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Amy
Hauptsache gute Laune - von Disco bis Tekno kommt für Amy aka ttyfal auf dem Dancefloor und USB Stick alles in Frage. Szene über Mainstream, Open Air über Club, Sekt über alles.

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Zehn Jahre zehn Quadratmeter – der Proberaum im Conne Island

04. Dezember 2019 / Kommentare (0)

Er ist der Grund für Leipzigs Luxusposition und Vorreiterrolle in Sachen female-DJs: der Proberaum im Conne Island. Den 10. Geburtstag des Proberaums nehmen wir zum Anlass, auf seine Geschichte und Philosophie zu blicken.

Dass Leipzig mittlerweile zu einer wahren Talentschmiede für DJs geworden ist, das kann man nicht leugnen. Und das ist auch nicht zuletzt dem Frauen*-DJ-Proberaum im Conne Island zu verdanken. Denkt man an viele weibliche DJ-Größen aus Leipzig, dann kann man sich fast schon sicher sein, dass ihre Wurzeln im Proberaum liegen.

Zehn Jahre „Probi“

Und nun wird er zehn Jahre alt, der Proberaum – eines des vielen Jubiläen, die das Conne Island in diesem Jahr verbuchen kann. Zu diesem Anlass widmen wir uns deshalb folgenden Fragen: wie kam es zur Entstehung des Proberaums, wie hat er sich über die Jahre entwickelt, und wie ist der Status Quo heute? 

Um die ersten beiden Fragen zu beantworten, treffe ich mich mit Katja, Organisatorin der ersten Stunde. Sie war im Jahr 2009 im Conne Island für den Bereich Grafikdesign zuständig, organisierte unter anderem auch das Amplify!-Festival, das schon 2007 Genderrollen in der Gesellschaft und Clubkultur kritisch hinterfragte. Damals gab es für junge DJs im Conne Island bereits eine Übungsplattform: die Benefizdisco, wie es sie auch heute noch gibt. Jedoch gab es den Wunsch, etwas zu schaffen, was über DJ-Workshops und einzelne Veranstaltungen hinausging – Strukturen aufzulösen. So bildete sich ein Bündnis, die das Projekt Proberaum – auch „Probi“ genannt – ins Leben rufen wollten.

Katja sagt, es war von Anfang an so gedacht, dass es ein Frauen*-Proberaum werden solle. Ein Raum, bei dem man sich auf die Benefizdisco vorbereiten konnte, sodass man vor dem ersten Gig nicht zum ersten Mal vor DJ-Technik stand. Ein Raum, bei dem es sich vermeiden ließ, nach Kumpels zu suchen, die Technik Zuhause stehen hatten – sich also nicht mehr von Männern abhängig machen zu müssen.

Ein Raum, der einen Safe Space und Vernetzungschancen für Frauen in der Clubkultur bat.

Vorteile, die der Proberaum noch heute mitbringt.

Strukturen im Wandel

Mithilfe eines Projektantrags stand der Proberaum Ende 2009 schließlich – inklusive Technik, die dem Clubstandard entsprach. „Es war, als hätte es diese Struktur nur so gebraucht; plötzlich waren ganz viele Frauen da, die das mal ausprobieren wollten.“

Auch DJ-Workshops wurden aktiv beworben, es kamen immer wieder neue Personen dazu. Und das hat offensichtlich erheblich dazu beigetragen, dass Leipzigs Clubkultur heute so ist, wie sie ist: „voller selbstbewusster Frauen, die motiviert und gut vernetzt sind“. Katja meint auch, dass es mittlerweile „eine Selbstverständlichkeit erreicht [hat], die [sie sich] früher nie erträumt hätte“. 

Warum braucht es Frauen in der Clubkultur, warum braucht es einen DJ-Proberaum für Frauen*? Hierzu ziehe ich ein Zitat aus einem Text von Vice zum Thema heran: „‚Als Mädchen wirst du eher dazu erzogen, brav zu sein, leise zu sein, Ja und Amen zu sagen. Als Mädchen kommst du nicht so schnell auf die Idee, dich auf eine Bühne oder hinter ein DJ-Pult zu stellen, weil du eher als Konsumentin erzogen wirst.‘ […] Die Vorbildwirkung für Frauen [fehlt], dadurch dass man vorwiegend weiße junge Männer hinter dem DJ-Pult [sieht]“. Booker*innen, die meinen, sie würden nicht auf Geschlecht, sondern nur auf Qualität schauen, machen es sich zu leicht.

Wer Frauen in der Szene sichtbar machen möchte, muss dafür Strukturen schaffen.

Katja legt übrigens selbst als Claire auf; sie meint, es wäre ihr wichtig gewesen, einen Namen auszuwählen, bei dem man klar erkennen könne, dass er weiblich ist. Bevor es den Proberaum gab, zählte sie Plakat für Plakat, wie viele Frauen in Line-Ups standen. Anteile, die meist unter 20% lagen. Circa 2013 hörte sie schließlich im Conne Island auf und gab das Zepter endgültig weiter – unter anderem an Anne (Buzy A) und Neele. 

Neele ist heute Bookerin im Institut fuer Zukunft; mit ihr treffe ich mich, um die restliche Geschichte des Probis aufzuarbeiten. Sie bestätigt, dass es 2012/2013 herum war, als sie mit der neuen Gruppe den Proberaum übernahm. Und dann mussten sie von null anfangen: das Island baute den Saal um, also musste der Raum selbst umziehen, die Technik wurde geklaut, also musste neues Equipment her. Es brauchte neue Fördergelder, neue Projektanträge, ein neues Orga-Konzept.

Neues Konzept: „Mixed Days“

Es wurde entschieden, dass das neue Konzept Mixed-Days beinhalten solle, also auch an zwei von sieben Tagen Männern den Eintritt zu genehmigen – und so ist es auch heute noch; ein Unterschied zum vorherigen Proberaum also. „Das Thema war bei uns schon ein anderes – create your own Proberaum hieß das damals.“ Die Stellschrauben, die die neue Crew drehte, beinhalteten demnach auch welche politischer Natur:

„Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass der Raum vorwiegend für Frauen zugänglich sein sollte, wir aber inklusiv-feministisch […] arbeiten wollen.“

„Das heißt: man braucht halt die Männer zum Überwinden solcher Verhältnisse. Es ist kein Geheimnis, dass sowas an der Sozialisation liegt, dass viele Frauen Kumpels haben, mit denen sie gerne üben wollen. Das haben wir aufgegriffen.“ – sagt Neele. Sie hat sich heute aus der Organisation bewusst zurückgenommen, um Platz für neue Organisator*innen zu schaffen. 

Dass der Proberaum in Leipzig eine wahre Vorreiterrolle gespielt hat, bestätigt mir Neele auch. Das bezieht sich nicht nur auf den Talentschmieden-Aspekt, sondern auch auf den langen Projektlaufzeit-Aspekt. Viele Projekte mussten teilweise schon nach einem Jahr schließen, weil es keine Fördermittel oder Spenden gegeben hat. Anders der Proberaum, den vor allem auch das Ehrenamtsprinzip, das für das Conne Island typisch ist, trägt. 

Es ist aber letztlich tatsächlich dem Proberaum zu verdanken, dass Leipzig eine solche Luxus-Position in Deutschland hat, was female-DJs und alles was sich sonst daraus entwickelt hat, genießt. Das Thema ist allseits präsent, der Bedarf nach solchen Räumen wächst, durch Zuzug und allem drumherum. Und das macht sich bemerkbar: der Proberaum ist ständig ausgebucht, um einen Slot zu bekommen, muss man sich teilweise drei, vier Wochen im Voraus im Kalender eintragen.

IfZ: Neuer Proberaum geplant

Dieser erhöhte Bedarf ist in der Community spürbar. Zurück also zum Institut fuer Zukunft, wo gerade ein neuer Proberaum konzipiert wird, der ebenfalls seinen Fokus auf Frauen*förderung legen soll. Dort wird aller Wahrscheinlichkeit nach im nächsten Jahr das geboten, woran es im Conne Island mangelt – dem Clubfeeling, geschuldet vor allem der Anlage. 

Die Strukturen haben sich nach zehn Jahren offenbar zum Positiven hin gewandelt – gewisse Clubs haben aus solchen Ansprüchen heraus ja schließlich überhaupt erst geöffnet. Aber, so wie Neele es sagt: „Es ist nie genug. Es ist immer noch kein Gleichgewicht erreicht, mit dem man zufrieden sein sollte.“ Der Kampf geht also stetig weiter, Strukturen lösen sich immer noch auf oder werden aus einem Inklusivitätsgedanken heraus geschaffen. 

Jubiläumsparty am 14.12.

Das zehnte Jubiläum des Proberaum wird am 14.12. im Conne Island gebührend gefeiert: mit einem Livestream, einem Talk, einer Plattenversteigerung und – natürlich – einer Party. Gast des Talks und im Gespräch mit Judith van Waterkant wird Gudrun Gut sein, die seit Mitte der 70er Jahre eine zentrale Figur der Technoszene in Berlin ist. „Sie ist Mitbegründerin von Bands wie Mania D und den Einstürzenden Neubauten, betrieb einen Laden für Tapes und Zines, sie schrieb Musik für Hörspiele und gründete die Plattenlabels Moabit Musik und Monika Enterprise. […] Gudrun Gut organisiert auch das „Heroines of Sound“-Festival in Berlin, das Künstlerinnen aus verschiedensten Regionen nachhaltig stärken und Netzwerke schaffen soll und ist im female:pressure-Netzwerk aktiv. The list goes on…“ – so in der Facebook-Veranstaltung. Hier findet ihr außerdem mehr Infos zur Afterparty.

Viel Spaß und happy anniversary!


Dieser Text ist der Auftakt für eine neue Reihe bei frohfroh, die sich mit Frauen* in der Clubkultur beschäftigt. Mehr dazu gibt es im kommenden Jahr.

Alle Bilder wurden von den probenden Künstler*innen selbst auf einer Einwegkamera im Proberaum geschossen. Danke!

In diesem Artikel wird das * verwendet, um all diejenigen Personen einzuschließen, die nicht cis-männlich sind, sprich cis-weibliche, trans- bzw. non-binary Akteur*innen. Es ist ein Versuch, den Lesefluss des Artikels zu verbessern, um nicht an jeder Stelle erneut darauf hinzuweisen, dass all diese Personen gemeint sind.
Wird von „Männern“ gesprochen, wird auf das Sternchen verzichtet, um zu verdeutlichen, dass es dabei um cis-männliche Personen geht und trans- bzw. non-binary Personen an dieser Stelle nicht gemeint sind.

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