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Autor/-in

Dr. med. Gabriele von der Weiden
ist Ärztin, Sprecherin des Fachausschusses Kinder- und Jugendgesundheitsdienst im Landesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in Rheinland – Pfalz und Master of Science im Fach Gesundheitsmanagement. Sie beantwortet uns alle Fragen rund um Gesundheitsprävention im Nachtleben und schreibt unter anderem für die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und den Trias Verlag.

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Tanzen bis zum Hörschaden

10. Dezember 2019 / Kommentare (1)

Technoliebhaber*innen sind prädestiniert dafür, sich lauter Musik auszusetzen. Die Abende in Clubs ‚wummsen‘ zu 99%iger Wahrscheinlichkeit lauter und bassiger als ein Abend im Kino oder eine kuschelige Nacht mit einem Hörspiel im Bett. Aber wo verläuft die Grenze von ‚laut‘ und ‚zu laut‘?

Nicht selten sieht man einen Teil des Publikums in Clubs stundenlang vor hohen Boxen tanzen. Manche Kandidat*innen schreien sich im Gegenzug in der ersten Reihe regelrecht an, um miteinander zu kommunizieren und dabei anstehende kurzfristige oder auch längerfristige Pläne abzuquatschen. Hier wird deutlich, wie laut Umgebung und Musik sind.

Aber – warum lieben wir es laut? Laute Musik kann den Körper in einen Rausch versetzen, Adrenalin freisetzen, die Musik klingt einfach intensiver und geiler. Dazu kommen im Club immer öfter die üblich-übrigen Rauschmittel, klar, aber viele mögen laute Musik auch im Auto oder über Kopfhörer.

Einige spannende Fragen, die sich daraus ergeben: Was macht laute Musik mit den Ohren und mit dem Hören? Noch viel wichtiger:

Was kann ich tun, um meine Ohren zu schützen? Kann ich dabei weiter wie gewohnt feiern gehen?

Stimmt es, dass gesunde Ohren nicht altern – sich also nur bis zur Schwerhörigkeit über die Jahre abnutzen?

Wir haben zu diesem Thema schon viel gehört (ha-ha), aber wollen euch – als verfrühtes Weihnachtspräsent – einen profunden Gastbeitrag liefern. Dazu haben wir Dr. med. Gabriele von der Weiden, Ärztin und Master of Science im Fach Gesundheitsmanagement, befragt.

Zum Einstieg vor der Lektüre eignet sich dieses kurze Video, das gut erklärt, wie das Ohr funktioniert:

Der Prozess des Hörens

Dr. med. Gabriele von der Weiden

Bei Tageslicht und in der Dunkelheit

Unser Gehör ist ein besonderer Sinn, er funktioniert ununterbrochen, auch im Schlaf. Wir hören gleichermaßen gut im Tageslicht oder in der Dunkelheit, wir hören was hinter uns geschieht, um die Ecke herum oder durch Hindernisse hindurch. In Wahrheit ist das Ohr ein Organ der Stille und dafür geschaffen, feinste Geräusche wahrzunehmen. 

Und ja, Naturvölker, die in einer leisen Umgebung leben, hören als 70-Jährige so fein wie junge Menschen.

Unsere sogenannte Altersschwerhörigkeit ist die Summe vieler Lärmbelastungen, genauer Überlastungen der feinen Sinneshärchen unseres Innenohrs.

Die Dosis macht das Gift

Ob ein kurzandauernder lauter Knall oder nicht so laute, aber andauernde Geräuschpegel, gleichermaßen zu einem Hörschaden führen, lässt sich pauschal nicht beantworten – es kommt hierbei auf die Gesamtdosis an, die sich aus Lautstärke und Dauer der Beschallung ergibt.

 
NOTE NOTE –


+ 10 dB mehr = 10fache Belastung

Lautstärke, also Schalldruck, wird in Dezibel (dB) angegeben. Erhöht sich der Schalldruckpegel um 10 dB, dann bedeutet das die zehnfache Wirkung auf unser Ohr. In der Wahrnehmung ist die Lautstärke aber nur doppelt so laut.

Hören wir Musik mit 85 dB, was einer kräftigen Zimmerlautstärke entspricht, und das 40 Stunden lang, dann belastet das unsere Ohren genauso stark wie 4-stündiges Musikhören bei 95 dB Musik.

Anzeichen eines Hörschadens

Viele fragen sich vielleicht: Was ist passiert, wenn man nach dem Hören lauter Musik „wie durch Watte“ hört oder es plötzlich im Ohr pfeift?

Das Gefühl durch Watte zu hören oder das Auftreten von Ohrgeräuschen nach mehrstündiger Musikbeschallung sind Zeichen eines Hörschadens. Es wurden Haarzellen geschädigt. Zur Erklärung: Die feinen Haarzellen des Innenohrs benötigen, wie jede andere Zelle des Körpers, Energie, also Sauerstoff und Elektrolyte (das sind wichtige Salze und andere Spurenelemente, um die Aufgaben des Organs zu erledigen).

Diese Energie wird durch feinste Blutgefäße zu den Haarzellen gebracht. Die Aufgabe der Haarzellen ist es, den ankommenden Schalldruck, also die Umwandlung einer mechanischen Vibration in ein bioelektrisches Signal, umzuwandeln und weiterzuleiten, damit es schließlich über den Hörnerv in das Hörzentrum des Gehirns gelangt und letztlich für uns – zum Beispiel als Musik – erlebbar wird.

Illustration: Squizzy P
 
NOTE NOTE –


Welche Geräusche sind wie laut? Zur Orientierung hier einige Beipiele:

20 dB – Blätterrauschen
30 dB – sehr ruhiges Zimmer / leichter Wind
40 dB – Flüstern / nachts auf einer ruhigen Wohnstraße
55 dB – Regenplätschern / Kühlschrankbrummen / leise Gespräche
65 dB – normales Gespräch
70 dB – laufender Wasserhahn
75 dB – Kantinenlärm / Waschmaschine beim Schleudern / Lautstärke im Großraumbüro
80 dB – laute Sprache / Streitgespräch
85 dB – Hauptverkehrsstraßenlärm
95 dB – LKW (Spitzenwert)
100 dB – Presslufthammer (Durchschnittswert)
130 dB – Trillerpfeife (Spitzenwert)
140 dB – Schmerzgrenze

Quelle: Hörex

80 – 90 dB

Hohen Schalldruck oder zu langanhaltende Beschallung zu verarbeiten, bedeutet einen erhöhten Energieverbrauch für diese Zellen. Reicht die zur Verfügung stehende Energie nicht mehr aus, tritt eine Minderversorgung der Haarzellen ein. Schon ab einem Schalldruck von 80 dB, stärker noch ab 90 dB, tritt solch ein Energiemangel auf.

Ab 100 dB

Ab 100 dB verengen sich Blutgefäße reflexartig und der Durchfluss zum Ziel wird zusätzlich behindert. Der Energiemangel wird somit verschärft.

Dauert die Minderversorgung zu lange an, führt dies zum Absterben der Haarzelle. Dann ist ein Hörschaden eingetreten, und zwar unwiderruflich. Nicht nur, dass man nun alles leiser hört, auch die Qualität des Hörens kann sich bei einer Schädigung verändern. Das geschieht, wenn beispielsweise Haarzellen, die für hohe Töne verantwortlich waren, besonders betroffen sind.

 
NOTE NOTE –


Rechtliches

Schon ab einem Tageslärmexpositionspegel (8 Stunden) von 85dB(A) beginnt der Schädigungsbereich. Bei Musikveranstaltungen soll daher der Veranstaltende als Schutzmaßnahme für das Publikum ab einem äquivalenten Dauerschallpegel von 85dB(A) entsprechend informieren und ab einem äquivalenten Dauerschallpegel von 95 dB(A) Gehörschutzmittel austeilen. 

Ein Spitzenschalldruckpegel von 135 dB darf an keinem (!) dem Publikum zugänglichen Ort überschritten werden.

99 dB als Dauerpegel, (beurteilt wird eine 30-minütige Messperiode) ist das Limit, das nicht überschritten werden darf.

Leider werden die rechtlichen Vorgaben bei Veranstaltungen nicht immer umgesetzt.

Quelle: VBG Hamburg; Bühnen und Studios

Kann sich ein Hörschaden zurückbilden?

Erste Hilfe: Lärmpause!

Dauert die Minderversorgung nicht zu lange an und sorgen wir dafür, dass daraufhin wieder eine gute Energieversorgung hergestellt wird, dann können sich angegriffene Haarzellen erholen. Wie können wir das Erholen der Haarzellen unterstützen? Mit Lärmpausen. Das bedeutet in den nächsten 10, besser sogar noch für die nächsten 16 Stunden, den eigenen Ohren Ruhe zu gönnen und ihnen maximal eine Lautstärke von 70 dB zuzumuten.

Schlechtes Hören: Teufelskreis

Lärmschwerhörigkeit entwickelt sich schleichend. Wie gut oder schlecht wir Hören ist uns selbst nicht bewußt, da uns der Vergleich fehlt. Hat ein Mensch hingegen eine Sehschwäche, merkt er den Unterschied mit und ohne Brille sehr wohl – jedes Mal, wenn er die Brille an- oder auszieht. Hören wir aber zu wenige Hochtöne, drehen wir am Frequenzregler der Musikanlage. Hören wir unsere*n Gesprächspartner*in zu leise, meinen wir, diese*r rede einfach zu leise. Verstehen wir Beiträge im Fernsehen nicht klar genug, drehen wir den Volume-Pegel hoch. Aber Achtung! Die überlebenden Haarzellen werden durch die erhöhte Lautstärke mehr belastet. Ein Teufelskreis.

Irreparable Hörschädigung

Sehr laute Geräuschpegel, wie ein Knall oder eine Explosion, können die Härchen der Haarzellen im Innenohr mechanisch zerstören. Dieser Hörschaden kann nicht mehr zurückgebildet werden.

Um sich vor Hörschädigungen zu schützen, sollte, zum Beispiel beim Tanzen in Clubs zu lauter Musik oder bei Konzerten, ein Gehörschutz getragen werden. Aber hier ist Vorsicht geboten: Mancher Ohrstöpsel reduziert die Lautstärke gerade mal um 5 dB. Da braucht es im Club definitiv mehr!

Für Musikliebhaber*innen, Musiker*innen und DJs gilt: Es ist technische Finesse notwendig, damit ein Ohrstöpsel die Musik zwar leiser, aber nicht dumpf werden lässt. Testberichte über verschiedene Gehörschutz-Modelle für DJs (die Erklärungen sind aber auch für Gäste im Publikum hilfreich), gibt es bei DJ Lab.

Stay safe – mit Gehörschutz

Bei Einschränkungen und Problemen aktiv werden

Wichtig für Club- und Konzertgänger*innen ist, sich zu schützen – auch wenn die Schädigung der Ohren nicht so klar vernehmbar wie bei einer Sehschädigung ist. Wer für das Thema sensibilisiert ist, wird genauer ‚auf sich hören‘ und damit Veränderungen des eigenen Hörens bewusst(er) wahrnehmen. Auf Clubbesuche muss also nicht verzichtet werden, wenn Gäste informiert, ihre Ohren durch Gehörschutz und Maßnahmen der Clubbetreibenden geschützt werden.

In jedem Falle sollten wir bei auftretenden Hörproblemen ‚hellhörig‘ werden: Redet mein Gegenüber wirklich zu leise? Oder höre ich schlechter, als ich es noch vor ein paar Wochen oder Monaten getan habe? Was könnten die Ursachen sein, welchen Geräuschen setze ich mich aus oder werde ich, zum Beispiel bei der Arbeit im Großraumbüro, ausgesetzt? Das angesprochene Ohrenpfeifen oder ein dumpfes Hören sind Zeichen eines Hörschadens – und diese Schädigungen sollten nicht leichtfertig verdrängt oder ignoriert werden.

Es gilt:

Vorbeugen ist besser als Heilen!

Ihre

Dr. med. Gabriele von der Weiden


Intro: Antoinette Blume / Danke an Benjamin von der Weiden von pro-rec für die redaktionelle Unterstützung zu Note Note – Rechtliches / Illustrationen: Squizzy P

Quellen: „Viel Dezibel aufs Trommelfell“ (Ministerium für Umwelt und Forsten, Rheinland-Pfalz)

„Ganz Ohr“ (Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. / Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit Rheinland-Pfalz / Ministerium für Umwelt und Forsten Rheinland-Pfalz)

Übrigens: Ein spannender Beitrag zu Barrierefreiheit, der auch Schwerhörige in den Blick nimmt, die auf Untertitel im Fernsehen und im Kino angewiesen sind, findet sich derzeit in der ARD Mediathek (unicato | Junger Film im MDR / Barrierefreiheit – mit Markus Kavka).

CommentComment

  • Tanzen bis zum Hörschaden – Antoinette Blume / 21. Januar 2020 / um 21:13
    […] Den ganzen Artikel lest ihr hier. […]

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