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Christoph
Christoph mag es, wenn es breakig und verspielt klingt. Nicht zu gerade. Als Kid Kozmoe legt er auch auf. Und heimlich produziert er eigene Tracks. Aber pssst.

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Im Fokus: Adventurous Music und Signalstoerung

28. Januar 2020 / Kommentare (1)

Da passiert abenteuerliches: Fünf Veröffentlichungen gab es 2019 auf Adventurous Music, die wir sträflichst vernachlässigt haben. Aber auch weitere Veröffentlichungen des Label-Beteiligten Signalstoerung wollen vorgestellt werden.

Wie schnell die Zeit vergeht: Im Dezember 2018 haben wir das Debüt-Album von Signalstoerung sowie eine 3″-CD mit weiterer Musik von ihm vorgestellt. Dabei fand auch das von ihm mitbetriebene Label Adventurous Music Erwähnung, dass in den darauffolgenden Monaten fünf Veröffentlichungen herausgebracht hat. Allerhöchste Zeit, diese endlich vorzustellen, denn es gibt einiges – vornehmlich von Signalstoerung selbst – zu entdecken. Und dann gibt es noch weitere Musik von ihm auf anderen Labels.

Hendekagon „Religioes Unmusikalisch“ (Adventurous Music)

Beginnen wir mit Hendekagon, einem weiteren Projekt von Signalstoerung, das gleich eine Überraschung bereithält: Eine Orgel steht hier im Mittelpunkt. Eine Orgel? Das verwundert vielleicht auf den ersten Blick. Betrachtet man aber das Instrument gerade aufgrund der Möglichkeit, Presets zu verwenden, als Vorläufer des Synthesizers, erklärt sich die vor allem die technische Seite der Faszination wie von selbst. Aber auch Freunde des Subbasses haben bestimmt viel Vergnügen daran, das Instrument zu kapern, wenn der Organist mal Toilettenpause macht.

Hendekagon stellt den Klang des Instruments in den Vordergrund, indem an Drone orientierte Stücke entwickelt. Gerade die wenigen gespielten Noten erzeugen durch die Repetition eine immersive Kraft, die zudem durch Rauschen und sich ebenfalls wiederholende Vocal-Samples unterstützt wird. Das klingt und wirkt ganz automatisch irgendwie religiös, was natürlich dem größtenteils kirchlichen Einsatz des Instruments geschuldet ist. Die Stücke sind dann folgerichtig auch „Prologue“, „Psalm 1“, „Psalm 2“ und „Epilogue“ benannt.

Erst der Titel der EP, der einem Zitat von Max Weber entlehnt ist, setzt die Musik in einen gesellschaftlichen Zusammenhang. Max Weber beschreibt mit „Religiös unmusikalisch“ das fehlende Bedürfnis bzw. die Unfähigkeit, religiös sein zu können, ohne jedoch anti- oder irreligiös zu sein. Zusätzlich verknüpft Hendekagon ein weiteres Zitat von Karl Marx mit der EP, zielt also auf eine Kritik von Religion und Kapitalismus ab, und eröffnet Räume der Interpretation, die ich an dieser Stelle aber mal nicht betrete.

Stattdessen weise ich noch auf die Cardboard-Idee des Labels hin. Fünfundzwanzig gedruckte Postkarten mitsamt Download-Code gibt es zu erwerben, die die eben genannten Zitate und weitere Informationen beinhalten. Eigentlich eine spannende Idee, wie man digital veröffentlichte Musik doch noch physisch vertreiben könnte, beispielsweise in Kombination mit Vorhörstationen in Plattenläden. Womit wir wieder beim Kapitalismus wären.

Signalstoerung „Is This Art?“ (Adventurous Music)

Die zweite Veröffentlichung des Labels führt den gesellschaftskritischen Ansatz und auch die Cardboard-Idee fort. „Is This Art?“ besteht aus einem 20-minütigen Track von Signalstoerung, der im Grunde aus sehr basslastigen Drone besteht, dessen physischer Druck imponiert, ansonsten aber nichts neues dem Genre hinzufügt. Tatsächlich ist die Art und Weise der Veröffentlichung hier der Witz. Sie kann als Kommentar auf das aktuelle Bestreben in der elektronischen Musik, möglichst im Kunst- und damit verbundenen Museums- und Förderungskontext stattzufinden, gelesen werden, was im Herbst von Simon Reynolds in seinem Conceptronica-Artikel aufgegriffen wurde. Passt ja auch: Wenn schon viele Menschen Drone nicht als Musik wahrnehmen, dann akzeptieren sie es vielleicht einfach als Kunst. Wobei sich gleich die Fragen darüber anschließen, was überhaupt Kunst und was überhaupt Musik ist.

Signalstoerung ist dabei konsequent und passt die Preise für das Release dem Kunstmarkt an: Das Album ist rein digital für 40 €, als Cardboard-Edition für 70 € und zusammen mit dem Original-Artwork für 470 € erhältlich. Liebe Sammler und Mäzene, ihr seid also gefragt. Alle anderen, die nicht so Kunst-interessiert sind, schauen auf der Bandcamp-Seite lieber etwas genauer hin …

Hendekagon & Signalstoerung „Sale“ (Adventurous Music)

Im dritten Teil der Cardboard-Serie treffen beide Alter-Egos unter dem Motto „Sale“ aufeinander und verschwimmen miteinander. „At First I Was Unhappy, But Then I Went Shopping“ kehrt die rohe, noisige Seite von Signalstoerung bzw. Hendekagon hervor und wirkt wie ein verzweifelter, zynischer Kommentar auf den Shopping-Nihilismus. Ähnlich funktioniert auch „Get Two For Twice The Price“, das eine Spur mysteriöser klingt.

Wie auch bei den beiden vorangegangenen Releases ist es interessant, dass die Gesellschaftskritik vornehmlich über die Verpackung der Musik, weniger über die Musik selbst transportiert wird. Klar, es gibt mehr oder weniger darauf abzielende Vocal-Samples, aber der rohe und noisige Sound kann alle möglichen Assoziationen abseits der Tracktitel hervorrufen.

INYAN „Still“ (Adventurous Music)

Der vierte Teil der Cardboard-Serie ist nun auch der erste Teil, der nicht von Signalstoerung aka Hendekagon stammt. INYAN ist ebenfalls eine Person hinter Adventurous Music und wie Signalstoerung seit Jahren in der Leipziger Industrial-, Noise- und Electronica-Szene aktiv. Ihre EP „Still“ setzt sich thematisch mit der Situation amerikanischer Ureinwohner auseinander; die Einnahmen werden a das Lakota People’s Law Project lakotalaw.org gespendet.

Lagerfeuer-Geräusche, eine Trommel setzt ein, später kommt eine Flöte hinzu: Die drei zusammenhängenden Stücke „Still“ „They’re“ „Here“weisen klanglich direkt auf das Thema hin. Tiefe Bässe und ein düsterer Minimalismus vermeiden aber jeglichen Ethno-Kitsch, der bei solchen Konzepten immer als Gefahr am Horizont lauert. Mir gefällt die Kombination aus Düsternis und Groove in den Tracks sehr. Zwar sind sie nicht so perkussiv wie beispielweise bei Shackleton, weisen für mich aber mit seinen Soundentwürfen eine größere Verwandtschaft auf, als mit der meisten Musik aus dem Gothic-EBM-Darkwave-Bereich, die mir so zu Ohren gekommen ist.

Ergänzt wird die EP durch einen Signalstoerung-Remix – eine kalte Dubstep-artige Version der in den drei Tracks vorkommenden Elemente.

Hendekagon „The Contemporaneity Of Six Moments“ (Adventurous Music)

Abseits der Cardboard-Serie gibt es ein weiteres Album von Hendekagon, bestehend aus sechs „Momenten“ und zwei Bonus-Tracks. Hier fehlt dann auch der bisher so prägnante gesellschaftskritische Überbau, was zumindest für den Rezensenten eine erholsame Abwechslung darstellt. Auch die Musik ist viel harmonischer und gelöster: Eher mediativen Ambient statt Düsternis und Noise findet man hier. Das genieße ich dann mal ohne weitere Worte einfach auf dem Sofa.

Signalstoerung „UU“ (Hymen Records)

Offenbar war 2019 ein produktives Jahr für Signalstoerung: Auch auf Hymen gab es ein neues Album, das klanglich seinem Debüt nähersteht als die Tracks auf Adventurous Music. Hier sind die Beats wieder deutlich aufgeräumter bzw. überhaupt vorhanden, gleichzeitig ist das Album von feinen Melodien durchzogen. Plötzlich wirkt sein Sound viel nahbarer und gefühlvoller, als würden Sonnenstrahlen die auf „S“ entwickelte eisige Kälte auftauen. Manchmal taucht eine gewisse Klavier-Dramatik wie bei „UUP“ auf, in die sich Signalstoerung zum Glück nicht allzusehr hineinsteigert. Die Harmonie wird zumeist von scharfkantigen Drums in Frage gestellt.

„UU“ liegt dabei wieder ein Konzept zugrunde: Die Tracktitel beziehen sich auf radioaktive, chemische Elemente, die nur für einen kurzen Moment existieren, dabei aber enorme Energien freisetzen.

Und wer es ohnehin bis hierher geschafft hat, der kann auch den düsteren Signalstoerung Remix von „Minimal“ anhören sowie seinen ruhigeren Beitrag „No Moon Yet“ für die Compilation „5 Years Of Naviar Haiku“.

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  • 02*20 // | topa / 28. Februar 2020 / um 11:53
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