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Autor/-in

Antoinette Blume
Sekt oder Selters, Ambient oder Techno, Leipzig oder Berlin, lieber Lesen oder Schreiben - kein Entweder-oder, sondern alles, gleichzeitig und umgekehrt-nacheinander. Unter www.antoinetteblume.de erfahrt ihr an welchen Orten unsere Autorin liest, ausstellt oder was sie wo installiert.

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Heute leider nicht – II

15. März 2019 / Kommentare (0)

Teil II unserer neuen Kolumne von Antoinette Blume und einem anonymen Gastautor ist online. Dieses Mal geht es um lange Wochenenden, die häufig Donnerstag beginnen und erst Montag enden.

Donnerstag fängt für viele Feierwütige, Stammgäste, Haltlose und Neugierige das Wochenende an. Das kleine Wochenende. Früher, zu Westwerk-Zeiten, da war es manchmal schon Mittwoch Zeit loszuziehen. Ab und zu, immer öfter. Leute kennenlernen, Flyer mitnehmen, Tanzen, Sitzen, Nachtbus fahren. Keiner ist allein. Erstmal.

Intimstes wird im Plauderton mit den neuen Bekannten in der Warteschlange der Toilette besprochen. So vielversprechend wie der jährliche Versuch mit dem Rauchen aufzuhören, wird immer wieder eingeworfen, die nächste Woche etwas ruhiger angehen lassen zu wollen, zum Beispiel, weil Prüfungen anstehen, der Job auf der Kippe steht oder sich das Tief nicht gut (genug) mit dem Hoch verträgt.

Die Woche darauf: Selbe Stelle, selbe Welle, die gleichen Reden, das gleiche gelöste Lachen. Spöttisch halb geöffneter Mund, halb geschlossene Augen, sicheres Insta-Posing.

Wie es wohl mit M. weitergeht?, fällt mir ein.

Mein neugewonnener Brieffreund schreibt mir immer wieder kurz. Dann bekomme ich unvermittelt-unerwartet einen längeren Text.

M. schreibt:

Zur Zeit fühlt sich alles, was ich mache, unglaublich belanglos und nichtig an. Meine Ziele, die ich hatte, sind mir egal geworden und ich treibe lustlos durchs Leben… Meine Arbeit lasse ich mehr und mehr schleifen und riskiere immer öfter eine Kündigung.

Die einzigen Momente, in denen ich wahre Freude verspüre, sind am Wochenende auf der Tanzfläche. Hier muss ich nicht denken, keine Verpflichtungen erfüllen und bin niemandem etwas schuldig – hier fühle ich mich endlich frei von der quälenden Last der Realität. Ich merke, wie eine Veränderung in mir vorgeht, die mir überhaupt nicht gefällt, doch selbst das reicht nicht aus, um meine allumfassende Lustlosigkeit auch nur halbherzig herauszufordern. Mal schauen was kommt. Oder geht…

Mittwoch kommt M. zu sich. Das Wochenende war scheinbar lang, die Müdigkeit und Appetitlosigkeit macht schwach. Zu schwach zu schreiben, zu schwach, um raus zu gehen. Ab Mitte der Woche fangen seine Lebensgeister an zu Zwitschern. Er schreibt mir wieder.

Mittwoch

Es ist Mittwochabend und ich liege nach der Arbeit im Bett, heute war ich das erste Mal seit elf Tagen arbeiten… Habe mich davor krankgemeldet. Diese elf Tage habe ich damit verbracht unkontrolliert Drogen zu konsumieren – in Clubs, bei Freund*innen, bei Bekannten und bei Fremden… Ich fühle mich ausgelaugt…

Mein Kopf ist schwer und ich sehne mir schon wieder den Freitag herbei – endlich wieder Tanzen! Mit dem Tanzen kommt auch der Konsum, aber das steht erstmal nicht im Mittelpunkt… Techno und Drogen gehören eben zusammen, so wie Decke und Kissen… Und nur beides zusammen gibt dir ein warmes, wohliges Gefühl, das dich langsam davongleiten lässt. Und mich aufhören lässt zu denken. ‚Living for the weekend‘ – so dämlich sich der Spruch auch anhört, so ist er wohl der, der mein Leben am besten beschreibt.

Bei diesem Gedanken fühle ich mich so erbärmlich und lächerlich, dass mir kurz übel wird. Naja, weitermachen. Immer gut gelaunt und glücklich wirken und bald ist ja auch schon wieder Wochenende. Nur noch zwei Tage. Höchstens.

Donnerstag

Ich merke, dass ich mal wieder die Kontrolle verliere. Mir wird es bald sehr schlecht gehen. Diese Feststellung frisst sich in meinen Kopf, während ich mir zwei Tropfen Benzos in ein Glas gebe. Ich kann sonst nicht schlafen.

„Du bist dir einfach absolut nichts wert“, denke ich und trinke das Glas in einem Zuge aus. Die unerträgliche Leere des Nüchtern-Seins ist abgewendet. Vorerst. Warum ich mir selbst so unwichtig bin, weiß ich auch nicht – ist mir aber auch egal, die Tropfen wirken schnell. Ich schließe die Augen und genieße den Rausch, die Flucht vor der Realität und das ist das einzig wichtige für heute Abend…

Freitag

Es ist Freitag, das bittere Pulver läuft mir langsam von der Nase in den Rachen. Über die Jahre habe ich mich daran gewöhnt und sogar angefangen den Geschmack und das Gefühl des Runterlaufens zu genießen! Ein Startschuss fürs Wochenende… Es ist kurz nach 18 Uhr und ich kann es kaum erwarten! Dieses Wochenende steht – wie immer – Techno im Kalender. Zwei Clubs in zwei Städten – Party bis in die Morgen-, Mittag- und Abendstunden.

Was am Ende bleiben wird? Eine kaputte Hülle meiner selbst, erhalten von allem, was ich nur in die Nase bekommen kann. Ein Mensch, dessen Charakter völlig verschwunden ist, besessen von den Mittelchen der Nacht. Ob ich am Ende noch Spaß habe? Das kommt auf die Dosis an. Spaß ist Sonntag meistens eh nur relativ, oft versucht man nur noch das Ziel, welches man sich selbst gesteckt hat, zu erreichen – eine Uhrzeit zu überstehen, einen Act, einen DJ mitzubekommen. Die Angst davor etwas zu verpassen, das sich jedes Wochenende wiederholt, begleitet mich auch heute aufs Neue.

Kommst du auch noch? Wollte mit dir reden, schreibt mir M. gegen 00:30 Uhr.

Nein, sorry, bin schon im Bett, haha. Wie ist es denn so?

Keine Antwort.

Samstag

Ich sitze in der Küche. Höre Radio, um mich nicht so alleine zu fühlen, während ich Nudeln mit Tomatensauce vor mir auf dem Teller habe. Normalerweise esse ich lieber etwas anderes, aber seit letzter Woche bin ich etwas appetitlos… Es ist Samstag Abend. Ich habe mir für dieses Wochenende vorgenommen mal nüchtern zu bleiben… Hab ich schon viel zu lange nicht gemacht. Bin die letzten Nächte aufgewacht und hatte Angst. Vor was? Das weiß ich nicht.

Warum? Wahrscheinlich, weil ich die 14 Tage zuvor damit verbracht habe Drogen zu nehmen und kaum zu schlafen. Was habe ich denn erwartet? Es ist nicht das erste Mal, dass es mir so geht – aber deshalb langsamer machen? Dafür habe ich keine Zeit, zu viele Partys… Ich schaue den Teller vor mir an und der Ekel überkommt mich.

Ich habe bald Geburtstag. Das einzig gute an diesem Tag ist das Geld, das mir eine ausgedehnte und exzessive Party ermöglichen wird…

‚Erbärmlich‘ denke ich mir, während ich mich über meinen Teller beuge und anfange die verklebte Nudelmasse zu essen.

Während ich seine letzte Nachricht lese, frage ich mich, ob ich wohl zu seinem Geburtstag eingeladen werde.


Anmerkung

Du hast ein Problem mit Drogen und/oder Sucht? Dir sind manche Stellen aus dem Text sehr nah? Auf diesen Seiten findest du Listen mit Adressen und Telefonnummern u. a. von Beratungsstellen, die dir Hilfe leisten können:

Suchthilfe Leipzig (Stadt Leipzig)

Übersicht regionaler Hilfsangebote (erstellt von DrugScouts)

Übersicht überregionaler Hilfsangebote (ebenfalls erstellt von DrugScouts)


Artwork(s)

Zeichnung von Leonard Kliem / Artwork von Manuel Schmieder.

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