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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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„Wir sind alle nicht so bam“ – Interview Neue Welle

13. November 2022 / Kommentare (2)

Seit über einem Jahr gibt es in Kleinzschocher einen Club – die Neue Welle. Und genauso lang sind wir an einem Interview mit den Betreiber:innen dran. Nun hat es geklappt, yeah!

Manche Interviewfragen brauchen etwas Zeit und Durchhaltevermögen. Beim Club Neue Welle – anfangs noch Neue Welt genannt – waren wir frühzeitig dran, konnten aber voll verstehen, dass sich die Betreiber:innen hinter dem neuen Club an der Antonienbrücke erstmal eingrooven wollten. Immerhin war das Start-Timing alles andere als easy – mittendrin in einer globalen Pandemie. Zudem fand die Opening-Nächte mit Lena Willikens und Helena Hauff kurz vor dem 2021er-Herbst-TeilLockdown statt. Nach zwei Terminen musste die Neue Welle erstmal wieder schließen. Im Nachhinein hatte das auch seine guten Seiten, erzählte ein Teil der Crew im frohfroh-Interview.

Zum Termin vor Ort sprach ich mit Johanna, Tilman, Lucy und Esther vom Kernteam des Clubs – sie verantworten unter anderem die Bar- und Geschäftsleitung sowie das Booking. Die Neue Welle, das ist ein durchaus besonderer Club für Leipzig – ein Ort, der erwachsener als andere Clubs wirkt, mit einem stärkeren Fokus auf Design, Kunst und Architektur sowie einer perfekten Größe für überschaubare Partys. Dazu gibt es bisher eine One-Day-Per-Week-Policy und fein ausbalancierte Line-ups – besetzt mit guten Locals und vielen interessanten, teils internationalen Neuentdeckungen. Kurzum: Die Neue Welle ist eine große Bereicherung für die Leipziger Clubszene und wir sind happy, mit den Betreiber:innen ins Gespräch gekommen zu sein.

Alle Bilder aus dem Club sind von Felix Adler und Sophia Kesting.

Foto: Felix Adler

Vor einem Jahr habt ihr eröffnet – wie ist euer Gefühl, nach einem Jahr Club betreiben?

Johanna: Eigentlich fühlt es sich eher nach einem halben Jahr an, weil dazwischen einige Monate nichts war. Wir hatten im letzten Oktober und November jeweils eine Party und das hat sich eher so angefühlt wie ein guter Trial-Run. Aha ok, so ist das also, wenn wir offen haben. Aber so richtig offen offen ist es ja erst seit April. Und auch erst seitdem ergibt sich eine Routine.

Esther: Ich finde es auch fast noch zu früh, ein Resümee zu ziehen. Es ploppen immer neue Dinge auf und wir lernen viel – aber es macht viel Spaß.

Aber seid ihr mit dem Start erstmal zufrieden oder gibt es Sachen, bei denen ihr nachjustieren wollt?

Johanna: Ja, es muss auf jeden Fall noch nachjustiert werden. Wir sind mit einer Idee und einem Konzept gestartet, aber gleichzeitig gibt es viele Dinge, die man erst im Laufe der Zeit bemerkt. Es gibt auch kein Patentrezept für das Eröffnen eines Clubs. Da kamen viele Sachen erst mit der Zeit auf. Ich glaube, wir sind jetzt in einer Etablierungsphase und müssen noch sehen, ob uns diese Stadt langfristig so annimmt – oder ob wir vielleicht etwas verändern müssen. Wir hatten aber auch gar nicht so ein festes Bild, wie es sein soll. Für uns war klar: Wir machen nach bestem Wissen und Gewissen mit dem auf, was wir cool finden und justieren dann irgendwie nach.

Esther: Genau. Wir brauchten auch erstmal Erfahrungswerte, um überhaupt zu wissen, was passt und gut funktioniert. Mittlerweile sind schon Strukturen gewachsen und jeder hier weiß, was er macht – und auch die Kommunikation klappt jetzt. Am Anfang war teilweise noch nicht ganz klar, was die Arbeits- und Aufgabenfelder sind – deshalb musste das auch erstmal wachsen.

Johanna: Die Struktur bei uns im Kernteam ist ja auch erst gewachsen. Alex hat das ganze Ding angestoßen und erst Jonas und Esther dazu geholt. Dann bin ich vor einem Jahr dazugestoßen, im letzten halben Jahr kam auch Tilman mit ins Kernteam. Und Lucy ist unser neuester Zugang. Wir sind ganz anders gestartet und haben dann festgestellt, welche Leute wir brauchen. Es ist ja nicht nur so ein Job, bei dem ich ein Bewerbungsgespräch hatte und nun einfach arbeite. Es war eher so: Hey, wollen wir einen Club aufmachen. Ja, ok, was brauchen wir dafür, lasst mal loslegen. Später haben wir gemerkt, dass wir da und da Verstärkung und Expertise brauchen und dass wir diesen und jenen Bereich weiter ausweiten. Um auf das Resümee zurückzukommen: Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem die Kernstruktur und das Kernteam safe sind – safe nicht im Sinne davon, dass wir alles perfekt machen, sondern dass wir total gut zusammenarbeiten, uns vertrauen und auch auf einem persönlichen Level sehr gut miteinander sprechen und Kraft geben können. Keiner arbeitet hier einfach nur etwas ab. Alle haben Bock, dass wir das hier gut machen.

„Alle haben Bock, dass wir das hier gut machen.“

Seit wann gibt es die Idee, dass ihr einen Club eröffnen wolltet? Es rumorte ja schon etwas länger, dass hier was passieren soll.

Johanna: Die Idee von Alex gibt es seit über zehn Jahren. Es gab auch schon vor der Rudi-Bar den Plan, einen Club aufzumachen. Das Rudi ist dann eher so passiert, neben vielen anderen Sachen. Ich glaube aber, für Alex war immer klar, dass er irgendwann einen Club aufmachen möchte.

Esther: Ja, und dieses Gebäude ist natürlich auch prädestiniert dafür – da standen schnell alle Zeichen auf grün, dass das hier funktioniert.

Dann habt ihr aufgemacht und es kam nochmals ein Corona-Teil-Lockdown. Hat das für euch irgendwas in Frage gestellt?

Esther: Ja und nein. Für uns als Club war es nicht so schlimm wie für andere Clubs, weil wir so am Anfang standen, dass wir unseren Angestellten gegenüber noch nicht so eine soziale Verantwortung hatten. Klar, hatten wir schon gebookt, aber mit einer gewissen Vorsicht. Das hat uns alles jetzt nicht so den Boden unter den Füßen weggerissen, aber für uns als einzelne Personen ist das natürlich nicht spurlos an uns vorbeigegangen. Ich weiß noch, wie wir jedes Mal gecheckt haben, welche Voraussetzungen und Regelungen gerade gelten und wie wir uns gefühlt jeden Tag umstellen mussten.

Wie schaut ihr jetzt auf die nächsten Herbst- und Wintermonate?

Tilman: Zuversichtlich.

Johanna: Fingers crossed. Na klar, diese Unsicherheit ist scheiße, aber gleichzeitig geht es ja allen Clubs so – und deshalb fühlt man sich nicht so allein damit. Und klar, wenn nun jemand von außen kommt und vorgibt, dass alle Clubs zugemacht werden müssen, dann kann man lange darüber weinen, aber es ist ja nicht unser Einzelschicksal. Wenn ich mich recht entsinne, war der ursprüngliche Plan auch gewesen, noch früher aufzumachen und das wurde auch schon durch Corona nach hinten verschoben. Deshalb war dann die Stimmung so: Na gut, dann warten wir eben noch ein paar Monate mehr – es ist jetzt kein Weltuntergang. Irgendwie fand ich die zwei Partys, die wir noch geschafft hatten, auch einen guten Testlauf, um zu schauen, was wir eigentlich noch alles brauchen. Es war nicht nur schlecht. Ich war froh, dass wir es vor dem nächsten Teil-Lockdown zumindest schon einmal geschafft hatten, aufzumachen und zu schauen, wie es läuft, wenn hier 200 Menschen da sind.

Esther: Ja, wir haben vorher anderthalb Jahre nur theoretisch darüber geredet und dann war es super wichtig, das einmal live durchzuspielen.

Was die Gestaltung des Clubs angeht, finde ich, dass die Neue Welle schon noch einmal ein anderes Level ist – es ist sehr viel kunst- und designorierter. Was war euch bei der Planung und Gestaltung wichtig? Hattet ihr da Vorbilder?

Esther: Für uns war von Anfang an klar, dass wir mit Künstler:innen zusammenarbeiten möchten, die bereits zu einem frühen Zeitpunkt in die Gestaltung einbezogen werden. Die Arbeiten von Anais Goupy, Inga Kerber, Eliza Ballesteros und Martin Groß gehörten daher von Anfang an dazu und sind fest installiert. Andere Arbeiten wie zum Beispiel die Gemälde von Julius Hofmann und Justus Jager sind als wechselnde Arbeiten vorgesehen. Gerade bei den Leinwänden gab es am Anfang Bedenken, ob diese dort überleben werden – aber bisher gehen die Leute damit super respektvoll um.

Johanna: Unser Team hat nicht nur unser Interesse an Clubkultur, sondern auch seine Liebe zu Architektur, Kunst und Design in die Gestaltung des Clubs einfließen lassen. Im Prozess kamen viele Fragen auf wie: Warum muss ein Club immer so und so aussehen, warum darf der nur kellerartig oder praktikabel sein, weil ja Sachen kaputt gehen könnten. Warum darf der nur schwarz sein, weil das aktuell die Trendfarbe im Techno ist. Es kann ja auch etwas anders aussehen – nicht, dass die anderen Sachen nicht auch cool sind. Aber es ist ja schön, andere Noten in die Clublandschaft einzubringen. Und für uns schließt das eine nicht das andere aus. Wir hatten einfach Bock auf einen Ort, den wir schön finden.

Foto: Sophias Kesting

Ihr hattet vorhin etwas von einem Konzept und einer Idee erzählt, die es im Vorfeld gab – was war das genau?

Esther: Nur freitags zu öffnen, gehörte auf jeden Fall zum Konzept.

Johanna: Wir hatten jetzt kein Manifest, aber es ging schon darum, ein Ort zu sein, der auf allen Ebenen anspricht – der einen guten Sound und Vibe hat, ein gutes Licht und Booking, eine gute Bar. Ein Ort, an den man vielleicht auch hingeht, wenn man nicht weiß, wer an dem Abend spielt – einfach ein safer Ort, wo man Freunde trifft und eine gute Zeit hat. Und wo man auch committed ist zu der Musik, die gerade läuft, weil man nicht mehrere Floors hat, sondern nur den einen. Genauso ging es auch um einen Ort, der unkompliziert ist – hier finden eben keine ultralangen Raves statt, die nur eine bestimmte Zielgruppe ansprechen. Es sollte für viele Menschen zugänglich sein.

Esther: Möglicherweise haben wir da auch sehr von uns auf andere geschlossen – was wir gern mögen und wie wir uns das vorstellen. Dementsprechend haben wir unsere Erfahrungen eingebracht und das so eingebracht – aber wir haben es nie zu Papier gebracht.

Johanna: Genau, es war immer die Frage, wie wir uns in einem Club wohlfühlen würden und was uns irgendwie noch fehlte. Allein von der Größe her schließt die Neue Welle schon automatisch eine Lücke, die es in Leipzig lange gab.

Stimmt. Und der Freitag als einziger Tag ist weiterhin gesetzt?

Johanna: Das hat sich irgendwie auch wieder so ergeben. Vielleicht aus der Idee heraus, dass Freitag einfach immer Neue Welle ist. Dass man gar nicht lange überlegen muss und es so klar ist.

Tilman: Wobei: Im Oktober haben wir aber auch mal samstags eine Veranstaltung.

Esther: Wir konnten am Anfang noch gar nicht so viel stemmen. Zwei Tage pro Wochenende wären zu viel gewesen, deshalb haben wir uns für den Freitag entschieden, weil es auch der bessere Partytag ist. Und wir wollten auch eine Konsistenz und Geradlinigkeit reinbekommen. Bisher fahren wir damit gut. Zumal: Man kann die Räume auch mieten und wir fanden es daher gut, wenn am Samstag eine Einmietung von einer privaten Party ist. Aber ob das jetzt für immer so bleibt, steht noch fest.

Was ist beim Booking eure aktuelle Linie – verfolgt ihr ein bestimmtes Konzept?

Lucy: Ich bin seit Ende Juni mit dabei und freue mich sehr. Als wir uns zum ersten Mal trafen, hatte ich schnell das Gefühl, dass wir einen sehr ähnlichen Geschmack haben. Aktuell geht es vor allem darum zu schauen, was funktioniert. Die aktuelle Zeit macht es manchmal etwas schwierig – gerade durch Corona lässt sich das noch nicht so einfach herausbekommen, weil die Leute noch etwas zögerlich sind. Es ist alles also noch work in progress. Aber natürlich liegt der Fokus schon auf elektronischer Musik, vorwiegend House und Techno, teilweise auch New Wave. Aber es ist durchaus offen.

Tilman: Am Anfang ging es in so eine Electro-Ecke. Alex ist ja auch Teil vom Label Lunatic gewesen, ich habe das Ortloff-Label mitgemacht. Und auch Alex Dorn aka Credit 00 von Rat Life sitzt hier mit im Haus. Deshalb hat sich der Sound anfänglich eher aus dieser Ecke herausgebildet. Mein Geschmack geht aber auch darüber hinaus und jetzt zusammen mit Lucy ist die Bandbreite nochmals größer geworden. Wir lassen natürlich auch Einflüsse von außerhalb zu, indem wir mit Crews zusammenarbeiten. Da schauen wir aber auch, was passiert und passieren soll. Die musikalische Linie ist einfach, dass es gut sein soll.

„Die musikalische Linie ist einfach, dass es gut sein soll.“

Johanna: Ja, wir hatten nie den Anspruch, dass die Neue Welle für einen bestimmten Sound stehen soll. Es darf ganz viele Sounds geben – und dieser Freitag kann ganz anders klingen als der nächste.

Was funktioniert bei euch bisher mehr, was weniger?

Esther: Das lässt sich schwer beantworten. Ich finde, dass ein Line-up nie unabhängig ist von anderen Einflüssen. Da spielen so viele Faktoren mit rein. Was passiert sonst in der Stadt, wie ist das Wetter, wie sind die Energiepreise grad oder findet in der Nähe eine Free-Tek-Party statt …

Johanna: … oder kommen die Leute aus einem langen Festivalsommer. Ich denke auch, dass wir noch in einer Kennenlernphase bei den Leuten sind – und wir müssen uns auch erst noch etablieren. Wir waren jetzt noch nicht total crazy experimentell unterwegs. Aber ich würde mir wünschen, dass das irgendwann geht. Da sind wir auch wieder bei der Größe: wir haben für 200 Leute Platz. Ich fände es total cool, wenn man an diesen Punkt kommt, dass die Leute hierherkommen und etwas wagen, auch wenn sie gar nicht wissen, was sie hier erwartet. Aber das dürfte eher etwas für die Zukunft sein.

Tilman: Die Frage ist auch, wie man total crazy definiert. Das sieht ja jeder anders. Das Gute ist, dass wir in Leipzig wohnen – und da gibt viele verschiedene Orte, an denen die verrückteste Musik läuft und auf die wir zurückgreifen können.

Klassische Residents habt ihr bisher aber noch nicht, oder?

Tilman: Noch nicht, aber es ist Teil des Prozesses.

Lucy: Wir haben natürlich darüber nachgedacht und gesprochen, aber es ist noch nichts festgelegt, genau.

Foto: Felix Adler

Ich habe auch das Gefühl, dass ihr mit der Neuen Welle immer etwas unter dem Radar lauft. Es gab jetzt nicht den großen Bam wie beim IfZ damals. Ist das ein bewusstes Understatement?

Tilman: Es ist wahrscheinlich ein Spiegel unserer Persönlichkeit – wir sind alle nicht so Bam.

Johanna: Wir müssen etwas schmunzeln über die Frage, aber wahrscheinlich ist da schon einiges Wahres dran. Ja, vielleicht sind wir alle etwas schüchtern und wollten schauen, wie es anläuft. Wir mussten vielleicht auch nicht so einen Bam machen wie das IfZ – das lag ja dort auch daran, dass das IfZ vorher eine riesige Crowdfunding-Aktion gestartet hatte. Und es gab ja auch vorher schon ewig Party-Reihen von den Gründer:innen. Das hatten wir nicht. Aber die Frage ist natürlich auch: Wie ist man als Club auf dem Radar. Wir wären gern mehr auf dem Radar.

Esther: Das ist auf jeden Fall etwas, an dem wir mehr arbeiten müssen. Wir wollen jetzt mehr auf Social Media machen. Ich glaube, wir waren auch einfach viel mit uns selbst beschäftigt. Und jetzt sind wir bereit, uns mehr zu öffnen und nach draußen zu gehen.

Ich habe das auch gar nicht als komisch wahrgenommen, sondern eher als smart. Wenn sonst ein neuer Club aufmacht, bebt die ganze Stadt. Das gab es bei euch natürlich auch, aber ich hatte das Gefühl, dass ihr das nicht extra befeuert.

Johanna: Ja, total. Das ist das, was ich meinte: Wir sind alle eher etwas schüchtern und waren so drauf: Ok, lass die Leute mal kommen, die kommen wollen und hoffen, dass sie das cool finden. Und wenn sie es cool finden, dass sie es dann weitererzählen und weniger, dass wir so eine riesige Kampagne starten und sagen: Ey, wir sind der neue coole Club. So sind wir von der Persönlichkeit alle einfach nicht.

Tilman: Ja, es ist schon eher understatement.

Wo kommt euer Publikum zumeist her – eher aus dem Westen von Leipzig?

Johanna: Ich finde von überall her – und es ist auch bei jeder Party sehr unterschiedlich. Auch wenn wir natürlich nicht fragen, wo die Leute herkommen, merkt man ja am Alter oder den Gruppengrößen, woher sie eher kommen. Da sehe ich aktuell noch gar keine klare Linie, was ich auch gut finde. Und vor allem kommen auch ganz viele Leute, bei denen ich mich frage, ob die früher auch schon alle weggegangen sind. Ich kenne die ganzen Gesichter gar nicht. Das liegt sicher auch an zwei Jahren Corona. Aber ich glaube, so ein eingespieltes Publikum gibt es bei uns gar nicht und das ist sehr cool.

Bisher habe ich bei Club-Interviews nie nach der Bar gefragt. Aber mit eurer Rudi-Vergangenheit muss ich es tun: Habt ihr für die Neue Welle auch ein bestimmtes Bar-Konzept?

Esther: Ja, tatsächlich ist eine Club-Bar ganz anders als eine Bar-Bar. Nichtsdestotrotz, und auch weil ich aus der Ecke komme, wollte ich das gern mit einfließen lassen. Besonders bei uns ist, dass wir immer zwei Special-Cocktails pro Monat haben, die ich mir ausdenke. Und klar, die Bars sehen auch einfach schön aus. Wir haben die Möglichkeit, oben auf dem Tresen zu arbeiten. Es haben auch super viele Leute angefangen, die vorher keine Erfahrung mit der Bar hatten. Das ist einerseits eine Herausforderung, aber es bringt andererseits auch frischen Wind rein. Und mittlerweile haben wir ein tolles Team aufgebaut – und damit steht und fällt es einfach. Ansonsten die Basics eben: Die Drinks müssen Qualität haben und schön gekühlt sein.

Johanna: Ja, uns war es gar nicht so wichtig, ob die Leute schon seit zehn Jahren in Bars und Clubs arbeiten, sondern dass sie einfach sweet und nett sind und gern hier arbeiten möchten und sich untereinander gut verstehen. Und ich denke, das haben wir auch gut hinbekommen. Wir hören auch oft von Gästen, dass die Bar-Leute super nett sind – generell alle Leute, die bei uns arbeiten. Auch unsere Einlassleute bekommen ein gutes Feedback. Und das gehört eben auch zu einem Gesamtkonzept, bei dem die Leute mit einem positiven Gefühl nach Hause gehen. Oder bei dem man ihnen die Möglichkeit gibt, in einem Club einen besonderen Drink zu bekommen, des es sonst nirgendwo anders gibt und den es auch nur für eine bestimmte Zeit gibt. Es sollte nicht einfach nur ein Club sein, in dem DJs spielen, sondern eine Erfahrung, die auf allen Ebenen positiv wirkt.

Foto: Sophia Kesting

Ihr seid ja auch in der besonderen Situation, dass die Location an sich sicher ist. Die nächsten Wohngebiete sind etwas entfernt und ihr könnt auch nicht weggentrifiziert werden.

Esther: Genau, wir sind hier natürlich auch nur Mieter im Gebäude. Aber die Umgebung ist durch das Projekt „Bürgerbahnhof Plagwitz“ ja ausschließlich zur öffentlichen Nutzung vorgeschrieben. Beim Netto-Supermarkt soll aber ein neues Wohngebiet hinkommen – insofern wird es spannend, was hier noch alles passiert. Egal, wie gut man die Musik anpasst – und wir haben echt viel für Schallschutz getan – aber es ist nunmal ein Club und das bringt eine gewisse Lärmbelästigung mit sich. Bisher stehen die Karten aber gut, dass es uns lange geben wird.

„Bisher stehen die Karten aber gut, dass es uns lange geben wird.“

Das gibt euch ja auch eine große Planungssicherheit.

Esther: Ja, da kann sich noch viel entwickeln, gerade mit dem Außengelände und dem Neubau.

Johanna: Ich denke, Alex hätte bei der Gestaltung auch nicht so viel Energie reingesteckt, wenn er sich irgendwo eingemietet hätte. In dem Moment, in dem du so eine Sicherheit hast, kannst du auch all in gehen und es so umsetzen, wie man es sich erträumt hat. Das ist schon ein Privileg, ja.

Wie viele Menschen stemmen aktiv den Laden?

Johanna: Im Kernteam sind wir zu acht.

Esther: Mit Secu, Bar und Nightys haben hier bestimmt 40 bis 50 Leute die Finger mit im Spiel.

Wir müssen auch über euren Namen sprechen. Ihr habt ihn vor Kurzem geändert, warum und wie lief das genau ab?

Johanna: Kurz nachdem wir im Herbst 2021 aufgemacht haben, bekamen wir eine Nachricht von einer uns nicht bekannten Person auf Instagram. Und die hat unseren Namen in Frage gestellt – es bliebt die einzige Reaktion, aber das war irrelevant, weil es bei uns sehr viel gemacht hat.

Esther: Daraufhin haben wir uns Hilfe geholt von einer Beraterin für Konflikt- und Diversity-Management sowie Anti-Diskriminierungsarbeit. In diesem Workshop hat sie uns in erster Linie Fragen gestellt – und darüber wurde uns alles klar, sodass wir sehr schnell zu dem Punkt kamen: Ja, wir benennen uns auf jeden Fall um. Das war wirklich ein wertvoller Prozess. Wir wollten dann aber nicht mitten in der Saison den Namen ändern, sondern haben das als Anstoß für die neue Saison genommen.

Was war eure ursprüngliche Assoziation mit dem Begriff „Neue Welt“ – die war ja offensichtlich wo ganz anders.

Johanna: Völlig woanders, ja. Zum einen gab es bei Facebook eine Gruppe, die Neue Welt hieß. Und dort waren viele viele Freunde und Freundinnen von uns drin, die sich über Partys und Rides nach Berlin ausgetauscht oder irgendwelche quatschigen Sachen reingepostet haben. Außerdem kam der Name im ersten, tiefsten Corona-Winter auf, also Ende 2020 – und da hatte das für uns was von neuer Ära, Aufatmen, Neuanfang. Im Sinne von: Wenn Corona dann vorbei ist, eröffnen wir unseren Club. Das waren für uns die Assoziation.

Und hat die „Welle“ noch eine weitere Bedeutungsebene?

Johanna: Das war eher ein Zufall. Es ist einem Meeting entstanden, in dem der Begriff aufkam.

Tilman: Es steckt natürlich auch „New Wave“ mit drin. Und positive Energie.

Esther: Es hat auf jeden Fall nichts mit Corona-Wellen zu tun.

Wie ist euer Austausch mit anderen Clubs?

Johanna: Der passiert nicht offiziell über einen Stammtisch oder Verteiler. Ich kann jetzt nur von mir sprechen: Aber in allen Clubs, die mir in Leipzig wichtig sind, arbeiten gute Freunde, wo man sich auf freundschaftlicher und professioneller Basis austauscht und Rat einholt oder Sachen miteinander abgleicht.

Aber ihr seid nicht Teil des LiveKommbinats in Leipzig?

Esther: Nein, aber das steht noch an.

Stichwort Zukunft: Ihr schaut zuversichtlich auf den kommenden Herbst. Was habt ihr noch an Highlights geplant?

Tilman: Für uns ist jeder Freitag ein Highlight. Wir legen ganz viel Energie in diesen Raum da unten und da ist für uns jeder Freitag auf allen Ebenen etwas Besonderes. Und das wollen wir gar nicht vom Booking abhängig machen. Wenn wir jetzt nur bekanntere Künstlerinnen und Künstler einladen, würden wir die weniger bekannten Acts hinten dranstellen – und das wollen wir nicht. Für uns sind alle gleich wichtig und gleich besonders. Unabhängig davon, haben wir auch gerade einen Podcast gestartet – das ist ein neuer Baustein, bei dem wir nicht nur Leipziger Künstlerinnen und Künstler eine Plattform bieten.

Esther: Eine Idee ist auch, den Club und das Künstlerhaus noch stärker zusammenzubringen und gemeinsam neue Konzepte zu entwickeln. Woran wir auch noch arbeiten, ist ein Awareness-Konzept. Es gibt genug auf der To-Do-Liste.

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  • Y / 20. November 2022 / um 14:20
    Wozu? Warum ist das traurig? In den Laden passen 100-200 Leute, alle haben alles leicht im Blick, neben den Barkräften, den Security, den Veranstalterinnen (und hoffentlich gutem umsichtigem Publikum) braucht es keine extra 5 Leute, die Patrouille laufen. Es braucht einen Ruheraum für alle Fälle, ja. Aber der Club und deren Publikum kommen mir erwachsen genug vor um auf sich und die Atmosphäre achten zu können.
    Nur weil du dort keine erkennbare Patrouille gesehen hast, heisst das doch nicht, das solche essentiellen Dinge auf einer VA "niemanden" (auch gleich mal in ganz Leipzig) jucken?!

    Dann kommt von dir noch ein Bash in Richtung einer Veranstaltung. Welche glaube ich eine Fremd-VA war. Wenn dir da entgegen deiner Erwartung zu wenig Jungle lief, solltest du das evtl den jeweiligen Veranstalterinnen sagen.
  • X / 16. November 2022 / um 10:22
    Typisch, das Fragen bzgl. eines Awareness-Konzepts u.ä. komplett ausbleiben. Ich habe dort noch nie ein Awareness Team oder der gleichen gesehen, es ist so traurig, dass das in Leipzig anscheinend niemanden juckt...
    Auch die Sportbass Veranstaltung fand ich sehr fragwürdig, es wurde als jungle-intensiver Abend vermarktet, aber war alles andere als das.

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