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Paula
Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz, elektronische Musik und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit.

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„Ich finde es schwierig, da klare Linien zu ziehen“

29. März 2019 / Kommentare (0)

Im Sommer 2017 habe ich für die Elektrokonsumenten Jenny Sharp, Hip-Hop DJ aus Leipzig, porträtiert. Ich weiß noch, dass es eine kurze Diskussion gab, ob sie in die Porträtreihe passt, da es doch „um elektronische Musik geht“ – hm, dachte ich, sie legt auf. Sie macht elektronische Musik. Oder nicht?

2019. Ich schreibe für frohfroh und frage mich immer mal wieder: Wo ist Hip-Hop in der elektronischen Musik zu verorten? 2019, denke ich, wir führen an vielen verschiedenen Punkten sinnlose Diskussionen über Grenzen, wieso auch an dieser Stelle. Also spreche ich mit Personen, die tief in der Materie verankert sind, und frage sie: Ist Hip-Hop elektronische Musik?

Nein, ist es nicht. Oder?
Bevor ich mich mit Shortee, Jahmica, Flynn und Kenji451 unterhalte, mache ich spaßeshalber online eine kurze Umfrage zu dem Thema. „Ist Hip-Hop für euch elektronische Musik?“, frage ich. 7% sagen ja (27 Personen), 93% sagen nein (383 Personen).

„Warum/Warum nicht?“ frage ich weiter. „Hip-Hop ist Hip-Hop“. Cool, denke ich, stimmt. „Weil’s nicer ist“ und „Warum ist Tofu kein Steak“ überzeugen mich als Argument nicht. Dann geht es um Rap: „Bereits die Stimme ist ausreichend für einen Text und Rhythmus“, „Hip-Hop kann auch ein Beatboxer und ein Rapper sein“, „Weil die Sprache im Vordergrund steht, nicht die (elektronische) Musik“ und „Verbinde Hip-Hop eher mit Sprechgesang“.

Andere Begründungen beziehen sich auf technischere Details der Musik und die Entstehung: „Die Beats klingen für mich nach „echten“ Drums“, „häufig rhythm&blues Einflüsse“, „Weil Hip-Hop aus Rap und Samples besteht – die waren meist von Hand eingespielt“, „Die meisten Samples die verwendet werden sind Jazz, Disco, Pop“, „Hip-Hop hat seinen Ursprung im Jazz und black music“. Eine Person schreibt: „Das Sampling ist für mich eine Basis von Hip-Hop und das funktioniert elektronisch“ (das war wohl eine der 7 Personen, die für „ja“ gestimmt haben).

Ich merke, Menschen ziehen unterschiedliche Punkte in Erwägung. Wie grenzt man ab, wie schlägt man die Brücke, will man sie schlagen: Über die historische Entwicklung von Genres, über die Machart, die Produktion, über die Message oder die gelebte Kultur?

Shortee –DJ und LoFi Produzent in Leipzig

Shortee ist Leipziger und hat vor 20 Jahren angefangen, klassischen Hip-Hop aufzulegen – East Coast, Old School. Mit Freunden war er Resident im Cad Club, er hat in Leipziger Clubs aufgelegt und war Tour-DJ für Nahost Kommando (Morlokk Dilemma). Er hat gebreakdanced, für Breaker aufgelegt.

Irgendwann hatte er keine Lust mehr, konnte seine alten Platten nicht mehr hören und hat sich mehr dem Drum’n’Bass, Grime, Glitch Hop & Dubstep zugewendet. Im Hip-Hop selbst hat er sich auf Instrumentales konzentriert, Turntablism betrieben. Produziert hat er schon früher, damals mehr just for fun, Freunde haben gerappt, er gescratcht und Beats gebaut. Schulisch und für die Ausbildung hat er dann mehr die gestalterische, kreative Richtung eingeschlagen. Gesprüht hat er natürlich früher auch – seit er 12 war.

Das Musikmachen trat erst mal in den Hintergrund, bis er vor ein paar Jahren wieder Bock hatte und sich mehr auf LoFi konzentrierte. „Ich bin halt alt, ich bin mit C64, Gameboy und so ´nem Kram aufgewachsen. Ich mag den Klang von diesen LoFi-Geräten.“ Vor ein paar Jahren hat er dank einer Keller-Aufräumaktion eine Kiste voller Gameboys bekommen.

„Wenn du dich an den PC setzt, mit Fruityloops, Ableton – du hast alle Möglichkeiten dieser Erde, kannst aus den Vollen schöpfen.

Was das aber auch bedeutet: Man mehrt immer weiter rum und schafft nichts, weil es nie ganz die Ansprüche erfüllt. Auf dem Gameboy ist es so LoFi, du hast so wenige Möglichkeiten, das macht kreativ. Es ist vielleicht ein skurriles Hobby, aber es macht Spaß.“ Ich frage ihn, ob er als Produzent Unterschiede merkt, zwischen den verschiedenen Genres. „Ich denke recht wenig in Genres, wenn ich Musik mache. Ich mache halt Beats. Das reicht von Hip-Hop über Halftime Drum’n’Bass, Dubstep hin zu Gabba manchmal. Keine Ahnung, ich mische gerne. (lacht)“

Jahmica – Rapper in Leipzig

Für Jahmica hängt Musikmachen eng mit Musikhören zusammen. „Ich war schon immer ein Musikfreak, hab viele verschiedene Genre und Musikformate gehört. Mich hat es gereizt, das auch zu machen – und meine Ausdrucksform war halt eher das Sprachliche, und so kam ich in den Hip-Hop, da hab ich dann das Freestylen für mich entdeckt. Ich hab gemerkt, dass man sich damit halt frei, locker machen kann. Je mehr ich mich mit Musik beschäftigt habe, desto mehr bin ich eben auch in die Materie eingetaucht – bevor ich gerappt habe, habe ich mir sogar diverse Programme runtergeladen, Fruityloops usw., und hab dann versucht House, Techno und irgendwelche noisy elektronischen Beats zu produzieren. Je mehr ich eine Vorstellung von der Musik entwickelt habe, desto mehr wollte ich dann natürlich auch am Produktionsprozess beteiligt sein. Ich hab schon ein paar Sachen auf eigenen Beats released, aber meistens ist es so, dass ich mit anderen zusammen produziere – das macht auch einfach mehr Spaß, und der Fokus liegt bei mir schon eher auf dem Rappen.“

Jahmica denkt selten in Genregrenzen. Feiern geht er gerne zu noisy Technosounds und experimenteller elektronischer Musik. Er mag neben Hip-Hop auch Wave & Postpunk.

„Diesen klassischen Hip-Hop hab ich selber auch viel gehört, das ist ein bisschen wie Speed-Reading, in den Songs sind ja auch viele interessante Schilderungen enthalten. Später hab ich dann Techno und ähnliche Genres für mich entdeckt und fand daran schön, dass man selber denken konnte, da war mehr Platz für die eigenen Gedanken.“

Flynn – LoFi Produzent in Leipzig

Flynn haben schon immer am meisten die Beats am Hip-Hop interessiert. Das erste Mal, dass er mit Hip-Hop in Berührung kam, war ein Wu-Tang Album des Freundes seiner großen Schwester.

„Ich fand das super cool, das war ein Comic-Cover, GZA Liquid Swords. Das war als ich so sechs oder sieben war. An englischen Worten hab ich damals nur „Yes“, „No“, „Fuck“ und „Shit“ verstanden – für mich war also Hip-Hop der Beat, und die Leute, die drüber gerappt haben, waren irgendwie Superhelden. Ich glaube, umso älter ich geworden bin und umso mehr Text ich verstanden habe, umso mehr habe ich mich manchmal davon abgewandt. Ich bin einfach nicht empfänglich dafür, wenn du mir erzählst, was für coole Schuhe du hast. So kam ich dann vor zehn, zwölf Jahren zu den Beats: Ich hab das einfach nur gemacht, weil ich Beats hören wollte.“

In der Pubertät hat er mehr Jazz gehört, dann kam „Can I kick it“ von A Tribe Called Quest – mit „walk on the wild side“ von Lou Reed gesamplet. „An der Stelle dachte ich “Krass. Ich verstehe, wie Hip-Hop gemacht wird„ – vorher konnte ich mir nicht vorstellen, wie man das technisch macht. Dann hab ich verstanden, dass im Grunde nur Aufnahmeschnipsel aneinander gereiht werden. Zu der Zeit gab es kein Youtube etc., ich wusste nicht, dass da jemand einen kleinen Drumcomputer nimmt und drauf rumdrückt. Ich weiß nicht, ich dachte, da steht vielleicht eine Band im Studio, die dann immer diese kurzen Passagen spielt. Irgendwann hab ich dann natürlich gecheckt, wie es funktioniert, hab mir meinen ersten Sampler gekauft, einen Roland Sampler, SP606.“

Kenji451 – Produzent in Berlin

Kenji hat vor über 20 Jahren angefangen, Hip-Hop und Trip-Hop aufzulegen. Bei Bruno Fortuno (yeah) und Sikk hat er dann einen AkaiS2000 Sampler gesehen und nicht mehr länger auf der Playstation Beats gebaut. Mit DJ Werd (Sido Fans werden ihn kennen) gründete er um die 00er die Band Long Lost Relative. Später ist er Produzent und Tour-DJ für grim104 (Zugezogen Maskulin), inzwischen hat er auch eine Solo EP released.

Was Kenjis Stil prägt: Die vielen Einflüsse, die Bandbreite der Samples, macht es schwer, ihn genretechnisch genau zu verorten. Irgendwie dreamy, irgendwie atmosphärisch, irgendwie Cloud Rap. Wahrscheinlich ist das genau das Spannende an ihm und der Grund dafür, dass er als Produzent, denen meist noch zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, mit seiner EP so erfolgreich war.

Historische Entwicklung und Einordnung der Genres
Long story short: Wir schreiben Anfang der 70er in New York. In den Ghettos von Harlem beginnt Kool DJ Herc auf Blockparties Funk-und Soul Platten zu loopen, er jongliert mit Beats, die Leute mögen es. B-Boys breakdancen auf den Partys, Leute greifen sich das Mikro und heizen die Partys an – später werden sie MCs genannt. Mehr und mehr DJs lassen sich inspirieren: Grandmaster Flash, Afrika Bambaataa, sie cutten und scratchen. Durch „Rapper’s Delight“ der Sugar Hill Gang wird der Hip-Hop massentauglich. (Über die Entstehung von Hip-Hop gibt es unzählige Dokus, weshalb ich mich hier auf einen kurzen Abriss beschränken werde. Wen es interessiert, empfehlenswert finde ich persönlich „Hip-Hop Evolution“, hosted by Shad, gibt’s auf Netflix.)

Aus der Fusion von Disco und Hip-Hop geht House hervor, als dann Afrika Bambaataa Kraftwerk in „Planet Rock“ samplet kommen Synthesizer ins Spiel: Electro Funk entsteht aus der Kombination von europäischem Synthpop und amerikanischem Hip-Hop bzw. House.

„Afrika Bambaataa, Planet Rock ist einer der ersten Songs, in dem man die 808 Kickdrum richtig prägnant hört. Das hat den Leuten in Miami so gut gefallen, die haben immer nur Planet Rock gehört, weil die gerne in ihren Cabrios rumgefahren sind und der Track hat so ‘ne geile bouncy Kickdrum. Und daraus ist dann Miami Bass entstanden.“ erklärt Flynn. „Und im Miami Bass findet zumindest viel amerikanische elektronische Tanzmusik ihre Wurzeln.“

Ende der 1980er entwickeln sich in der elektronischen Tanzmusik rasend schnell verschiedenste Subgenres, Techno zum Beispiel.
Shortee greift den Einfluss von Hip-Hop und die Fusion von Genres auf. „Ich finde, Hip-Hop ist, nach wie vor, die einflussreichste elektronische Musikrichtung. Es gibt so viele Genres innerhalb von Hip-Hop, die so viel beeinflusst haben. Sei es Electro in den 80ern, Trip-Hop in den 90ern, House Anfang der 80er beispielsweise die Junglebrothers – House mit Rap, das gibt es heute noch. Oder so Kram wie Technotronic mit „Pump up the Jam“. Hip-Hop hat so viele elektronische Spielarten, Glitch, Grime, Dubstep, alles kommt irgendwie zusammen – und am Ende war irgendwo mal Hip-Hop drunter. EDM heute ist, vor allem was das Produzieren angeht, sehr beeinflusst von Hip-Hop.“

Dass „elektronische Musik“ oder „elektronische Tanzmusik“ ein absolut weitläufiger Sammelbegriff ist, macht Jahmica deutlich: „Ich fang mal andersrum an: Ich bin mit Schallplatten und viel „alter“ Musik – aus den 60ern/70ern/80ern – aufgewachsen. Dadurch hab ich diese Trennung zwischen Hip-Hop und elektronischer Musik persönlich gar nicht so krass empfunden. Mir war natürlich klar, dass es irgendwie unterteilt wird und sich auch Communities um die Genres herum bilden. Aber elektronische Musik ist ja erst mal ein relativ weit gefasster Begriff.

Wenn man beispielsweise einen engeren Begriff wie Techno nimmt, würde das ja auch darunter fallen, aber es ist was anderes als Hip-Hop. Das sind Entwicklungen, die sich an bestimmten Punkten vielleicht irgendwie beeinflusst haben, aber es sind ja schon unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen. Elektro in dem Sinne, da erinnere mich an Afrika Bambaataa, der Kraftwerk gesamplet hat oder so Miami Bass Synthlines – das war purer Elektro, der in den 70ern/80ern so entstanden ist. Heutzutage ist alles so verschmolzen, es gibt so viele Subgenres, die Grenzen sind total fließend. Ich finde, Hip-Hop sollte auf jeden Fall mit gemeint werden. Das schließt ja nicht aus, dass es in der Bubble „elektronische“ Musik nicht auch super viele Praktiken, Subgenres und Gruppen geben kann, die sich darum gathern.“

Technische Aspekte und Instrumentals
Als ich Shortee frage, ob Hip-Hop für ihn elektronische Musik ist oder nicht, antwortet er: „Hip-Hop ist elektronische Musik. Punkt.“ Er lacht. Dann erklärt er: „Der klassische Hip-Hop definiert sich meist über Sampling, es wird viel mit Synthesizern eingespielt. Sampling zum Beispiel ist ja erst über elektronische Geräte möglich geworden. Hip-Hop ist eine der ersten Musikrichtungen, in der Drummachines super steil gegangen sind, im Electro Funk, aber auch an der West Coast: Dr. Dre, Snoop Dog. Da gibt’s Synthesizer, Samplings – ganz klassisch elektronisch.

Jungle zum Beispiel ist auch eindeutig eine elektronische Musikrichtung, basiert aber komplett auf Amen Breaks, einem Drum-Break-Sample einer 70er Jahre Funk-Combo, also einem analogen Sample. Trotzdem ist das dann elektronische Musik. Oder Drum’n‘ Bass – es gibt so viele Drum’n’Bass Livebands. Ich weiß nicht, warum das so getrennt wird. In meinem Kopf ist das nicht so.“

Jahmica denkt in eine ähnliche Richtung: „Im Hip-Hop hat man auch immer ähnliche Drummachines benutzt wie später dann bei anderer elektronischer Musik. Ich glaube, wenn man den Oberbegriff („elektronische Musik“) nimmt, da gehören ganz viele Stile rein.

Im Grunde alles, wofür elektronische Geräte benutzt werden, wenn man mal richtig abstrakt werden will. Wenn jetzt ein Techno oder Acid-Produzent einen 808 nimmt, unterscheidet es sich von der Ästhetik zwar, von den Produktionsmitteln her aber nicht. Selbst wenn jemand im LoFi Bereich ein Sample flippt, was sich erst mal nach organischer Musik anhört, ist es ja trotzdem meist elektronisch produziert.“

Macht für mich Sinn, auch wenn man die historische Entwicklung von Hip-Hop und den Gebrauch der Technik im Hinterkopf hat. Shortee, der sich viel mit der Kunst des Turntablism auseinander gesetzt hat, betont die technischen Skills der DJs. „Was ich im Hip-Hop immer ganz wichtig finde ist die Position des DJ und die Techniken und Skills die da entwickelt wurden.

Es gibt Weltmeisterschaften im Scratchen & Beat Juggling, wo innerhalb von ein paar Minuten Routines aus 50 Platten gebaut werden. Daraus ist gerade um die Jahrtausendwende echt einflussreiches Zeug entstanden. Die haben live mit ihren Plattenspielern teilweise sehr elektronische Musik gemacht haben, weil sie einerseits Samples gespielt haben, andererseits die Kabel genutzt haben, um ihre Mischpulte kurzzuschließen und damit Geräusche zu modulieren.

Das haben die dann als DJ Combo performed. Gerade im Hip-Hop Insturmental Bereich hat da eine große Rolle gespielt. Turntablism ist ein nicht zu verachtender Einfluss auf Hip-Hop als elektronische Musik, vom Klang und von den Möglichkeiten her.“

Rap /Vocals
Für viele Menschen ist der Rap ein ausschlaggebendes Element für Hip-Hop. Das ist allerdings ein wenig kurz gedacht. Gewachsen ist der Hip-Hop zweifellos in enger Verbindung des DJs und des MCs. Ausschlaggebend sei diese Verknüpfung aber nicht, so Kenji. „Naja es gab am Anfang ja auch nur die „Beats“ – es gab nur DJs, keine Rapper zu Beginn.

Und die DJs haben zu Anfang das gemacht, was später der Sampler gemacht hat: Ein Stück rausgesucht, und das dann immer geloopt, vier fünf Minuten lang. Irgendwann kam dann ein MCs als Partyanheizer, der Texte darauf rausgehauen hat. Hip-Hop ist für mich also getrennt von Rap. Für mich gibt es eben Hip-Hop – die Beats – und Rap. Der heutige Rap hat mit dem von früher auch nicht mehr viel zu tun. Früher ging es ums Partymachen, darum, die Kids von der Straße zu holen und Texte gegen Gewalt zu machen, nicht Gewalt zu verherrlichen. Heute ist es oft umgekehrt. Jetzt geht’s eher darum, zu zeigen, was man hat, da wird übers Crackdealen und Leute erschießen gerappt.“

Jahmica sieht das ähnlich – zumindest in Bezug auf das, was heute Hip-Hop ist. „Von der Kultur her, was damit gemeint wird, was es ausdrücken soll – da gibt es natürlich schon Unterschiede zwischen beispielsweise Techno und Hip-Hop.“ erklärt er. „Hip-Hop ist oft eine sehr textlastige Musikrichtung gewesen, gerade dieser golden Ära Hip-Hop. Hast du früher nen Hip-Hop Text gegooglet, hattest du nen riesigen Text mit vielen Silben pro Takt. Ich würde sagen heute geht es oft auch in eine andere, reduziertere Richtung, Textmenge pro Song.

Bei einem einfachen Trap-Song beispielsweise, wo viel mit Wortwiederholung gearbeitet wird und man vielleicht fünf Zeilen hat, die sich immer wiederholen.“ In gewisser Weise sieht er den Rap auch getrennt von den Beats: Rap funktioniert in vielen Kontexten. „Ich mag es, Rappen als Stilmittel zu sehen. Das klingt erst mal so, als würde man es reduzieren auf eine Technik, aber eigentlich macht man es dadurch größer weil es anschlussfähiger wird und in viel mehr Kontexten stattfinden kann.“

Besonderheiten der gelebten Kultur
„Hip-Hop an sich ist nicht wirklich nur eine Musikrichtung. Du hast jemanden der Beats baut, jemanden der rappt, du hast Graffiti, du hast Beat Box.“ sagt Shortee zu mir. True. Wenn ich an Hip-Hop denke, sehe ich Boys mit weiten Hosen, Caps, die Breakdancen und zwischendrin mal Graffiti malen. Ich denke an Rap und an einen Typen mit fetten Kopfhörern, der scratcht und juggled. Kleiner Einwurf: es ist ja auch bezeichnend, dass man automatisch an Typen denkt, oder geht’s da nur mir so?

Flynn greift dieses Bild auf: „Früher hat man mal gesagt, Hip-Hop hätte vier Elemente: MC, Graffiti, Breakdance und Beats. Heute ist es aber so, dass jemand, der sich im Hip-Hop verortet, nicht zwangsläufig alle diese vier Sachen erfüllt, manchmal auch gar keins davon, oder andersherum: Ich kenne Leute aus der Graffiti-Szene, die hören gar keinen Hip-Hop sondern nur ganz andere Musik. Dass Hip-Hop diese vier Elemente ausmacht finde ich ein bisschen überholt. Klar, in der Entstehungszeit war das wichtig, da hat sich eine ganze Jugendszene dran orientiert.

Aber heute, wenn wir Debatten führen wie „Ist Trap noch Hip-Hop, ist Trip-Hop noch Hip-Hop“, ich glaube da spielt das keine Rolle mehr. Ich denke das ist Teil dieser Abgrenzung zwischen Techno und Hip-Hop. Dass Hip-Hop sich früher in sich als Kultur so ernst genommen hat: Wenn du dazu gehörst, dann gehörst du so richtig dazu. Aber wenn du nicht dazu gehörst, dann gehörst du auch so richtig nicht dazu. Im Techno gibt’s das glaube ich nicht so. Ich denke aber auch, dass Hip-Hop da an vielen Stellen schon raus gewachsen ist, aus diesen Dresscodes und Erkennungsmerkmalen.

Es ist ja auch aus dieser Gang-Kultur erwachsen, Graffiti, dein Revier markieren. Wenn du in der Bronx warst wusstest du dadurch, wo du hingehen kannst und wo nicht, „ok hier ist dieser Tag, die Straße gehört den und den Jungs, da gehe ich jetzt lieber nicht durch, die nehmen mir sonst meine Schuhe ab“ – diese Notwendigkeit haben wir heute nicht mehr, dadurch hat Graffiti sich ja auch in eine ganz andere Richtung entwickelt teilweise.“

Für Kenji gibt es eine klare Unterscheidung zwischen der Szene und dem Hip-Hop als Musik. „Generell ist die Frage, was man als Hip-Hop sieht. Es gibt Menschen, die sagen Hip-Hop ist Graffiti, Breakdance, Beats machen, DJing – mehrere Elemente also. Aber es gab ja Sprüher beispielsweise schon weitaus früher, als es Hip-Hop Musik gab. Ich denke „Hip-Hop“ ist ein Begriff, der ins Leben gerufen wurde, damit man es besser vermarkten konnte, und darunter wurden dann verschiedene jugendliche Trends zusammengefasst.“

Den Wunsch, sich als Szene abzugrenzen, kann Shortee nachvollziehen, früher hätte er es ähnlich gesehen. „Ich kann mir auch vorstellen, dass die Trennung aus der Szene selbst kommt. Hättest du vor 20, 30 Jahren jemanden gefragt, dann hättest du bestimmt die Antwort bekommen „Nee, Hip-Hop ist nicht elektronische Musik“. Also ich hätte das glaube ich damals so gesagt „Elektronische Musik? Ich mache Hip-Hop“ – heute ist das nicht mehr so. Wie gesagt, diese ganzen Spielarten des Hip-Hop, oder was aktuell an Hip-Hop läuft ist alles elektronisch.“

Jahmica denkt noch einen Schritt weiter, weg von den classic four der Hip-Hop Szene hin zu dem historisch-politischen Kontext. „Dass sich so Peer-Groups um etwas herum bilden, ist ja ein noch viel größerer Prozess. Wenn man sich anschaut, aus welchen revolutionären oder Protestideen Techno und Hip-Hop entstanden sind, gibt es teilweise Schnittmengen, nur haben sich die Ausdrucksformen voneinander weg entwickelt.

Im Hip-Hop gab es zwar bestimmte Standpunkte aus der Subkultur heraus, gegen welche gesellschaftlichen Verhältnisse man protestiert – gleichzeitig war die Szene aber auch geprägt von Gewalt und Homophobie, das ist bei Techno vielleicht etwas weniger der Fall gewesen, vielleicht auch aufgrund von einem freieren Umgang mit dem Körper und Sexualität – was sich wiederrum ja auch widerspiegelt in den Ästhetiken und wie man die Musik produziert, wie man ein Event darum strukturiert.

Ein idealisiertes Beispiel im Techno wäre ein Club, der ein Safe Space sein soll. Bei Hip-Hop ging‘s oft ja auch um Competitions und Battles, wo man nicht unbedingt damit rechnen konnte, nicht physisch oder psychisch verletzt zu werden. Auch wenn ich aus meiner Erfahrung spreche, die ich auf den verschiedenen Hip-Hop bzw. Technoevents gemacht habe, kann ich das schon so wiedergeben.“

Allerdings kritisiert er trotz der Unterschiede, die er benennt, den Wunsch, die verschiedenen Genres und damit einhergehenden Kulturen so klar voneinander abzugrenzen. „Ich finde es schwierig, da klare Linien zu ziehen. Ist es nicht ein bisschen anmaßend, zu sagen: Das ist eine Kultur, die soll am besten noch für Freiheit stehen, aber da und da sind die Grenzen. Da packt man Sachen in eine abgeschlossene Bubble.“

Was bleibt zu sagen?
Letztendlich gibt es keine klare Antwort auf die Frage „Ist Hip-Hop elektronische Musik?“, weil viele Menschen ein verschiedenes Verständnis davon haben, was diese Bezeichnungen. Geht es ums rein Technische, geht es um die Szene, wie haben sich die Genres historisch entwickelt?

Flynn fasst es ziemlich gut zusammen. „Wenn man es ganz wissenschaftlich betrachtet ist Hip-Hop für mich elektronische Musik weil er elektronisch hergestellt wird und das seit jeher. Über die 90er, als Hip-Hop und Techno sich in so andere Richtungen entwickelt haben, hat sich ein Konflikt aufgebaut, den es vorher nicht unbedingt gab. Ich glaube Ende der 70er Anfang der 80er waren sich die House- und die Hip-Hop Szene durchaus einig – sie wollten Tanzmusik machen, wollten Musik machen die für jeden zugänglich ist. Da haben sie sehr viel gemein.

Ich glaube vor allem viele Hip-Hopper aus der Generation vor mir sind da engstirniger, für die ist elektronische Musik Loveparade, irgendwelche vollkommen zugekachelten Kids. Ich denke aber mittlerweile sehen das die meisten Leute, die Beats machen, die ich auch so kenne, nicht mehr so.

Elektronische Musik gab es schon vor Hip-Hop, schon vor House – wahrscheinlich schon in den 50ern. Deswegen finde ich können wir uns auch einfach alle gern haben und sagen, dass wir alle elektronische Musik machen, weil wir allesamt Steckdosen brauchen, um unsere Musik zu machen.

Klar, es gibt viel Musik, die ohne Steckdose funktioniert, aber Hip-Hop nicht, Techno nicht, Aphex Twin nicht und Tangerine Dream auch nicht.“

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