Der „Freund der Familie“ – dies ist nicht nur ein Ausdruck aus dem dem Film „Der Pate“. Er steht ebenso für ein Künstler-Duo, das seit fast 20 Jahren eigene Musik und die Musik anderer Artists auf dem hauseigenen Label mit dem gleichen Namen veröffentlicht. Wir wollten einmal mehr über diesen Freund der Familie erfahren.

Das Label Freund der Familie steht für (oft limitierte) Vinyl-Auflagen von „somehow deep electronic music“. Häufig wird das Label und der Künstler FDF dem Genre Dub-Techno und der Stadt Berlin zugeschrieben. Dass das zwar irgendwie grob richtig, aber im Detail auf keinen Fall das ganze Bild sein darf, konnten wir in einem sehr netten Gespräch im Freund-der-Familie-Studio in – by the way – Leipzig klären. Wir haben uns mit Klaus Rakete – einem der Betreiber von FDF – zusammengesetzt, denn wir hatten da mal ein paar Fragen.
Wer das Interview lieber hören mag, kann auch direkt in unseren „Deep Talk“-Podcast, einem neuen Interview-Format unserer Radio-Show „New In Radio“ switchen. Und am Ende dieses Text-Interviews findet ihr noch einen exklusiven Spot-on-Mix von Klaus Rakete.
Nils: Ich bin heute im Freund-der-Familie-Studio. Wir haben uns hier verabredet, um uns mal von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten. Ich habe auf jeden Fall viele Fragen, die mich auch persönlich interessieren. Fangen wir doch einfach mal an: Mit wem sitze ich denn heute hier?
Klaus: Hallo, danke dass ich hier sein darf. Ich bin Klaus Rakete und betreibe das kleine Indie-Label Freund der Familie gemeinsam mit Mirko Drommer, der heute leider nicht dabei sein kann. Das Label gibt es seit etwa 2006/2007. Davor waren wir schon musikalisch verbunden. Mit dem Label haben wir uns der Musik auf Vinyl verschrieben – der Haptik wegen. Anfangs wollten wir einfach nur ein Label für uns haben. Deshalb war die erste Veröffentlichung auch eine Platte mit einem relativ alten Track von uns – auch für damalige Verhältnisse. Das war ein Track von 1998/1999, den wir 2006 mit einem Remix von Sven Weisemann pressen ließen. Wir dachten damals: Das ist jetzt der Gipfel. Wir haben eine Platte rausgebracht, das Geld investiert, das war’s. Die Platte war dann aber tatsächlich relativ erfolgreich. Mathias Kaden hat sie damals auf dem Nachtdigital-Festival gespielt.
Nils: Wow! Das war dann auch 2006?
Klaus: 2007. Und das war echt ein Erweckungsmoment. Wir dachten eigentlich, das ist eine Nischenplatte – nur für uns oder für ein paar Freaks. Und dann hat er die gespielt, den Leuten hat es gefallen, sie haben getanzt und auch nachgefragt. Da haben wir gedacht: Vielleicht könnte man da doch weitermachen.
Nils: Okay, nochmal ganz kurz zwischengefragt. Wart ihr da, als er die gespielt hat?
Klaus: Ja.
Nils: Okay. Wie hat sich das angefühlt? Wusstet ihr, dass er sie spielt?
Klaus: Nein. Es gab zwar eine Verbindung zu Mathias, weil wir immer mal in Jena waren. Wir kommen ursprünglich aus Südwest-Sachsen bei Crimmitschau und sind regelmäßig ins Fat Plastics in Jena gefahren (Plattenladen für elektronische Musik – Anm. der Redaktion). Wir kannten damals auch Mathias Kaden, Marek Hemmann und so. Und weil es die Platte auch im Fat Plastics gab, hat Mathias sie bekommen. Dass er sie spielen würde, wussten wir nicht. Wir standen dann in der Nähe der Bühne, haben die ersten Takte gehört und uns nur ungläubig angeguckt: Das kennen wir doch irgendwo her! Es war später Abend, beim Sonnenuntergang – er hat die Platte gespielt, und das war richtig cool. Das war der eigentliche Startpunkt für Freund der Familie. Vorher war das nur für uns beide. Wir wollten eine Platte rausbringen, weil wir es cool fanden, unsere Musik mal auf Vinyl zu haben. Punkt. Und ab dem Moment, an dem wir gemerkt haben, dass das etwas transportiert und auf dem Floor funktioniert, haben wir gedacht: Why not? Machen wir doch einfach weiter.

Nils: Cool! Was war das für eine Auflage, die ihr damals veröffentlicht habt? Weißt du das noch?
Klaus: Wir haben von der ersten Vinyl 500 Stück gemacht und alle selbst gestempelt. Das war damals die Zeit. Wir haben uns ein bisschen am Label Mojuba aus Berlin orientiert, die ihre Platten auch gestempelt und das Do-it-yourself gemacht haben. Auf unserer ersten Vinyl war ein Roboter gestempelt. Die Platten waren nummeriert von 001 bis 499 und gingen relativ schnell weg – das ging damals noch. Wir hatten allerdings nicht damit gerechnet. Es wäre auch okay gewesen, wenn wir nur 100 oder 50 oder 10 Stück verkauft hätten. Das war einfach ein Herzensding. Wir wollten die Platte rausbringen und es wäre auch nicht schlimm gewesen, wäre es dabei geblieben.
Nils: Okay! Aber da die Platte sich so gut verkauft hat und es so gute Resonanz gab, habt ihr gesagt, wir machen jetzt hier weiter und legen die Nummer 2 und die 3 und die 4 nach?
Klaus: Oft produziert man die coolsten Tracks, wenn man nicht darüber nachdenkt – die entstehen meist auch relativ schnell. Man skizziert sie an einem Nachmittag und dann passt es. So war das auch mit der zweiten Nummer. Den Track haben wir an einem Wochenende produziert, als wir verkatert ein bisschen rumgeklickt haben. Einen Tag später haben wir gedacht: Ey, das ist ja richtig cool, das funktioniert! Dann haben wir die Jungs von Taron-Trekka aus Jena kennengelernt und gesagt: Macht doch mal einen Remix für uns. Die zweite Platte war noch erfolgreicher als die erste, die lief überall. Das war wie ein Selbstläufer – und FDF ist immer ein bisschen mehr gewachsen. Als wir zu unserem Vertrieb Word and Sound gekommen sind, war es schwer für uns. Die wollten natürlich wissen, wohin die Reise geht, und haben uns gefragt: Schickt uns doch mal eure nächsten drei Releases. Das konnten wir nicht. Wir haben gesagt: Wir schicken euch erstmal den nächsten Release, der Rest ist offen – wir wissen es selbst nicht. Wenn etwas Cooles kommt, bringen wir es raus. Wenn nicht, kann es auch sein, dass es ein Jahr lang gar nichts gibt. Vertriebe wollen ja immer ein bisschen Planungssicherheit. Das war schwierig für uns, weil wir nie einen Plan hatten. Wenn ein Track da oder ein Remix cool war, haben wir was zusammengebaut und veröffentlicht. Alles ohne Druck und ohne krassen Fahrplan. Wenn wir beim Presswerk bestellt haben – und Wartezeiten gab es logischerweise schon immer – hat es zwei, drei Monate gedauert, bis die Testpressungen da waren, und dann war auf einmal Weihnachten oder Neujahr. Wir haben gemerkt, dass es blöd ist, die Platte jetzt rauszubringen, also mussten wir oft noch ein Vierteljahr warten. Wir haben nie vorher geguckt, wann der perfekte Slot ist, ob jetzt Festivalsaison ist oder Clubsaison Richtung Herbst. Wir haben es einfach rausgebracht.

Nils: Kannst du einschätzen, warum die ersten Platten so erfolgreich waren? Habt ihr da irgendwie so einen Zeitgeist getroffen?
Klaus: Das kann ich gar nicht beantworten. Wenn es nach dem Zeitgeist geht: Damals kam ja eher Minimal Techno hoch, Minus und sowas. Davon waren wir schon weit weg. Benennen kann ich das nicht. Wie gesagt, wir haben mit den Platten nie etwas verfolgt – wir haben die Musik gemacht, die uns gefallen hat.
Nils: Ja, voll. Es ist sicher auch wichtig, dass man gut dahinterstehen kann. Du hast im Vorgespräch zwei Dinge erwähnt, die mich interessieren. Einerseits hast du gesagt, dass ihr damals in Berlin gelebt und dort aktiv wart. Zum anderen bringen euch die Leute oft mit dem Genre Dub-Techno in Verbindung. Wie viel Dub-Techno und wie viel Berlin steckt denn eigentlich in Freund der Familie?
Klaus: Berlin sehr, sehr viel. Weil Freund der Familie da groß geworden ist und weil wir uns dort auch clubmäßig sozialisiert haben. Als ich 2003/2004 nach Berlin gekommen bin, war das eine ganz andere Welt: die ganzen Clubs, der Hedonismus, dass man sich da ausleben kann. Das war sehr wichtig – auch fürs Label.
Nils: Was waren das für Clubs damals?
Klaus: Das waren das Ostgut, das Berghain, das Watergate – als da am Anfang noch Drum & Bass lief. Später dann das About Blank, die Renate, das Horst Kreuzberg, falls das noch jemandem was sagt. Das war eine richtig geile Nummer, da haben wir auch Labelnächte gemacht. Das gab es nirgends sonst. Ich bin in diesem Umfeld groß geworden und finde das sehr cool und wichtig für die Musik. Du hast den Einfluss aus der ganzen Welt bekommen, und das konnte man immer aufs Label übertragen.
Und zu der Frage, wie viel Dub-Techno bei uns drinsteckt: Von außen betrachtet würde ich sagen, es steckt viel drin. Die ersten Releases kamen alle aus der Ecke. Aber persönlich würde ich sagen, es ist viel mehr, weil wir auch in die Dubstep-Ecke gegangen sind und technoidere Sachen gemacht haben mit den FDF-Raw-Releases. Ich verstehe, dass wir von außen als Dub-Techno-Label wahrgenommen werden. Wir selbst würden das nicht sagen, wir sind da offener. Es gibt FDF Soul, das ist mehr House. Es gibt die Techno-Sachen auf FDF Raw. Mit Even Drones haben wir eine Doppel-LP gemacht mit Cinematic Listening Stuff und Drum & Bass. Die 7-Inches auf FDF Dubs sind Roots Reggae. Ich finde, das ist schon ein breites Spektrum. Aber jemand, der von außen guckt und sich fünf Releases anhört, sagt vielleicht: Ja, das ist Dub-Techno, und gut.

Nils: Ich hätte hier eine Anschlussfrage zu den – ich nenne sie mal – Unterlabels mit den leicht kryptischen Bezeichnungen für die verschiedenen Spielarten elektronischer Musik. „Dubs“ hattest du gerade angesprochen, das sind die 7-Inches. Die „Grau-Serie“ hätte ich jetzt hier mal noch notiert. „FDF Raw“, was dann eher technoidere Sachen sind. Ist das wichtig für euch da zu unterscheiden und es auch so zu betiteln? Oder ist das eher so eine Spielerei? Soll das vielleicht auch ein Anhaltspunkt sein für Kaufende?
Klaus: Dass wir alles so beamtenmäßig katalogisieren, kompensiert ein bisschen die Planlosigkeit, die wir bei den Releases haben. Es gibt ein Raw-Fach, ein Soul-Fach, ein Dubs-Fach. Die Einordnung war mir zumindest immer wichtig: Ist es eine housige Platte, dann FDF Soul; ist es mehr Techno, dann FDF Raw. Das unterscheidet sich natürlich auch visuell bei den Artworks. Es sollten aber keine Sublabels sein, weil du dann irgendwann zehn Sublabels hättest. Es sind eher Serien, und das fand ich persönlich immer wichtig. So bin ich aufgewachsen – dass Platten als Serien veröffentlicht wurden, Nummer 1 bis 5 oder 1 bis 8 oder wie auch immer. Sven Weisemann macht das seit ca. zehn Jahren auf Mojuba. Er macht acht Vinyls, die zusammengelegt ein großes Cover ergeben. Er sagt immer, das ist sein Rentenvertrag. Wir haben das mit den FDF-Raw-Platten auch gemacht: Die ersten vier kannst du zusammenlegen und hast ein Bild. Wie Sammelbildchen oder ein Bravo-Starschnitt, den man sich Woche für Woche zusammengeklebt hat.
Nils: Ich habe mir in der Vorbereitung auf dieses Gespräch den Info-Text von Thaddeus Herrmann durchgelesen auf eurer Website. Du hast im Vorgespräch erzählt, wer Thaddeus Herrmann ist und was der für eine Connection zu euch hat. Vielleicht willst du das nochmal ganz kurz wiederholen?
Klaus: Der liebe Thaddeus Herrmann war Chefredakteur der De:Bug, einem langjährigen Musikmagazin aus Berlin. Er hat uns seit der ersten Platte begleitet. Wir hatten auch Werbung in seinem Magazin, und er hat immer Reviews zu unseren Platten geschrieben. Auf Radio Fritz hatte er jahrelang eine Sendung mit Heiko Hoffmann, da waren wir ein paar Mal zu Gast. Er hatte ein wenig einen Narren an uns gefressen, fand die Musik halt cool. Er hat irgendwie verstanden, was wir machen, und das immer sehr wohlwollend kuratiert. Als wir unsere Website neu gemacht haben, war es für uns nur logisch, Thaddeus um einen Promotext zu bitten. Nichts Glattes, sondern etwas Persönliches von jemandem, der uns kennt. Er hat sofort zugesagt: Kein Problem, gebt mir zehn Minuten, ich schreibe euch was. Und er hat einen sehr liebevollen Text geschrieben, wie ich finde.
Nils: Auf jeden Fall! Das ist mir auch aufgefallen. Ich würde vielleicht mal kurz was zitieren. Also er hat hier etwas von einem „labour of love“ geschrieben. Ist das ein „Labor der Liebe“?
Klaus: Nee, „Labour“ bedeutet Arbeit.
Nils: Ah, okay, okay (lacht). Also mir ging es glaube ich vor allem um die „Love“ in diesem Satz. Mir ist aufgefallen, dass es in dem Text Ausdrücke wie Liebe und Freundschaft fallen. Sind das die Sachen, die den Kern abbilden von FDF und die das Label ausmachen?
Klaus: Aus meiner Freundschaft zu Mirko ist das Label entstanden. Sonst wäre das nie passiert, und daran wird sich auch nie etwas ändern. Das hat sich auch aufs Label übertragen. Wir haben zum Beispiel mit keinem Künstler einen Vertrag. Ich wüsste gar nicht, wozu – vielleicht um Samples zu klären, ansonsten brauchen wir das nicht. Wir kommunizieren offen, dass FDF ein Indie-Label ist, das existiert, um sich zu finanzieren, und dass keine Gewinnabsicht dahintersteckt. Wenn bei einer Platte ein 50er übrig bleibt, ist das cool, aber das wandert nicht in unsere Tasche, sondern zum NABU oder in die nächste Platte. Und das kommunizieren wir den Künstlern auch so. Die bekommen auf Wunsch ein Royalty-Statement, in der Regel sagen sie aber: Behalt die 20 Euro, mach die nächste Platte damit. Es gibt keinen Grund für einen Vertrag wegen irgendwelcher Geldabsprachen. Wenn jemand eine Platte bei uns macht, ist das für die Artists auch eine Visitenkarte. Es ist ein Geben und Nehmen, und das funktioniert nur mit Artists, die auf unserer Wellenlänge sind. Deshalb telefoniere ich oft mit denen oder treffe mich mit ihnen, wenn es geht. Selbst in der E-Mail- oder Chat-Kommunikation kriegst du ja mit, wie jemand drauf ist. Nur wenn das passt, geht es in die nächste Phase. Es gab durchaus Vorgespräche, die gescheitert sind – nie mit bösem Blut, aber man merkt nach einer Weile, ob es passt oder nicht. Manchmal gibt es auch Erwartungen, wo jemand sagt: Ich hätte gern 10.000 Euro. Dann sage ich: Naja, von mir nicht, das geht nicht. Sorry. Wir sind nicht bei Sony. Das ist ein Independent-Label, das sich selbst trägt.

Nils: Noch eine Sache aus dem Text, den ich hoffentlich richtig übersetze. Ich zitiere: „A labour of love focusing on the sometimes heavily pumping, sometimes gently pulsing heritage of the golden era“. Ihr bezieht euch auf eine goldene Ära? Im Hip-Hop sind das die 90s. Wie ist das bei euch? Sind das auch die 90s?
Klaus: Ja. Das beste Beispiel ist die Grau-Serie – eine Hommage an die Platten von Basic Channel, Chain Reaction und Maurizio. Über Chain Reaction, Basic Channel und so weiter bin ich überhaupt erst zu dieser Musik gekommen. Als ich jünger war, habe ich eher härteren Techno gehört. Surgeon, Counter Balance, CLR, die frühen Sachen.
Nils: CLR ist Chris Liebing, oder?
Klaus: Chris Liebing, ja. Was vorher Audio Recordings war. Ich bin dann um die 2000er herum auf dieses Erbe gestoßen, auf den frühen 90er-Sound. Maurizio – die M7, M5, M4. Das sind für mich extrem zeitlose Platten, die schon damals so viel transportiert haben. Ich bin tatsächlich zu jung, um das in den 90ern bewusst erlebt zu haben, und kam erst Ende der 90er zu der Musik. Aber für mich gehören diese Platten eigentlich in ein Museum, das ist so unerreicht. Alles, was ich tue oder andere in der Dub-Techno-Szene tun, ist nur eine Kopie. Die haben der Musik ihren Stempel aufgedrückt, und alles, was danach kommt, sind nur Abgüsse davon. Das kannst du nicht nochmal anders oder neu machen. Die haben damals einen Sound kreiert, der so unique war, und das hat mich extrem mitgenommen. Ich habe die Musik gehört, fand sie geil, habe angefangen, Musik zu produzieren – und dann gemerkt: Irgendwie klingt das wie damals.
Nils: Mit der „Grau“-Serie ist euch das mit dem Sound auf jeden Fall gut gelungen, würde ich sagen. Apropos: Thema Vinyl! Ihr veröffentlicht alles auf Vinyl?
Klaus: Ja.
Nils: Okay. Vinyl only?
Klaus: Wir haben einen einzigen reinen Digital-Release: Remixes, die wir im letzten Jahr herausgebracht haben. Ansonsten alles auf Vinyl. Ob Vinyl-only, entscheiden die Artists. Wir fragen vorher: Willst du das digital haben oder nicht? Dann gibt es immer noch die Unterscheidung Bandcamp-only, und auch bei den Streaming-Plattformen können die Artists aussuchen, wo es erscheint.
Nils: Okay. Wie stehst du jetzt persönlich so zum Thema Streaming?
Klaus: Wenn Streaming fair bezahlt würde, kein Ding. Und damit ist man eigentlich schon am Ende, darüber kann man stundenlang diskutieren. Wir haben den FDF-Katalog zum Beispiel komplett von Spotify runtergenommen. Das war mir echt zu krass, wenn der CEO in Militär-KI investiert. Irgendwann ist auch eine Grenze erreicht. Es ist immer die Frage: Wo fängst du an, wo hörst du auf? Auch der ökologische Aspekt von Vinyl ist ja nicht ohne. Wir spenden zum Beispiel pro Platte einen Euro an den NABU, weil wir mit den Pressungen einen Fußabdruck hinterlassen – also versuchen wir, da etwas zu kompensieren. Wie gesagt: Wenn Streaming fair bezahlt wäre, ist das cool. Du hast deine Musik und bringst sie direkt auf eine Plattform, erreichst damit viele Millionen Menschen, und es ist einfach der Zeitgeist. Aktuell gibt es ja im Grunde nur noch Streaming und Vinyl. Alles andere – Musikkassetten, CDs – ist weg. Vinyl wächst, und Streaming wächst.
Nils: Und was ist mit einer Plattform wie Bandcamp? Die bezahlen ja relativ fair kann man sagen. Mit der App kann man auch relativ gut Musik streamen, die man vorher gekauft hat. Allerdings muss man das Geld erstmal in die Hand nehmen und da sind wahrscheinlich die wenigsten heutzutage bereit oder vielleicht auch nicht in der Lage.
Klaus: Bandcamp ist für uns extrem wichtig, weil wir damit fast den halben Umsatz machen. Die Gemeinde wächst dort, auch weil wir exklusive Spezialeditionen anbieten. Und weil das Geld fast zu 100 Prozent bei uns bleibt, ist es für ein Indie-Label natürlich einfacher. Wenn es die Seite nicht mehr gäbe, wäre das wirklich ein Schlag. Bandcamp ist eine richtig geile Plattform mit einem richtig guten Konzept.
Nils: Verkauft sich euer Vinyl eigentlich konstant gut?
Klaus: Wir verkaufen unsere Vinyls tatsächlich konstant. Releasebedingt gibt es natürlich Schwankungen – die eine Platte kommt besser an, die andere nicht. Aber es gab nie einen Aufwärts- oder Abwärtstrend. Es gibt auch Platten, die einfach eine lange Halbwertszeit haben. Das ist nicht mehr wie früher, wo eine Single nach drei Wochen ausverkauft sein musste. Die darf auch mal zwei, drei, vier Jahre liegen, weil die Musik zeitlos ist und auch in fünf Jahren noch funktioniert.
Was wir mitkriegen: Viele junge Leute, die vor Jahren von CDs und Platten zum Streaming gewechselt sind, kommen jetzt wieder zurück zum Vinyl. Das merken wir auch in Plattenläden, wenn man ein bisschen beobachtet. Am Ende geht man einfach mit der Zeit. Es gibt Streaming, und wir nutzen das natürlich – es ist ja cool, wenn alle unsere Musik überall hören können. Aber bei der Bezahlung ist noch Luft nach oben.

Nils: Sehe ich auch so. Du hast erwähnt, dass ihr über Bandcamp exklusive Editionen verkauft. Das Phonocentrum in Leipzig scheint auch ein Ort zu sein, wo wir beide gerne öfter mal sind. Hier kann man eure Platten auch immer zuerst kaufen. Ist das Phonocentrum ein kleiner Exklusiv-Spot für eure Vinyls?
Klaus: Ja, auf jeden Fall. Wir haben uns mittlerweile drauf geeinigt, dass die neuen FDF-Releases dort als erstes landen. Es ist ein cooler Laden, und ich kann es nur empfehlen, da hinzugehen – egal, ob man was mit Vinyl zu tun hat oder nicht. Einfach um zu erleben, wie es dort ist und wie man miteinander umgeht. Und selbst wenn man nur einen Kaffee trinkt und ein gutes Gespräch hat, das muss nicht mal unbedingt um Musik gehen. Daniel (Inhaber des Phonocentrums – Anm. der Redaktion) ist einer der wenigen Menschen, der das einfach sieht: Es kommt jemand in den Laden, und er sieht sofort, welche Platte derjenige jetzt kauft. Und es stimmt zu 90 Prozent.
Nils: Ja, total. Man findet immer irgendwas. Haben wir vorhin ja auch schon festgestellt.
Klaus: Er hat jüngst auch den Deutschen Schallplattenpreis, den EMIL!, gewonnen.
Nils: Ich habe gehört du kaufst auch ganz gerne manchmal Platten da. Eventuell auch wegen des Covers. Was findet man denn da sonst noch so außer eure Platten?
Klaus: Im Phonocentrum findet man grundsätzlich alle Genres. Daniel hat auch eine große Klassikabteilung, die sehr gut besucht wird. Das ist schon sehr besonders. Aber ich persönlich habe mich auf weirde 7-Inch-Covers spezialisiert. Da geht es gar nicht groß um die Musik, sondern eher ums Cover. Weil das lustige Cover sind. Auch Sachen, die gar nicht mehr die Political Correctness haben, die sie haben müssten heutzutage. Ich finde es aber gut diese Sachen zu diggen und da einfach reinzuspringen. Das ist immer wie vom 3-Meter-Turm springen. Da weißt du auch nicht so richtig, was kommt jetzt dabei rum. Es sind immer neue Platten da und da kann ich mich stundenlang drin verlieren. Also wo andere jetzt angeln gehen oder Briefmarken sammeln oder Fußball spielen, suche ich verrückte 7-Inch-Cover.
Nils: Wo steht dir denn jetzt gerade aktuell? Der Act „Freund der Familie“ hat ja schon seit Längerem keine EP oder LP veröffentlicht, oder?
Klaus: Wir haben letztes Jahr zwei Remixes für das Label Abstract Architecture von Satoshi Tomiie gemacht. Unser letztes Album haben wir 2018 rausgebracht. Ich meine, das erste Album hieß Alpha, das zweite Omega – damit haben wir Anfang und Ende eigentlich schon vorweggenommen. Es kann durchaus sein, dass wir noch einmal ein Album rausbringen, aber auch hier haben wir – wie bei allem anderen – keinen konkreten Plan. Was soeben rauskam, war das Album von Jakob Mäder auf unserem Sublabel Paradijs Boogie. Und die nächste Dubs macht Sven Weisemann, das kann ich schon sagen.
Nils: Der hat ja auch schon ein paar Sachen bei euch gemacht, oder?
Klaus: Ja, den könnte man noch erwähnen, einfach um die Props weiterzugeben. Sven ist von Anfang an dabei und hat für fast jede Platte von uns das Mastering gemacht. Er ist mittlerweile bekannt für sein Mastering. Er gibt uns auch Tipps: Hör da mal rein, hör dir das mal an. Außerdem ist er ein guter Freund, und ohne ihn wäre das alles mit FDF so nicht passiert. Er hat den ersten Remix für die erste FDF-Platte gemacht, und seitdem kennen wir uns. Er ist eigentlich auch ein Freund der Familie – wenn man das so sagen kann.
Nils: Wo kommt das überhaupt her, der Name? War der auf einmal da?
Klaus: Ich glaube, den hat ursprünglich Mirko ins Spiel gebracht – er stammt aus dem Film „Der Pate“. Der kleine Roboter auf unseren Platten ist ja auch ein Freund der Familie. Den hat Cheslo – der Leipziger Künstler Friedemann Lichtenthal – für uns designt. Er hat den Freund der Familie als Roboter visualisiert, der dir im Alltag hilft. Wie ein Küchenmixer oder ein Staubsauger.
Nils: Apropos Artworks: Die sind ja schon immer sehr ausgefeilt bei euch. Macht ihr die selber?
Klaus: Die ersten gestempelten FDF-Platten hat Friedemann gemacht – er hat natürlich auch die Robis gezeichnet. Aber beispielsweise Grau oder die Platte von Mathimidori habe ich selbst gemacht. Ich habe Medientechnik und Grafikdesign studiert und bin in den letzten Jahren dazu übergegangen, die Designs selbst zu machen, weil es mir Spaß macht.
Nils: Okay sehr schön! 1.000 Dank, sage jetzt einmal! Irgendwelche abschließenden Worte?
Klaus: Vielen Dank für die Möglichkeit und dass ihr hergekommen seid.
Nils: Das ist ein schöner Ort hier auf jeden Fall also ich habe mich direkt sehr wohlgefühlt.
Spot on – in the mix: Freund der Familie
Und zusätzlich zu unserem Interview steuern Freund der Familie noch einen exklusiven Mix mit einigen ihrer Favourite-Tracks bei. Wir sind sehr beseelt.
Hier auch noch die Tracklist:
Linkwood Family – Skit (Firecracker Recordings) // Intro
Less J – Soul To South (Island Issues)
Moomin – Loop No. 1 (Closer)
Daso – Why Try (Fred P Reshape) (Nsyde Entertainment)
Session Victim – Broken Coast feat. Viken Arman (Delusions Of Grandeur)
The Coastal Commission – Rhodes Through Space (Pacific Coast House Recordings)
Seidensticker – B2 (Lowtec Extended Mix) (Out To Lunch)
??????
Kenlou – The Bounce (MAW Records)
Ron Trent & Chez Damier – Morning Factory (Atjazz Extended Remix) (Not On Label)
Mood II Swing – I Need Your Luv (Right Now) (Lem’s Church Mix) (Eightball Records)
Kristy Harper – Blissful Denial (Sloth Boogie)
Unknown Artist – Smooth (Paradise Pizza)
