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Autor/-in

Antoinette Blume
Alles, immer, gleichzeitig und umgekehrt-nacheinander: Autorin, Journalistin, Chefredakteurin bei frohfroh und Podcasterin bei Lust & Radau.

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Modellprojekt Kultur: Mit Corona-Tests zurück zum Clubbetrieb?

22. Juni 2021 / Kommentare (0)

In den letzten Wochen wurde das Modellprojekt Kultur, ein Reallabor mit mehrstufigen Test-Maßnahmen und anschließenden nahezu normal ablaufenden Veranstaltungen, in Leipzig durchgeführt. Wir waren an einem der Clubabende in der Distillery mit dabei und haben für euch aufgeschrieben, wie das Experiment ablief.

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Eine Clubnacht, legal, ohne Abstand, ohne Maske; ausgelassenes Feiern. Genau das fand bisher an zwei Samstagen in der Distillery mit einem mehrstufigen Coronatest-System und jeweils 200 Gäst:innen pro Abend statt.

Mit dem „Reallabor“ sollen Erkenntnisse gesammelt werden, wie Clubs und andere Kulturorte zu einer Variation, die ihrem Normalbetrieb nahe kommt, zurückkehren können.

Wie kann ein Clubabend unter Pandemie-Bedingungen stattfinden?

Wer das Glück hatte, einen der insgesamt 400 Studienplätze für einen der zwei Samstagstermine zu ergattern, konnte anschließend (online) ein Ticket kaufen und sich für die Corona-Tests vor Ort anmelden.

Ticket buchen → Anmeldung im Test-Portal → Terminbuchung für Schnelltest und PCR-Test → Schnelltest vor Ort am Veranstaltungstag → 15 Minuten Warten → Testergebnis kommt per Mail → bei negativem Schnelltest geht es weiter zum → PCR-Gurgeltest → das Ergebnis des PCR-Tests kommt am gleichen Abend per Mail → nur mit negativem PCR-Test darf die Veranstaltung besucht werden

Aber: Wer die Veranstaltung verlässt, kann nicht wieder zurückkommen. Eine Woche nach der Veranstaltung steht dann eine erneute Kontrolltestung an.

Clubnacht ohne Maske und ohne Abstand

Mit zwei negativen Corona-Tests konnte man sich also schließlich auf den Weg machen. Damit es nicht zu Gedränge vor dem Club kommt, fand der Einlass je nach Ticketnummer gestaffelt statt. Vor dem Club noch mit Maske und Abstand.

Und dann? Dann durfte man hinter der Clubtür die Maske abnehmen und auf zwei Floors und dem Außenbereich der Distillery eine komplette Nacht durchfeiern. Das schreibt sich so easy daher, ist aber, in Anbetracht des strengen Lockdowns, der noch gar nicht allzu lange her ist, schon – ja, irgendwie krass. Nach 15 Monaten wieder feiern, laute elektronische Musik hören, mit fremden Menschen interagieren. Ohne Maske, in Innenräumen.

Hält man trotzdem Abstand, obwohl man es nicht ‚muss‘, aus Gewohnheit? Ist der Überschwang, die Leichtigkeit der übrigen Gäst:innen überfordernd, müssen wir uns an die neue-alte Cluberfahrung womöglich erst wieder rantasten? Hat man „in einen Club gehen“ vielleicht sogar verlernt? Oder war vielleicht noch nie in einem?

Erstaunlich schnell und organisch scheinen die Ängste und sozialen Hemmungen zu verfliegen. Mit ’nur‘ 200 Menschen im Club ist die Distillery angenehm gefüllt. Das heißt: keine langen Schlangen, kein unübersichtliches Gedränge, viel Platz zum Tanzen, Sitzen, Stehen, Kennenlernen und Reden.

Sozial- und Gesprächsraum reaktiviert

Der Sozialraum innerhalb von Clubs, den wir wohl alle sehr, sehr, sehr vermisst haben und weiterhin vermissen, wurde an zwei Samstagen in der Tille reaktiviert. DJs hatten endlich wieder die Möglichkeit, in einem Club zu spielen, vor Publikum. Das analoge Erleben einer Nacht im Club ist und bleibt unvergleichlich. An den zwei Modell-Samstagen war das wieder möglich.

Kann dieses Modellprojekt Hoffnungsträger für Clubbetreibende und die Kulturszene sein? Für diejenigen, die an diesem Experiment teilnahmen, scheint die Antwort, die wir an diesem Abend beobachten konnten, klar auszufallen: Auf jeden Fall.

Für sie bedeutet das Modellprojekt endlich wieder Musik auf einer Clubanlage hören zu können, Inspiration zu sammeln, zufällige Begegnungen und Gespräche zu initiieren, so risikoarm wie möglich – der aktuelle Inzidenzwert von 6 in Sachsen (bundesweit liegt der Inzidenzwert bei 10; Stand: 20. Juni 2021) ist ein weiterer Sicherheitsfaktor.

Begeisterung beim Test-Publikum

Ob eine Clubauslastung mit 200 Personen und einem Ticketpreis von etwas über 16 Euro (inklusive aller Testungen) für einen Club rentabel ist, werden die Studienergebnisse hoffentlich ebenfalls beleuchten – und unter welchen Voraussetzungen, Förderungen und Maßnahmen eine Umsetzung in die regelmäßige Praxis ermöglicht werden könnte. Denn der Mehr-Aufwand ist enorm. Für Distillery-Chef Steffen Kache ist es derzeit aber die einzige Chance, wieder loszulegen, wie er MDR Kultur sagt:

„Es ist nicht nur der Wunsch der Gäste, dass wieder Veranstaltungen stattfinden. Es ist auch der Wunsch der Veranstalter. Wir wollen was machen. Das ist ja im Prinzip auch Teil unserer DNA. Wir haben keinen Club eröffnet, um dann auf der faulen Haut zu liegen.“

Ob der zeitliche Aufwand, der Eintrittspreis und die technische Ausrüstung (ohne Smartphone ist das Durchlaufen der Testschritte zwar möglich, aber mit Smartphone deutlich einfacher) auf Publikumsseite nicht nur innerhalb eines Modellprojekts, sondern auch regelmäßig gut machbar und vereinbar ist, wird durch eine Befragung der teilnehmenden Gäst:innen ausgewertet.

Die Frage, ob der Test-Aufwand für eine Nacht angemessen ist, stellt sich den meisten an diesem Abend nach dem langen Verzicht allerdings nicht:

„Ich fand es okay, die Zeit ist es mir definitiv wert und ich konnte es mir gut einteilen“, sagt ein Gast in der Schlange vor der Garderobe.

„Ich bin viel eher aufgeregt und freue mich riesig, da denke ich gar nicht mehr daran, dass ich heute morgen schon mal hier zum Testen war!“, sagt eine andere Stimme.

Die Stimmung im Club spricht für sich: Viel Applaus für die auftretenden DJs, viele Umarmungen, viele Gespräche, wenig Skepsis – dafür große Freude und Ausgelassenheit. Zumindest während der wenigen Stunden auf dem Tanzfloor sind die Belastungen durch die Corona-Krise nicht zu spüren.

Alle Informationen zum Modellprojekt Kultur // Reallabor findet ihr hier.

Foto von Birk Poßecker.

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