Rhythmische Bässe im Ohr, die abendliche Sommersonne auf der Haut, ein kühles Getränk in der Hand. Das Set hat seinen Höhepunkt erreicht, die Tanzfläche ist voll – und dann: Schluss. Es ist 22 Uhr. Seit knapp vier Jahren prägt das Freiflächenkonzept für legale Open Airs die Leipziger Rave-Szene. Dort gibt es vor allem gemischte Gefühle.

Mit Spannung wurde das Konzept damals erwartet: „Legalisierung von Spontanpartys übertrifft alle Erwartungen“, titelte etwa die LVZ im Mai 2022 über das neue niedrigschwellige Antragsverfahren für nichtkommerzielle Open-Air-Kulturveranstaltungen. Am 2. Juni 2022 ging das Konzept dann an den Start. Tatsächlich war das behördlich genehmigte Feierangebot damals richtungsweisend – und die Aufregung dementsprechend groß. In diesem Jahr steht die fünfte Saison an; Zeit für ein Resümee. Was ist aus den übertroffenen Erwartungen geworden? Teilweise sind sie einer Resignation und einem ernüchternden Stillstand gewichen. Andere sehen das Konzept dagegen als eine klare Bereicherung der Szene. Die Hardfacts sprechen zumindest für sich: Auf den elf genehmigten Flächen wurden in den letzten drei Jahren ganze 84 Veranstaltungen durchgeführt.
Nils Fischer, Sonderbeauftragter für Nachtkultur der Stadt Leipzig (#nottheNachtbuergermeister), hat im Interview mit frohfroh unter anderem von dem Prozess erzählt, der die legalen Rave-Locations in Leipzig ermöglicht. Es ist ein Prozess, der bereits 2015 begann – angestossen von Kollektiven und Kreativschaffenden aus der Szene. Nach jahrelangem Austausch mit der kommunalen Politik und Verwaltung wurde schließlich 2021 ein fraktionsübergreifender Beschluss im Stadtrat verfasst, der das bisher intransparente Verfahren erneuern sollte. „Theoretisch hätte man auch damals schon ein Open Air auf jeglichen grünen Flächen der Stadt beantragen können. Aber es war ein recht intransparenter Genehmigungsprozess“, erzählt Fischer. Geplant waren unbürokratische Genehmigungsverfahren, welche die Grenzen des Möglichen klar abstecken sollten, fügt er hinzu. Ein klarer Erfolg, denn auch von Seiten der Veranstalter:innen ist man zufrieden mit dem neuen unkomplizierten Antragsverfahren. „Das ist eigentlich relativ einfach, ähnlich wie eine Versammlung – also eine Demonstration – anzuzeigen“, beschreiben Mitglieder des Lpzg.Callin-Kollektivs den Antragsprozess über die Webseite der Stadt. Es war das erste Kollektiv, das das neue Konzept 2022 genutzt hatte. Bereits vor der Einführung veranstalteten sie im April 2022 zusammen mit dem Grünen-Politiker Jürgen Kasek ein als politische Veranstaltung gekennzeichnetes Open Air.
Ein weiterer Grund für das neue Konzept war es damals, eine gewisse Planungssicherheit für die Veranstalter:innen herzustellen, erzählt uns Nils Fischer. Denn zum einen gab es sehr hohe Emissionsprognosen, die finanziell für die Kollektive kaum stemmbar waren. Dazu kam der Fakt, dass illegale Partys jederzeit von den Behörden aufgelöst werden können. Zwar war man sich von Seiten der Stadt von Anfang an bewusst, dass das neue Konzept Teile der Szene nicht aus der Illegalität heraus vermitteln kann – doch man wolle allen eine Alternative zu dieser anbieten, so Fischer weiter.

Kein Nullsummenspiel
Und klappt das mit der Planungssicherheit? Es scheint, als wäre dieses Ziel eher ein Vorhaben geblieben und nicht Teil der Realität. Zwar müssen Veranstalter:innen dank des Freiflächenkonzepts nicht mehr mit der spontanen Auflösung ihrer Open Airs rechnen, finanziell sind aber auch die legalisierten Veranstaltungen ein Risiko. Denn nach dem Freiflächenkonzept dürfen keine Eintrittsgelder, verpflichtenden Spenden oder andere Nutzungsgebühren für die Teilnahme an der Veranstaltung verlangt werden.
Lediglich die „Abgabe von Speisen und Getränken gegen Spende zur Deckung der Ausgaben“ ist erlaubt, heißt es auf der Webseite der Stadt. Eine teilweise nachlässige Planung und Kommunikation mit und zwischen den Ämtern, enge Auflagen bezüglich der Toiletten – es braucht zwei Dixis pro 100 Besucher:innen, die circa 300 Euro kosten – sowie hohe Ausgaben für die Müllentsorgung und das Equipment sind weitere Gründe für das Wagnis. Vom Zeitaufwand ganz zu schweigen. Alles Hürden, die ohne Kulturförderung kaum zu stemmen sind, erzählt uns der Resonant e.V.
Das Veranstaltungs- und Musikkollektiv aus Jena und Leipzig hat bisher drei öffentliche Open Airs mit dem neuen Konzept veranstaltet, unter anderem an der Neuen Messe und im Mariannenpark. „Wir haben einfach probiert das anzumelden – und das hat geklappt“, berichten uns Mitglieder des Kollektivs. Doch der größte Knackpunkt ist laut Resonant der genehmigte Zeitrahmen für legale Open Airs: Bis 22 Uhr, mit einer Sondergenehmigung bis 23 Uhr, kann gefeiert werden. Allerdings wäre es für Veranstalter:innen und Besucher:innen meinst sinnvoller, wenn auch Veranstaltungen bis in die Nacht erlaubt seien, erzählen uns die Resonant-Mitglieder. Denn meist sind tagsüber – vor allem in den frühen Tagesstunden – nur wenig Gäst:innen bei den Open Airs, die die Kollektive mit ihrem Getränkekauf oder Spenden finanziell unterstützen könnten. Diese würden szenetypisch eher gen Abend kommen, teilen sie uns mit.
Ihr Urteil daher: „Wir glauben, für die meisten Kollektive, Vereine und subkulturellen Akteur:innen war dieses Konzept nie besonders attraktiv. Und der Hauptgrund liegt eben an der Uhrzeit.“ Dass auch die Kommunikation zwischen Ämtern und Kollektiven teilweise nicht reibungslos funktioniert, zeigt ein Beispiel aus dem Mariannenpark. Im Sommer 2023 hatte dort der Resonant e.V. sein zweites Open Air angemeldet. Anfangs lieft alles glatt: Schallschutzplan genehmigt, Anlage bestellt, Aufbau geplant.
Zwei Tage vor der Veranstaltung checkte das Kollektiv dann nochmals die Fläche. Was sie vorfinden: rund 15 Bienenstöcke – genau dort, wo laut Schutzplan die Anlage stehen soll. Eine Sachbearbeiterin war schlicht von der falschen Teilfläche des Parks ausgegangen. Kurzfristig kontaktierten sie den Imker. Bauzäune wurden ausgeliehen und mit Werbebannern bespannt, um die Flugrichtung der Bienen vom Publikum abzuschirmen. Kostenpunkt: 150 Euro – die niemand erstattet. Für Resonant zwischenmenschlich eine Nullnummer, kommentieren sie trocken. Das Open Air fand zwar statt, Bienenstiche gab es trotzdem – mindestens einmal jede:r vom Aufbauteam, laut Eigenaussage.
Ein anderes Publikum
Dennoch: Es wäre falsch nur von Resignation zu sprechen. Beide Kollektive freuen sich über das diverse Publikum, das durch die einfache Zugänglichkeit der Veranstaltungen einen Einblick in die Rave-Szene erhält. Denn nicht alle können sich den szenetypischen Schlafentzug am Wochenende oder die gestiegenen Eintritts- und Getränkepreise in Clubs leisten – genau für sie ist das Konzept eine klare Bereicherung. Trotz der Kritik und dem finanziellen Risiko bringt es Lpzg.Callin auf den Punkt:
„Der Gewinn, den man an mehr Publikum und an Niedrigschwelligkeit hat, überwiegt im Vergleich zu dem finanziellen Risiko.“
Auch Nils Fischer sind bereits mitwippende Rentner:innen und viele Kinder mit lustigen Ohrschützern bei den Open Airs aufgefallen – Menschen also, die man so im Club nicht antreffen würde. Der Sonderbeauftragte für Nachtkultur selbst wirkt dabei stolz auf das, was das Konzept geschaffen hat. Vielleicht ist es auch die eigentliche Stärke des Freiflächenkonzepts: die Szene wird nicht nur in die Legalität vermittelt, sondern öffnet sich schlichtweg für ein breiteres Publikum.
Die neue Messe als Hoffnungsanker
Für den Rest der Clubszene bleibt jedoch das Problem mit der Uhrzeit. Der Standort an der Neuen Messe / Alte Dübener Straße hätte eigentlich das sein können, wonach sich die Szene bisher sehnt – eine Open-Air-Location für die Nacht. Weit entfernt von Wohngebieten, in der Nähe die Autobahn und dazu mitten in der Einflugschneise des Flughafens Leipzig/Halle – wer sollte hier gestört werden?
Im Sommer 2024 wurden dort zwei Testveranstaltungen organisiert. Mit Erfolg, denn beschwert hat sich niemand, erzählt Fischer. Auch im vergangenen Jahr gab es zwei Veranstaltungen an der Alten Dübener Straße. Allerdings wurden die Schallprognosen im nächst-gelegenen Wohngebiet übertroffen. Es folgte das, was kommen musste: die ersten Anwohnerbeschwerden wegen eines Raves an der Neuen Messe. Bei einer Drum’n’Bass-Party war der Bass wohl zu stark und möglicherweise die Wetterbedingungen ungünstig, sodass laut Nils Fischer der Schall auch die längere Distanz zum nächsten Wohngebiet erreichte. Ein Umstand, der vorerst den Standort Neue Messe für weitere Nächte disqualifizieren könnte.
Zwar bestätigt uns Fischer, dass dieses Jahr getestet werden soll, ob bis um 24 Uhr gefeiert werden darf – doch von Seiten der Stadt sei keine komplette Nachtnutzung des Standorts mehr geplant. Die Veranstalter:innen reagieren darauf mit Enttäuschung: „Das ist schon ärgerlich, weil es ja der große Wunsch war, die Partys weiter in der Nacht laufen lassen zu können – schon bevor es diese Freiflächen gab“, meinen die Mitglieder des Lpzg.Callin-Kollektivs. Und der Resonant e.V. drückt seine Frustration wie folgt aus: „Da haben wir uns echt drauf gefreut und auch eine echt geile Veranstaltung gemacht, die sehr positiv in der Nacht verlaufen ist. Und eigentlich haben wir alle Messwerte eingehalten – aber es gab trotzdem Beschwerden.“

Was bleibt?
Vier Jahre nach der Einführung des Freiflächenkonzepts ist die Bilanz so widersprüchlich wie Bienenstöcke neben Subwoofern. 84 Veranstaltungen in drei Saisons hört sich nach viel an. Neben den theoretisch 52 möglichen Veranstaltungen an allen Wochenenden zwischen Anfang März und Ende Oktober ist dies allerdings nur eine Auslastung von weniger als 60 Prozent. Und trotzdem wurden 2025 zehn Anträge auf Veranstaltungen abgelehnt, da in der Abstimmung mit der Stadt kein passender Zeitpunkt zur Verfügung stand, teilt Nils Fischer mit. Dem gegenüber steht eine leichtere Zugänglichkeit für ein diverses Publikum, das sonst eventuell keinen Zugang zur Szene hat.
Es bleibt der Anschein, dass das Konzept an den weiträumigen Grenzen des Machbaren kratzt, ohne sie erweitern zu können. Das Grundproblem stellt nach wie vor den enge Zeitrahmen dar. Der Standort an der Neuen Messe war bisher der einzige Versuch, daran etwas zu ändern und wurde nach zwei Saisons nun teilweise wieder kassiert.
Dass das Konzept trotzdem fortbesteht und sogar als Vorbild für andere Genehmigungsverfahren gilt, wie Fischer betont, gehört zur Ambivalenz ebenso wie die berechtigte Kritik und Resignation der Veranstalter:innen. Der Resonant e.V. will deswegen keine Veranstaltung dieses Jahr im Rahmen des Freiflächenkonzepts organisieren. „Das ist am Ende einfach den Aufwand und das Risiko nicht wert“, erzählen uns dessen Mitglieder.
Lpzg.Callin blickt weiterhin hoffnungsvoll in die nächste Saison. Ihr Gefühl ist, dass sich in der Szene langsam ein Umdenken vollzieht – weg vom reinen Nachtprogramm, hin zu einem breiteren, niedrigschwelligeren Angebot. „Lass einfach mal Samstagmittag in den Park feiern gehen – und dann um zehn oder elf noch mal in den Club“, so das Kollektiv. Ob das eine echte Kulturverschiebung ist oder bloß eine Anpassung an das, was gerade eben möglich ist, bleibt abzuwarten. Das Leipziger Freiflächenkonzept bleibt ambitioniert genug, um eine Alternative anzubieten, aber noch nicht ausreichend umfangreich, um die komplette Szene einzufangen.
Header-Foto: Nils Fischer
How to: Open Airs in Leipzig – eine Info-Verstaltung
Ihr wollt selbst ein Open Air auf den legalen Flächen der Stadt Leipzig veranstalten? Am 15. April 2026 bietet der Nachtrat Leipzig in der Café-Bar Drei der Münze eine Info-Veranstaltung an. Ab 18 Uhr beantwortet ein Mitarbeiter vom Leipziger Amt für Stadtgrün eure Fragen. Eine Anmeldung ist nicht nötig, einfach kommen.
