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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Ganzheitliches Geschenk

26. Oktober 2010 / Kommentare (0)

Neulich: Ortstermin im Leipziger Schallplattenpresswerk. Draußen leichter Nieselregen, der Kühlturmdampf wird vom Wind wild umher gewirbelt. Doch bei dem Termin geht nicht um die faszinierende Industrie hier, sondern um Alphacut Records.

LXC empfängt mich auf dem Hof und spendiert eine Kurzführung – vorbei an den Vinyl-Pressen, der Galvanik, einer Druckmaschine für die Etiketten, lauten Typen mit rauen Zungen und zuletzt an einer gut fünf Meter langen Maschine, die die bedruckten Coverhüllen faltet, verleimt und zurecht schneidet. Faszinierend für jemanden, dessen einzige handfeste Erfahrung das Schulbetriebspraktikum in der Bus-Werkstatt des städtischen Nahverkehrsbetriebs war.

LXCs Schneideraum ist eine Etage über der Vinyl-Produktion. An der Bürotür ein Smiley, drinnen fast deckenhohe Türme aus Geräten – darunter eine alte Neumann-Schneidemaschine auf der gerade die Lackfolie für das Album einer Metal-Band geschnitten wird. Wir sitzen hier, weil die Nummer 10 von Alphacut endlich fertig ist. Und dass, obwohl der Label-Katalog bereits bis zur 20 weiter angewachsen ist.

Die Nummer 10 sollte etwas besonderes sein. Zugleich lag aber auch so viel gutes Material wie schon lang nicht mehr bei LXC auf dem Tisch. Das musste raus. Und so startete die „Second Wave“ von Alphacut – jeden Monat eine neue Platte, anfangs limitiert auf 100 Exemplare, später wurden es 200, weil sich solch kleine Auflagen dann doch kaum lohnen. Das hat LXC durchgehalten und dramaturgisch einen spannenden Bogen von roughen bis zu sehr gedrosselten Tracks gespannt.

Tolle Demos gibt es weiterhin, aber die Frequenz soll auf zwei Monate verlängert werden. „Selbst die harten Fans sind irgendwann nicht mehr hinterher gekommen. Es braucht einfach doch etwas Zeit, bis eine neue Platte auch aufgenommen werden kann“, hat LXC in dem Jahr der zweiten Alphacut-Welle festgestellt. Auch wenn es vielleicht eine kleine Überforderung war, es hat Alphacut in der weltweit gut vernetzten Szene durchaus Schub gebracht.

Doch zurück zur Nummer 10. Die sollte eigentlich schon vor einem Jahr erscheinen. Die ursprüngliche Idee war eine Jubiläums-Compilation mit Künstlern und befreundeten Musikern des Labels. Die Liste wurde irgendwann aber zu lang und so kamen die Loops ins Spiel, die bereits früher auf vielen Alphacut-Platten als Gimmicks zu finden waren.

Im Sommer 2008 gingen erste Anfragen raus, der letzte der insgesamt 111 Loops kam schließlich im September 2009. Doch die 10 musste noch weiter reifen – immerhin wollte LXC nicht nur eine schwarze Hülle, sondern eine mit Ausstanzungen und Siebdruck, die er weitgehend selbst herstellen wollte. Allein der Vinyl-Schnitt der B-Seite mit den Loops war eine Herausforderung für sich. In Sechser-Gruppen und nach 33- und 45er-Loops sind sie nun angeordnet. Es braucht etwas Geduld und Übung sich da durch zu stöbern.

Und es gleicht nebenbei einem historischen Rundumschlag in punkto elektronischer Musik – von Leipzig und der Welt aus. Da Halz, Booga, Proceed, Thomas Christoph Heyde, Qui, triPhaze und Opossum hauen ebenso zwei Sekunden-Tracks heraus wie Paradox, Hans Platzgumer, Martsman, Hey-O-Hansen, Karl Marx Stadt oder Enduser. Manche sehr reduziert, andere so aufgeladen wie es wohl nur geht. Manche total rhythmisch konzentriert, andere auf Chords fokussiert. Wunderbar übrigens auch die Track-List bei Discogs. Ein Monster.

Die A-Seite gehört „Seeing Angels“ von dem Londoner Randomer. Ein hektisch und düster umher fegender Drum’n’Bass-Track mit großen Auf und Abs sowie einer latenten Burial-Atmosphäre in den ruhigeren Passagen.

Diese Platte nimmt letztendlich nicht nur als groß inszeniertes – verspätetes – Jubiläumsgeschenk einen besonderen Stellenwert in der Label-Geschichte ein. Sie ist auch ein ganzheitliches Geschenk von LXC an sich selbst. 333 Exemplare gibt es nun, 111 davon sind den Loop-Acts reserviert. Der Rest dürfte wahrscheinlich auch bald ausverkauft sein – ähnlich wie ein Großteil der letzten Platten.

10 und 20
Cycom & Fanu „Rude Bwoy“

Quasi parallel zur Nummer 10 erschien vor kurzem übrigens auch die Katalognummer 20. Und die greift auf andere Weise auf die Alphacut-Geschichte zurück. Cycoms Track „Rude Bwoy“ von der ersten Alphacut-Platte aus dem Jahr 2003 kommt noch einmal zum Vorschein. Cycom selbst bringt sie erneut auf Vordermann.

Der Finne Fanu spielt dagegen einen ganz neuen Spannungsbogen durch. Das Tempo steigert sich langamer und schwankt später immer wieder. Irgendwie schafft Fanu auch eindringlicher und aufgeladener Momente.

Alphacut Records Website
Mehr zu Alphacut Records auf frohfroh

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