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Amy
"Zwischen Breaks und Party pur mit Schirmchen im Drink". Amy Woyth alias ttyfal glüht für geile Partys, spannende Künstler*innen und gute Musik. Und schreibt auch gerne drüber.

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Spot on #7 – Translucid

15. September 2020 / Kommentare (0)

Ein Künstler, der in Leipzig nicht mehr zu übersehen und unterschätzen ist: Booker, Veranstalter und mjut-Resident Translucid ist endlich bei unserer Spot on-Reihe zu Gast.

Markus alias Translucid hockt auf den Treppen der Abladefläche von Ultraschall PA, als ich mit dem Fahrrad am Anfang der Lagerhofstraße ankomme. Er winkt mir zu.

Das letzte Mal war ich zum Interview mit den Betreiber*innen des mjut hier, Markus inklusive, die gerade aber damit beschäftigt sind, Technik für das Tarmac Festival in einen Transporter zu hieven. Damals, im Mai, war die Stimmung deutlich optimistischer. Mitte Juni musste die Eröffnungsveranstaltung im umgebauten Außenbereich dank behördlicher Anordnungen kurzfristig abgesagt werden, seitdem ist der Club wieder zur Baustelle m(j)utiert. 

Heute aber soll es nicht um den Club selbst gehen, sondern um einen der kreativsten Köpfe in der Leipziger Clubkultur – der nebenbei als Booker und Resident im mjut tätig ist. Sein Engagement auf diese Arbeit zu beschränken wäre unfair, denn wenn man sich Markus’ Treiben in dieser Stadt anschaut, weiß man gar nicht welche Fragen man zuerst stellen soll. 

Bevor wir die Arbeit als Booker anschneiden und über seine aktuellen Projekte sprechen, kommen wir auf seinen musikalischen Entstehungsprozess. 

Von Rentnermusik zum Projektmanagement

Wo die musikalischen Anfänge bei vielen DJs in den frühen bis späten Teenagerjahren liegen, beginnt Markus‘ Geschichte im Alter von drei Jahren, als seine Mutter ihn in die junge musikalische Früherziehung schickt. Vater-Sohn Abende bestehen daraus, gemeinsam am Computer auf Cubase herumzuprobieren und währenddessen geht es von der Blockflöte zur Klarinette, wo er zwölf Jahre im Blasorchester verbringt („Ich hab’ echt viel Rentnermusik gespielt, aber dadurch hat sich mein musikalisches Verständnis erweitert“). Um seine Improvisationsfähigkeiten zu entwickeln, nimmt er Klavierstunden bei Jazzstudenten und mit 13 Jahren steht er zum ersten Mal vor einem Controller.

„Ich war immer der kleine Stöpsel, der dabei war“, sagt Markus, als er von den Partys seiner Jugend spricht. Wo es nur ging, bot er in seiner Heimatstadt Weimar auf Veranstaltungen Hilfe an, lernte mehr über Licht, Deko, Technik, Musik, aber lernte vor allem Leute kennen. Diese Leute brachten ihn schließlich nach Leipzig, wo er sein Debut als Veranstaltungsgast beim Electric Weekender feierte und gleichzeitig einen Praktikumsvertrag für das Conne Island in der Hand hielt. Ein Jahr lang kuratierte er im Anschluss mit Kumpel und Kollege Philipp die Halftime und trieb sich als Partygast in der ganzen Stadt rum.

Genauso unverhofft, wie er auf Weimarer Leute und Veranstaltungen gestoßen war, stieß Markus auch aufs mjut. „Wir kamen auf die Baustelle, wo gerade ein paar Leute gewerkelt haben und haben unsere Hilfe angeboten. […] Einen Monat später war ich täglich mehrere Stunden dort.“ 

Markus entschied sich bewusst, diesen Weg zu gehen, seine mittelfristige Zukunft diesem Ort zu widmen: „Ich stand vor der Entscheidung: entweder ich gehe nach Berlin und mach’ dort ein Praktikum, wo ich am Ende wieder ein Handlanger bin. Oder ich hab’ die Möglichkeit, von vornherein dieses Projekt mit zu erschaffen.“ Das mjut bot nicht nur die Chance, sich musikalisch verwirklichen zu können, sondern physisch Hand anzulegen; Sachen zu bauen und Dinge zu gestalten.

„Regeln? Scheiß auf Regeln!“

In seiner Rolle als Booker, Veranstalter und Resident im mjut hat sich Markus mit seinem alias Translucid immer mehr einen Namen gemacht, wobei bestimmte Genres in seiner musikalischen Identität keine feste Rolle einnehmen. „Ich höre extrem viel Musik und ich spiele vieles sehr gerne. Klar hat man Phasen, in denen man manches mehr hört, aber ich kann und möchte mich nicht auf irgendwas beschränken. In jeder Richtung gibt es viel zu viel schöne Musik.“ Diese Perspektive greift er in all seinen Projekten auf.

Diese Einstellung schafft übrigens in gewisser Weise auch die Identität des mjut, das wir in unserem letzten Artikel als „Chamäleon der Clubkultur“ bezeichnen. Einschließlich Markus nehmen sich nach der Öffnung des mjut im April 2018 mal zwei, mal drei andere Personen der musikalischen Linie an.

In den Monaten vor Corona dünnt sich das Booking-Team dann aus, Markus übernimmt die Arbeit alleine, ist für die Kommunikation mit und Betreuung von Veranstalter*innen oder Künstler*innen verantwortlich. Und kümmert sich nebenbei noch um sein eigenes Projekt: Minerals.

Während das musikalische Konzept hinter der eigens von Markus kuratierten Veranstaltungsreihe im mjut einem relativ typischen Modell folgt – großer Headliner plus Support – werden hier atypische Elemente mit untergebracht. Kino mit Installationen oder Kurzfilmen, Ausstellungen, you name it – um die Verbindung zu verstehen muss man zwar zwischen den Zeilen lesen, aber so entsteht ein rundes Abendprogramm. „Wenn ich zum Beispiel jemanden einlade, der oder die viel in der queeren Szene aktiv ist – das wäre ein Abend, wo es Drag-Performances geben würde.“ Dementsprechend wurde der obere Floor bei Headliner Bjarki zum Kino mit Videoinstallation des zugehörigen Grafiker Hellcat umgebaut.

Eine weitere Besonderheit ist die ungewöhnliche Geschichte, die hinter der Gestaltung der Reihe liegt.

„Wir haben das nie so in die Veranstaltung schreiben wollen, weil es vielleicht für manche nach Hokus Pokus klingt.“

„Wenn ich die Zusage für eine*n Headliner*in bekommen habe, dann setze ich mich vor ein Buch über Steine – allen Mineralien werden ja gewisse Kräfte und Energien zugesagt. Ich höre mir die Musik an und versuche dann zu erfühlen, welcher Stein mir eine ähnliche Stimmung zur Musik gibt.“ Zwar wird der Stein in der Promo für die Veranstaltung nicht benannt, doch er ist für Markus und vor allem Grafiker Nico Stephou ein Anhaltspunkt. Für Telephones fiel die Entscheidung auf den Bernstein, bei Vlada auf den Smaragd und Kanding-Ray auf den Opal. 

Many moods

Auf dem neu gegründeten Label Myriad bringt Markus nun nicht nur sein erstes Solo-Album an den Start, er legt meiner Meinung nach damit außerdem den Grundbaustein für eines der spannendsten Projekte in Leipzig. 

„Das Label ist die physische Verwirklichung von dem, was ich mir bei der Minerals gedacht habe. Die Veranstaltungsabende sind vergänglich und Myriad bringt physische Relikte in der Form von – zum Beispiel – Platten mit sich“ beschreibt Markus den Gedanken hinter Myriad. Dem Anspruch, mehreren Genres gerecht zu werden und Liebe zu schenken möchte er jedoch nicht nur unter seinem Alias Translucid gerecht werden – und dafür hat er bereits in seinem Umfeld Kritik geernet.

Kann ein Label erfolgreich werden, das sich keine klare Richtung festlegt?

Ähnlich wie bei der Minerals-Reihe werden bei Myriad Genres gewissen Stimmungen zugeordnet, die wiederum in Farben unterteilt werden. Die erste Platte, die Breakbeats, sowie experimentellen und härteren Sounds entspricht, ist blau geworden, weshalb die farbliche Festlegung bei solchen Genres in Zukunft auch dem blauen Farbcode folgt. Trotz der – auf den ersten Blick – Uneinheitlichkeit entsteht so ein roter Faden, an dem sich der/die* Zuhörer*in orientieren kann und eine Welt, deren Ästhetik rund ist.

Hirundoaves alias Lion Sauterleute hat mit seinem Signature-Style schon viele Plakate in Leipzigs Clublandschaft, aber vor allem im mjut entwerfen können, und er ist nun auch für das erste Myriad-Design verantwortlich. Für Markus ist Lion jemand, mit dem er einen ästhetischen Anspruch teilt. Jemand, bei dem Änderungswünsche überflüssig werden. 

„Lion wird sich in Zukunft um die komplette Identity vom Aussehen kümmern, aber mein Ziel ist es, für jede Musik die ich veröffentliche, viele Artists einzuladen. Lion setzt im Endprozess seine i-Tüpfelchen und bestimmt die grafische Handschrift.“

In Memoriam

„Wenn ich jetzt einen Track mache – dann mache ich ihn in einer Nacht. Ich habe gemerkt dass das der Weg ist, mit dem ich am besten klarkomme. Sonst arbeitest du dir deine Musik irgendwann kaputt.„ Das siebenteilige Album namens „In Memoriam“ ist zwischen 2018 und 2020 in Berlin, Leipzig, Weimar und Los Mollos, einem Küstendorf in Chile, entstanden. Es ist das erste Release auf dem Myriad-Label.

Das erste Lied, Time Shifting, ist von Markus’ Vater inspiriert, der die darin enthaltene Melodie ständig in seiner Kindheit am Keyboard spielte. Sehr dreamy. Passend zum Namen aber nicht davon inspiriert ist das folgende Element: „Man hört das nicht, aber der Track fängt mit 110 bpm an und hört mit 140 bpm auf“. Es hangelt sich im Anschluss ein Breakbeat-lastiger, roter Faden durch das Album, bevor 8 Likes 39 Comments dem Ganzen mit Gabber ein Ende setzt. Jedes Lied bringt eine lesenswerte Geschichte passend zum Namen sich, die dem Album eine wertvolle weitere Ebene verleiht.

„Wenn jemand im selben Zimmer schläft, ist eine Energie im Raum. Einerseits will man mit den Kopfhörern leise sein, andererseits schwimmt bei solchen Situationen eine Nostalgie mit.“ Markus schätzt das Musizieren unter solchen Umständen besonders. Der Fokus bei While Dreaming Deep lag darauf, eine Closing-Track-Ästhetik zu erreichen. 

Arecibo sampled Morsecode-ähnliche Nachrichten, die von der Menschheit für Aliens hinterlassen wurden. Caffeine Morning ist durch eine vom koffeinunverträglichen Markus getrunkene Kaffeetasse voller Espresso entstanden. 

Über die Freiheit, sich seine eigene Realität schaffen zu können,

philosophiert Paulo Coelho im Einsteigssample von Tidentity; VCV Kicks ist das Ergebnis aus dem Herumprobieren mit digital nachgebauten, modularen Synthesizern. „Das ist für mich einer meiner Favorites auf dem Album.“ Der abschließende Titel 8 Likes 39 Comments handelt vom Austauschen von Gabber-Tracks in Facebook-Kommentarspalten. Welche exakten Sounds sich hinter den Titeln verstecken und wie Markus die Geschichten in seinen eigenen Sätzen schreibt, kann man bei SoundCloud herausfinden:

Das Interview führen wir auf einem einsamen, weißen Sofa auf dem Gelände hinter der Lagerhofstraße, zwischen Bahngleisen und Sträuchern. Im Laufe des Gesprächs geht die Sonne unter und taucht die bunten Blumen um uns herum in einen goldenen Schein während die Sonnenstrahlen durch den Bogen der Brandenburger Brücke flackern. Markus spielt nebenbei mal mit kleinen Stöcken, Steinen, und dem Plastekorken einer Rotkäppchen-Flasche. Das mjut selbst verlieren wir dabei – im wahrsten Sinne des Wortes – nie aus dem Blick.

Markus hofft, dass das mjut ein Ort wird, dem das Publikum Vertrauen schenkt. Vertrauen, dass egal wann man kommt, egal was läuft: Die Veranstaltung wird gut. Dass das Publikum den Booker*innen mehr Freiheit lässt; aber auch umgekehrt.

„Das wichtigste für mich ist eine Balance: du hast etwas, was die Leute catched und was die Leute kennen. Wenn sie dann einmal da sind, kannst du sie noch mit so vielen anderen Dingen überraschen.“ Bei Markus selbst war eine solche Veranstaltung die mit DJ Maik kuratierte Reihe Futuro Grande, bei der im Januar Diamin aus Südamerika zu Gast war. 

Was Markus als nächstes aus seiner Trickkiste zaubern wird,

bleibt wohl noch offen; zuletzt bereicherte er den Electric Weekender mit eigens kreierten Visuals. Vielleicht bespielt er noch einmal einen Livestream mit Live-Zeichnungen, oder vielleicht launched er mit seinem neuen Label gleich eine Mix-Reihe? Vielleicht, hoffentlich, wird das mjut in diesem Jahr noch in neuem Glanz seine Türen öffnen dürfen und von Markus bespielt werden.

Fest steht: den Titel als interdisziplinären Künstler hat er mehr als verdient. Im Memoriam, sein erstes Solo-Album, wird am 17. September veröffentlicht. Danke für das inspirierende Gespräch, Markus.

Alle Fotos sind von Kim Camille / @_kimcamille_ / Vielen Dank!


„Spot On“ Mix

As usual haben wir auch Markus um einen Mix gebeten, den wir im Rahmen unserer Spot On Reihe auf SoundCloud veröffentlichen. Passend: mit der Disco-Orientierung steht der Mix in starkem Kontrast zum Album.

„Funky Musik spielt schon immer einen großen Part in meinem Repertoire. Leider ergibt sich nicht so oft die Möglichkeit, diese Musik vor einer großen Menge zu spielen. Bei den Partys vom Plattenladen Sound Metaphors ist das aber anders, denn da dreht sich alles um die energiereichen 70er, in denen Disco ihren Höhepunkt hatte. Gefesselt von der Ästhetik, habe ich mit diesem Mix versucht ein paar der unbekannteren Stücke zu fusionieren. Ich hoffe der Mix versetzt euch, genau so wie mich, in den Vibe von Unbeschwertheit und Freude.“

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