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Friederike
Friederike beschreibt sich ungern kompakt in einem Dreizeiler. Dazu ist das Leben zu vielfältig und das Wort zu groß. Ein paar Konstanten gibt es doch – die elektronische Musik und das Schreiben, beides facettenreich.

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Hommage an die Komfortzone – Mauro Caracho

01. September 2018 / Kommentare (0)

Gamal aka Mauro Caracho lebt seinen Traum. Er ist DJ, Resident, Labelbetreiber und Booker. Wie es dazu kam, was ihn und seinen Sound auszeichnen, haben wir in einem Interview erfahren. Als passende Lesebegleitung zum Portrait empfehlen wir sein Set „It‘s been a while!“.

„Ich weiß zwar nicht, was es über mich zu schreiben gibt, aber klar“, so lautete Gamals Antwort auf die Interviewanfrage für frohfroh – nur wenige Tage nach seinem Gig im Berghain. Eine Woche später erwartet er mich im weißen Sweater und schwarzer Feel Good-Hose im Vary. Gastfreundlich kümmert er sich um Getränke, um den perfekten Platz, geht zum Tresen, plauscht kurz mit den Vary-Leuten. Er agiert leichtfüßig, wirkt souverän. „Ich bin voll aufgeregt“, sagt er, als er sich hinsetzt und zur Ruhe kommt.

Der sportive Street-Style lässt heute nichts mehr von der Zeit als dreizehnjähriger Trance-Boy erahnen – außer vielleicht das Jersey-Beinkleid als Huldigung der 90er. Mit Plateaus, aufgestellten Haaren, Piercings und Schlaghosen waren das Gamals erste Berührungspunkte mit elektronischer Musik. Nach zwei Jahren zog es ihn kurz in die Rockszene, um vor sechs Jahren nach seinem Studium wieder zum zarten, zukunftsbejahenden Genre zurückzukehren. Über all die Jahre und unterschiedlichen Richtungen sammelte Gamal Musik. „Ich war schon immer Musik-Nerd, kannte die Labels, die Künstler, die Tracks, habe mir das alles gemerkt und gesammelt.„

Das zweite Kapitel seiner Feierzeit – diesmal ohne Schlaghosen – verlief nun weniger temporär: „Dann habe ich die Fäncys entdeckt, oder besser gesagt, die Fäncys haben mich entdeckt.“ Er wollte nicht mehr nur das konsumieren, was andere erschaffen, sondern half beim Auf- und Abbau der Fäncy-Partys – jene überschaubaren, familiären Veranstaltungen mit Privateinladung, die vor vier Jahren noch in engen Kellerräumen, Abrisshäusern oder staubigen Dachgeschossen passierten.

Zum ersten Crew-Meeting traf er auf fünfzehn unterschiedlich durchgeknallte Leute und fühlte sich wohl. Die Partys wurden größer, die Deko bunter, Mauro Caracho begann aufzulegen: „Martin sagte irgendwann: ‚Wir machen nächste Woche eine Party, du legst jetzt einfach mal auf, du hast so viel Musik.‘ Der hat mir dann einen Controller ausgeliehen. Wie ich so bin, habe ich dann täglich drei Stunden zu Hause aufgelegt.“

Nach zwei Jahren fragte das erste Mal die Distillery an. Wie hast du das erlebt?

„Nach zwei Jahren Auflegen ist es super zeitig, in einen Club, wie die Tille eingeladen zu werden. Der Club bedeutet für mich auch sau-viel. Ich bin gebürtiger Leipziger, meine Mutter war in der Tille feiern. Hans, der alte Grillmann, war jahrelang mein Stiefvater. Als dann der Ruf aus der Tille kam, waren wir alle super aufgeregt. Wenn man realisiert, dass das echt was werden kann. Als wir dann nach einem Jahr sogar Residents wurden, hat mir das die Ernsthaftigkeit gezeigt. Es ist eben nicht nur Jux und Tollerei, sondern das kann ja wirklich was werden.

Ich versuche immer, es nicht zu sehr zu forcieren und hatte bisher das Glück, dass es von alleine ging. Natürlich habe ich Erwartungsdruck und einen Anspruch an mich selbst. Die ersten Male vor dem Auflegen in der Tille habe ich regelmäßig gekotzt – vor Aufregung. Ich will Sachen gut machen und steigere mich dann auch rein, ich saß tagelang vorher da und fragte mich: Was kann ich spielen, was kann ich mal besonderes machen.“Platten-Handwerk versus USB-Stick – du lebst die digitale Freiheit beim Auflegen. Existieren dazu kritische Stimmen?

„Ich bewundere es, wenn Leute mit Platten auflegen können. Aber das ist nicht die Form, wie ich mich als DJ verstehe. Ich spiele Musik, damit die Leute dazu tanzen. Daran wird es doch gemessen, nicht an der Art und Weise, wie ich das mache. Wenn bei mir am Ende alle im Raum tanzen und eine sau-gute Zeit haben, dann fragt keiner mehr, ob ich eine Platte oder MP3 gespielt habe.

So habe ich viel mehr Freiheiten beim Auflegen. Ich bin viel variabler, weil ich viel mehr Musik mitnehmen kann. 1.600 bis 1.700 Lieder habe ich dabei. Darüber dann den Überblick zu behalten, ist meine Aufgabe. Ich gehe mindestens einmal pro Woche ins Atelier, um dort drei bis vier Stunden aufzulegen – immer wieder durchhören, immer wieder radikal aussortieren, immer wieder Selbstkontrolle. Die Lieder habe ich in 40 Ordner eingeteilt, so wie ich Musik höre – Afrobeat, Weltmusik, Elektronische und Nichtelektronische Musik zum Beispiel. Dann gibt es noch Ordner mit aktueller Musik der letzten drei Monate, die ich mir gerade gekauft habe und die ich gerade in der Rotation habe.“

In deinen Sets schwingt immer etwas Sphärisches mit. Kannst du erklären, woher das kommt?

„Wahrscheinlich weil ich eine verträumte Meise habe. Früher fand ich schon Trance geil. Es ist schwierig, mich in ein Genre einzuordnen, weil ich immer das spiele, worauf ich gerade Bock habe. Das kann dann schon quer durch den Gemüsegarten gehen. Die verträumten Flächen ziehen sich allerdings durch.“

„Ich mag emotionale Musik, die etwas auslöst.“

„Auch wenn ich funktionale Musik verstehe und verstehe warum Leute das mögen. Ich selbst brauche aber das Emotionale und das kommt eben durch die Flächen und verträumten Sounds.“

Dein Sound wirkt heute harmonischer und erwachsener. Wie hat er sich nach fünf Jahren verändert?

„Ich habe seit einem halben Jahr das Gefühl, dass ich endlich ankomme, auch mit meinen Fähigkeiten. Eigentlich ist alles super jung. Darum ist es schwer, selbstvertraut zu sein. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass mein Sound nicht einzuordnen ist. Ich ruhe mehr darin und setze mehr Vertrauen in den Sound.

Einerseits weil ich mittlerweile die Anerkennung bekommen habe, andererseits weil ich es auch selbst abfeiere. Das ist meine Prämisse und mein Auswahlkriterium bei den Tracks. Selbst wenn ich denke, der Track könnte funktionieren – wenn sich bei mir nichts regt, fliegt er weg. Dort steckt auch die Grundidee dahinter, dass ich endlich mal die Musik spielen kann, auf die ich Bock habe und derjenige bin, der im Raum am meisten ausrastet – eben weil es meine Musik ist.

Gerade stehe ich auf Afrobeats – das ist auch gerade der Zeitgeist. Die lassen sich gut mit meinem organischen Sound verbinden. Ich stehe aber auch auf Roman Flügel Sounds – DeepHouse, TechHouse oder Techno. Tracks, die viele Höhen haben – die dir eigentlich deinen Verstand kaputt machen. Genauso mag ich fette Bassflächen. Prinzipiell muss es sich gut anfühlen – das ist meine Prämisse.“

Wie entscheidest du dich, welches Genre du spielst? Ist es situativ, vom Club, vom Publikum abhängig oder nur von deiner eigenen Stimmung geprägt?

„Beides. Es ist natürlich auch die Stimmung, die ich versuche aus den Leuten zu lesen. Der Club macht 10 % aus, die Stimmung der Leute 50 %, der Rest meine Stimmung. Die Idee, die ich von einem DJ-Set habe, ist gleich: Leute abzuholen, dazubehalten und im besten Fall ein bisschen zu hypnotisieren.

Dabei will ich sie aber auch immer mal in Feier-Ekstasen lassen. Darum lege ich auch gern allein auf. Dann habe ich die Chance eine Geschichte zu erzählen. Den Tänzer auch mal zu nerven, die Spannung auszureizen, um ihn dann auch wieder zu erlösen. B2B lege ich aber auch super gern auf. Dabei kann man sich inspirieren lassen und in eine Ecke kommen, in die man von allein nie vorgedrungen wäre.“Wie wichtig ist eine Crew heutzutage im DJ-Business?

„Es gibt so viele DJs heutzutage. Die Möglichkeiten sind einfach da. Wenn man sich nicht selbst eine Bühne schaffen kann, ist es relativ schwer. Außerdem bekommt man auch regelmäßiges Feedback von seinen Freunden. Die sagen dir auch mal, wenn was scheiße ist oder wenn etwas geil ist und man dranbleiben sollte. Durch die Bestätigung von meiner Crew habe ich mir auch erst den Mut entwickelt, das Ding weiterzumachen. Vor allem für einen Rudelmenschen, der sich gern mit Leuten umgibt – wie ich einer bin – ist das super wichtig.

Außerdem hat unsere Szene in Leipzig bestimmte Mechanismen. Man braucht auch Leute, die einen zeigen, wie das so langläuft. Zum einen war das Martin, der quasi die Idee geschaffen hat, nicht nur Musik zu sammeln, sondern auch aufzulegen. Zum anderen war das Hendrik, der mir ultra-viel beigebracht hat – beispielsweise wie er DJ-Sets begreift. Von ihm habe ich so viel gelernt und Mut gefasst, auch heute noch.

Aktuell kann ich auch Markus als Mentor bezeichnen. Für die Distillery haben wir anlässlich des 25-jährigen Geburtstags ein Label gegründet – Distillery Records. Außerdem gründe ich gerade eine Booking-Agentur. Ich bin jetzt Booker von Vincent Neumann für Europa und von Filburt.

Dabei ist Markus gerade voll meine Muse. Er hat Ideen und ich habe immer Bock es umzusetzen. Da kommt bestimmt auch noch eine Menge. Wir sind beide immer ‚an‘ und das macht Spaß. Mit ihm kann ich das endlich mal ausleben. Das ist Verwirklichung. Die Energie dazu war schon immer in mir.“

„Durch Markus habe ich jetzt gelernt, die Energie auch in die richtige Richtung zu schießen. Ich bin dankbar, dass er in mein Leben getreten ist.“

Was sind deine persönlichen Ziele bei deiner Booking-Agentur?

„Mit der Booking-Agentur investiere ich das erste Mal in mich und meine etwaige Zukunft, auch mit finanziellem Aufwand, wie für das Logo oder die Homepage. Meine Prämisse war es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich mag – dieses Buddy-Business, das auch Markus mit Riotvan hat. Dabei ist die Arbeit vielmehr das Produkt von dem, was man sowieso zusammen hat.

Zuvor bin ich immer von einem Job zum anderen gerannt. Ich habe Zelte in der Schweiz gebaut, Boote verliehen, im Callcenter gesessen, auf dem Bau gearbeitet, Pizza ausgefahren. Bis jetzt das kam, worauf ich immer gewartet habe. Das zu machen, was ich gern mache – mit den Skills, die ich zwar nicht studiert habe, aber in mir trage. Ich könnte mich nie dem festen Angestellten-Verhältnis unterwerfen, wenn ich das Selbstständige, was mich im Herzen berührt, nicht wenigstens einmal probiert hätte – auch wenn das bedeutet, auf Sicherheit zu verzichten. Beim Auflegen heule ich immer noch regelmäßig, weil es so schön ist, weil es mir so gut dabei geht. Dafür bin ich dankbar. Dass ich mit dem Geld verdienen kann, was ich zu meiner Leidenschaft rausgearbeitet habe, ist ein Geschenk.“

Uhrzeit und Hunger fordern mittlerweile einen Umzug ins gegenüberliegende „Damaskus“. Während Gamal den letzten Satz beendet, tritt er unglücklich an das Tischbein – Tassen und Teller klappern kurz: „Masel tov!“. Sein Lächeln verzaubert wie sein Optimismus, der es trägt.

„Es kann nur gut werden und wenn es nicht gut wird, dann ist es nicht schlimm.“ Es scheint, als würde das Grundvertrauen tief in ihm ruhen – Grundvertrauen in sich selbst, genauso wie in seine engste Umgebung. Jeder seiner Freunde muss durch ein Werte-Cluster, Indikator ist das Ethos. Erst im Veranstaltungstext seiner Geburtstags-Fäncy ehrte ihn der Spitzname „Gerechtigkeits-Gamal“.

Gamal ist streng. Streng mit seinen Engsten und noch strenger mit sich selbst. „Ich mache mir das Leben zwar schwer dadurch, aber ich bin der Meinung, dass sich jeder das Leben schwer machen muss. Es funktioniert ja offensichtlich so in der Gesellschaft nicht.“

Mittlerweile klingelt sein Handy zum zweiten Mal. Er entschuldigt sich und ruft seine Großmutter zurück, die er seit einigen Jahren umsorgt. Neben seiner Mutter ist sie in Leipzig das zweite Familienmitglied – im genetischen Sinne. Bereits als Achtjähriger verbrachte er mehr Zeit mit Freunden als im erblichen Kollektiv, suchte seine Familie außerhalb seiner Genetik. „Jetzt ist der Gipfel erreicht. Eine bessere Familie gibt es nicht, als die, dich jetzt gefunden habe.“

Allein sieht man Gamal nicht oft. Im Clubkontext unterhält er sich an der einen Ecke, organisiert an einer anderen – sei es im IfZ im Rahmen der Artist-Care oder in der Distillery als Resident und Label-Betreiber. Netzwerk-Boy. Trotz aller Professionalität zeichnet ihn eine charmante Flapsigkeit aus, mit der er Nervosität überspielt. Mit Künstlern*innen, bei denen er sich einst als aufgeregter Fan vorstellte, hat er Augenhöhe erreicht und bleibt dennoch auch Fan-Boy. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die ihn in solche Situationen bringen, wie auf seiner Couch mit Moscoman Fifa zu zocken.

„Ich weiß nicht, warum alle immer sagen ‚raus aus der Komfortzone‘. Ich bin voll in meiner Komfortzone angekommen und fühle mich sau-wohl.“

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