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Booga
All Tempo Breakbeat Otaku seit Beat Street. Gründer von breaks.org, itsyours.info und dem Hybrid Bass Label Defrostatica. Schwört auf die Dreifaltigkeit von auflegen, rauchen und Becks Gold.

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Alphacut im Zeichen von Licht und Schatten

23. Mai 2021 / Kommentare (1)

Premiere bei frohfroh – wir haben Booga bei uns an Bord für Breaks- und Bassthemen. Zum Einstand gibt er einen Überblick, was bei LXCs verschiedenen Labels in letzter Zeit alles passiert ist.

Es ist ein Ausdruck konzeptioneller Stärke von LXC, die neuesten Veröffentlichungen seines Hauses in Balance zu halten. Die „Dark Mentors“-EP steht dabei auf der einen, die „Raumwerk“-EP auf der gegenüberliegenden Seite. Beide ergänzen einander wie eine perfekte Nacht im Club, in der auf die Extase im Dunkeln das Nachschwingen im Hellen folgt.

Der Leipziger Breakbeat Aficionado gründete Alphacut 2003 als Vinyl-Tobeplatz für DIY-Jungle- und Drum & Bass-Produzent:innen mit einer Schwäche für die harten Ränder der Genres. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Bezeichnung „Vinyl Only“-Label keinen Sinn gemacht. Heute lohnt sich die Erwähnung, denn die Ergebnisse langer Förder- und Forder-Kommunikation mit dem weltumspannenden Künstlernetzwerk werden nach wie vor ausschließlich in schwarze Rillen gepresst und landen in Schallplattenläden – ebenfalls weltweit.

Demegy & LUI – Raumwerk EP / ACA X

Alpha Cutauri Nummer 10 ist ein Deluxe-Objekt, eine Geschenkbox die hält, was sie visuell verspricht. Außen Sternen-Konfetti, innen Space-Keks-Geschmack. Die besprühten Klarsichtfolien sind Einzelanfertigungen, keine zwei Marmormuster-Schallplatten gleichen einander. Immerhin variiert nicht die Trackreihenfolge. Denn auch diese ist natürlich Teil des Alpha Cutauri Reise-Konzepts: vom Partikel zum Modul, vom Kleinen zum Großen, von der Gänsehaut bis zur Dopamindusche. 

Die A-Seite testet mit Klaustrophon und Stolpergeist die Synapsen der Minimal Drum & Bass-Fans sensibel auf Kompatibilität. Was dBridge und Instra:mental vor zehn Jahren in ihrer Podcast-Revolution „Club Autonomic“ strategisch mit der Entkopplung der Sci-fi Ästhetik im Drum & Bass von den zunehmend seelenlosen Totproduktionen gelang, hat viele Künstler:innen inspiriert.

Auch Demegy & LUI halbieren das klassische D&B-Tempo, erhalten die Ästhetik der Autonomic Ära und fügen dennoch eine musikalische Schattierung hinzu, die sich mit denen von Consequence, ASC oder Abstract Elements ergänzt. Die Lust der beiden Wahl-Leipziger an der zunehmenden Signalreduktion auf der A-Seite, um eine Schärfung der Sinne herbeizuführen ist spürbar und faszinierend. Insofern entsprechen beide Tracks dem Voight-Kampff-Test aus Blade Runner: Die Prüfung misst Körperfunktionen wie Atmung, Herzfrequenz, Erröten und Pupillenerweiterung als Reaktion auf emotional provozierende Fragen. Wer zwinkert ist kein Haujobb.

Demegy & LUI – Flächenromantik / Video von Jonas Studer: http://www.jonasstuder.ch 

Vangelis, der die epische Filmmusik von Blade Runner komponierte, nannte seine Dopamin-Perle ganz unsubtil „Love Theme“. Demegy & LUI sind beim achteinhalb Minuten Epos „Flächenromantik“ ähnlich eindeutig, sie haben jedoch auf das Saxophon verzichtet. Nach dem ersten Drittel strukturiert eine gezähmte Machinedrum die Wohlfühlwogen in tanzbare Momente, die sehr lässig nichtweltliche Melodien streifen und unglaublicherweise bei 7:53 auf einen exzellenten Höhepunkt zuarbeiten. Es ist die Aufgabe der DJs dieser Welt, an der Stelle einen Amen-Tune aus dem Good Looking-Universum zu droppen, um einen kollektiven Antiklimax zu vermeiden.

Demegy & LUI – Synthoskop / Video von Christian Kroneck: http://www.kroneck.design​ 

Synthoskop ist das unumstrittene Highlight der EP, weil die Präzision der mechanischen Nanobot-Drums an den entscheidenden Stellen Platz macht für das analoge Aufreißen einer Iris angesichts einer neuen Welt. Oder wie es der Leipziger Producer BRKN1 auf den Punkt brachte: „Es ist der Soundtrack, den ‚Arrival‘ verdient hätte“. Der Leipziger Designer Christian Kroneck, vielen bekannt unter seinem DJ Alias Zapotek, hat dieses Full-Screen-Kunstwerk beeindruckend visualisiert.

Diese Platte ist ein außerordentliches Fest, bedenkt man, dass LUI eigentlich HipHop-Beats, Speedcore und Polka Mashup für Ringe Raja Records baut und Demegy als Cues oder Skeletor harten Drum & Bass ballert. Ich hoffe, dass LXC die beiden nach „Arrival“ nun zu „Exit“ überreden kann.

Various Artists „Darka Mentors“-EP / ACR 3010

Nach der außerweltlichen „Raumwerk“-EP nun zur dunklen Seite der Macht, die auf dem Mutterlabel Alphacut ihr Zuhause hat.

Ein Statement von LXC vorab: „Alphacut arbeitet auf Non-Profit-Ebene, die meisten Veröffentlichungen decken ihre Kosten, wenn überhaupt. Die Hälfte aller Einnahmen der „Dark Mentors“-EP wird an die Webster’s Amen Break Gesture-Kampagne II gespendet, die Gelder für den ursprünglichen Schöpfer des Amen Brother-Breakbeats von The Winston sammelt: Richard Spencer. Mit dem tiefsten Respekt für diesen Meilenstein eines Samples!“

Wenn du Jungle produzierst und bislang keinen Tune mit einem Amen-Break gemacht hast – bist du dann überhaupt ein Jungle Soldier? Das können sich alle Neuro-Leptiker:innen kurz fragen, wenn sie mal von ihrem Compressor-Spielzeugkasten aufschauen.

Erneut hat LXC seiner Labelmission Zucker gegeben und gleichzeitig Innovationen aus gestandenen Breakbeatzerbastler:innen im Umgang mit dem Rhythmikgrundgerüst des Genres rausgekitzelt. Auf der A-Seite treffen wir Sumone (Planet Mu) und Dan Miles (Alias Skubi auf Modern Ruins) und auf der AA-Seite Istari Lasterfahrer (Sozialistischen Plattenbau) und Ill_K (unter anderem Through These Eyes, Nord und re:st).

Sumones „Wicked Man Sound“ beginnt mixfreundlich mit luftig geschnittenen Kicks und Snares und überrascht im dritten Takt mit einer Conga-Figur, die jedem Demonic Records-Fan die Referenztränen ins Gesicht treibt. Denn hier wird sehr originell vor „Yo Bitch“ von Source Direct & Instra:Mental niedergekniet. Der Tune hält sich jedoch nicht mit Zitaten auf und wirft zielgerichtet Flächen vor die sich auftürmenden Amenbreaks. Der halbminütige Breakdown in der Mitte des Stücks ist der Glanzpunkt eines sehr soliden Bangers.

Non binary artist Dan Miles startet „Crash!“ mit einem Oldschool-Hiphop-Beat und wechselt dann schnell den Bus in Richtung Jungle War Dub. Solche Tracks sind üblicherweise nicht die am flüssigsten laufenden Amen-Versionen, sondern darauf angelegt, mit möglichst originellen Breaks die Leute zum Rewind-Fordern anzustacheln. Die B-Boy-Anleihe ist absolut mein Ding und ich bin mir sicher, dass der Tune richtig eingesetzt den Laden auf links drehen kann.

Istari Lasterfahrer haut mit „Echo Chamber“ das definierteste Stück der Platte raus. Mixbares 64-Takte-Intro, dann sperrig-präzise Synkopenschläge, die später von einer Percussionsmelodie gedoppelt werden. Digitals „Spacefunk“ schaut gütig runter von Cloud 9. Der Hambuger Mailorderbetreiber hat ein klassisches Geisterheul-Sample verarbeitet, deren Referenz mir jedoch partout nicht einfallen will. 

Der Bremer Ill_K shuffelt den Amen-Break gekonnt zu einem Halftime-Jungle-Track. Die Beats lassen pointiert Ride-Becken Raum, die wie Samurai-Schwertklingen aufeinander treffen. Insgesamt ist die Japan-Anleihe nicht so leichtfüßig wie das bei Photek der Fall war, definitiv eher Abteilung Godzilla. Wer gern melodische Jungle-Tracks mixt, wird sich über diesen „trockenen“ Amen-Banger als Brücken-Track freuen.

Bonus: Beide Seiten kommen mit Groove-Loops, die Elemente der jeweiligen Tracks aufweisen.

Bonus: The Duke Of Dub „Everything Gwan In

Ein weiteres Unterlabel des Alphacut Label-Imperiums ist 457, gewidmet dem Dubwise Jungle. Von Foundation Dub bis zu experimentellen Space Ausflügen presst LXC die Zwei-Track 7„-Schallplatten mit den großen Löchern mit viel Liebe zur Trackauswahl bis zur Gestaltung.

Auf der bald erscheinenden 21. Scheibe des Unterlabels tobt sich der Dresdner Suburban Trash-Don aka The Duke Of Juke aka The Duke Of Dub aus. Die Posaunen von Jericho tragen bei „Everything Gwan In“ sehr angenehm zu bedrohlichen und gut rollenden Halftempo Stimmung bei. In dreieinhalb Minuten erzählt der Duke eine kurzweilige Geschichte, die Jungle-Breaks dominieren nicht, treiben aber akzentuiert voran. 

„Fight Dub“ fängt wieder mit einem angedubbten 82 bpm-Beat an, der allen Mitnicker:innen das Grinsen bei „Ja Man“ in die Augen treibt. Doch der Duke belässt es nicht dabei, sondern holt zur Steigerung gut gechoppte Oldschool-Breaks aus der Schatzkiste. Dass im dritten Teil sogar noch Juke-Anleihen den Weg in den Tune finden ist ein bisschen der Hammer. Also für alle Footwork-Jungle-Freund:innen genau das Richtige.

Hier könnt ihr beides vorhören.

CommentComment

  • micha / 03. Juni 2021 / um 13:23
    Wieder Top Releases!
    alphacut ist einfach seit jeher eines der, wenn nicht DAS konsistenteste (musikalisch wie designerisch), innovativste, liebevollste und beste Label der Stadt. Dazu verantwortlich für viele großartige Bookings auf guten VAs. Ein Gesamtkunstwerk. Danke dafür und bitte weiter so!

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