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Autor/-in

Valentin Buhl
Valentin ist Student an der Uni Leipzig und seit 2017 in der Voguing-Szene aktiv. Erst in Italien, wo er das erste Mal damit in Kontakt kam und seit 2 Jahren auch in Leipzig - als Mitglied der lokalen Voguing-Gruppe und (Laien-)Trainer. Trainingseinheiten finden wöchentlich im Heizhaus statt; jede*r ist willkommen, keine Vorkenntnisse nötig.

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Put On Your Dancing Shoes Teil IV – Voguing

22. November 2019 / Kommentare (0)

Gleich zu Anfang eines: Madonna hat Voguing nicht erfunden! 

Mit ihrem Hit “Vogue„ aus dem Jahr 1990 wurde Voguing plötzlich einer breiten Öffentlichkeit bekannt; heute könnte man fast sagen, Voguing ist im Mainstream angekommen. Tatsächlich existiert Voguing aber schon sehr viel länger….

Strike a pose! 

Schon in den 60er Jahren gab es Wettbewerbe im Posing, angeregt von Fotostrecken und Werbekampagnen aus Modemagazinen – wie der namensgebenden Vogue. Aus der schnellen Aneinanderreihung von Posen entwickelte sich ein Tanz. Hinzu kamen Einflüsse aus anderen Stilen, wie zeitgenössischem Tanz, Ballet oder Breakdance und Elemente, die von Military, Martial Arts oder dem popkulturellen „antiken Ägypten“ beeinflusst waren. 

POSE! POSE! POSE! Hauptsache ästhetisch und ausgefallen! Voguing ist vor allem individuell!

Mit einer neuen Generation kam ein neuer Stil: Flexibilität, Verrenkungen und bizarre Akrobatik wurden in die Tanzperformance integriert; der „New Way“ war geboren. Der ursprüngliche Tanz, eigentlich “Pop, Spin and Dip„ genannt, wurde zum „Old Way“.  „Vogue Fem“ schließlich war anfangs „nur“ eine femininisierte Spielart als Ausdrucksform der Transfrauen in der Community. Heute ist er der populärste der drei Stile. Er spielt mit übertriebener Weiblichkeit und akzentuiert vorhandene oder imaginäre Attribute weiblicher Sexualität. Man nimmt sich zurück, wofür man in der Gesellschaft ausgegrenzt wird und besetzt es auf positive Weise neu; daraus schöpft sich die Energie von Voguing. 

Old Way
New Way
Vogue Fem

Ballroom is life! 

Man kann allerdings nicht von Voguing sprechen ohne ein Wort über die Ballroom-Szene zu verlieren. 

Ursprünglich kommt Voguing aus New York, genauer dem Stadtteil Harlem. Die mehrheitlich schwarze und latino Bevölkerung lebte dort in prekären Verhältnissen, was es für LGBTQI* dort doppelt so schwer machte. Wirtschaftlich und gesellschaftlich abgehängt, oft von den eigenen Familien verstoßen, war die Ballroom Community nicht nur einen Ort sich auszudrücken und frei zu entfalten, sondern ein Safe Space und eine Ersatzfamilie.

Die Mitglieder der, auch heute noch existierenden und konkurrierenden, „Houses“  lebten damals tatsächlich oft unter einem Dach. Ein House bedeutet nicht nur Unterstützung im Wettkampf, sondern Unterstützung in allen Lebenslagen und ein Ball bot die Gelegenheit für einen Abend dem eigenen Leben zu entfliehen und der ungeschminkten Realität mit Kreativität und Musik zu begegnen. Ballroom bedeutet Empowerment.

Meinen ersten Ball habe ich in Paris erlebt und was ich noch immer in Erinnerung habe ist die unglaubliche Energie, die den Raum erfüllt hat. Die Zuschauer bei einem Ball stehen nicht nur dabei und schauen zu. Sie unterstützen ihre Freunde, ihre Houses und ihre Community; die Stimmung ist, auf eine positive Art und Weise, unbeschreiblich aufgeladen. Dazu die unglaublich kreativen Outfits, die Vielzahl an Kategorien, die wahnsinnigen Performances…ich war überfordert und fasziniert und konnte für Stunden nichts anderes, als dem Spektakel mit offenem Mund zuzuschauen. Noch immer kann mich die Energie eines Balls mitreißen und überraschen, viel mehr noch, wenn man selber daran teilnimmt. 

Paris is burning

Category is …

Ballroom beinhaltet aber nicht nur Voguing: neben den Performance-Categories, in denen man seine Voguing-Skills unter Beweis stellen kann, gibt es noch andere Möglichkeiten sich zu profilieren; im Grunde genommen gibt es eine Kategorie für Jeden.

In Fashion-Categories zeigt man sein Stilbewusstsein und seine Kreativität, bei Runway seine Qualitäten als Supermodel. In den Body-Categories wiederum präsentiert man sein Gesicht, seinen Körper und seine Verführungskünste. Realness schließlich bedeutet die Juroren davon zu überzeugen in der heteronormativen Gesellschaft nicht aufzufallen, „real“ zu sein. Leider für viele eine tatsächlich relevante Fähigkeit. 

Sie alle bedienen den realen Wunsch zur Gesellschaft dazu zu gehören und Anerkennung zu finden, schaffen aber zugleich ihre eigenen Regeln, als Parodie auf die Zwänge ebendieser Gesellschaft. 

DJ, pump the beat! 

Voguing ist eng mit dem Aufkommen von House verbunden. House bietet den Rahmen für jede Art von Voguing-Performance; Posen und Performance-Elemente orientieren sich am Beat. Besonders der Drop, als Höhepunkt der Performance muss ON POINT sein. Anders als bei Disco tritt der Bass mehr in den Vordergrund und schafft eine gleichförmige Grundlage für Freestyle-Tanzperformances. Und darum geht es letzten Endes beim Voguing: nicht einstudierte Choreografien stehen im Vordergrund, sondern freie Interpretation, Reaktion auf die Musik und den Moment, sowie die Interaktion mit den Juroren, dem Publikum und natürlich dem Gegner im Battle. 

Zusätzlich zur Musik moderiert der Commentator den Ball: er kündigt die Kategorien an, organisiert die Battles und kommentiert das Geschehen, zur Unterhaltung des Publikums und zur Motivation für die Teilnehmer. 

Und auch wenn Voguing wettbewerbsmäßig getanzt wird, geht es doch, wie bei jeden Tanz eigentlich, um Gemeinschaft, die Freude am Tanz selbst und die Energie, die die Musik gibt, sodass es eigentlich kein Wunder ist, dass Voguing u.a. durch die queer dominierte New Yorker Club-Kid-Szene Eingang in die Clubkultur gefunden hat. Hier wurde es erstmals einer breiteren, auch weißen, Öffentlichkeit zugänglich, in der schließlich auch Madonna darauf aufmerksam wurde…

Paris is burning 

Sehnsuchtspunkt der Community zu dieser Zeit war Paris, als Sammelpunkt der High Society und Hauptstadt der Mode. Kurz gesagt der Inbegriff all dessen, was man zu erreichen erträumte. Lange Zeit blieb es auch genau das, ein Traum, denn Voguing war ein subkulturelles New Yorker Phänomen. In den 2000er Jahren aber schafft es den Sprung nach Paris und Voguing nahm seinen Anfang in Europa.

Für mich begann Voguing eigentlich fast zufällig während eines Auslandssemesters. Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. Es ist mehr, als nur ein Tanzstil, sondern eine Community – eine ganze Lebensart. 

In Leipzig gab es natürlich nichts vergleichbares, selbst die Berliner Community existierte erst seit ein paar Jahren. Dennoch hat sich eine (wachsende) Gruppe unterschiedlichster Menschen zusammen gefunden, verbunden durch die Faszination VOGUING.

In wechselnder Besetzung und in ständiger Re-Evaluation treffen wir uns seit mittlerweile 2 Jahren regelmäßig zu Trainingseinheiten, Sessions und Workshops im Heizhaus. Wir sind sicherlich keine professionelle Tanzgruppe, aber es geht auch nicht um pure Perfektion, sondern darum, sich mit Ausstrahlung und Selbstbewusstsein zu präsentieren, seine Persönlichkeit zu zeigen und vor allem Spaß zu haben. Im Ballroom ist man man selbst und gleichzeitig mehr als das.

Die Geschichte von Voguing ist mit Sicherheit noch nicht zu Ende und das Leipziger Kapitel nimmt gerade erst seinen Anfang. 

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