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Autor/-in

Paula und Ramin
Der Artikel ist in Zusammenarbeit von Paula und Ramin entstanden. Paula Charlotte ist M.Sc. Psychologin in Leipzig und schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus, elektronische Musik und mentale Gesundheit unter anderem bei DJ LAB und Im Gegenteil. Ramin hat das Community Projekt Music Of Color gegründet, legt seit mehreren Jahren als DJ auf und hostet jeden Samstag die Music Of Color Morning Show bei Radio Blau.

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Clubkultur & Politik IV: Diversität? Rassismus.

02. November 2020 / Kommentare (0)

Man könnte sagen „aus gegebenem Anlass“ müssen wir über rassistische Strukturen in der Clubkultur sprechen. Allerdings sind Demonstrationen um „Black Lives Matter“, die Morde an Schwarzen Menschen im Jahr 2020 und das posten schwarzer Quadrate in sozialen Netzwerken nicht der gegebene Anlass.

Es ist längst überfällig, dass wir über Weißwaschen, Gatekeeping, Aneignung und Sichtbarkeit sprechen, dass wir Schwarzen Menschen und Personen of Color zuhören, wenn sie über ihre Erfahrungen sprechen und nicht davon ausgehen, dass die elektronische Musik- und Clubkultur ein Raum ist, in dem alle Akteur*innen sich gleichermaßen befreit fühlen können. Die Tatsache, dass das noch nicht oder bei weitem noch nicht ausreichend geschehen ist, ist der gegebene Anlass. 

Dieser Artikel soll Teile der rassistischen Strukturen aufzeigen, die es in der Clubkultur und der Szene elektronischer Musik gibt – denn Rassismus existiert überall in der Gesellschaft, und dennoch tun wir gerne so, als wäre die Clubkultur ausgenommen davon, befreit von Diskriminierung und ein Raum für Eskapismus für jede*n, ein Raum für Solidarität. 

Hier sollen oben genannte Begriffe aufgeklärt werden, Akteur*innen der Szene zu Wort kommen, die von Rassismus betroffen sind und Handlungsmöglichkeiten sowie Überlegungen zu längst überfälligen Konsequenzen genannt werden.

Fragen

Dabei wird versucht, folgende Fragen zu beantworten: Wie zeigt sich struktureller Rassismus in der Clubkultur und welche Ebenen lassen sich aufzeigen, welche Erfahrungen machen Schwarze Menschen und Personen of Color als Besucher*innen, Akteur*innen, Labelbetreibende, Produzent*innen? Wie kommt es zu fehlender Sichtbarkeit? Was gibt es zur Leipziger Szene zu sagen?

Carina (o.l.), Marielle (u.l.), Dennis (Mitte), Sinh (u.r.), Ramin (o.r.)
Foto von Paula Kittelmann

Und das sind die Personen, mit denen wir gesprochen haben:

Shuray (Shuray & Walle), Mustapha aka Traxx Jr., Sarah Farina, Carina aka Carool, Marielle aka Zyber, Sinh Tai (fka DJ MinusMinus), Dennis aka AGYENA und Ra-min (fka Raminski).

Short catch-up: Die Ursprünge von House und Techno

Sinh: Ich finde es fehlt eine Auseinandersetzung mit den Ursprüngen und der Kultur an sich. Techno wird so oft angesehen als „es ist so frei von allem“ dabei wird in der Clubkultur ja auch viel Diskriminierung reproduziert. 

Über die Ursprünge von House und Techno müssen wir sprechen, um einen Teil der diskriminierenden Strukturen zu verstehen, die heute in der Clubkultur existieren. Die Tatsache, dass Rassismus so massiv in der Szene um elektronische Musik reproduziert wird, spiegelt zum einen die allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen wider, zum anderen fehlt basales Wissen, woher House und insbesondere Techno stammen (explizit wenn Techno als „weiße“ Musik angesehen wird) – oder aber die Ursprünge der Musik werden ausgeblendet, um diskriminierende Strukturen und die eigene Rolle als weiße Person darin nicht hinterfragen zu müssen.

Deswegen gibt es an dieser Stelle eine Empfehlung. Ausführlich und sehr gut sind beispielsweise diese Dokus: I Was There When House Took Over the WorldCan you feel it – How dance music conquered the world Pt IHigh Tech Soul Detroit: The Creation of TECHNO Music

Shuray: „House is a feeling“ und das ist für mich auf jeden Fall ein Lifestyle. Das ist eine gute Ausdrucksform, da hört man ganz klar raus: Da wird viel Schmerz und Leid auf schöne Art und Weise verarbeitet und wieder so zusammengeführt, dass man eine Gemeinschaft spürt, einen Zusammenhalt. Da ich mich schon immer mit Schwarzer Geschichte beschäftigt habe, habe ich schnell gemerkt: „Die Musik bringt für mich irgendwas rüber, ich fühl mich auf jeden Fall. Ich höre so den Schmerz daraus, aber auch die Stärke des Schwarzen Mannes.“ Und das ist genau der Punkt, an dem so ’ne Schwarze Kultur so richtig aufblüht. Das ist Soul, Funk und kommt so aus dem Herzen.“

House Music

Bei der Entstehung von House Music in den 1970/80er in Chicago und New York war vor allem eines zentral: Die Schwarze und Lateinamerikanische homosexuelle Community prägte die frühe Diskoszene.

Der sogenannte Eskapismus spielte eine große Rolle, ermöglichte er den Menschen zumindest für eine kurze Zeit, die Kämpfe, die sie im Alltag begleiteten, in den Hintergrund treten zu lassen; Eskapismus bedeutete sexuelle Befreiung und Zuflucht von Rassismus. Die Musik sowie die Idee, im Club durch elektronische Musik ein Gefühl von Freiheit von Diskriminierung zu erhalten, kommt von Schwarzen Menschen. 

Whitewashing des Techno

Auch Techno mit seinen Ursprüngen in Detroit mit Einfluss europäischer European Electronica stammt aus der Black Community und hängt mit gesellschaftlichen Umwälzungen zusammen (Segregation und Exklusion, Wirtschaftskrise, willkürliche rassistische Polizeigewalt, Aufstände und dem Erstarken des Civil Rights Movement). Urbane Technologie wurde verknüpft mit kulturellen Elementen, zurückerobert durch die Menschen, die dort lebten. 

„Rich people don‘t make funky music“ – Mike Banks

Sarah: Die Musik und Kultur, die in Detroit entstanden ist, war eine spirituelle Antwort auf die Umstände, durch die die Leute gehen mussten und müssen. Mike Banks meinte zu mir „rich people don‘t make funky music“ und ich glaube da ist sehr viel dran. Man merkt einfach, dass da ganz viel Seele drin ist, wenn Menschen etwas kreieren das von einer gewissen Tiefe kommt. Dass wir uns überhaupt die Frage stellen müssen, woher Techno kommt, ist total problematisch.

Selbst in der Black community gibt’s Menschen, die nicht wissen, dass Techno Schwarze Musik ist. Und ich kann das verstehen, Schwarze Personen fühlen sich oft in Techno Clubs nicht sicher und die Geschichte des Techno ist ja auch total weißgewaschen.

Sarah Farina: „Schwarze Personen fühlen sich oft in Techno Clubs nicht sicher.“

Die Ursprünge von Techno und House, die in der Clubkultur (vor allem in Leipzig) die vorherrschenden Genres sind, zu kennen, ist der erste, beinahe basalste Schritt. Um rassistische Strukturen zu erklären, aufzudecken und zu verändern, reicht das Wissen darum aber nicht aus. Mechanismen rassistischer Diskriminierung, die in unserer Gesellschaft stattfinden, sind vielschichtig.

Im Folgenden sollen einige davon erklärt und durch die Erfahrungen von Schwarzen Menschen und Personen of Color für weiße Menschen erkennbar gemacht werden. Nicht, dass von Rassismus betroffene Menschen darüber nicht schon immer sprechen – weiße Menschen müssen sich als Akteur*innen der Clubkultur jedoch fragen: Warum habe ich bisher nicht zugehört? Warum genieße ich Privilegien, warum kann ich das Freiheitsgefühl im Club, die Kultur elektronischer Musik genießen und hinterfrage nicht die Machtverhältnisse, in denen sich die Szene bewegt, die Rassismen, die reproduziert werden?

Weißwaschen, Gatekeeping, Aneignung und Sichtbarkeit – Mechanismen rassistischer Diskriminierung in der Clubkultur

Ramin: Für mich sagt es schon aus: Überall spielt Rassismus eine Rolle, nur bei der Polizei und in der Musikszene nicht? Das ist für mich schwer vorstellbar. Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft und man muss sich in allen Bereichen damit auseinandersetzen – natürlich auch in der linken -, Kultur- und Musikszene.  

Struktureller Rassismus äußert sich nicht zwangsläufig in unmittelbar für Außenstehende sichtbarer Gewalt. Er äußert sich (um in der Unterhaltungsbranche zu bleiben) in fast ausschließlich weißen Line-Ups, in racial profiling an Clubtüren (ja, that’s a thing, sogar in linken Clubs), in Fragen wie „Wieso spielst du denn Techno, wenn du Schwarz bist?“ und der Tatsache, dass Schwarze Menschen und Personen of Color sich auf den meisten Dancefloors nicht sicher fühlen. 

Sichtbarkeit: 

Bei „Sichtbarkeit“ geht es darum, welche Mitglieder einer Gesellschaft in Medien, Politik usw. anteilig abgebildet werden: In Europa sind das vorrangig weiße Menschen. Fehlende Sichtbarkeit bedeutet, dass Schwarze Menschen und Personen of Color unsichtbar gemacht werden, indem sie nicht abgebildet werden. Das vermittelt den Eindruck, diese Menschen seien „ein unbedeutender [nicht abbildungswürdiger] Teil der Gesellschaft“. Cave: Rassismus!

Wie in allen anderen Bereichen des Lebens gilt: representation matters. Wenn Menschen sich nicht repräsentiert fühlen, werden sie nicht empowert, glauben nicht daran, dass sie selbst auch an dieser Stelle stehen könnten. Es wird suggeriert, dass sie nicht Teil dieser Gesellschaft (oder Szene) sind, sein sollten.

Leider ist es immer noch so, dass die Menschen mit dem Privileg entscheiden, wer gesehen wird (stellt euch vor, die Menschen mit dem Privileg bedienen den Scheinwerfer und entscheiden, auf wen der gerichtet wird: Auf sie selbst? Auf Freunde/ Freundesfreude, auch Menschen, die vielleicht den Scheinwerfer als Gegenleistung auch auf sie richten? Oder entscheiden sie sich, marginalisierte Menschen sichtbar zu machen? Es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis, ein Machtverhältnis. 

Sarah: Ich glaube Menschen unterschätzen, wie wichtig es ist, dass Menschen sichtbar sind, die anders aussehen als du selbst. Es gibt doch das Sprichwort:

„You can‘t be what you can‘t see“

Dennis: Für mich zeigt es sich darin, dass ich mir als ich angefangen habe aufzulegen oft Gedanken darüber gemacht hab, ob Leute es komisch finden, was ich für Musik spiele. Ich spiele House, Techno, bin aber eher frei in Genres. Als ich mal in Nürnberg aufgelegt habe, kam jemand auf mich zu und hat gefragt, wie ich dazu komme, Techno aufzulegen, weil sie noch nie einen Schwarzen Techno DJ gesehen hätten. Und das ist mir nicht nur einmal passiert. Beispielsweise die Tatsache, dass ich in Nürnberg eigentlich nie einen Schwarzen DJ gesehen habe, ist die implizite, strukturelle rassistische Hürde, die sich dann bei mir als Selbstzweifel manifestiert hat: „Will mich als Schwarzen DJ überhaupt jemand sehen?“

Im Zusammenhang mit Sichtbarkeit müssen wir aber auch über Tokenisierung sprechen. 

Tokenisierung

Von Tokenisierung spricht man, wenn Mitglieder einer marginalisierten Gruppe instrumentalisiert werden, „um nach Außen eine antidiskriminierende Haltung zu suggerieren, während hierarchische und ausschließende Strukturen intakt bleiben. [Das führt] in der Regel langfristig zu wenig bis keiner strukturellen Veränderung. Im Gegenteil werden sie nicht selten instrumentalisiert, um einen Haken unter das Thema Diversity setzen zu können.“ (Vgl. kubi-online.de)

In der Clubkultur zeigt sich Tokenisierung z.B. in Fe*male oder DJs of Color, die gebucht werden, um das Line-Up ‚diverser‘ zu gestalten oder eine Quote zu erfüllen. Dabei werden diskriminierende Strukturen nicht tatsächlich hinterfragt sondern aufrechterhalten und reproduziert. Zum Beispiel wenn die betreffenden Personen Diskriminierungen vor Ort ausgesetzt werden, indem stereotype Genrezuschreibungen getätigt werden (wie beispielsweise die Annahme, Schwarze Frauen würden ausschließlich R’n’B auflegen), in dem der Club zwar „antirassistisch“ im Selbstverständnis verzeichnet, jedoch kaum danach arbeitet.

Das eigene Image mit (vermeintlicher) Diversität aufpolieren

In diesem Fall wird unter dem Deckmantel der vermeintlich guten Intention, Sichtbarkeit zu schaffen, letztendlich nur am eigenen Image gearbeitet. Damit werden Betroffene „benutzt“, wiederum eine Reproduktion von unterdrückenden Machtstrukturen, wie wir sie auch überall sonst in der Gesellschaft finden. 

Carina: Oftmals ist man dann der Exot, zum einen weil man Schwarz ist, zum anderen weil man eine Frau im Hip-Hop ist. Ich habe das Gefühl, dadurch werde ich auch häufiger gebucht. Nur wegen meiner Hautfarbe und meinem Geschlecht, nicht wegen dem, was ich mache. Wenn ich für eine Veranstaltung gebucht werde, wissen die Veranstalter ja eigentlich, was ich für Musik spiele – aber auf dem Flyer steht dann R’n’B und Soul. Das spiele ich nicht! Aber weil ich eine Schwarze Frau bin wird das einfach angenommen.

Gatekeeping & Profit:

Wir bemühen Wikipedia: „Unter Gatekeeper (englisch: „Schleusenwärter“, „Torwächter“) werden in der Soziologie Personen verstanden, die aufgrund von Fähigkeiten oder Positionen die Möglichkeit haben, den Aufstieg [Anm. d. R.: Teilhabe] von Menschen, zu beeinflussen.“

Das heißt bei Gatekeeping sorgen Menschen in Machtpositionen (Macht ist ein Privileg, welches in diesem Fall weiße Menschen haben) dafür, dass ihre gesellschaftlich privilegierte Position gewahrt wird, in dem sie anderen Zugänge verwehren – sei das nun bewusst oder unbewusst. Die Machtposition geht dabei mit einem Profit einher: Entweder tatsächlich monetär (Clubbetreiber*innen, DJs…) oder sozialem Profit, sprich Anerkennung, „fame“ – und damit letztendlich weiteren Profitmöglichkeiten. 

Viele weiße DJs spielen House, Techno. Musik die, wir wie gelernt haben, von Schwarzen Menschen kommt. Clubs in Europa wurden in den 90ern von weißen Menschen eröffnet, weiße Menschen besuchten sie. 
Auch heute noch sind die Strukturen ähnlich: Booker*innen, Promoter*innen, DJs – sie alle sind meistens weiß. Sie verdienen damit Geld oder gewinnen soziales Kapital – schließlich ist der DJ der neue Rockstar, wie auch schon Westbam sagte. Also selbst wenn man sich als DJ nicht zwangsläufig eine goldene Nase verdient, Anerkennung bekommt man – und damit die Möglichkeit auf mehr Gigs. 

Geld und Fame: „Wer ist gerade der Shit in der Szene?“

Shuray: Die Szene hat im Allgemeinen so nen Drive angenommen, es geht viel um Geld, es geht viel um Fame. Die, die mit ner guten Einstellung und nem schönen Herz, die einfach nicht so laut sind wie manch anderer, die gehen in der ganzen Sache unter. Es geht nur darum: „Wer hat schon den größten Bekanntheitsgrad? Wer ist gerade so der Shit in der Szene?“, und nicht unbedingt, weil er mit absoluten Produktionen überragt hat, sondern einfach nur, weil er sich gut nach außen projizieren kann. Genau davon muss man wieder mal wegkommen. Ich denke, es ist wichtig, dass sich damit intensiver beschäftigt wird und wir einfach von solchen Sachen wie Geld und Likes einfach wieder ein bisschen mehr Abstand nehmen, uns wieder ums Eigentliche bemühen.

Shuray: „Die, die mit ner guten Einstellung und nem schönen Herz, die einfach nicht so laut sind wie manch anderer, die gehen in der Szene unter.“
Foto von Paula Kittelmann

Mustapha: This is such a sensitive topic but yes. It’s like that: As a manager or booker you don’t have to be DJ but to take control of the booking of DJs that fit in the concept of your club. When you see Clubs taken by DJs – which is often the case in Leipzig – you book them to play at your club and a few months later you’re booked to play at their parties.  It feels like everyone is just looking to become famous. I don’t know what they are looking for, but it feels like that things are getting done really wrong. It’s like we said, “I book you, you book me„ but that’s not what music is about.

Booking: eine Hand wäscht die andere? Kumpels buchen Kumpels, whities buchen whities.

Damit gilt das gleiche wie für die sexistischen Strukturen in Clubs: Old Boys Network is a a thing. Kumpels buchen Kumpels, whities buchen whities, wir sprechen hier von Gatekeeping. 

Oft wird mit dem Profit des Clubs argumentiert, den Booker*innen im Hinterkopf behalten müssen – der Club muss voll werden, damit sich der Abend lohnt, also muss ich Personen buchen, die einigermaßen bekannt sind. „Es gibt einfach nicht so viele Personen of Color, die auflegen und die Tanzfläche vollbekommen“ – das ist just not true, und selbst wenn es das wäre: Wie sollen die Menschen die Chance bekommen, einen Bekanntheitsgrad zu erreichen, der für den Club rentabel wäre, wenn ihnen die Möglichkeit dazu, überhaupt anzufangen, verwehrt wird?

Um tatsächlich etwas gegen Diskriminierung zu tun muss die privilegierte Mehrheit (weiße Menschen) etwas von dem Kuchen abgeben, den sie letztlich durch die Unterdrückung anderer bisher für sich alleine hatten. Doch wenn es um Geld und Fame geht – wer gibt da gerne etwas ab? 

Mustapha: „When you see Clubs taken by DJs – which is often the case in Leipzig – you book them to play at your club and a few months later you’re booked to play at their parties.“
Foto von Paula Kittelmann

„We need more action, less pretention.“ – Mustapha

Mustapha: During the last weeks here in Leipzig when everyone was involved in the topic of racism – all the persons on social media were posting about black lives matter, clubs were talking or texting about it, posting black squares. Sure. But then, when you go to their websites and check how many black DJs they got to play for example last year: believe me, you see maybe one or two. So if you have a club and you’re spending thousands of euro every weekend for bringing the DJs, and most of them are german DJs (often white german DJs) from Berlin, Frankfurt, sometimes from France or England. But what are you doing for the Black Community, are you bringing the DJs to play here? For sure not. So why are you posting the black square with Hashtag black lives matter? We need more action, less pretention. 

Und nicht nur die Line-Ups und Mitarbeitenden in Clubs sind von diskriminierenden Strukturen geprägt – auch das Publikum. Schaut euch auf der Tanzfläche um, erinnert euch an die Zeit im Club vor Corona. Wie viele nicht-weiße Menschen sind da? Habt ihr euch jemals gefragt, warum?

Türpolitik & Publikum:

Mustapha: Having a Black, Asian or Arabic face gives you less chances to get in clubs here. Not only in Leipzig, in most of the clubs in Europe. I’m talking about door policy. I know a lot of people who always get rejected at the doors. Also I had a talk with someone working in security and they told me something I was really shocked about: They said when you get hired for this work, you are asked not to let “north-African„ in, cause they are troublemakers. (Talking about left clubs in Leipzig)

Ja, es gibt racial profiling an Clubtüren. Das bemerken weiße Menschen jedoch nicht. 

Racial profiling (ja, auch in unseren geliebten, linken Clubs)

Oder, wenn Black, Indigenious und Personen of Color in Clubs sind, machen sie, egal als wie aware der Club sich bezeichnet, oft Rassismuserfahrungen. Und nicht nur das, sie werden damit – wie auch an anderen Stellen in unserer Gesellschaft – nicht ernst genommen. 

Ramin: Ich werde beispielsweise auf Veranstaltungen, die ich selbst kuratiere im IfZ, jedes Mal ungelogen – gefragt, ob ich Drogen verkaufe. Als Veranstalter. 

Marielle: „Wie die Clubs davon profitieren, dass sie Schwarze Musik spielen, „das ist so super cool“, aber eigentlich einen Fick auf Schwarze Menschen geben oder darauf, dass Menschen da Rassismuserfahrungen machen.“
Foto von Paula Kittelmann

Marielle: Ich finde es immer wieder krass, zu sehen, selbst im Hip-Hop, wo die Leute ja wissen, dass die Musik aus der Schwarzen Kultur kommt, wie Veranstaltungen so krass whitewashed sind. Wie die Clubs davon profitieren, dass sie Schwarze Musik spielen, „das ist so super cool“, aber eigentlich einen Fick auf Schwarze Menschen geben oder darauf, dass Menschen da Rassismuserfahrungen machen. Eine Schwarze Freundin von mir wurde auf einer Trap-Party rassistisch beleidigt und körperlich angegriffen und hat keinerlei Solidarität erlebt. Das ist für mich so repräsentativ dafür, dass die Leute gerne die Musik nehmen, spielen und davon profitieren, aber who gives a fuck about the black people.

Leere Worthülsen

Carina: Und ich finde diese Labels „Wir sind gegen Sexismus, gegen Rassismus“ – das ist eine richtig leere Worthülse. An deiner Erfahrung sieht man es ja auch wieder: Der DJ und der Veranstalter in einem Club der sich antirassistisch positioniert. Allein dass ich noch erklären muss, dass das was mir da gerade widerfahren ist Rassismus ist, anstatt dass die Leute mich direkt rausnehmen und unterstützen. 

Marielle: Ich finde das ist auch dabei wichtig, wie die Gäste angesprochen werden, wie kann die Crowd diverser werden, wie können Menschen mit diversen Hintergründen angesprochen werden? Sonst steht man auf der Tanzfläche und stellt fest man ist eine von zwei Schwarzen Menschen, ansonsten ist alles eine weiße, homogene Masse.

Aneignung: 

Sarah: Der Unterschied zwischen Aneignung und Wertschätzung ist das Machtverhältnis. Es gibt es den Spruch:

„People love Black culture but not Black people“

ze.tt schreibt: „Wenn Menschen aus dominanten Gesellschaftsgruppen beispielsweise Frisuren, Kleidungsstücke, Accessoires oder markante Slangs aus einer marginalisierten Kultur zu ihrem eigenen Nutzen übernehmen, ohne dabei den Wert der jeweiligen Kultur zu respektieren, handelt es sich um Kulturelle Aneignung.“

Das heißt: Weiße Menschen nehmen etwas von Schwarzen und Menschen of Color, eignen es sich an, und geben denjenigen, von denen es kommt, keine Anerkennung, Entlohnung oder sonstiges, im Gegenteil: Sie gewinnen etwas daraus (siehe oben, monetäres oder soziales Kapital) und reproduzieren Unterdrückung und Machtstrukturen. 

Sarah: Ich denke es ist grundlegend, dass mehr Menschen verstehen, dass strukturelle Unterdrückung, wie zum Beispiel Rassismus, erfunden wurden, um die Ausbeutung, die den Kapitalismus möglich macht, zu rechtfertigen.

Sinh: DJs ermächtigen sich der Musik anderer, nutzen sie, um erfolgreich zu werden, verändern das Bild nach außen – und im nächsten Schritt setzen sich Konsument*innen nicht damit auseinander, woher die Musik kommt. Die Musik wird so whitewashed und inhaltsleer, weil der Ursprung nicht anerkannt wird. 

Oft wird an dieser Stelle gefragt: „Wie kann dann kultureller Austausch stattfinden, wie können sich Subkulturen bilden, dürfen wir dann überhaupt nichts mehr konsumieren, produzieren?“

„Entweder ich mache es so wie bisher oder ich lasse es ganz!“ is not the answer…

Das vereinfacht die Strukturen und zeugt von Faulheit, Schwarz/Weiß-Denken: Entweder ich mache es so wie bisher oder ich lasse es ganz, entweder ich nehme etwas ohne die Herkunft zu würdigen oder ich nehme es einfach nicht – das dazwischen ist komplexer und es braucht eine differenziertere, bewusstere Auseinandersetzung.  

Ramin und Sinh (v.l.n.r.)
Foto von Paula Kittelmann

DJs verdienen Geld damit, Musik zu spielen, die andere Menschen produziert haben oder aber bewegen sich in einer Szene, die ohne den Protest und das Bedürfnis nach Freiheit von Schwarzen Menschen (!) nie entstanden wäre.

Das heißt nicht, dass weiße Menschen die Musik nicht spielen dürfen, nicht konsumieren dürfen. Jedoch müssen wir uns immer fragen: Wird genug dafür getan, darüber aufgeklärt, woher die Musik kommt? Werden die Menschen, die dazu beitragen, von denen wir die Musik nehmen (bspw. Schwarze Produzierende), dafür entlohnt? Oder wird sich im Licht der Scheinwerfen hinter dem DJ Pult gesonnt und alles andere vergessen?

Und noch etwas: 

Sarah: In der Clubkultur, im Techno und House, gibt es ein Phänomen: Weiße DJs geben sich Artist-Namen, die sehr Schwarz klingen, und erstellen damit sogar manchmal auch ein Narrativ. Es gibt auf NPR eine Podcast-Folge dazu, die heißt „Give it up for DJ Blackface“. Das bereitet mir total Bauchschmerzen. Da werden Samples von Künstler*innen genutzt, ohne dass die Credit bekommen, es wird released, es wird damit Geld gemacht. Das ist einfach nicht cool. Es wäre so einfach, diese Menschen mit einzubeziehen, aber es ist diese weiße Überlegenheit, dieses Privileg „ich kann mir einfach alles nehmen“ und man kommt gedanklich gar nicht dahin, darüber nachzudenken, ob das jemanden verletzen könnte und dass es rassistisch ist.“

Und was jetzt?

Mit dem Wissen um die Ursprünge der Musik, der Perspektive Betroffener und dem Wissen um rassistische Strukturen in unserer Gesellschaft und der Clubkultur – wie geht es weiter?

Der erste Schritt muss sein, Betroffenen mehr zuzuhören. Menschen in Machtpositionen müssen sich dafür entscheiden, welcher Stimme Gehör geschenkt wird. Das genau ist Privileg: Die Person, die den Scheinwerfer bedient und entscheidet, wer im Spotlight steht. Und an dieser Stelle müssen Musikjournalist*innen, und das meint auch unsere Redaktion – sich fragen, wie das bisher in ihrer Arbeit stattgefunden hat und wenn nicht – warum nicht. Und lasst uns den Satz „Wir geben Betroffenen eine Stimme“ nicht mehr verwenden. Menschen haben eine Stimme. Wir müssen nur zuhören. 

Mit den eigenen Rassismen auseinandersetzen

Als nächste Schritte müssen Clubs und Akteur*innen der Clubkultur Selbstreflektion betreiben: Sich mit den eigenen Rassismen auseinandersetzen. Eins ist klar: Alle weißen Menschen reproduzieren Rassismen. Das macht sie nicht zu „schlechten“ Menschen, das bedeutet einfach, dass weiße Menschen ihr Ego beiseite stellen und sich fragen müssen, an welcher Stelle sie Rassismen reproduzieren, an welcher Stelle sie etwas ändern können, wann sie den Scheinwerfer bedienen können so to say.

Clubbetreiber*innen und Promoter*innen müssen sich fragen: Wem gebe ich Geld, woher kommt mein Geld? Investiere ich Zeit und Energie, wirklich diverse Line Ups auf die Beine zu stellen, oder stereotypisiere ich, instrumentalisiere ich? Haben wir ein antirassistisches Selbstverständnis und wenn ja, wie zeigt sich das wirklich in unserer Arbeit: Beim Booking, an der Tür, auf der Tanzfläche, bei der Bezahlung und bei der Bildungsarbeit?

Produzent*innen und DJs sollten sich fragen, von wessen Arbeit sie profitieren, ob die betreffenden Personen Anerkennung oder Entlohnung erhalten. Sie sollten sich fragen, ob sie etwas von anderen nehmen und als das Eigene ausgeben. Wem nehme ich diesen Platz gerade weg? Was repräsentiere ich, indem ich als weiße Person in einem all-white Line Up spiele? Suche ich das Gespräch mit Veranstalter*innen, werde ich aktiv und ziehe Menschen in die Verantwortung? 

Sarah: Es gibt in Bezug auf Inklusion den Spruch „We want a seat at the table“ – ich frage mich dabei aber, an was für einem Tisch wir sitzen. Ist der rund oder länglich, so dass jemand an der Stirnseite sitzt? Deswegen denke ich: Der Tisch muss weg. Wir setzen uns im Kreis auf den Boden. Das hilft vielleicht ein bisschen, zu verstehen, wie ich es mir in Bezug auf die Clubkultur vorstelle. So kann es schon in der Struktur inklusiv gestaltet werden, so dass man einen Ort schaffen kann, der für möglichst viele Menschen eine Art safer space sein kann. 

„Was für eine Art Club wollen wir sein?“

Wir brauchen vor allem Menschen in bestimmten Positionen, die feministisch intersektional kritisch denken und handeln können. die Wahrscheinlichkeit, dass etwas falsch läuft, ist schon niedriger, wenn es ein diverses und inklusives Team gibt. Ich glaube, es hilft, sich immer wieder Gedanken zu machen, was das eigene Wertesystem ist, als Mensch, aber auch bezüglich der eigenen Arbeit, wenn man Clubbesitzer*in ist beispielsweise: „Was für eine Art Club wollen wir sein und für wen? Wie kann man das nachhaltig gestalten? Wie kann der Dancefloor, der Raum genutzt werden, um Menschen zu educaten? Kann man Dokumentationen über Musikgeschichte zeigen? Kann man in den Facebook-Events auf das Wertesystem hinweisen?“

Durch so viele Kleinigkeiten kann man sich positiv aktivistisch positionieren. 
Ich wünsche mir, dass Menschen, sich committen und sich bewusst sind, dass es eine lebenslange, persönliche und interne Arbeit ist, die überall mit einfließt. Es reicht nicht, sich einen Monat lang mit Antirassismus zu beschäftigen, sondern es muss Teil deines Lebens werden, wenn du Teil der Lösung sein willst. Es ist ein Prozess.
 

„Haben die Gäste verstanden, wo Techno herkommt?“

Ramin: Ich wünsche mir Antirassismus AGs in jedem Club. Außerdem wünsche ich mir kritische BIPoC in leitenden Positionen. Ich wünsche mir, dass Vernetzung unter BIPoC, die Akteure in der Clubkultur sind, unterstützt wird. Außerdem wünsche ich mir DJ-Workshops für nicht-weiße Menschen. Weiterhin sollte bei Veranstaltungsreihen darauf geachtet werden, ob gewisse Inhalte vermittelt werden – zum Beispiel ob die Gäste danach verstanden haben, wo Techno herkommt. Darauf sollte mehr Wert gelegt werden und nicht nur darauf, ob Geld verdient wird. 

Dennis: „Es geht nicht nur um mich, sondern auch darum, dass andere Menschen, denen es so geht wie es mir ging, einen einfacheren Einstieg zu ermöglichen. Ich denke auch, dass da viel mehr Edukationsarbeit geleistet werden sollte.“
Foto von Paula Kittelmann

…über den hedonistisch-kapitalistischen Aspekt von Techno hinweg

Dennis: Ich hab so viele Sachen für mich kategorisch ausgeschlossen weil ich nie eine Person, die aussieht wie ich, in diesen Positionen gesehen habe. Ich glaube, es ist wichtig, zu zeigen, dass das verschiedene Menschen Akteur*innen sein können, sodass andere leichter den Weg sehen, selbst mitwirken zu können – und dann eben die Struktur auch von Innen wieder verändern zu können.

Ich glaube aber, dass das nicht reicht, es müssen auch Wege eingeleitet werden, es zu ermöglichen. Und da bin ich wieder an dem Punkt zu sagen: Es geht nicht nur um mich, sondern auch darum, dass andere Menschen, denen es so geht wie es mir ging, einen einfacheren Einstieg zu ermöglichen. Ich denke auch, dass da viel mehr Edukationsarbeit geleistet werden sollte und es über den hedonistisch-kapitalistischen Aspekt von Techno hinausgehen sollte, dass wir wegkommen müssen von Clubkultur so wie wir sie aktuell kennen.


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Anm.: In diesem Artikel schreiben wir „weiß“ kursiv und „Schwarz“ groß um zu kennzeichnen, dass es sich hierbei um einen gesellschaftspolitischen Ausdruck handelt, also nicht die Hautfarbe oder andere äußerliche Merkmale beschreiben, sondern die sozialen Positionen in einer rassistischen Gesellschaft. 

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