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David Fuhrmann
wirft für frohfroh ein Auge auf einen der schönsten Stadtteile Leipzigs: Halle. Spielt als Lidl Castro auf den wohl kleinsten Open-Airs der Republik, liebt Sekt, Wortspiele und Downtempo.

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Das Tarmac-Festival – Startbahn ins Ungewisse

09. Oktober 2020 / Kommentare (0)

Das Tarmac-Festival in Allstedt durfte trotz Corona stattfinden. Drei Tage lang gab es Musik, Performances und Sekt – und Hygienevorschriften. Aber kann das überhaupt funktionieren? Wie ist die Atmosphäre in der pandemiegerechten Form?

Mittwoch, 22:20 Uhr

Lukas, eine rötlich glimmende Zigarette in der einen, und ein Walkie-Talkie in der anderen Hand, steht im verrauchten Halbdunkel des Holzverschlags, um ihn herum haben sich rund 30 Personen versammelt. Manche von ihnen haben einen überdachten Sofaplatz ergattert, manche müssen sich mit einem Flecken Asphalt begnügen. Noch ist dieser Ort ein leiser, im Hintergrund brummen lediglich die Strom-Generatoren, die in den kommenden vier Tagen einen ganz anderen Geräuschpegel füttern werden. 

Es ist Mittwoch, 22:20 Uhr, ein Tag vor Festivalbeginn. „So“, sagt Lukas, „fangen wir an.“ Sein Blick wandert suchend durch die Runde. „Ist Orgia da?“, fragt er in den schemenhaften Kreis hinein. „Orgia ist da“, bekommt er als Antwort. „Lila Drache?“ 

Crew-Plenum auf dem Tarmac

Nachdem Lukas alle am Tarmac beteiligten Kollektive abgefragt hat, beginnt das letzte Crew-Plenum. Vieles, das jetzt besprochen wird, ist nicht ungewöhnlich für die Organisation eines Festivals. Es geht um die Wasser-Versorgung, Strom-Aggregate, Artist-Shuttles und Bauzäune. Auch der eindringliche Appell, „Kabeltrommeln sind so viel wert wie Goldbarren“, scheint im Kontext einer größeren Veranstaltung durchaus geläufig zu sein.

Erst die Erinnerung, dass auch kurzfristig im Helfer*innen-Team Leute bei Corona-Verdacht abspringen könnten, dass alle darauf achten müssten, die Besucher*innen darauf hinzuweisen, genügend Sicherheitsabstand untereinander einzuhalten und dass das Ordnungsamt am nächsten Tag das Hygienekonzept überprüfen werde, will nicht so ganz in ein gängiges Festival-Plenum passen.

2 Jahre vor Corona

Am Anfang, zwei Jahre vor dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus, bevor es sich auf dem gesamten Globus ausbreitete und Corona eine neue Logik in die Veranstaltungswelt eingravierte – bevor das alles geschah hatten Lukas, sein Bruder Johannes, ihr Cousin und ihr Mitbewohner eine lose Idee: „Wir haben gemerkt, dass in Halle und der Umgebung viel los ist, es gibt wahnsinnig viele Kollektive, die etwas auf die Beine stellen, aber die untereinander nicht gut vernetzt sind“, sagt Lukas, „dann haben wir auf den Raves geguckt, wer die Heads der Kollektive sind, um sie von unserem Vorhaben, gemeinsam ein Festival auf die Beine zu stellen, zu überzeugen.“

Als Pendler zwischen den Welten führten sie zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Unterschiedliche Kollektive mit unterschiedlichen musikalischen und künstlerischen Profilen. Da gab es zum Beispiel den L300 Decoration & Arts Circle, eine Gruppierung, die sich auf psychedelische Kunst und Musik konzentriert. Oder die Station Endlos, ein festivalerprobtes Kollektiv aus Halle, das deutschlandweit und auch über die Landesgrenzen hinweg bekannt ist. Aber auch das Teilkonversum 7, dessen künstlerische Bandbreite von Animationsfilmen über Hörspiele bis Vorträge reicht.

Der kleinste gemeinsame Nenner schien der Wirkungsbereich der Kollektive zu sein: Halle und Umgebung. „Wir sind dann in die Plena reingeplatzt“, sagt Johannes, “90 Prozent der Kollektive hatten Lust und sind eingestiegen.“ Gemeinsam stülpten sie dem Tarmac ein eigenes Konzept über, kein kommerzielles, sondern ein durch den Ticketverkauf eigenfinanziertes, mit einem föderalistisch organisierten Prinzip. Jedes Kollektiv ist für eine eigene Bühne verantwortlich, das Tarmac für die Infrastruktur drum herum.

Der Flughafen Allstedt

Dass das Tarmac auf dem ehemaligen sowjetischen Flughafen in Allstedt stattfinden sollte, war eine logische Entscheidung. Schließlich sind Lukas, Johannes und viele Crewmember in der Gegend im Südwesten Sachsen-Anhalts, nicht weit entfernt von Halle, verwurzelt. Der kleine Flugplatz, den die Rote Armee bis 1992 nutzte, ähnelt dem Fusion-Gelände. Ein Hauch von Vergänglichkeit umweht diesen Ort – gewaltige, vom wilden Grün überwachsene Flugzeug-Hangars, die wie angeschlagene Riesen zwischen spröden Betonwegen liegen. Alles erinnert ein wenig an eine postapokalyptische Kulisse. Gleichwohl hat dieser Ort etwas Reizvolles und Ursprüngliches, einen eigentümlichen Raum zum Entfalten. 

Die Festival-Idee überzeugte die Betreiber*innen des Flugplatzes, wenig später war die Kooperation dann beschlossene Sache. Die Crew mietete einen Flugzeughangar an und begann, das Gelände festivaltauglich zu machen. Auch der Ticketverkauf lief an. „Wir dachten, 1.500 verkaufte Tickets wären für das erste Jahr optimal“, sagt Johannes.

Dann kam Corona…

„Bei uns herrschte erst einmal schockschwere Not“, wie Lukas sagt. Klar war nur die Unklarheit. Jeder wusste nur, dass es erst einmal nicht weitergehen würde, doch niemand wusste, wie lange es dauern und was danach passieren würde. Es gab mehr Fragen als Antworten. Bis zum 30. Juni wollte die gesamte Crew eine Entscheidung treffen. Aber wie will man eine Entscheidung fällen, während sich die Corona-Welt rasant verändert? Regelmäßig trafen sich die Organisator*innen, aber „wir waren lange Zeit auf dem Dampfer, dass wir es nicht machen“, sagt Lukas, „in der Zwischenzeit haben wir unseren Fokus verschoben: Was können wir jetzt tun, ohne uns ein Bein zu stellen?“ 

„Der Druck war weg…“ 

Die Crew konzentrierte sich deshalb auf Projekte, die auf längere Zeit ausgelegt waren, wie der Backstagebereich, der ausgebaut wurde. „Der Druck war weg, unbedingt die Veranstaltung durchziehen zu müssen.“ Die selbstgesetzte Entscheidungsfrist wurde um einen Monat verlängert.  „Es gab ein Plenum, in dem wir gesagt haben, wir machen es nicht“, sagt Johannes, „dann haben wir uns noch einmal getroffen, viele Leute haben gesagt, sie ziehen nur mit, wenn das Konzept hinter der Veranstaltung stimmt.“ 

Zusammen erarbeiteten sie ein ausgeklügeltes Hygienekonzept, das dem Ordnungsamt vorgelegt wurde. Unter anderem sieht es vor, dass Besucher*innen, die in den letzten 14 Tagen vor Festivalbeginn aus einem Risikogebiet eingereist sind und nicht negativ getestet wurden beziehungsweise die in den letzten 10 Tagen vor Festivalbeginn Kontakt zu einem positiv getesteten Menschen hatten und selbst nicht negativ getestet wurden, keinen Zutritt erhalten. Alle sind dazu angehalten, anderthalb Meter Mindestabstand zueinander zu halten und überall dort, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, müssen Mund-Nase-Bedeckungen getragen werden.

Hygienekonzept: Check

Das Ordnungsamt segnete das Konzept schließlich ab. Trotzdem arbeitete die Crew zweigleisig, die Absagetexte für die Besucher*innen lagen griffbereit in der Schublade. Als dann am 2. Juli der sogenannte Sachsen-Anhalt-Plan der Landesregierung in Kraft trat, der bis Mitte September Open-Air-Veranstaltungen mit bis zu 1.000 Personen erlaubte, „war das der richtige Startschuss“, sagt Johannes, „irgendwann gab es den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab.“  

Das Festival sollte wie geplant vom 4. bis zum 6. September stattfinden. Anfang September gab es rund 2.500 Corona-Fälle in Sachsen-Anhalt, davon 115 aktive. Das ist wenig im Vergleich zu anderen Bundesländern wie zum Beispiel Bayern. 

Aber: Das Tarmac zieht nicht nur Besucher*innen aus Sachsen-Anhalt an. Könnte heikel werden, wenn man bedenkt, wie viele verschiedene Menschen auf einem Haufen zusammenkommen, die wiederum Kontakt zu anderen Kreisen haben. Ist so eine Veranstaltung zwischen den Corona-Wellen eigentlich zu verantworten? Wenn Hunderte berauschte Menschen zusammen feiern, führt das nicht zwangsläufig zu einem flapsigen Umgang mit den Hygienebestimmungen? Ist ein Ort, an dem erstmals wieder zusammen geravet wird, nicht ein Pulverfass? Oder ist die vorsichtige Umsetzung einer größeren Veranstaltung nicht doch ein wichtiger Schritt zurück in Richtung Normalität?

Corona hat speziell im Kulturbetrieb tiefschürfende Wunden hinterlassen. Auch die Kollektive, die am Tarmac beteiligt sind, können davon ein Lied singen. Die Musiker*innen, die vielfach in finanzielle Nöte geraten und einige sogar in der Existenz bedroht sind, ebenso. 

Was bedeutet also ein Festival inmitten von Corona? 

Donnerstag, erster Anreisetag

Es ist Donnerstag, der erste Anreisetag. Die Sonne heizt den Asphalt auf, ein blaues Polizeiauto steht wenige Meter vor dem zentralen Platz, an dem gestern das letzte Plenum stattfand. Der Polizist, ein etwas betagter Mann, steht mit auffallend alter Uniform vor seinem auffallend neuen Polizeiwagen. Was genau die Konzession ist, bleibt unklar. Er begleite das Ordnungsamt, sagt er, das wie angekündigt die Hygienebestimmungen überprüft. Lukas und Johannes führen die beiden Mitarbeiter*innen zeitgleich über das Gelände, dirigistische Eingriffe werden sie nicht vornehmen müssen. Bedenken bezüglich des Festivals habe er keine. 

„Ich kenne keine Menschen, die jemals Corona hatten“, sagt der Polizist, dreht sich abrupt um und sorgt urplötzlich mit einem ganz eigenen Humor für Verwunderung. „Corona-Polizei! Sofort stehenbleiben!“, schnauzt er zwei Besucher an, die an ihm vorbeilaufen, „einer von euch beiden hat gerade geniest! Wer war das?“ Gequältes Lächeln schlägt ihm entgegen. Es soll sein letzter großer Auftritt auf dem Festival bleiben. Wenig später verlassen Ordnungsamt und Polizei das Gelände.

„Corona-Polizei“

Ein paar Meter weiter werden die ersten lila Festival-Bändchen verteilt. Um eines zu erhalten, müssen die Besucher*innen zuerst eine Selbstauskunft abgeben. Das ist Teil des Hygienekonzepts. Auf der Wiese neben der Startbahn sprießen nun die ersten Zelte aus dem Boden, den Bühnen wird noch der letzte Feinschliff verpasst, die ersten Sektkorken beginnen zu fliegen. 

Vom zentralen Platz aus zweigen zwei Wege zu den Bühnen ab, der linke führt über Kies zur beeindruckenden Konstruktion vom Endlos: ein gigantisches silber-glänzendes Dreieck auf blauem Hintergrund, das wie ein imposantes Eisschloss in den Himmel ragt. Wer das Endlos kennt, der weiß, dass die Musikanlage in den kommenden Tagen für akustische Spitzenleistung und am angrenzenden Zeltplatz für Nachtlärm sorgen wird. 

Direkt gegenüber ist die Parzelle, eine Tanzfläche, gestaltet vom resonant-Kollektiv aus Jena. Sie ist umzäunt, so wie alle Bühnen. Zum Hygienekonzept gehört nämlich auch, dass nur eine begrenzte Personenanzahl auf den Floors feiern darf. Ist das Limit erreicht, muss man draußen warten, geht wer raus, darf wer rein. So soll genügend Abstand zwischen den Tanzenden geschaffen werden. Aber erst einmal kümmert sich der herbstliche Regen, der auf die herausgeputzten Floors und in den späten Abend fällt, in Eigenregie um ausreichend Platz. 

Dann, gegen 1 Uhr verliert er an Intensität. Die Luft ist kühl, trägt aber die ersten Ausläufer der Musik mit sich. Es geht los. Die Tanzfläche der Parzelle liegt leicht erhöht in einem kleinen Wäldchen, ein kurviger Trampelpfad führt zu ihr. Rechts, links, rechts, rechts, der Weg mündet in die von Böschungen eingekesselten Floor. Jetzt wird der Bass nicht mehr von natürlichen Hindernissen geschluckt, er klatscht. Etwa 50 Leute stampfen mit matschüberzogenen Schuhen zur Musik. 

PAW, der DJ, legt aus einer Kleingartenparzelle heraus auf, die an ein kleines Hexenhäuschen erinnert. Es läuft Techno, der im Stakkato kommandiert. Überschwänglich wird jeder Drop gefeiert als wäre er pure Magie, unerklärlich aber mitreißend. Die Atmosphäre ist nicht von den Einschränkungen definiert, sondern vom Geist des gemeinsamen Tanzens. Es ist wie ein Neuanfang, bei dem die Euphorie des Augenblicks die Bedrohlichkeit des Ungewissen verhüllt. Auf der Tanzfläche und den Holzbänken verteilen sich rot-grüne Sektflaschen, manche stehend, manche liegend, sie werden zu stillen Zeuginnen wie auch zu munteren Mittäter*innen der ersten langen Nacht. 

Freitag, Guten Morgen!

Am Freitag weckt ein anregender Pizzaduft Bedürfnisse, die viele in der vergangenen Nacht übertüncht haben. Am Himmel beobachtet die Sonne mit ungetrübtem Blick, wie immer mehr Menschen ihre ersten vorsichtigen Schritte auf dem Tarmac gehen. Heute ist der Hauptanreisetag. Einige Besucher*innen können jetzt erst kommen, weil sie in ihrer Heimat lernen, Hausarbeiten schreiben oder Arbeiten mussten. 

So wie Mirja, die bis in die Morgenstunden hinein im Krankenhaus Nachtschicht hatte. Sie ist Assistenzärztin, sitzt auf der feingliedrigen Holz-Hängematte des Kiosk-Floors und ist gerade sehr müde. „Die letzte Nacht war super stressig“, sagt sie und schlürft an ihrem Kaffee, „bis 6 Uhr morgens bin ich kaum zur Ruhe gekommen.“ 

Während ihre Freund*innen wenige Meter von ihr entfernt auf dem Floor des Kiosks tanzen, muss sie erstmal ankommen und „langsam wieder hochfahren“. Für das Festival hat sie sich extra Urlaub genommen, fünf Tage, aber nicht um einen fiesen Kater auszukurieren, nein, weil sie auf der Krankenhausstation eine Menge Verantwortung trägt, Umgang mit schwerkranken Menschen hat und sich deswegen nach dem Festival auf Corona testen lassen will. 

„Ich brauche das Festival jetzt.“ – Mirja

„Auch wenn ich bis Donnerstag keine Symptome zeigen sollte, lasse ich mich trotzdem testen, solange bleibe ich vorsorglich in Quarantäne.“ Sie habe intensiv überlegt, ob es verantwortlich ist, überhaupt aufs Tarmac zu fahren. „Das letzte Mal getanzt habe ich im Februar, danach gab es nur noch Arbeit, dazu kam der psychische Druck, ich musste wegen meiner Arbeit genau überlegen, mit wem ich Kontakt habe und wo ich mich aufhalte. Ich brauche das Festival jetzt.“ Eine Freundin von Mirja hat Bier gekauft, Mirja sattelt um. 

Freitag 20:00 Uhr, Partystimmung

Es ist 20 Uhr, so langsam stellt sich auf dem Gelände ein reges Treiben ein, auf beinahe allen Bühnen gibt es mittlerweile Programm: Auf dem L300-Floor läuft Psytech, im Nest ein Vortrag über Hooligans, im Sketapark (eine zeitgleiche Ausführung der beiden Bestandteile der Doppeldeutigkeit scheint unmöglich) der trippige Sound von Galaxaura. Auf dem Hauptplatz wird gleich ein feministisches Theaterstück aufgeführt und hier auf der Lila-Drachen-Stage beginnt ein ganz eigener farbenfroher Rummel. 

Die Sonne torkelt noch ein letztes Mal am Himmel, dann fällt die Nacht wie ein gewaltiger Hau-den-Lukas-Hammer, bunte Lichter schnellen empor und tänzeln in den Raum, den das Sonnenlicht zuvor für sich vereinnahmte. Auf dem Vorplatz eines imposanten Flugzeughangars hat die Crew des Kunst- und Kulturverein Südliche Innenstadt aus Halle, genannt Lila Drache, in den vergangenen Wochen eine trashige Kirmeswelt aufgebaut. 

Schnaps und Minigolf

DJs, die auflegen, gibt es hier nicht, dafür eine frisierte Version eines Minigolf-Courts, dann einen hohen Bademeistersitz, der zwischen den Bahnen thront und ein hölzerner Geodome, in dem ein Zauberer mit seinen Tricks überrascht, im Hintergrund singt Nelly Furtado „Maneater“. „Unsere Idee war, eine Gegenwelt zu den anderen Bühnen zu setzen“, sagt Lucie aus der Crew, „hier gibt’s Schnaps und Minigolf.“

50 Leute dürfen gleichzeitig die Minigolf-Anlage betreten, vorher müssen sie allerdings die Hände desinfizieren und wenn die Anlage verlassen wird, desinfizieren die Helfer*innen des Lila Drachen die benutzten Schläger und Bälle. Es ist eine schriller Spaßkosmos. 

„Der Vibe ist, dass du hier hinkommen und dich wohlfühlen kannst“, erklärt Lucie. An den Minigolfbahnen vermischen sich triumphierende Aufschreie mit schadenfrohem Gelächter, in den Bäuchen der Besucher*innen Shots und Bier. Auf dem Weg zum zentralen Platz huscht Johannes mit schnellen Schritten vorbei, aus seinem Walkie-Talkie dringen aufgeregte Stimmen. Langsam aber sicher beginnt der florierende Festivalbetrieb und für die Tarmac-Crew und für die Kollektive sowie die zahlreichen freiwilligen Helfer*innen eine neue Form der Anstrengung. 

© Sophie Reißenweber

Viele kleine Zahnräder müssen jetzt ineinandergreifen, wenn der Festivalapparat reibungslos laufen soll. Eine komplexe Aufgabe, die von den Besucher*innen nur wahrgenommen wird, wenn etwas nicht funktioniert. Es hat etwas vom Schiedsrichter*innen-Los. Je weniger die Arbeit auffällt, desto besser ist diese. Und doch haben die Organisator*innen wenig Einfluss auf eventuelle Fallstricke, wenn etwas Unerwartetes geschieht – wenn Personen plötzlich Symptome zeigen, oder wenn Musiker*innen nicht auftauchen sollten.

„Ich habe mich gefühlt wie auf einer Silvesterparty“ – Marie Montexier

Marie Montexier jedenfalls ist da. Und das schon etwas länger. Vor 40 Minuten hätte sie laut Plan im Sketapark mit ihrem Set beginnen müssen, es gibt einen leichten Delay. Das Live-Set von DJ Detox ist beim letzten Track angekommen, Marie steht hinter ihm, zündet sich eine Zigarette an, dann checkt sie nochmal die erste Platte. „Ich versuche, meinen inneren Ruhepol zu finden, den Groove vom DJ vorher zu verstehen und beobachte die Leute auf der Tanzfläche, um mich ein bisschen von dem Vibe einsaugen zu lassen“, erklärt Marie ihre Routine kurz vorm Auflegen. Ihr Opening-Track, visual imagination (vocal mix) von Hyper.Nation, läuft an, Marie wippt mit den Knien, dann setzt der Bass ein. Als hätte jemand die Geschwindigkeit verdoppelt, passiert jetzt alles viel energetischer. 

Wo man auch hinschaut, die Menschen entgrenzen sich, haben Platz, sich auszudrücken, hier gibt es kein Gedränge, aber die seltsame Erkenntnis, dass die Abstandsregel zur befreienden Selbstentfaltung führen kann. „Ich habe mich gefühlt wie auf einer Silvesterparty“, wird Marie später sagen, „die Leute hatten richtig Bock, intensiv zu tanzen.“ Ihre Musikauswahl habe sie sich vorher genau überlegt: „Ich habe viel Musik eingepackt, zu der ich eine positive emotionale Verbindung habe.“ Und bei einem früheren Gig in Leipzig sei ihr aufgefallen, dass Breakbeat die Leute catcht, „ein emotionales Genre, zu dem ich auch gerne feiere.“ 

Bitte Maske tragen!

Am Eingang der Tanzfläche hat sich eine Schlange gebildet, Helfer*innen weisen dort darauf hin, die Schutzmasken zu tragen und Abstand zu halten. Auch wenn die wachsende Schlange nur wenige Meter vom brodelnden Floor entfernt ist, wirkt es so, als gäbe es eine unsichtbare Schleuse, eine musikschluckende Wand, auf der einen Seite wird getanzt, ein Meter weiter wird die Warterolle widerstandslos angenommen. Aber hier blitzt ein typisches Festival-Phänomen auf, die Leute tauschen sich aus. Eine Nuance, die so banal erscheint, aber aufgrund der Abstandsregelungen ziehen viele Besucher*innen nur mit den eigenen Freund*innen über das Gelände, in der Schlange wird, wenn auch vorsichtig, gequatscht. 

Am Pult spielt Marie jetzt ihren Schlusstrack, „I need your loving“ von Baby D, der geradezu frenetische Applaus auf dem Floor schwillt ohrenbetäubend an, nicht nur Maries Augen glänzen. 

Marie hat mal gesagt, das besondere an Platten sei für sie, dass sie genau wisse, wo und mit welcher Stimmung sie sie gekauft hat. Ihr Closing steht sinnbildlich dafür, ist er doch eng mit der Quarantänezeit verknüpft. Eine Zeit, in der sie sich wie so viele Musiker*innen mit ausbleibenden Gigs, existenziellen Sorgen und Gedanken konfrontiert sah. „Erst einmal bin ich in ein krasses Loch gefallen“, sagt sie, „vor allem, weil ich vorher unheimlich glücklich mit meiner Musik-Entwicklung war.“ Finanziell wurde sie aufgefangen, fand in einem Laden von Freund*innen Arbeit. Als die Anfrage vom Tarmac kam, hatte sie aufgrund der Situation zwar leichte Bedenken, aber „ich stand dem Ganzen offen gegenüber, weil der Musikbereich gelitten hat.“

Bühne als Feuerprobe

Das Tarmac biete jedoch auch die Chance, zu zeigen, dass junge Leute verantwortungsbewusst mit der momentanen Situation umgehen könnten. „Dass ich auf dem Tarmac spielen darf, ist in dieser schwierigen Zeit ein Privileg für mich“, sagt Marie. Die Bühne ist immer noch die frontalste Konfrontation, die Musiker*innen erfahren können.

Auch wenn in der Corona-Zeit andere Formate wie Live-Streamings vermehrt in den Blickpunkt gerieten, ist die Bühne als Prüfinstanz, wenn das eigene Schaffen in eine direkte Interaktion mit den Rezipient*innen tritt, nicht zu ersetzen. Ohne Bühne verhält es sich bei Musiker*innen wie zu Bastler*innen, die immer ausgeklügelter an ihren Flugdrachen tüfteln, aber nie die eigenen vier Wände der Werkstatt verlassen und deshalb nie erfahren werden, wie der Wind den Drachen prüfend umströmt. 

Die Bühne ist wachstumsfördernd, aber auch sinnstiftend für Musiker*innen und das Tarmac eine dankbare Gelegenheit, neu aufgekommene Tracks im naturgemäßen Biotop zu präsentieren. In einer Welt ohne Corona spielte Marie regelmäßig als Resident der Berliner Partyreihe „Warning“ vor großem Publikum. In der Welt mit Corona füllte sie das künstlerische Vakuum mit neuen Projekten wie einer eigenen Radioshow, in der sie anderen Musiker*innen eine Plattform bietet. Die aktuelle Situation verbindet eben. 

Ein Samstag mit Lucie Vuittong

Lucie Vuittong, die am nächsten Tag um 12:00 Uhr auf derselben Bühne auflegt, beschäftigte sich in der unfreiwilligen Zwangspause mit einer anderen musikalischen Leidenschaft. Für sie bedeutete das: Saxofon statt Plattenteller. Aber dass sie auf dem Tarmac wieder ihrer Platten-Passion nachgehen und mit Tanzenden teilen kann, ist für sie etwas Besonderes. „Ich habe mich in den ersten anstrengenden Tagen beim Aufbau allerdings gefragt, wie ich am Samstag noch auflegen soll“, sagt sie. Lucie erlebt das Festival aus verschiedenen Perspektiven. Seit über einer Woche ist sie auf dem Gelände, um mit ihrer Lila-Drachen-Crew die Bühne aufzubauen. Das gemeinsame Projekt habe das Kollektiv zusammengeschweißt. 

„Gerade in der Corona-Zeit war es auch auf jeden Fall eine schwierigere Aufgabe mit dem Festival, eine Herausforderung für alle“, sagt sie, aber „es hat uns für die nächste Zeit auf jeden Fall Hoffnung gegeben.“ So wie beim Lila Drache sind auf dem Festival viele Leute zusammengekommen, die seit Wochen am Projekt Tarmac schrauben, in der Zeit auf dem Gelände leben, Ablenkung in Europaletten und Schrauben gefunden haben, aber auch eine gleichgesinnte Gemeinschaft, die Auftrieb gibt. 

© Lucie Schirmer

Hinter den Plattenspielern hüpft Lucie hin und her, in den kommenden 127 Minuten zeigt sie ihre breite Klaviatur an Trance- und Housesongs, reißt die noch wachen Beine aus ihrer Lethargie und stellt die Ausgeschlafenen vor eine erste Prüfung. Nach und nach kommt die Crew des Lila Drachen zusammen, Leute, von denen einige seit Festivalbeginn kaum die eigene Bühne verlassen haben – zu groß war der Wunsch, dass ein reibungsloser Ablauf gelingt. 

Von der Endlos-Bühne her gleiten jetzt die ersten Töne aus der Trompete von JPattersson über das Tarmac-Gelände. Unter gespenstisch grauem Himmel, eingerahmt im silbernen Dreieck der Endlos-Konstruktion, beginnt Johann alias JPattersson mit seinem Live-Set. Vor ihm auf dem Floor wirken die Gesichter etwas gezeichnet, manche von der durchfeierten Nacht, manche von den Abdrücken der Isomatten, die sie gerade erst verlassen haben. „Alle haben gestern so Vollgas gegeben, dass die erste Puste bei den Leuten raus war“, sagt Johann später. Da und dort sitzen Matetrinkende, über dem braunen Acker der Tanzfläche schwirrt geisterhaft der gräuliche Dunst der Nebelmaschine. Die Szenerie passt zu seinem mystischen Intro-Song.

In JPatterssons Kompositionen treffen Trompetenspiel und Gesang auf Downtempo-Beats, ein lebhafter Mix, der Wiedererkennbarkeit schafft. Eifrig melden sich die Lebensgeister zurück, die Leute tanzen wieder. Das letzte Mal, als er vor Tanzenden auftrat, im März, saß er im goldenen Käfig des Tribal Gathering fest, einem Festival am türkisblauen Meer von Panama, das Gelände umstellt vom Militär. Zu der Zeit befand sich Johann auf Süd- und Mittelamerika-Tour. Ein Traum, den er sich mit seiner Musik erspielt hatte; er trat in Bolivien, Chile, Mexico, Costa Rica und Panama auf. Dann kamen Corona und das Militär. „Um uns herum befand sich die Welt schon im Lockdown, aber wir wussten davon wenig, weil die Festivalbetreiber es nicht mit uns kommuniziert hatten.“ 

„In der Coronazeit stellt sich für Musiker*innen die Frage nach der Existenz“ – JPattersson

Abgeschirmt von der Außenwelt setzten die panamaischen Behörden Johann und die anderen Festivalbesucher*innen in Quarantäne fest, erst nach über einer Woche durften sie das Gelände und Panama verlassen. Seitdem hat sich die Welt rasant weitergedreht. Ursprünglich sollte Johann im diesjährigen Sommer auf dreizehn verschiedenen Festivals auftreten, sie wurden alle abgesagt. Deswegen sei er „dankbar für die Möglichkeit, hier spielen zu können“, auch wenn er ein mulmiges Gefühl hatte. „In der Coronazeit stellt sich für Musiker*innen die Frage nach der Existenz“, sagt Johann. Eine Frage, die immer wieder neu ausgelotet werden muss. 

Aber ein Festival ist auch Balsam für die Psyche von Musiker*innen, „es motiviert einen, weiterzumachen, es ist aber auch wichtig, an der Szene dranzubleiben, andere Musiker*innen zu hören, um neuen Input zu bekommen.“ Denn auch inhaltlich wirkt sich die Pandemie auf die Arbeit aus. Zurück in Leipzig, als er sich mit einem plötzlichen Überfluss an Zeit konfrontiert sah, fehlte der Input, um kreativ neue Lieder zu produzieren.

Der Prozess, wie ein Lied bei ihm entsteht, ist feingliedrig und verfolgt keinen immer gleichen Ablauf. Johann setzt sich nicht an seinen Schreibtisch und fängt bei Null an, ein Lied aufzubauen. Seine Ideen findet er im Lebendigen, mögen es Reisen oder Gespräche sein, mal ist es ein interessantes Element in einem Radiosong, mal ein spannend klingendes ausländisches Wort, all diese Eindrücke liest er auf und speichert sie als eingesungene oder mit der Ukulele eingespielte Sprachaufnahme in seinem Handy ab. So kommen Tausende kleine Tropfen zusammen, manche verbinden sich und fließen in neue Lieder zusammen, andere Ideen warten auf den richtigen Moment.

Im Juli erschien JPatterssons neues Album „Mood“, an dem er eineinhalb Jahre gearbeitet hat. Die Festivalsaison wollte er nutzten, um das Album zu promoten. Stattdessen spielte er virtuelle Festivals, um überhaupt präsent zu sein. Die Zwangspause und die fehlenden Einnahmen kratzen an dem eingeschlagenen Lebensweg. „Ich hoffe, dass es nächsten Sommer wieder in gewohntere Bahnen geht, damit ich von der Musik leben kann.“ Aktuell habe er zwar noch Rücklagen, aber „wenn es nächstes Jahr hart auf hart kommt, muss ich mir Gedanken machen.“ Gedanken hat er sich auch nach seinem Lehramts-Staatsexamen gemacht und sich für die Musik und gegen den Lehrer*innen-Beruf entschieden – also für das Risiko und gegen eine gewisse Sicherheit. 

Wäre der Lehrer*innen-Beruf nicht jetzt doch eine denkbare Option?  „Das möchte ich momentan nicht“, sagt Johann, „ich habe sehr zu schätzen gelernt, entscheiden zu können, mit wem, wo und wann ich arbeite.“ Die Coronazeit führten seine Überlegungen sogar in ganz andere Richtungen. „Ich kann mir vorstellen, etwas mit Holz zu machen, zum Beispiel eine Lehre zum Tischler.“ Die Krise eröffnet auch Denkräume, die vorher nicht existierten.

Samstagabend, immer noch auf dem Tarmac

Auf dem Tarmac ist es jetzt Samstagabend, bis morgen Nachmittag werden die Besucher*innen raven, sich treiben lassen und abschalten können, bevor sie der Montag dann wieder in alltägliche Bahnen lenken wird. Viele werden sich dann auf Corona testen lassen, das Risiko einer Ansteckung schwirrt in den Gedanken der Besucher*innen.

© Julian Quitsch

Das Wort Risiko leitet sich vom lateinischen Verb „risicare“ ab, das aus der Seefahrersprache stammt und „Klippen umschiffen“ bedeutet. Dass ein Festival mit 1.000 Menschen ein gewisses Risiko birgt, ist den allermeisten Besucher*innen bewusst und dementsprechend umsichtig handeln sie auch. Alle sitzen im oft zitierten gleichen Boot, in dem sie versuchen, die Klippen zu umschiffen.

Trotzdem reicht eine unvernünftige Person, die am Mast sägt, auf dem Festival mit Symptomen keine Maske trägt, um andere in Gefahr zu bringen. Die Frage, ob das Tarmac in seiner pandemiegerechten Form beispielhaft für andere Festivals sein kann, entspinnt sich auch daran, ob es auf dem Festival trotz Hygienekonzept Corona-Ansteckungen gab. 

Dienstag, zwei Wochen später

Mirja arbeitet wieder im Krankenhaus, bei Lucie beginnen die ersten Uni-Kurse und Johann ist zurück in Leipzig. 

Drei der Organisator*innen, Lukas, Johannes und Johanna, sitzen an einem runden Holztisch in den Vereins-Räumlichkeiten des Kunst- und Kulturvereins Südliche Innenstadt in Halle (Lila Drache) und sprechen aufgeregt über das Tarmac. Normalerweise würden sich hier einige Hallenser*innen treffen, für die der Dienstag im Lila Drache ein fester Termin im Kalender ist.

In der Zeit vor der Pandemie fand hier ein Austausch statt, es wurde Bier getrunken, manchmal auch mit Live-Musik. Durch Corona ist das zurzeit undenkbar. Trotzdem finden die Erdgeschoss-Räumlichkeiten Verwendung: vorne läuft ein Workshop, im hinteren Zimmer schraubt ein Designstudent an seiner Masterarbeit. Zwischen den beiden Räumen, im Durchgangzimmer, sitzen die drei Organisator*innen. 

© Julian Quitsch

Auch wenn sie jetzt wieder in Halle sind, ist das Tarmac omnipräsent, einerseits weil der Abbau auf dem Gelände nur schleppend vorangeht, aber auch weil die Gedanken zum Festival rasen, das Geleistete verarbeitet werden muss, damit sie begreifen, was die Kollektive, die Helfer*innen und die Tarmac-Crew zusammen auf die Beine gestellt haben.

Sie haben nicht nur zum aller ersten Mal ein Festival organisiert, nein, sie haben ein Festival organisiert, das unter außergewöhnlichen Umständen funktionieren musste. „Auch wenn die Zeit vor, während und nach dem Festival super stressig war und wir kaum zur Ruhe gekommen sind, war es eine besondere Zeit“, findet Johanna. 

„Wir haben zusammen etwas Großes geschafft und uns, wenn die Kraft ausging, gegenseitig im Team aufgefangen.“ – Johanna

„Ich realisiere es gerade noch nicht, es sind so viele Leute gekommen und haben gesagt, dass sie nächstes Jahr wiederkommen wollen“, sagt Johannes. Lukas zieht an seiner Zigarette und nickt Johannes zu, in seiner linken Hand ruht das Handy. Es ist alles glatt gegangen. In der Zeit nach dem Festival ist kein Corona-Fall, der auf das Festival zurückzuführen wäre, bekannt geworden. 

Das Tarmac hat ein Signal gesendet, dass ein pandemiegerechtes Festival gelingen kann. Natürlich muss so eine Veranstaltung in den passenden Rahmen aus niedrigen Fallzahlen, Hygienekonzept und Vernunft der Besucher*innen eingebettet sein. Aber es könnte ein Schritt in Richtung neuer Normalität sein. 

Und wenn nicht, dann war das Tarmac für manche ein kurzer Moment, um an einem sinngebenden Ort zu verweilen, mal wieder dem Beruf oder der Leidenschaft nachzugehen, Zerstreuung zu finden – und mit Freund*innen und viel Herzblut etwas anzupacken.

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