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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Im Korsett gegensteuern

30. Juni 2009 / Kommentare (1)

DJ Koze im Interview. Der Hamburger erzählt von seiner Heimatstadt, seinem Anspruch an House und Techno, seinem soeben gestarteten eigenem Label und seinem zweiten Alias Adolf Noise mit dem er neuerdings Kopfhörerkonzerte gibt.

Viele Worte braucht es eigentlich nicht, um Stefan Kozalla alias DJ Koze alias Adolf Noise vorzustellen. Der Hamburger ist einer der großen im Techno-Zirkus, und einer derjenigen, die sich nicht auf eingefahrenen Sounds und Konventionen ausruhen möchte. Auf dem diesjährigen Nachtdigital Open Air spielt auch DJ Koze. Für das Programmheft habe ich ein Telefoninterview mit dem Hamburger geführt. Hier ist es nochmals in kompletter Länge zu lesen.

Die Selbsteinschätzungen auf deiner Myspace-Seite, sind das Dinge, die dir im Laufe der Zeit entgegengebracht wurden oder ist das deine eigene Reflektion?

Das ist meine eigene Reflektion. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Das ist natürlich auch nicht ganz ernst gemeint.

Im letzten Groove-Interview zusammen mit Ricardo Villalobos klangst du ziemlich pessimistisch was Techno und House angeht. Zieht dich das Auflegen so runter, weil dir im Club oft eine recht klare Erwartungshaltung entgegenkommt oder siehst generell eine Flaute in der Musik?

Es ist eine gewisse musikalische Stagnation zu erkennen, wie bei vielen Musikrichtungen. Ich mache das ja auch schon recht lange und je länger man das macht, desto mehr nervt es einen, wenn es nicht weitergeht, wenn langweilige, konventionelle Formen gefragt sind. Ich liebe die Musik und deswegen stimmt mich das so ein wenig traurig – Auch wenn ich merke, warum Leute Musik machen und mit was für Effekten, um mit einfachsten Mitteln die Crowd zu rocken.
Da ist man dann gar nicht mehr weit entfernt von Rockmusik mit einer E-Gitarre, bei der der Lauteste Recht hat. Lautstärke, Dominanz, Macht und Gebrüll. Ich finde aber in der Musik ist alles andere interessanter als das. Und es gibt wenige Musikstile instrumentaler Natur, die so offene Strukturen bieten können wie House und Techno. Es stimmt mich dann aber traurig, wenn genau die andere Seite solche Akzeptanz findet. Die berührt mich überhaupt nicht und da muss man dann ein bisschen gegensteuern.

Spürst du bei Festivals nicht noch einen größeren Druck, weil da noch mehr Menschen sind, die wahrscheinlich nur auf Peaktime-Knaller warten?

Ein bisschen ist das schon so. Beim Nachtdigital ist es genau gegenteilig. Was ich eigentlich gut finde, sind Festivals, die nicht eindeutig auf Techno oder House ausgelegt sind, wie das Melt!. Da sind die Leute dann auch dankbar, wenn man mal anderes als eine Band läuft und da kann man dann sein eigenes Fass aufmachen. Bei straighten Techno-Festivals bin ich manchmal erschrocken, dass die Leute nur so ein Durchfönen wollen. Und da weiß ich oft nicht, warum ich anreisen muss, weil vor und nach mir 28 Typen durchhämmern. Warum soll ich das dann auch noch machen? Ich will jetzt aber auch nicht so Trübsaal blasen.

Ist Hamburg der beste Platz um an Techno und House anders als gewöhnlich heranzugehen? Von außen wirken die Szenen viel stärker verwoben und die Grenzen fließender?

Ja, ich glaube es ist sehr gut hier. Viele der Leute aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis haben ähnliche Meinungen. Wir beobachten alles aus der zweiten Reihe. Ich glaube, wenn man mittendrin in so einer Hype-Blase ist, macht man alles, um auch noch den Hinterletzten zu erreichen. Von Hamburg aus steuert man wahrscheinlich etwas gelassener dagegen an. Man hat auch nicht so viel Input, man muss selbst die ganze Zeit schaffen und da kommt dann so etwas Unverfälschtes dabei raus. Ich weiß nicht, ob das auch so wäre, wenn die ganzen Protagonisten in Berlin leben würden.

Sind denn viele aus deinem Freundes- und Bekanntenkreis trotzdem nach Berlin abgewandert?

Also ganz viele Freunde sind nach Berlin gezogen und dass kann man ja auch verstehen. Da gibt es viel mehr Angebot und viel mehr Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen. Das ist echt ein wenig lasch hier in Hamburg. Wenn man jetzt nicht so oft unterwegs ist wie ich oder Bekannte von mir, und hier jede Woche festklebt, dann kann ich verstehen, wenn man mal was anderes möchte. Ich freu mich eher darüber, wenn ich unter der Woche hier Ruhe habe, um mich wieder zu erden. Da brauche ich nicht noch eine große Stadt.

Hättest du Lust musikalisch noch mal in eine ganz andere Richtung zu gehen?

Ich mache ja noch die Adolf Noise-Geschichte, mit Kopfhörer-Konzerten in Theatern, was komplett was anderes ist. Ich mache sowieso das, worauf ich Bock habe. Und manchmal denke ich, ich will was ganz anderes machen, und dann denke ich, nein, ich muss genau im Korsett der House-Musik einen anderen Entwurf machen. Zwischen diesen beiden Polen pendele ich immer – entweder mal eine Folk-Platte mit einer Sängerin oder einfach eine Bassdrum mit was Neuem drüber.

Hast du im Vorfeld eine klare Vorstellung von dem nächsten Track oder fließt das alles?

Nein, ich mache jeden Tag, jede Woche, wenn ich Muße habe Musik und dann schau ich eben, für was ich da was rausziehen kann. Ich nehme mir nie etwas vor.

Du sprichst von einer Stagnation bei House. Wie ist es für dich als DJ dann noch die richtigen Platten zu finden?

Es ist die Suche nach Edelweiß. Ich schaue auch im Netz, höre mir neue Platten durch. Von fünfzig nehme ich dann vielleicht zwei mit. Man forscht so ein bisschen und immer wieder gibt es eine neue Baustelle, wo man merkt, dass es auch andere spannende Sachen gibt. Es ist nicht so einfach. Aber letztendlich ist es mir auch gar nicht mehr so wichtig, den neuen Scheiß zu spielen, weil der neue Kram nicht mehr so viel Neues für mich bietet. Ich finde es mittlerweile eher spannend aus den letzten zehn Jahren besondere Musik mit noch unveröffentlichten Tracks von mir oder von Freunden zusammen zu weben. Die aktuellen Charts interessieren mich nicht mehr so richtig, da fühle ich nicht mehr viel. Ich fühle mich eher wie so ein Selector, der zwar auch House-Musik präsentiert, der aber so einen eigenen Fundus hat und den mit neuen Sachen kombiniert.

Was begeistert dich denn aktuell?

Ich habe gestern gerade Ben Klocks Depeche Mode-Remix bekommen, der wirklich toll ist, weil es so wenig dubsteppig mit ganz tollen Harmonien ist. Ich finde seine Produktionen sowieso sehr gut. Es würde mich nicht wundern, wenn Depeche Mode ihn als nächsten Produzenten auswählen. Das würde sehr gut passen – seine leichte sphärische Dichte, die tighten Beats, zusammen mit der Stimme.

Ist Dubstep was für dich? Das ist ja ein Stil, der viele gute Anknüpfpunkte zu Techno und House bietet.

Es ist ein bisschen unterkühlt für mich. Es ist nicht genau meine Musikrichtung. Ich finde es interessant und es ist auch befreiend, da es etwas anderes ist. In sich ist es mir das aber zu britisch. Ich finde zum Beispiel Burial toll, aber eher aus so einem exotischen Blickwinkel heraus, weil es verstörend weit weg für mich ist. Das bezieht sich zwar auf britisches Zeug, was ich gern mag, wie LFO oder Boards Of Canada aus dieser Zeit. Aber es ist nicht sehr nah für mich. Ich betrachte es eher beeindruckt.

Du hast dein eigenes Label gegründet – Pampa. Was ist davon zu erwarten?

Davon ist eigentlich nur zu erwarten, dass es fantastische Musik veröffentlicht. Die erste Nummer werden Die Vögel sein. Das sind Freunde von mir, die mit Tuba und Herdenflöte, Bassdrum und Shaker ganz tolle Musik machen – mit ganz wenigen Zutaten nur. Die zweite wird Jackmate sein, der tolle organische, soulige Tracks gemacht hat, die aber nicht sein normaler Style sind. Eigentlich werde ich versuchen aus dem Freundeskreis Leute zu motivieren, mir doch Musik zu schicken, bei der sie sich nicht so ganz sicher sind, die anders sind als das was sie sonst machen, solche Ausrutscher oder Unfälle – und letztendlich doch tight Club. Das wird kein Ambient, sondern jede Nummer soll im Club spielbar sein. Also eigentlich Tracks, die man als DJ sucht, um seine Sets aufzulockern, die den Techno-Kontext ein wenig verlassen und mit anderen Sounds und Stimmungen arbeiten. Da bin ich immer ganz heiß drauf so etwas zu finden.

Kurz noch zu Adolf Noise – waren diese Kopfhörer-Konzerte im Frühjahr nur ein Intermezzo oder ist da auch mehr zu erwarten?

Ich glaube, dass ist eine schöne Baustelle und das ist ganz toll mit den Kopfhörern. Das wird bestimmt weitergehen. Vielleicht machen wir noch mal was auf Seebühnen oder in Parks. Man kann das ja theoretisch überall machen, weil es keine PA braucht. Das ist ein tolles Konzept und ich bin selbst ganz begeistert davon. Es ist eben auch jeder Abend etwas anderes und in Leipzig hat es besonders gut geklappt. Für mich auf der Bühne war das auch eine große Erfahrung. Dass man so sitzen kann und alle konzentrieren sich auf jeden Ton. Das hat so etwas Verschwörerisches. Wenn es gut läuft, macht mir das sehr viel Spaß.

DJ Koze Website

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  • Pampa Records « Mikro / 02. Oktober 2009 / um 00:32
    [...] heißt es und was einen dort zu erwarten hat, erklärte Koze vor Kurzem selbst in einem Interview: Die erste Nummer werden Die Vögel sein. Das sind Freunde von mir, die mit Tuba und Herdenflöte, [...]

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