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Amy
"Zwischen Breaks und Party pur mit Schirmchen im Drink". Amy Woyth alias ttyfal glüht für geile Partys, spannende Künstler*innen und gute Musik. Und schreibt auch gerne drüber.

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Nachts im Museum – New Hook im MdbK

11. November 2020 / Kommentare (0)

Künstler*innen, Kollektive und Clubs waren zu Peak-Coronazeiten damit beschäftigt, Livestreams auf die Beine zu stellen. Für New Hook aber war das eher keine Option: Sie organisierten eine virtuelle Finissage im Museum der bildenden Künste und erweiterten so das Format. 

Mitte Juli veröffentlichte New Hook, die dreiköpfige Band rund um Linda, Ilka und Juliane Maria, ein zwanzigminütiges, „audiovisuelles Abenteuer“ namens LAYERHEAD. Unter wavigen Sounds und bunten Filtern vermischen sich die Werke der Band mit einem meterhohen Kopf von Klaus Kinski: Paule Hammers Installation Kaputtnik. Unsere Autorin Amy hat sich mit ihnen getroffen, um über das Projekt zu sprechen.

„Es war ein Abenteuer mit offenem Ausgang.“

Dass Corona die Kreativität aller gefordert hat, ist klar. Wie macht man sich bemerkbar zwischen etlichen Clubs die Crowdfunding-Aktionen am laufen haben, zwischen Kollektiven die mal mehr, mal weniger professionelle Livestreams am laufenden Band raus hauen und zwischen Künstler*innen, die ihr SoundCloud Pro-Abo bis zum Gehtnichtmehr ausreizen? New Hook war dem Ganzen ein paar Schritte voraus.

„Ich habe beim Aufbau der Paule Hammer Arbeit mitgeholfen und dachte ich nutze die Chance, ihm unsere Musik zu zeigen,“ erzählt Juliane Maria. Die Installation wurde bereits Ende November 2019 eröffnet. „Ich dachte man könnte ja mal was zusammen machen, weil er auch schon während der Ausstellung verschiedene Veranstaltungen mit musikalischem Arrangement geplant hatte.“ 

Anfang Juni bekamen die drei Bandmitglieder von Hammer letztendlich die Zusage für die Kaputtnik-Finissage Mitte Juli. „Voller Optimismus sind wir alle davon ausgegangen, dass es eventuell so etwas wie ein Live-Konzert vor Gästen geben könnte“ lacht Juliane Maria.  

„In dem Moment der Planung wollen wir nach den Sternen greifen, im Moment der Realisierung müssen wir erstmal schauen, wie wir dahin kommen.“ – Linda

Dem eigenen Anspruch gerecht zu werden – ohne zu wissen, woraus das Endprodukt bestehen würde – war hier inmitten vieler unberechenbarer Faktoren klar eine Herausforderung. Nach einem Livestream ihres Labels Riotvan wurde der Kontakt zu einem Filmteam hergestellt, das sich auch zum Dreh für das LAYERHEAD-Projekt bereit erklärte und nach einem Treffen im Museum mit Paule Hammer musste innerhalb eines Wochenendes ein Konzept erarbeitet werden.

Alles kam Schlag auf Schlag. 

Hinzu gesellte sich die Tatsache, dass ein zweites Filmteam vor Ort anwesend war und sich dadurch die Dreharbeiten vom Mittag bis in die Nacht verschoben. Aber: Wenn die drei davon reden, ist in ihrem Stimmen kein Stress und keine Reue herauszuhören. „Wenn eine von uns einen Zweifelmoment hatte, ging es den anderen beiden gut. So konnte man sich die positive Energie weiterreichen und dann hat es echt viel Spaß gemacht.“

Dabei war nicht nur die Arbeit mit einer renommierten Institution wie dem Museum für bildende Künste neu, sondern auch die Möglichkeit, visuelle Elemente in einem solchen Maße mit einzubinden. „Wir mögen das total, mit Filmaufnahmen zu unserer Musik zu arbeiten. Es war für uns eine positive Herausforderung, das mal auf einer professionellen Ebene anzugehen,“ freut sich Linda. Sie erzählt, dass Bühnenbilder bisher bei Liveshows zu kurz gekommen sind – die unübersehbare Skulptur war da eine perfekte Ergänzung.

„Uns ist dieser Kunst-Bezug schon immer wichtig gewesen“, führt Juliane Maria fort, die bildende Kunst studiert hat. Ilka ist wiederum in einer Grafikagentur beschäftigt. „Die Musik ist natürlich der Fokus, aber alles drum herum ist mindestens genauso wichtig. Dass man versucht einen künstlerischen Anspruch einzubringen, ist natürlich immer die Vorstellung.“

Zum Anfang der Installation war die Kaputtnik-Figur komplett weiß und unbeschrieben, zur Finissage dann von oben bis unten mit Wörtern zugemalt. Dieses Element sollte mit aufgegriffen werden, einerseits Paule Hammer als schreibender Künstler, andererseits das malen selbst, das beschrieben werden. Das gedankliche Verbindungsstück wurde realisiert durch die Papierkragen, die im Film von den drei Bandmitgliedern getragen und von Hammer bemalt werden: „Wir haben versucht, uns ein bisschen an der Skulptur entlang zu hangeln, aber es nicht allzu wörtlich zu interpretieren.“

Foto von Walther Le Kon

New Hook steht für

think outside of the box

– für einfach mal machen. Das wird nicht nur in unserem letzten und ersten Artikel zu den drei Frauen deutlich, sondern in allem, was sie tun. So auch bei diesem Projekt.

Auf die Frage, wie denn das innerhalb von einem Wochenende erarbeitete Konzept ausgesehen hatte, gibt es keine klare Antwort. Ilka versucht es trotzdem zu verwörtlichen: „Wir haben uns für die einzelnen Tracks überlegt, wie sich die Geschichte über 25 Minuten trägt. Nicht im Speziellen, sondern eher… geht es um eine dreamy Richtung, geht es um eine plakative?“

In gewisser Weise reihen sich die ausgewählten Tracks auch mit der Idee hinter der Skulptur oder dem Menschen, den Klaus Kinski repräsentiert, ein. Neben einer nachträglichen Promophase für ihr neu erschienenes Lied O T war das Projekt für New Hook außerdem eine Chance, alte Sachen rauszukramen.

„Es war uns wichtig, nicht nur vorproduzierte Sachen zu verwenden, sondern dass man die im Moment entstandenen Sachen auch mal verwertet.“ So ist jeweils das Intro und Outro der Geschichte ein Acapella-Mitschnitt aus einer Probe, Pillow als erstes, richtiges Lied aus dem vorherigen Proberaum im IfZ hervorgegangen und Whiskey & Wine – im wahrsten Sinne – in „Weinlaune im jetzigen Studio entstanden“. Die meisten Tracks wurden nachträglich nochmal für das Projekt modifiziert.

Foto von Kim Camille

Nochmal zu O T: Der Track, dessen Name für Opfer und Täter steht, erschien Ende März auf der Familiar Faces Various Artists bei Riotvan. Das Video war zu dem Zeitpunkt die einzige richtige Möglichkeit, dafür Promo zu machen. Und „außerdem ist das ‘ne geile Aussage, die uns wichtig ist und die wir auch möglichst vielen Menschen zugänglich machen wollten.“

„Am Ende war man Regisseur, Schauspieler, Film- und Musikproduzent

– wir haben an diesem Tag übelst viele Rollen eingenommen und das war eine krasse Herausforderung.“ – Linda

Wie viel Arbeit wirklich hinter der Realisierung dieses Videos steckt, ist mit ungeschultem Auge nicht zu erkennen. Die Mädels erzählen von den Hürden beim Dreh abgesehen von der zeitlichen Verschiebung – all das kommt trotzdem nicht an die Nachbereitung heran.

Für zwei Wochen nach dem Dreh war die Deadline für ein fertig geschnittenes Video gesetzt. Den Schnitt wollten die drei hinter New Hook selbst übernehmen.

Aus fünf Kameraperspektiven waren 170 GB Rohmaterial entstanden, alle drei hatten noch nie vorher ein Video in dem Maße geschnitten und noch nie mit diesem speziellen Schnittprogramm gearbeitet. Dazu kam allein die Sichtung des Materials. Linda bestätigt: „Wir sind teilweise hart an unsere Grenzen gekommen. Es gab Momente, da haben wir alle drei, vier Stunden alleine am Rechner gesessen und es hat niemand einen Fortschritt gemacht.“

„Wenn es keinen Abgabetermin gegeben hätte – das wäre unmöglich gewesen,“ sagt Juliane Maria. 

Mit all dem im Hinterkopf wird das ganze Projekt noch beeindruckender. Man merkt, wieviel Herzblut in das Projekt gesteckt wurde, um es zu dem zu machen, was es geworden ist. Inmitten der Herausforderungen, ein Bühnenbild passend zur Show zu realisieren, eine verloren gegangene Promozeit nachzuholen und sich all den Problematiken von drei Künstler*innen während einer Krise zu stellen, zeigen New Hook was sie neben ihrer großartigen Musik in der Leipziger Szene einzigartig macht. 

„Das [Projekt] hat mir gezeigt, dass es genau das ist, was mir unheimlich Spaß macht, und dass unsere Zukunft dort liegt.“ Dort heißt unter anderem, auf Hybrid-Sets umzusteigen, um gemäß des eigenen Anspruchs alles bewältigen zu können: Auftreten und performen ja, aber statt live auf Instrumente einzugehen, auch live auf visuelle Elemente (wie einem Bühnenbild) eingehen zu können – und neue Kompositionen mit einzuarbeiten. 

So soll live die für die Band optimale Kombination von digitalem Produzieren und analogen Musizieren entstehen, aber auch komplett analoge Auftritte sind geplant: „Wir möchten uns nichts verwehren und versuchen so offen und flexibel wie möglich unsere Arbeitsweise unseren Bedürfnissen und den jeweils aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Alles ist möglich!“

Corona wurde von New Hook abgesehen vom LAYERHEAD-Projekt hauptsächlich dazu genutzt, um ihren Proberaum im Leipziger Westen auf Vordermann zu bringen und natürlich an Musik zu arbeiten. Bald gibt es Releases auf den Labels Ombra International, gegründet vom Künstler Curses aus New York, sowie Underground Pacific aus Kalifornien. Wir freuen uns darauf zu sehen und zu hören, welche Grenzen noch von Ilka, Juliane Maria und Linda überquert werden. 

Der Track SEXERGY erscheint am 13. November auf Ombra International!


Filmteam (Kamera/Licht/Drohne): Florian Manhardt, Mark Burnett, Martin Pelzl, Dean Benzin, Martin Beyer, Jonathan Lang

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