerweise der Schneckno auf Trakt II, wenn die Sonne schon scheint, der einen trotz Chemo-Kater irgendwie warm einlullt, mit dem man dann aber eben vor allem diese Momente verbindet. Die angenehme Mischung aus organischen Vocals, kristallenen Tönen und dem stetigen Bass macht schon Lust auf mehr, kurz sehe ich mich mit einem Radler in der Hand irgendwo auf einer Wiese von einem Fuß auf den anderen treten. 

Das reicht aber nicht, die EP ist nicht nur Soundtrack zu einer bestimmten Szenerie, sie haben einen eigenen Charakter – und viel Abwechslung. In gewisser Weise kann man, wenn man genau hinhört, mental einen ganzen Sommer mit der Musik füllen, nicht nur einzelne Momente. 

Das Besondere an Ninzes EP ist vielleicht vor allem das: Sein Geschmack, die Einflüsse auf seine eigene Musik, verändern sich stetig. Ich frage ihn, warum seine erste Solo-EP erst jetzt rauskommt, wo er doch schon seit mehr als sechs Jahren Musik macht.

„Ich glaube in den letzten zwei Jahren hat sich das so schnell verändert. Deswegen war es auch schwierig für mich, live zu spielen, so viele verschiedene Stile in ein Set zu bekommen. Jetzt habe ich das Gefühl, ich hab‘ alles mehr auf einer Linie, es sind unglaublich viele neue Sachen entstanden und ich könnte eigentlich auch schon wieder alle vier Tracks austauschen. (lacht)“

Ich erlebe in den vier Tracks, die auf der ersten Platte sind, eine breite Spannweite. Die EP zu hören war für mich nicht tröge oder etwas, das im Hintergrund läuft, wie viele andere Sets, die ich mir nebenbei anhöre und dabei nicht ‚richtig‘ zuhöre. 

Ninzes EP verschafft mir immer wieder einen „listen, hier passiert etwas Neues“-Moment. Julian vermutet, das liege an der Zeit, die zwischen der Entstehung der Tracks lag. Insgesamt sind es Tracks aus etwa 1, 5 Jahren.

Ich frage ihn, was er mit den restlichen drei Tracks verbindet. Zum ersten gibt’s ein Video, seine Reisen, die Nostalgie, kann man sich direkt anschauen. Die übrigen drei verbindet er, so sagt er, vor allem mit den Momenten, in denen er sie gespielt habe. 

Oh, I get high

Oh, I get high, Track Nummer zwei, spiele er meist tagsüber, Sonne, vielleicht auch ein bisschen Strand. Sergio und Lenz, Track drei und vier, spiele er eher nachts – die Stimmungen holen einen ab, wenn man die Platte umdreht. Und übrigens nicht nur mit der Musik: Die Platte an sich ist so gestaltet, dass eine kleine Illusion entsteht, wenn sie sich dreht. Mehr verrate ich nicht, aber was Julian über Tag und Nacht in Bezug auf die Stimmung der Tracks sagt, passt dazu. 

Ninze – Comode 01

Und, to be honest: Ich bin ein bisschen überrascht von dem, was mich mit Track drei und vier erwartet. Julian kenne ich schon seit gut zehn Jahren, seine Musik quasi seit den Anfängen, und da hat sich ein gewisser Klang zusammengebaut, den ich mit seinem Alter Ego verbinde. Die EP schafft es, mich zu überraschen, ohne, dass ich sagen müsste, er sei sich „nicht treu“ geblieben. Ich würde ja gern noch etwas über einen Wermutstropfen schreiben, einfach weil es so edgy wäre, diesen Begriff in einer Rezension zu verwenden, aber mir fällt einfach keiner ein. 

Außer vielleicht das: Wem die Genres, in denen Ninze sich mit seiner Musik bewegt, nicht zusagen, der braucht die EP auch nicht zu hören.

Die vier von Julian produzierten Tracks sind nicht alles, auf Platte Nummer zwei gibt’s nämlich noch vier Remixe. 

Nicola Cruz, Phillip Fein, DWIG und Schlepp Geist haben die vier Originaltracks gemischt, und wem eine Solo-EP von Ninze allein nicht ausreicht, sollte sich die Diversität der vier Mixe auf der Zunge zergehen lassen. „Alle vier haben eine Bindung zu mir, oder eher ich zu ihnen und zu ihrer Musik, aber alle vier sind sehr unterschiedlich. 

So kommen sehr unterschiedliche Interpretationen der Tracks zustande.“

Die EP erscheint beim Label ‚feines Tier‘.

Fotos: Paula Charlotte Kittelmann/Ninze

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