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Antoinette Blume
Sekt oder Selters, Ambient oder Techno, Leipzig oder Berlin, Lesen oder Schreiben - kein Entweder-oder, sondern alles, gleichzeitig und umgekehrt-nacheinander. Unter www.antoinetteblume.de erfahrt ihr an welchen Orten unsere Chefredakteurin liest, ausstellt oder was sie wo installiert.

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Positiver durch die Krise

22. April 2020 / Kommentare (0)

Was hat sich seit Corona und dem Lockdown bei DJs, Producer*innen und Labels verändert? Vieles natürlich zum Negativen, gar keine Frage. Veranstaltungsverbot, finanzielle Ungewissheit, Existenzbedrohung. Was können wir der Zäsur schon Gutes abgewinnen? Nichts, richtig. Dennoch – es gibt trotz der Krise, trotz der schwierigen Zeit auch positive Geschichten. 

Die Zeit, die gerade gezwungenermaßen Zuhause verbracht werden muss, bringt bei Producer*innen viel Output hervor und die Szene zeigt sich einmal mehr als solidarisches Gebilde, das sich gegenseitig unterstützt. Die Online-Streams sind mittlerweile so zahlreich geworden, dass man fast den Überblick verliert (psst – Autorin Amy hat eine Übersicht für euch!) und überbrücken damit für etliche Menschen nicht nur am Wochenende die Zeit, Soli-Aktionen für Clubs und Musiker*innen gehen in die nächste Phase oder sind schon erfolgreich finanziert.

Wir haben mit einem „Neu“-Leipziger Producer und DJ gesprochen, der zwar nicht streamt, aber dafür ein anderes musikalisches Corona-Projekt begonnen hat. Was Wice während Corona macht, um andere zu supporten und welches Projekt er gestartet hat, erfahrt ihr bei uns. 

Berghain + Raving Spoon = It’s a match!

„Alles chillig, alles easy“, antwortet Wice auf die Frage, wie es ihm denn so in Isolation geht. Sein Job bei Greenpeace ist ins Homeoffice verlegt und das Studio ist glücklicherweise in die Wohnung integriert – klar, die Clubs werden schmerzlichst vermisst, aber es könnte schlimmer sein, sagt er. Seit einem Jahr lebt er in Leipzig, straight from Tübingen nach Leipzig. 

Just kiddin‘

Noch von Tübingen aus releaste er auf seinem Label Steinlach den Hit „Just kiddin‘“, der nicht nur mit dem Raving Spoon 2017 prämiert wurde, sondern auch im Berghain hoch und runter lief. Nicht ganz verwunderlich, da Kevin, wie Wice eigentlich heißt, seit 13 Jahren auflegt und seit 12 Jahren produziert. 

Doch, trotz all dem Fame und all dem Erfolg, der Freude daran, den eigenen Track im angesehensten Club Deutschlands, Europas, der Welt – wer soll darüber urteilen? – zu hören, war die Kreativität irgendwann weg. Selbst Musik hören machte kaum noch Spaß und der Druck des „Nachlegens“ nach der ersten Hit-EP machte sich verstärkt bemerkbar. „Auf gut Glück ging es dann nach Leipzig – eine der besten Entscheidungen in meinem Leben bisher. Tolle Stadt, tolle Menschen. Ich brauchte einfach den Tapetenwechsel!“, sagt er.  

Als Label, DJ, Producer – was hat sich durch Corona verändert?

Mittlerweile wird das Label Steinlach von Tübingen und Leipzig geführt. „Ich glaube, wir stehen jetzt auch im Vary im Leipzig-Regal“, sagt Kevin. Damit ist der Firmensitz dann wohl offiziell zu einem Teil nach Leipzig verlegt worden. Auf das Label hat die momentane Krise kaum Auswirkung. Auf seine DJ-Bookings auch nicht: „Meine Bookings blieben gleich“, lacht er. „Da war in den letzten Jahren schon wenig los.“

Wice

Anders sieht es da beim Produzieren aus: „Die Entschleunigung empfinde ich als positiv, es stößt zumindest positive Prozesse bei mir an. Ich kann alle kreativen Phasen voll ausnutzen, spontanen Impulsen folgen – zumindest, wenn der Job nicht dazwischenfunkt.“

Nachlegen

Dazu kommt, dass der „Druck des Nachlegens“ nach dem ersten Hit vor mittlerweile drei Jahren langsam, aber sicher verblasst: „Ich habe nicht mehr das Gefühl, etwas Catchiges für Club-Sets produzieren zu müssen“, sagt er.

Vier Minuten im Supermarkt

Eine der größten musikalischen „Corona-Veränderungen“ ist bei Kevin aka Wice wohl sein neues vier Minuten – Projekt: „Die Idee dazu kam mir im Lidl. Dort spielt sich zurzeit einiges ab – Prügeleien, Beleidigungen, das Warten und die Wagenausgabe davor… dann die mittlerweile vorgeschriebenen Masken. Das ist ein ziemlich weirder Vibe, der da herrscht. Wie ein Geisterladen.“

Die vier Minuten im Supermarkt wurden von Wice zu einem vier-minütigen Track umgesetzt. „Der Track ist sehr reduziert und Sample-basiert, was ich eigentlich nicht so häufig mache. Jedes Sample kann wie ein Mensch im Supermarkt gelesen werden: Man hat keinen Einfluss auf das Verhalten der Menschen dort, wie bei einem Sample eben auch“, erklärt er. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe an Tracks, die wie ein musikalisches Tagebuch, immer auf vier Minuten begrenzt, entstanden sind. Einen davon gibt es als Free Download via SoundCloud. 

4 Minutes Of Distracted People

Neue Vernetzungswege während Corona

Was sich dazu noch getan hat, wegen der Corona-Krise und den erlassenen Maßnahmen? Es sind neue Vernetzungswege zu anderen Künstler*innen und Producer*innen, nicht nur aus Leipzig, entstanden: 

„Ich war eigentlich immer mehr so ein Mensch, der seine Produktionsprozesse nicht geteilt hat. Jetzt, während dem Shutdown, habe ich das abgelegt. Via Facebook, in der Ableton User Group, habe ich ein paar coole Leute entdeckt, mit denen ich mich austausche und Feedback gebe.“

„Wir schicken auch schon mal USB-Sticks hin und her, um uns mit Samples zu versorgen.“

„Und noch eine wichtige Sache hat sich verändert“, schiebt er nach, „ich habe mir eigentlich seit Jahren vorgenommen, mich in Harmonielehre und Musiktheorie einzulesen. Jetzt mache ich das endlich, bei Hüseyin von Cassegrain, der als Musiker auch von der Krise betroffen ist und jetzt Online-Kurse dazu anbietet. Ich hoffe echt sehr, dass einige Kreative die Zeit gut für sich nutzen können und etwas Positives mitnehmen können aus der ganzen Sache.“

Win/Win also. Nach mittlerweile fast 5 Wochen, in denen Corona unseren Alltag, die Nachrichtenlage und auch oft genug die eigene Gemütslage bestimmt, ist es schön, auch solche Geschichten zu hören – die zeigen, wie jede*r einzelne von uns supportive sein kann und wie sich genau das positiv auf unsere Zeit, die wir nun mal größtenteils gerade Zuhause verbringen müssen, auswirkt.

PS

Wer ebenfalls Lust auf Input aus Harmonielehre und Musiktheorie von Hüseyin von Cassegrain (I mean, Cassegrain! Namedropping hin oder her, aber – Cassegrain!) kann sich bei ihm zum Beispiel via Facebook (Hüseyin Evirgen) melden. Er gibt auch Kurse zu Music Production. Es sind besondere Zeiten, daher gibt es die Kurse zu besonders günstigen Preisen.

Artwork von fragmentiert.

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