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Autor/-in

Antoinette Blume
Sekt oder Selters, Ambient oder Techno, Leipzig oder Berlin, Lesen oder Schreiben - kein Entweder-oder, sondern alles, gleichzeitig und umgekehrt-nacheinander. Unter www.antoinetteblume.de erfahrt ihr an welchen Orten unsere Chefredakteurin liest, ausstellt oder was sie wo installiert.

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Sarah Farina: Musik als universelle Sprache

21. Mai 2020 / Kommentare (0)

Sarah Farina ist seit Jahren eine bekannte DJ und stand schon unzählige Male hinter dem DJ-Pult, davon auch einige Male vor der Boiler-Room-Kamera. Mit ihrem #Rainbowbass reist sie normalerweise durch die Welt und versucht, mit ihrem Publikum nicht nur zu feiern, sondern auch musikalisch-politisch zu arbeiten.

Sie wäre, wenn nicht gerade Corona wäre, dieser Tage als eine der sehnlichst erwarteten Headliner*innen des Balance Club / Culture-Festivals nach Leipzig gekommen. Wäre, hätte, würde, könnte es ist, wie es ist und wir alle machen das Beste draus! Wir haben Sarah also via Facetime getroffen, um mit ihr über Musiker*innenförderung, DJ-Gagen nach Corona und Musik als universelle, unabdingbare Sprache gesprochen.

Am Freitag, den 22. Mai 2020, werden wir den Laptop aufklappen und ihr Balance-Set via Streaming anschauen. Genau wie ihr, hoffentlich! Ihr verpasst sonst was, that’s for sure.

Interview

ff: Hallo Sarah, ich freue mich mega, dich virtuell via Facetime zu treffen. Ich hatte noch kein „digitales“ Interview – es fühlt sich einerseits sehr fortschrittlich an, andererseits wissen wir ja, warum wir uns nicht einfach in Leipzig oder Berlin auf einen Kaffee treffen können. Und damit sind wir schon mitten im Thema. Wie erlebst du gerade als Künstler*in diese Pandemie-Zeit? Bist du viel zu Hause, hörst oder machst du mehr Musik? 

Sarah Farina: Ich gehe durch verschiedene Phasen. Zu Beginn waren es Schock und Angst, da ich selbständig bin – ich habe keinen Nebenjob. Und mein Job besteht aus der Interaktion mit Menschen und ich kann meine Arbeit nicht so verändern, dass ich, während die Maßnahmen gelten, einfach weiterarbeiten könnte. Deshalb war ich verunsichert, wie die allermeisten wahrscheinlich. Dann kam die Phase der Akzeptanz. Manchmal habe ich launische Phasen, dann gibt es aber auch wieder Tage, in denen ich joyful bin und sehe, wie die Community zusammenhält. Das sehe ich zum Beispiel an United We Stream und auch am Balance-Festival.

Und ich bin natürlich viel zu Hause. Durch dieses erstmal vorherrschende Gefühl der Angst, konnte ich aber gar nicht kreativ arbeiten. Mittlerweile geht das und ich arbeite viel an meiner Musik. Zwar nicht jeden Tag, aber mehr als vorher. Ich muss mir jetzt überlegen, was ich zukünftig machen kann und will, denn ich glaube, es wird noch sehr lange dauern, bis ich wieder in Clubs auflegen kann und davon leben kann. 

Clubkultur und Politik

Ich habe mich eigentlich schon immer gefragt, wie das mal sein wird, mit dem Auflegen als Hauptjob – wie kann ich daraus „noch mehr machen“? Ich möchte eigentlich sowieso die Clubmusik aus dem Clubkontext herausholen und etwas Politisches damit machen. Ich persönlich bin nämlich auch keine Partymaus, was vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ich keine Drogen nehme (lacht). Aber der Community-Aspekt der Clubkultur, dass man sich mit Menschen verbunden fühlt, über die Musik. Das ist und war mir schon immer sehr wichtig. 

Sarah Farina bei Auf Klo (funk)

Denn, wenn ich in anderen Ländern auflege, und ich die Sprache dort nicht spreche, aber es kommt doch zu einer Verbindung – eben wegen der Musik – dann fühlt sich das immer nach ein paar Minuten Weltfrieden an. Und ich frage mich eben: Könnte man davon eine Remix-Version kreieren? Dass das nicht nur im Club stattfindet, sondern auch außerhalb der Clubwelt. Ich hoffe, dass ich noch herausfinde, wie ich dieser Idee mehr Raum geben kann. 

Du wärest eigentlich als eine der Headliner*innen beim diesjährigen Balance Club / Culture Festival aufgetreten. Einige meiner Freund*innen haben sich extra Urlaub genommen, um zum Festival zu kommen und sich auch auf dich schon sehr gefreut. ABER! Das Balance fällt ja – zum Glück – nicht aus. Es gibt eine Webedition des Festivals. Mich macht das sehr froh, wie sieht es bei dir aus? Ist es schon ‚normal‘, dass Festivals und Gigs ins Digitale abwandern und somit stattfinden?

Ich habe alle meine Gigs verloren. Außer das Balance-Festival. Und ich finde das toll, dass das Team die Webedition so schnell auf die Beine stellen konnte. Das Festival ist ein politisches Festival und ich habe sehr viel Liebe dafür und bin mega dankbar, dass sie auch wirklich dafür stehen! Ich bin auch schon sehr gespannt, wie das Festival wird. 

Du standest schon öfter vor der Boiler-Room-Kamera. Und ich habe gesehen, dass du vor Kurzem für United We Stream in der IPSE in Berlin aufgelegt hast. Wie ist das so – bist du da viel konzentrierter ohne die physische, „energetische“ Interaktion mit dem Publikum? Ist es langweiliger? Ergebnisorientierter?

Es ist super traurig! Ich lege zum Beispiel auch zu Hause nicht auf. Das macht für mich keinen Sinn. Also klar, ich kann mir eine Playlist anmachen, dazu tanzen und Spaß haben, aber es ist komplett anders, wenn da Menschen um dich herum sind – wenn man eine Energie kreiert, wenn es diesen Weltfrieden-Vibe gibt. 

Ich glaube aber, dass das manchen DJs mal ganz gut tut, zu merken, wie wichtig das Publikum ist. Es gibt nämlich immer mehr DJs, die sehr ego-fokussiert sind und narzisstische Züge haben – was ok ist. Aber ich finde es manchmal krass, wie sehr der oder die DJ der Mittelpunkt vom ganzen Clubgeschehen ist. Für manche ist es sicher eine gute Erfahrung, zu merken, wie verunsichert sie doch sind, wenn keine Leute schreien, wenn sie einen coolen Track spielen.

Ich hatte trotzdem Spaß beim Auflegen, weil mir die Musik einfach Spaß macht.

Aber es gibt nichts, was diese menschliche Interaktion und das Tanzen ersetzen könnte.

– Sarah Farina

Was findest du persönlich am Balance Festival besonders cool? Welche Veranstaltung würdest du oder wirst du selbst besuchen? 

Ich will mir wirklich Alles anschauen. Das Balance ist für mich ein modernes Festival, so sollte für mich jedes Festival sein. Denn es beweist, dass es nicht langweilig oder runterziehend ist, politische Aspekte in ein Programm mit einzubringen. Es geht nicht nur um Spaß und Feiern. Wobei es auch Spaß machen kann, politische Themen zu bearbeiten. Zwei Veranstaltungen interessieren mich aber besonders: „Dance as decolonial and feminist practice“ mit Anisha Müller und Femme Fitness und “Let’s talk about alliances„ mit und von Arpana Aischa Berndt und Mine Wenzel.

Dann lass uns über deine Musik sprechen. #Rainbowbass steht bei Soundcloud in deiner Beschreibung. Was bedeutet das?

Als DJ werde ich oft gefragt „Was legst du denn für Musik auf?“ und ich fand das schwer zu beantworten. Ich dachte mir dann, vielleicht kann ich ein Wort erfinden – zum Beispiel in dem ich Musikstile in Farben übersetze. Ich bin zwar kein Mensch, der Musik hört und Farben sieht, aber ich finde eben, dass die verschiedenen Musikstile bunt sind auch alle miteinander verwoben und verbunden – wie bei einem Regenbogen.

Musik als Regenbogen

Das lässt sich auch auf die Geschichte von Musik übertragen. Zum Beispiel bei Techno: Techno verbindet so viele verschiedene Musikstile und -richtungen, das finde ich einfach schön. Historisch sind Musikstile miteinander verbunden und die Farben des Regenbogens sind es auch. Der Regenbogen an sich weckt dazu noch Freude und Positivität, das macht es auch nicht so ernst (lacht). 

Und Bass ist für mich die Essenz von Clubmusik. Du kennst es sicher auch, dieses Gefühl, wenn man im Club ist, und der Bass setzt ein. Leute fangen dann an, sich zu bewegen und darauf zu reagieren. Mir geht es mit dem Begriff auch darum, Genregrenzen aufzubrechen. Ich kann mich selbst auch nicht einem Genre zuordnen, da ich einfach verschiedene Musikstile liebe. 

Manchmal würde ich mir auch schon wünschen, dass sich Menschen mehr mit Musikgeschichte beschäftigen. Ganz nach dem Motto „How can you know where you’re going, if you don’t know where you’ve been?“ – und das ist auch wieder politisch! Ich war letztes Jahr in Detroit, dem Geburtsort von Techno, habe dort so viel gelernt und gemerkt, wie schade es ist, dass Genres wie Techno so krass weiß-gewaschen sind und weiß-gewaschen wurden.

Durch ein Set, das viele Stile verknüpft, kann man also auch eine Message ans Publikum schicken. 

Du wurdest bereits von der Initiative Musik gefördert, wie ich gelesen habe. Wie war das und kannst du es empfehlen, als Künstlerin aus der elektronischen Musikwelt, sich dort zu bewerben?

Initiative Musik, Musicboard, Shape

Ich wurde schon zwei Mal gefördert, einmal, richtig, von der Initiative Musik und einmal vom Musicboard Berlin. Und ich kann es total empfehlen! Die Barriere fühlt sich vielleicht erst einmal hoch an. Aber wenn man einmal angefangen hat, so eine Bewerbung zu schreiben, merkt man doch ziemlich schnell, dass es gar nicht so schlimm ist.

Was ich wichtig finde, ist, dass man schon ungefähr wissen sollte, wer man ist und wo man hin will. Denn es geht in so einer Bewerbung vor allem um das Narrativ, damit diejenigen, die bei so einer Initiative arbeiten und darüber entscheiden, wer gefördert wird, verstehen können, wer du bist, wo du warst, wo du jetzt bist und was du machen willst. 

Ich habe da glücklicherweise tolle Leute um mich herum, die mich motiviert haben und mir das empfohlen haben. Weil ich selbst unter dem Imposter-Syndrom* leide (lacht). Ich dachte, dass DJs wie ich, die solche Musik machen und spielen, da keine Chance haben. Aber diese Institutionen werden immer offener. Jetzt ist es sogar so, dass ich in der Jury des Muicboards sitze und anderen Menschen ermöglichen kann, gefördert zu werden. Ich hoffe, das motiviert viele Menschen, sich zu bewerben! Denn, der Papierkram ist wirklich nicht so schlimm. Man kann mit den Leuten, die bei diesen Institutionen arbeiten, wirklich gut reden. 

Und du bist eine von vielen Shape-Artist-Alumni. Die Shape-Plattform ist bekannt dafür, aufstrebende, interessante und vor allem Live-Künstler*innen aus der ganzen Welt in ihr Förderprogramm aufzunehmen und dort zu vereinen. Wie hast du von Shape erfahren? 

Ich bin als DJ bei Disk Agency und Shape und Disk Agency sind miteinander verbunden, daher hatte ich Shape immer auf dem Schirm. Vor zwei Jahren wurde ich bei Shape aufgenommen und hatte damit Möglichkeiten, an Orten aufzulegen, die sehr besonders sind. Zum Beispiel bei einem Festival in Norwegen, zu einer Zeit, wo es dort immer dunkel ist. Das war richtig abgefahren. Es kam zu einem sehr schönem Austausch und ich durfte über das Shape-Network auch Workshops besuchen, und zwar komplett kostenlos. Da ging es zum Beispiel um Mental Health oder Musiklizensierung, mit Menschen aus aller Welt.

Ich bin immer noch dankbar, bei Shape dabei zu sein. Und ich finde, Musiker*innen sollten sich für genau solche Förderungen und Stipendien viel mehr bewerben. 

Verfolgst du, wer jedes Jahr in die Artist-Reihe aufgenommen wird..?

Ja! Ich folge Shape weiterhin auf Instagram und bekomme da alles mit. 

Sarah Farina

Du hast auch vor kurzem in Tokyo eine kleine Tour gehabt! Wie war das, das ist ja noch gar nicht lange her. Wie wird dort gefeiert und hast du es besonders genossen, in Japan aufzutreten?

Ich war schon drei Mal in Asien als DJ. Jede Erfahrung dort war super. In Japan war es auch total cool, die Menschen dort waren so unfassbar höflich. Das ist zwar auch so ein typisches Klischee, aber das ist kulturell dort stark verankert. Die Clubs waren die saubersten Clubs, die ich jemals gesehen habe (lacht). In Japan ist mir aufgefallen, dass die Menschen dort teilweise komplett anders auf Tracks reagiert haben, als an anderen Orten. Dann gibt es aber auch Tracks, die wirklich überall die gleiche Reaktion hervorbringen können. Das sind so die universellsten Tracks der Welt. Ein solcher Track ist zum Beispiel The Bug – Skeng! Den finden immer alle gut.

Am krassesten feiern aber die Leute in Shanghai. Diese europäische „Coolness“ in Clubs kann nämlich dazu führen, dass sie länger brauchen, um loszulassen. Und in asiatischen Ländern werden die Artists richtig krass appreciated. Manchmal habe ich in Berlin das Gefühl, dass das Publikum sehr verwöhnt ist und deshalb die Artists nicht so feiert.

Du bist schon wirklich sehr weit herumgekommen und warst viel mit deiner Musik unterwegs. Fehlt dir das Reisen?

Das Reisen fehlt mir schon. Aber es hat mich auch sehr gestresst. Je nach Persönlichkeit ist das sicher auch verschieden. Ich bin eher introvertiert, daher ist es für mich vielleicht in bestimmten Situationen anstrengender. Es kann schon ein komisches Gefühl sein, mit 800 Leuten im Club zu sein, und wirklich keinen zu kennen. Und manchmal kommt eben auch keine Verbindung zu Stande und der Gig wird schlecht.

Aber beim Reisen merke ich immer wieder, wie wichtig Musik als universelle Sprache ist. Und wie wichtig es ist, safer spaces zu haben, in denen Menschen loslassen, im Jetzt leben, sich selbst und die Menschen um sich herum feiern können. Dass gerade diese Orte derzeit so bedroht sind und werden, macht mir echt Sorgen. Denn diese Orte brauchen wir – angesichts des Rechtsrucks überall auf der Welt – mehr denn je.

Und noch eine letzte Frage: Wie sieht die Clubwelt nach der Krise aus, was meinst du?

Nehmen wir mal an, dass es Anfang nächsten Jahres wieder losgeht. Dann glaube ich, dass Clubnächte was die Anzahl des Publikums angeht, stark limitiert sein werden und das Line-Ups eher lokal sind. Was ich gut finde! Denn wir haben so viel lokales Talent, das immer übersehen wird. Und die Gagen werden sich verändern, was ich teilweise auch richtig gut finde. Im besten Falle wird eine Umverteilung stattfinden, dahingehend, dass 15.000 Euro nicht mehr nur für einen Headliner-DJ ausgegeben werden, sondern dieses Geld an mehrere Künstler*innen verteilt wird. 

Clubwelt nach der Krise

Ich hoffe, dass es nicht dazu führt, dass Safer-Space-Guidances ihre Jobs verlieren, also das gerade hieran dann gespart wird. Dass es einen Ausbruch der Freude gibt, im besten Falle! Das kennt man ja auch der Geschichte, beim Mauerfall zum Beispiel. Vielleicht geben Menschen zukünftig dann auch wieder mehr Geld für Clubnächte aus und es führt dazu, dass wir insgesamt kollektiver denken – und nicht nur jede*r schaut, irgendwie auf die Gästeliste zu kommen. Und ich hoffe sehr, dass Clubs sich gegenseitig unterstützen und sich die Konkurrenz nicht noch verschärft. 


Interview_Webedition

Danke an Sarah Farina und danke – again – an das Balance Club / Culture Festival. Wenn ihr das Festival unterstützen möchtet, kauft ein Soli-Ticket!

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