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Amy
"Zwischen Breaks und Party pur mit Schirmchen im Drink". Amy Woyth alias ttyfal glüht für geile Partys, spannende Künstler*innen und gute Musik. Und schreibt auch gerne drüber. Foto von Sam Müller.

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Nachbericht & Talk Talk: das Outs:de Festival 2020

17. Januar 2021 / Kommentare (0)

Das Outs:de-Festival war 2020 eines der außergewöhnlichsten Veranstaltungsprojekte in Leipzig. Wie es dazu kam, wie die Arbeit hinter den Kulissen aussah und wie sich das Ganze als Besucherin angefühlt hat, lest ihr im Nachbericht und hört ihr in der neuesten Folge Talk Talk.

Mittlerweile ist es fast schon wieder unvorstellbar, in welchem Maße man sich diesen vergangenen Sommer und Herbst dem Hedonismus widmen durfte. Ist das inmitten dieser Pandemie, trotz Corona, wirklich passiert? Sonne, Tanzen, Open Air?

Ja. Und Stichwort Open Air: all das ist nicht (nur) in illegalem Rahmen geschehen. Ende August bis Ende September entstand durch die Initiativen DasIstLeipzig, Leipzig plus Kultur, Kreatives Leipzig e.V. und LiveKommbinat Leipzig e.V. mit Unterstützung der Stadt Leipzig eine Art einmonatiges Festival. Konzerte, Lesungen, eine Zaubershow und – natürlich – jede Menge elektronische Musik fanden auf der Festwiese in Leipzig-Nord unter dem Schirm eines kohäsiven Programms zusammen. „Leipzigs Kulturszene ist vereint“ schrieb das LiveKommbinat – dank des outs:de Festivals. 

Selbstverständlich konnten wir uns das Ganze nicht entgehen lassen: unsere Autorin Amy war vor Ort. Obwohl wir damit ein paar Monate hinterher sind, möchten wir das Projekt bei frohfroh nicht unerwähnt und unbehandelt lassen. Ein Nachbericht.

 

NOTE NOTE –

Dieser Nachbericht ist in Kombination mit einer neuen Folge Talk Talk erschienen – „Hat sich das outs:de-Festival gelohnt?“

Dort werden alle Hintergrundfragen mit der Geschäftsführerin vom Werk 2, Katrin Gruel, besprochen. Wie immer auf Spotify oder SoundCloud zu hören!

 

10 Grad, bewölkt, Nieselregen

Es ist der Tag der letzten Veranstaltung des outs:de-Programms auf der Festwiese, als ich es zum ersten Mal dorthin schaffe. Es fühlt sich bizarr an: Sonntag, Ausschlafen, Frühstück und zum Veranstaltungsstart durch das graue Wetter mit der Straßenbahn zur Festwiese. Keine typische Wochenendplanung, auch vor Corona nicht. Da wäre es um die Zeit höchstens zur Rillendisco ins IfZ gegangen; drinnen, eng an eng, unbefangen.

Als unbefangen lässt sich das hier zwischen Mannheimer Gittern in Zehnergrüppchen wohl kaum beschreiben, aber naja. Die Situation erlaubt es schließlich nicht anders – und für einen Rave in einer solchen, noch nie dagewesenen Situation, gibt man sich gerne solchen Kompromissen hin. 

Als ich kurz nach 14 Uhr ankomme, sind einige, wenige Menschen da, von denen die meisten gerade am Arbeiten sind. Das kulinarische Angebot ergibt sich aus zwei Getränkewägen, einem Kaffeewagen und einem Handbrotstand. Auf dem Gelände verteilt befinden sich sonst noch Deko- und Sitzelemente, Toilettenwägen, Schilder und Hinweise zu den Hygieneregeln sowie eine Awareness-Area. Nach hinten offene Gitter-Vierecke füllen in mehreren Reihen die Wiese und führen zu einer großen Bühne, wie man sie sonst kaum auf einer Subkultur-Veranstaltung erwarten würde. Die Strahlen der Scheinwerfer an der Bühne wiederum kommen nicht weit; sie strahlen abwechselnd in den von einer Wolkendecke eingehüllten Himmel hinein.

Nach bisher 30 Dates findet heute, am 27. September, die finale Veranstaltung statt. Es stehen I$A, die Soda Kids, Mathias Kaden, Dr. Rubinstein und Ellen Allien auf dem Programm – die klassische Mixtur aus Locals und Headliner*innen, also.

Foto von Markus Krasselt

Projektmanagement à la Pandemie

Obwohl diese Line Up-Konstellation nicht allzu ungewöhnlich ist, ist es das Projekt, das dahinter steht, schon. 200.000 Euro hat die Stadt Leipzig den Initiativen DasistLeipzig, LiveKommbinat Leipzig e.V., Leipzig plus Kultur und Kreatives Leipzig zur Verfügung gestellt, um das Ganze unter enormen Zeitdruck zu realisieren: jegliche Orga, Booking, Promo und vieles mehr wurden innerhalb von nicht einmal vier Wochen umgesetzt. Im Hintergrund arbeiteten mehr als zwölf Clubs und Spielstätten daran, ein Programm auf die Beine zu stellen. Ein Pilotprojekt unter besonderen Bedingungen – untertrieben gesagt.

Was es geheißen hat, das outs:de Projekt zu organisieren, lohnt es sich, vor Augen zu führen. Elf Veranstaltungsstätten mit einem jeweils völlig unterschiedlichen Programm und einer teilweise völlig unterschiedlichen Zielgruppe, die am selben Event arbeiteten; „es war glaube ich die größte Errungenschaft, dass man das überhaupt alles irgendwie unter einen Hut bringen konnte“, beschreibt eine Organisatorin. Für ein Festival in dieser Größe braucht es normalerweise mehrere Monate Vorlauf – mindestens. 

„Mit dem outs:de hat die LiveKomm das Unmögliche möglich gemacht.“

Dieser knappe Zeitrahmen als Vorlauf für das Projekt hat sich letztendlich nicht nur auf die Organisation, sondern auch auf die Bewerbung und allgemeine Kommunikation des Programms ausgewirkt. 9000 Besucher*innen hat die Veranstaltung innerhalb von fünf Wochen verbuchen können; diese Zahl hätte mit einem ausgeklügelteren Promokonzept sicherlich enorm gestärkt werden können.

Katrin Gruel vom Werk 2 erzählt mir im Interview (siehe oben), dass das Projekt wirtschaftlich nicht gänzlich erfolgreich war. Obwohl es kein Minusgeschäft war, ist es einfach zu unterschätzen, wie viel unbezahlte Kulturarbeit auch hier aufgebracht wurde. Klar: Security, Gastropersonal oder Lichttechniker*innen hatten fünf Wochen lang wieder einen Arbeitsplatz, aber eine weitere involvierte Spielstätte stellt fest: „Es konnten bei weitem nicht alle Arbeitsstunden aufgefangen werden.“ 

Foto von Markus Krasselt

8 Grad, Dunkelheit, Rave in der Luft

Nachdem die mehr oder weniger lokalen local heroes mit ihren Sets fertig sind, übernimmt Dr. Rubinstein die Bühne. 4/4-Bretter galore. Mittlerweile ist es dunkel, die Scheinwerfer kommen endlich ihrer Sinnhaftigkeit nach und die Tanzfläche ist deutlich gefüllter. Lässt man sich auf die Musik an, fühlt es sich an, wie ein Rave. Zumindest ein bisschen. 

Beim Gang zur Bar muss ich schmunzeln – von allen sechs Leuten, die im Gastrowagen stehen, arbeiten alle in einem jeweils anderen Club. Die Festwiese ist zwar einer für die Clubkultur ungewöhnlicher Ort, doch hier an der Bar fühlt es sich wieder ein klein wenig familiär an.

Draußen, auf dem Hang der Festwiese, tummeln sich vielleicht halb so viele Menschen, wie drinnen, auf dem Veranstaltungsgelände. Warum? In meinem Kopf tut sich ein Dilemma auf – Hätte man die Eintrittspreise barrierefreier oder fairer gestalten müssen? Oder sollten die Leute, die draußen sitzen, eine der wenigen Tanzveranstaltungen, die gerade von Clubs bereitgestellt werden, nicht lieber unterstützen? Zu Beginn der Pandemie bereuten alle, die letzten Wochen nicht öfter feiern gegangen zu sein. Jetzt geht das – und die Tanzfläche ist trotzdem zu einem Drittel leer? Wie hätte man das outs:de für Clubbesucher*innen attraktiver machen können?

Aber naja – die, die hier sind, gehen richtig ab. Die Zehnergruppen sind am tanzen, am stampfen, am raven. Die Gitter wippen vor und zurück, man sieht den Leuten an, dass sie diese Stimmung vermisst haben. Als Ellen Allien schließlich die Bühne betritt – Entourage inklusive – holt sie das Publikum zu sich hoch. Sie ist von Menschen umgeben; es geht noch einmal richtig los, dem Gefühl nach ist in Leipzig mal wieder der Boiler Room zu Gast.

outs:de Zwei Punkt Null?

Dem LiveKommbinat zufolge wird auch schon für 2021 an einer zweiten Ausgabe des Festivals geplant und gearbeitet. Mit so viel mehr Planungszeit bin ich gespannt, wie sich das Programm und die Umsetzung aus dem letzten Jahr weiterentwickelt – denn bei aller Kritik ist es einfach nur beeindruckend, wie schnell eine Veranstaltung dieser Größe auf die Beine gestellt werden konnte. 


Das Titelbild ist von Markus Krasselt geschossen worden. Danke!

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