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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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Moon Harbour Herbst Pt. 3

13. Dezember 2010 / Kommentare (13)

Okay okay, der Winter ist zwar schon kräftig am Wirken, aber um die frohfroh-Trilogie zum 10-jährigen Label-Jubiläum von Moon Harbour krönend zu schließen, halten wir an der Überschrift fest. Im dritten Teil kommt Matthias Tanzmann zu Wort – als Label-Chef, weit reisender DJ und Producer.

Auf der Gottschedstraße gibt es nicht viele Adressen in denen man sich gern zu einem Interview verabredet. Der Pilot hält aber neben dem Barcelona die Flagge für Leipzig-Mitte wacker hoch. Auch wenn es 10 Minuten dauert, bis nach einem Getränkewunsch gefragt wird. Matthias Tanzmann nutzt das Gespräch für ein Rührei-Frühstück. Eine Stunde hatte er Zeit.

Was ging dir durch den Kopf als dir klar wurde, dass es Moon Harbour jetzt schon zehn Jahre gibt?

Ich war erstaunt, dass die Zeit so schnell vergeht – wir hatten ja gerade erst die fünf Jahre. Die Zeit rennt, aber sie war schön.

Hattest du vor zehn Jahren schon einen groben Plan, dass es sich so nachhaltig aufbaut?

Nein, das war so nicht vorhersehbar. Es gab damals noch keinen konkreten Plan und auch keine langfristige Strategie. Uns war natürlich klar, dass wir ein Label betreiben wollten, dass bestenfalls auch funktioniert. Aber einen Masterplan für die nächsten zehn Jahre gab es zu der Zeit noch nicht.

Wir haben das Projekt gestartet und vieles dann im laufenden Prozess gelernt und entwickelt. Wenn ich noch einmal an dem Punkt von damals wäre und ein Label starten wollen würde – mit dem Wissen von heute – dann würde ich es eventuell sogar anders nennen.

Was wäre denn ein besserer Name?

Ich würde nach einem prägnanteren Namen suchen. Desolat, Cocoon oder Minus sind gute Beispiel dafür. Moon Harbour klingt für mich nach wie vor schön, aber wenn man ein Label auch als Party-Brand oder darüber hinaus entwickeln möchte, dann bieten sich eher markantere Namen an. So konkrete Vorstellungen hatten wir damals nicht. Wir wollten ein kleines, schnuckeliges Deep House-Label. Und das ist auch gut so: das Baby heißt Moon Harbour.

Ich fand es interessant, dass du bei der Remix-Platte zum Jubiläum mit „Photone“ einen zehn Jahre alten Track von dir geremixt hast. Wie hat sich das angefühlt an die alten Spuren noch einmal ranzugehen?

Super. Ich denke, man könnte eigentlich noch viel mehr solche Remixe machen. Nur ist das erst einmal konzeptionell auf das fünfzigste Release begrenzt gewesen. Die Arbeit an dem Remix hat richtig Spaß gemacht. Vor zehn Jahren habe ich noch mit S2000-Samplern und ausschließlich extern gearbeitet. Da war nichts mit Computer und Total Recall.

Ich musste also für den Remix den Sampler abstauben und die alten ZIP-Disks raussuchen. In der Zeit habe ich die Sachen auch noch nicht so richtig beschriftet. Ich habe also die ganzen Disks nach den Samples durchsucht, sie dann in den Rechner eingespielt und neu editiert. Allein was sich technisch in den zehn Jahren verändert hat, ist schon bemerkenswert.

Aber dachtest du: „Wow, das klingt ja ganz anders als das, was ich heute mache.“?

Ja, aber das wusste ich noch – auch wenn ich das Stück schon länger nicht mehr gehört hatte. Damals war in fast jedem Track von uns ein Fender Rhodes-Akkord drin. Ich liebe dieses alte E-Piano immer noch und habe mir kürzlich auch eins für das Studio gekauft. Das war mir eine Herzensangelegenheit, da es nach wie vor eines meiner Lieblingsinstrumente ist – da könnte ich reinkriechen, der Wahnsinn.

Aber meine heutigen Tracks sind eben oft clubbiger. Ich hatte während der Arbeit an dem Remix eine Sequenz mit dem Chord-Sample drin, die auch total super klang. Dann habe ich sie aber doch wieder rausgenommen, um den schiebenden, fast technoiden Charakter zu erhalten. Ich wollte das Stück komplett umdrehen.

Diese Reduktion zieht sich ja seit deinem Album schon durch. Woher kommt der Impuls dafür?

Ganz klar vom Auflegen. Das, was ich auflege, ist zwar noch immer House, aber es ist nicht mehr der melodische Sound, der es vor zehn Jahren noch war. Man geht über so viele Jahre natürlicherweise auch durch verschiedene musikalische Phasen. Im Moment sind viele unserer Releases so, keine Frage. Es sind eben Club-Tracks. Aber dafür, dass es Musik für DJs ist, denke ich, hat es eine gute Qualität – es sind gute, organische Grooves, es klingt nie nach Plastik. Das ist mir sehr wichtig.

Gab es auch einen konkreten Einfluss?

Für mich waren die DC10- und Circoloco-Erlebnisse der letzten Jahre sehr prägend – also der sehr hypnotische House-Sound. Die Partys im DC10 gehen über den ganzen Tag bis in die Nacht und es läuft eine andere Musik als bei einer kürzeren Partynacht, in der man einen offensichtlicheren Bogen spannt. Das hat mir eine neue Perspektive zur Musik gegeben.

Wenn ich vor zehn Jahren im Studio saß, habe ich überlegt, wie das wohl in der Distillery klingt. Irgendwann war das DC10 aber der Bezugspunkt, wenn ich an neuen Tracks arbeitete. Das ist gar nicht so gewollt, es schwingt im Hinterkopf automatisch mit und ich glaube, das geht anderen Produzenten auch so. Ich bin aber langsam an einem Punkt, an dem ich wieder etwas anderes probieren möchte.

Und ich glaube auch, dass es mir gar nicht so schwer fallen würde, wieder etwas mit mehr Melodien zu machen. Aber irgendwie reizt es mich nicht im Clubbereich. Ich finde es immer noch spannender, über einen guten Groove und dessen Arrangement eine Geschichte zu erzählen als auf eine Melodie zu setzen. Für ein Album würde ich das Thema aber gern mal wieder anfassen.

Im Moment überlege ich, ob ich über den Winter mein zweites Album anfange. Und dann würde ich auch – anders als bei dem damaligen Album, das ja voller Club-Tracks war – verschiedene Richtungen ausprobieren wollen, Down- und Mid-Tempo-Tracks und die Einbindung von Vocals.

In den letzten zehn Jahren ist ja auch musikwirtschaftlich eine Menge passiert. Wie nimmst du das wahr und wie hat sich das Verhältnis zwischen Vinyl und Digital verändert?

Vinyl ist in den letzten Jahren extrem eingebrochen – auch bei uns. Cargo Edition, unser zweites Label, ist davon noch stärker betroffen. Und die Digital-Verkäufe haben nicht so angezogen, wie Vinyl eingebrochen ist – das ist bei allen Labels so. Beatport sah mal wie eine Rettung am Himmel aus – trotz aller politischen Probleme.

Inwiefern politische Probleme?

Das betrifft alle Labels. Die Monopolstellung wird durch Beatport ziemlich rigoros ausgespielt. Da werden die Vertragsbedingungen diktiert, die man eigentlich gar nicht unterschreiben dürfte. Am Ende muss man unterschreiben, da man auf deren Verkäufe angewiesen ist. Es gab einmal einen Zusammenschluss von Labels – Cocoon, Get Physical, Highgrade und viele andere – um als stärkerer Verhandlungspartner gegenüber Beatport auftreten zu können.

Sie sind aber auf keinen einzigen Punkt eingegangen – und trotzdem sind fast alle Labels bei ihnen geblieben. Beatport macht eben locker 90% der Digitalverkäufe aus. Ich selbst kaufe auch bei Beatport ein. Es ist eine tolle Sache, wenn man Musik so schnell und vor allem überall verfügbar hat. Nur ist der Umstand, dass eine Firma praktisch den gesamten Markt kontrolliert, sehr bedenklich und nicht gesund. Ich würde jedes Projekt, das eine aussichtsreiche Alternative bieten könnte, sofort unterstützen, aber leider scheint es im Moment keine zu geben.

Schaust du aber trotzdem optimistisch in die Label-Zukunft oder hast du auch etwas Sorgen?

Grundsätzlich optimistisch, aber sicherlich auch mit Sorgen. Wir haben ja auch eine andere Struktur als viele Leipziger Labels – wir haben ein Büro mit Mitarbeitern, laufende Kosten. Die Jobs sind derzeit nicht in Gefahr, aber man muss trotzdem schauen und aufmerksam bleiben. Die Entwicklung nach unten ist auch noch nicht beendet – Vinyl wird wohl leider sterben.

In zehn Jahren wird Moon Harbour also ein Digital-Label sein? Eventuell mit einer kleinen Liebhaber-Vinyl-Auflage?

Vielleicht. Weit davon ist es ja jetzt schon nicht entfernt. Mit Vinyl macht man aktuell meist Minus. Bei Moon Harbour geht das noch, aber bei Cargo Edition ist es wirklich knapp. Da verdient keiner Geld. Das ist ja auch für die Künstler schmerzlich, wenn nichts mehr gezahlt werden kann.

Früher hatte ich größere Bedenken dabei, mittlerweile ist aber klar, dass der Künstler trotzdem davon profitiert – man bekommt als Künstler eine ordentliche Publicity, wenn man eine gute Platte raus bringt. Gerade für unbekanntere Künstler wie bei Cargo Edition ist das ein gutes Sprungbrett. Wenn das Label aber nur draufzahlt, ist das nicht machbar. Deshalb ist es da ein Punkt erreicht, an dem man fragen muss, wie das Modell Label-Künstler weitergeht?

Habt ihr da schon einen neuen Ansatz für Zukunft?

Labels müssen mittlerweile als als Allround-Musikdienstleister auftreten, um überleben zu können. Die Veröffentlichungen sind der Motor, der die Bookings, Labelshowcases oder Verlagsarbeit antreibt. Wir möchten natürlich gern die Labels weiter laufen lassen und daran werden wir auch alles setzen. Aber es wäre einfacher, wenn es weiterhin einen stabilen Vinylmarkt gäbe.

Ich fürchte, dass es sich bald nur noch Liebhabergeschichten reduzieren wird. Es werden schon noch Plattengekauft von den Sammlern. Aber ich glaube nicht, dass die meisten Labels davon leben können. Limitierte Platten und spezialisierte Projekte wie zum Beispiel über Hardwax, die nur auf Vinyl rauskommen, werden wahrscheinlich bei kleiner Stückzahl stabil bleiben. Die meisten Labels werden wohl ins Digitale abwandern.

Du legst digital auf. Kaufst du selbst noch Platten?

Wenn ich Platten kaufe, dann fast ausschließlich Alte auf Discogs – zum Sammeln oder um sie dann in den Rechner zu spielen zum Auflegen. Ich nehme auch keine Platten mehr mit, höchstens ein paar, falls Traktor mal ausfallen sollte, was es aber zum Glück nie macht. Ich bekomme immer noch Platten zugeschickt. Wenn mir etwas gefällt, nehme ich es auf, frage das File beim Label an oder kaufe es einfach. Und ich versuche natürlich, weitestgehend mit WAVs und nicht mit MP3s auflegen, um einen bestmöglichen Klang zu erhalten.

Was waren – wenn du auf die zehn Jahre zurückschaust – wichtige Wegmarken für das Label?

Die ersten Jahre waren eher auf der klassischen Deep House-Schiene. Dann kam die Phase um 2004/2005 als Luna City Express und Daniel Stefanik dazu kamen, zu der Zeit wurde der Sound auch clubbiger. Ein entscheidender Schub kam dann 2006. In dem Jahr kam „Bulldozer“ raus, das ziemlich durch die Decke ging.

Kurz danach hatte ich einen Remix für Marlows „Movin“ gemacht, der ein noch größeres Feedback bekam. Dadurch ist das Label plötzlich viel stärker wahrgenommen worden. Auch in den Verkaufszahlen war das spürbar. Ab 2006 nahmen auch die Bookings zu, sie wurden immer internationaler. Seitdem bin ich eigentlich fast pausenlos unterwegs, auch Ibiza hat danach angefangen.

Und die letzten drei vier Jahre, wie blickst du auf die zurück?

Als Daniel ging, waren alle erstmal ziemlich überrascht. Für Cargo Edition hat das ein Identitätsloch hinterlassen, weil das Label ursprünglich für ihn konzipiert war. Dort hat sich aber mittlerweile ein fester Künstlerstamm gebildet. Auch bei Moon Harbour sind wir in den letzten Jahren immer mehr zusammengewachsen.

Mittlerweile sind wir an einem Punkt, an dem wir eine große Nachfrage nach Showcases haben, auf denen unsere Künstler gemeinsam spielen. Auch zum Sonar, Amsterdam Dance Event oder zur Winter Music Conference nach Miami fahren wir jedes Jahr. Es gibt inzwischen eine ganz andere Wahrnehmung von außerhalb und auch innerhalb des Labels. Die Künstler identifizieren sich stark mit dem Moon Harbour und setzen sich wirklich dafür ein. Wir haben Alben von Luna City Express, Martinez und mir herausgebracht. Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan.

Wirst du unterwegs nach Leipzig gefragt?

Erstaunlicherweise kennen gar nicht so viele Leute Leipzig. Ich muss dann immer sagen, das sei in der Nähe von Berlin. Eigentlich ziemlich traurig für unsere Stadt. Aber Leute, die eine vernünftige Schulbildung haben, sollten schon wissen, welches Gewicht Leipzig kulturell und geschichtlich hat. Dennoch, gerade junge Leute haben von der Stadt noch nichts gehört – je weiter man weg ist, desto weniger kennen sie Leipzig.

Und verfolgst du, was gerade hier passiert?

Leider bekomme ich nicht so viel mit. Aber ich sehe, dass einiges passiert, gerade mit Kann Records. Die Jungs sind auf jeden Fall einen großen Schritt vorangekommen. Wobei es ja auch noch viele weitere Labels gibt. Wenn ich bei frohfroh die Label-Liste sehe, bin ich immer wieder erstaunt. Da spielt zum einen mit rein, dass ich kaum da bin – am Wochenende sowieso nicht.

Zum anderen wäre natürlich auch ein Plattenladen ein interessanter Ort, wo dir neue Sachen in die Hand gedrückt werden. Da ich dort aber auch seltener bin als früher, bin ich gerade nicht so up to date. Dan Drastic spielt mir ab und zu ein paar Sachen vor, aber ich könnte auf jeden Fall mehr wissen.

Dann lass uns mal von Leipzig nach Ibiza springen. Was macht den Mythos aus?

Früher hab ich mich gefragt, woher die Faszination kommt? Warum fahren so viele Leute jedes Jahr ganz selbstverständlich auf die Partyinsel? Ich war bis 2005 nie auf der Ibiza. Dieses Jahr dann aber gleich zehnmal. Jenseits der scheinbar endlosen Feierei ist die Insel tatsächlich unglaublich schön. Wenn man will, kann man dort völlig ohne Kontakt zu elektronischer Musik und Party sein. Es gibt super Essen, tolle Strände, schönes Wetter und es ist nicht weit weg.

Wenn man auf elektronische Musik steht, dann bietet Ibiza von der Dichte und der Intensität her das, was man Berlin auf dem Festland zusprechen kann. Fast alle DJs spielen im dort Sommer, jeden Tag ist lässt sich ein interessanter Act irgendwo finden. Und musikalisch werden die Trends des nächsten Winters gesetzt. Für mich ist es sehr angenehm auf Ibiza, weil ich jede Menge Freunde treffe – in der Saison sind eben alle da. Es ist ein Netzwerk von Menschen entstanden, das auf dem auf Ibiza erlebten basiert und sich außerhalb der Saison über den Rest der Welt spannt.

Würdest du sagen, dass da noch einmal eine andere Feierkultur herrscht als im übrigen Europa?

Ja, auf jeden Fall. Das liegt zum Großteil daran, dass die Leute dort im Urlaub sind. Das ist eine ganz andere Herangehensweise – die Gäste in den Clubs auf Ibiza sind grundsätzlich positiv eingestellt. Wenn sie zuhause weggehen, dann stecken sie mitunter noch sehr in ihrem Alltag, haben sich vielleicht eben noch in der Schule geärgert oder kommen von der Arbeit. Dort sind die Leute im Urlaub und schalten ab.

Du bist jetzt 33 – wie kannst du dir vorstellen so noch weiterzumachen?

Gute Frage. Ich glaube, Sven Väth ist jetzt 46 und da gibt es auch noch ein paar andere in der Altersklasse. Also solange ich noch Spaß daran habe und es mir gelingt, die Leute zu erreichen, werde ich sicher weitermachen. Bis 40 geht es sicherlich – wenn ich langsam mal ein bisschen weniger auflege. Ich will mir etwas mehr Ruhe gönnen, weil es auf Dauer nicht gut gehen kann.

Ich muss meine Gewohnheiten umstellen – im Moment habe ich über 300 Flüge im Jahr. Wenn man dann sagt, ich spiele jetzt nicht mehr dreimal am Wochenende sondern nur einmal, dann ginge das bestimmt auch noch länger. Wir werden sehen.

Es gab also schon auch Punkte an denen dir das Rumreisen zu viel wurde?

Es sind bestimmte Momente. Wenn man im Hotel ist, einfach nur noch schlafen möchte und auf keinen Fall aufstehen. Am dritten Tag in Folge, man spielt zwei oder drei Stunden und muss gleich wieder zum Flughafen – ohne Direktflug, stundenlanges Rumsitzen an Flughäfen, Verspätungen, Flugausfälle usw.. Und wenn man dann nach der Landung noch weitere zwei Stunden mit dem Auto gefahren wird, ist irgendwann ein Punkt erreicht, an dem man nicht mehr kann und will.

Wie kannst du dich in solchen Momenten wieder motivieren?

Das ist das Interessante. Man ist fertig und hat überhaupt keine Lust. Dann gehe ich in den Club und sobald ich vor den Playern stehe, ist es wieder völlig okay, dann habe ich Spaß daran. Die Musik und die Party als solches motivieren mich dann wieder. Das ist verrückt. Die müden Phasen dazwischen sind eben erschöpfend. Und da fragt man sich dann, wie macht man jetzt weiter?

Spielt man das Pensum weiter oder fängt man an, das zu reduzieren. An diesem Punkt bin ich gerade. Das nächste Jahr möchte es ich mir einfach etwas gemütlicher machen. Aber ich hatte das Gefühl in diesem Jahr, noch ein paar Dinge durchziehen zu wollen. Zum Beispiel war ich zum ersten Mal bei Time Warp, Love Family Park, Merkwürdiges Verhalten, Nature One oder im Womb in Tokio – ganz viele Institutionen, die man als DJ mal gemacht haben sollte.

Hast du noch einen Wunsch, den du dir noch erfüllen möchtest, nachdem du so viel erlebt hast?

Kürzer zu treten. Das ist weniger ein Wunsch als vielmehr eine Herausforderung. Ich muss mich disziplinieren, auch mal nein zu sagen. Das ist echt schwer, weil man wirklich schöne Angebote bekommt. Nicht des Geldes wegen, ich meine schöne Partys. In der DC10-Saison zum Beispiel hat es sich ergeben, dass ich mit Davide Squillace Back-to-Back-Sessions gemacht habe. Später haben wir beim Electric Zoo-Festival in New York zusammen mit Martin Buttrich eine Art Live-DJ-Act gespielt.

Das hatte noch einmal ganz schön Wirbel gegeben. Es gab ganz viele Anfragen danach. Und da ist es dann auch schwer, nein zu sagen, weil es gute Freunde sind und wir wirklich Spaß zusammen haben. Aber irgendwie muss ich anfangen. Im Januar habe ich mal ein Wochenende geblockt – das ist für mich schon ein großer Schritt. Das klingt jetzt wahrscheinlich, als hätte ich eine Macke. Das ist schon Jammern auf hohem Niveau.

Ansonsten wollen wir Cargo Edition noch weiter pushen. Und gerade bei den Showcases sehe ich eine gute Erweiterung des Labels – eben auch um ein Party-Brand. Nächstes Jahr feiert Cargo Edition fünfjähriges Jubiläum. Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt, um das Label noch stärker präsent machen zu können. Es werden auch einige neue Artists dazu kommen.

Die Schlussfrage: Was ist dein Alltime-Favourite aus dem Moon Harbour-Katalog?

Das kann ich eigentlich nicht sagen. Es gibt aber auf der MHR007 ein sehr schönes Stück – die B1. „Turned Page“ von Krüger & Manowski – trocken, funky und deep. Es ist nicht mein Alltime Favourite, den kann ich nicht bestimmen, es ist vielmehr ein alter Track, den ich gerade freudig wiederentdeckt habe.

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CommentComment

  • audite / 14. Dezember 2010 / um 11:44
    im übrigen gibt es genügend besucher von parties, die es nicht gut finden, wenn djs mit timecodevinyl oder komplett digital spielen aber selbst versuchen sie um jeden euro beim eintrittsgeld zu feilschen bzw. sind die eintrittsgelder eh meistens viel zu niedrig.
    wer sich dagegen sträubt, dass djs geld mit ihrer musik "verdienen", darf sich auch nicht beschweren, wenn diese weniger platten kaufen (können!).
  • add.ition / 14. Dezember 2010 / um 11:32
    die diskussion erscheint mir sehr ambivalent...wie jens schon von sich selber sagt, konsumieren doch wohl die meisten in ihrer freizeit musik in mp3 form, aber stilisieren dies im club.kontext zum todesstoß der clubkultur...letztlich kann doch jeder mit vinylkäufen selbst zum gelingen des vinylmarktes beitragen...den vorwurf leuten zu machen die davon zu leben versuchen seh ich als sehr eindimensional, denn die nachfrage bestimmt das angebot...wollen wir uns doch nich zu dapayk´schen gehringespinsten einer "technoverschwörung" mit großmeister hawtin hinreißen lassen...und hieß es nicht mal über techno, dass es die future-music sei, eben gerade weil technische innovationen spielerisch aufgegriffen und in musik und szene implemntiert wurden?!

    ich denke es wird immer puristen geben die aufs vinyl bauen, auch wenns weniger werden und dies sicher schade ist, bestimmt letztlich jeder selbst durch seine kaufentscheidung den werdegang der heißgeliebten scheiben
  • Jens / 14. Dezember 2010 / um 09:40
    @ Steffen: Okay, danke für den Hinweis. Steht da auch wie viele? Das würde mich echt interessieren. Und er hat noch welche von den Großen?
  • chris / 14. Dezember 2010 / um 09:04
    ich habe den moon harbour sound vor einigen jahren mal sehr gemocht. mittlerweile finde ich den eigentlich nur noch langweilig. wie matthias tanzmann (den ich sehr sympathisch finde) im interview auch sagt, geht es in den aktuellen releases in erster linie um FUNKTIONALITÄT (furchtbarer begriff in bezug auf musik) im club. das hört man den platten an - sie unterscheiden sich überhaupt nicht mehr von der masse - recht beliebig ist der sound. im juni, bei der mh nacht in der tille, hatte ich mal wieder gelegenheit in aller ruhe ein tanzmann set anzuhören. auch hier stand ganz klar die FUNKTIONALITÄT im vordergrunde. gefühl, deepnes und besonderheiten sind irgendwo abhanden gekommen in den letzten jahren. zu viel routine vielleicht. FUNTIONALITÄT lässt EMOTIONALITÄT eben nicht viel platz - aber darum gehts doch!?...ist aber nur meine unwichtige meinung.
  • sb / 14. Dezember 2010 / um 03:17
    doch jens, richie besitzt anteile an beatport. aktuellste quelle: sonderausgabe der groove zum 20jährigen jubiläum
  • alex/kann / 13. Dezember 2010 / um 23:38
    good job, jens..interessantes interview mit matthias.

    und:
    ja das stimmt, wir alle haben noch weitere jobs und projekte, die für den einzelnen zum lebensunterhalt mehr oder weniger notwendig sind. also eine andere struktur als bei moon harbour.


    man muss auch unterscheiden, das heutzutage releases mit 500 / 700 oder 900 verkauften platten als erfolgreich bezeichnet werden. KANN als kleines, junges label kennt es nicht anders und da wir erst mitten in der "krise" begonnen haben musik zu veröffentlichen, ist es für uns soweit natürlich positiv verlaufen, weil wir die "goldenen" zeiten gar nicht mitbekommen haben in denen als etabliertes house-techno-label verkaufszahlen von 3000 oder 5000 platten durchaus realistisch waren und es sicher auch aus finanzieller sicht mehr spass gemacht hat.

    aber wer vor 10/15 jahren angefangen hat platten zu kaufen brauch sich doch nur mal in seiner wohnung umschauen...es hat sich verdammt viel angesammelt. natürlich will der leidenschaftliche vinyl-hörer nicht damit aufhören. er fängt aber an selektiver zu kaufen und aus seiner sicht nunmehr die besonderen releases zu erwerben..auf jeden fall aber weniger. das spürt der markt auch insgesamt.
    doch nachwievor werden woche für woche eine menge neue platten gemacht und veröffentlicht. denn so eine schallplatte ist immernoch das nonplusultra in sachen street credibility und publicity. da wird sich noch einiges verändern müssen.
  • Jens / 13. Dezember 2010 / um 19:22
    Hey Seb,
    nichts für ungut, aber zu einem Zitat gehört auch eine Quelle. Und in diesem Fall ist das http://dance-music.edelight.de/, ein Blog aus Stuttgart, der aus meiner Sicht jetzt nicht unbedingt versteht die Hintergründe der Musikwelt zu analysieren.
    Überhaupt: Richie Hawtin hat Beatport von früh an mit unterstützt, keine Frage. Aber das Portal gehört ihm nicht, wie in deinem Zitat erwähnt.
    Und die Bequemlichkeit hängt schon mit der technischen Vereinfachung zusammen. Insofern sehe ich schon die Technik als Impuls – Plattenläden gehen auch ein, weil es einen Haufen Online-Shops gibt. Zeitungen kämpfen, Rock-Labels kämpfen.
  • seb / 13. Dezember 2010 / um 18:59
    naja, ich zitiere mal:
    „... Als heutiger Vinyl Gegner beeinflusst Richie Hawtin durch sein Standing in der Öffentlichkeit immer stärker den Mp3 Markt und stärkt wohl so auch seine Plattform Beatport.com.„

    nicht die technik bahnt sich ihren weg, sondern das, was bequem ist.
  • Jens / 13. Dezember 2010 / um 14:45
    Ich denke, dass sich in kaum einem subkulturellen Musik-Bereich nur noch vom Plattenverkauf leben lässt. Auch bei Kann Records sichert eine ausverkaufte Auflage nicht die Mieten.
    Ich finde Vinyl auch toller, aber wenn ich mein Hörverhalten als Konsument – nicht als DJ – beobachte, dann sind mir digitale Formate gerade auch lieber. Hier spielt mehr rein als nur das Vorbildverhalten von DJs. Die Technik bahnt sich ihren Weg.
  • seb / 13. Dezember 2010 / um 14:22
    sicherlich ist es sinnlos, das alte thema erneut zu diskutieren, aber mir stellt sich die frage trotzdem, ob die ganzen labels, die jetzt immer weniger platten verkaufen, nicht selbst schuld sind daran. erst haben sie sich dem neuen, bequemen, digitalen gott zu füßen geworfen, ihn gepriesen. nun kommt die ernüchterung, denn mit richtigen tonträgern ließ sich eben doch mehr geld verdienen.
    und ich denke schon, dass die technikpräferenzen eines djs etwas mit dem kaufverhalten seiner fans (...) zu tun haben, denn es ist ja nicht neu, dass djs in vielen belangen als richtungsweisend angesehen werden.
    dass mittlerweile in vielen clubs die plattenspieler fehlen, sehe ich ich ebenfalls als resultat des oben aufgeführten. bis vor ein paar jahren standen in jedem laden mindestens zwei mkII und die djs waren noch in der lage, ihre plattentaschen mit einer musikauswahl zu schleppen, die sie den menschen in die beine jagen wollten.
  • daniel / 13. Dezember 2010 / um 11:51
    @seb: naja, so einfach kann man sich das auch nicht machen. zum beispiel, wenn man fast ausschließlich im ausland auflegt, wird man oft damit konfrontiert, dass die turntables nicht entkoppelt oder wohlmöglich gar keine vorhanden sind. ausserdem geht es unweigerlich zum digitalen hin, denn vinyl ist subkultur, die clubszene dagegen aber nimmt immer mehr kommerziellere züge an. das ist nicht schimm, nur ist es halt so und das muß man dabei berücksichtigen. KANN ist subkultur. wogegen moon harbour eher im internationalen clubbereich groß auftritt und das sollte man genauso respektieren. über den musikalischen geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber die letzten releases machen für einen dj durchaus sinn und viel spaß!

    @jens: schönes interessantes interview!
  • Jens / 13. Dezember 2010 / um 11:45
    Es heißt ja aber nicht, dass Moon Harbour gar kein Vinyl mehr verkauft. Nicht mehr soviel wie "früher". Und dass dürfte selbst heute nicht weniger sein als Kann Records absetzen.
    Außerdem liegt es ja wohl nicht an Matthias Tanzmanns Technikpräferenzen, ob sich die potentiellen Moon Harbour-Kunden für Vinyl oder Digital entscheiden. Das macht doch jeder für sich aus. Und da scheint in den letzten Jahren eben auch ein Trend weg vom Vinyl zu sein.
  • seb / 13. Dezember 2010 / um 10:46
    kein wunder, dass moon harbour kein vinyl verkauft, wenn der label-boss mit traktor „auflegt“. selbst schuld, denn dass es auch anders geht, zeigt z. b. KANN: immer alles ausverkauft und die protagonisten immer mit hunderten kilo vinyl im gepäck -- egal, wo sie spielen.

    vielleicht liegt es aber auch am artwork von moon harbour. oder gar an der musik …

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