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Booga
All Tempo Breakbeat Otaku seit Beat Street. Gründer von breaks.org, itsyours.info und dem Hybrid Bass Label Defrostatica. Schwört auf die Dreifaltigkeit von auflegen, rauchen und Becks Gold.

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Various Artists „7IX“ (Institut fuer Zukunft)

11. Juli 2021 / Kommentare (0)

Die zweite Various Artist-Compilation des Instituts fuer Zukunft erschien auf Vinyl bereits Anfang Juni, nun ist sie auch digital erhältlich. Booga hat sich das Werk angehört.

In drei weißen Buchstaben auf schwarzer Fläche das Pandemie-Drama 2020-2021 minimalistisch zu verewigen, ist Ausdruck eines konsistenten Designs, gepaart mit reflektiertem Pragmatismus. „7IX“ sollte bereits im Mai 2020 zum sechsten Geburtstag des Clubs erscheinen, vermutlich unter dem Titel „6IX“ und mit einem angemessen Wochenendprogramm.

Doch so kam es nicht. Knapp anderthalb Jahre kämpfte der Laden und seine Mitarbeiter:innen um das Überleben, beobachtete entsetzt die regionale politische Entwicklung im Newsletter, funktionierte als Covid-Test-Zentrum, führte Online-Veranstaltungen des Kulturraum e.V. durch, streamte Showcases im Callshop Radio, setzte sich selbstkritisch mit sexualisierter Gewalt und struktureller Verantwortung auseinander, kassierte den Applaus-Award für außergewöhnliche Programmgestaltung, erlebte einen Vermieterwechsel durch die Stadt Leipzig und eröffnete den Teergarten als Open Air-Alternative.

In der Aufzählung der Krisenmeilensteine fehlt jedoch das für diese Besprechung relevante Ereignis: die Gründung der fünfköpfigen Label-AG innerhalb des IfZ. Das Team hat seit letztem Jahr aktiv Künstler:innen gescoutet und wie zuvor bei „5IVE“ auf Exzellenz und inhaltliche Vielfalt gesetzt.

Markus Krasselt aka Peter Invasion ist Teil der Label-AG und bestätigt auf Nachfrage, dass sich die Veröffentlichungs-Aktivitäten nicht auf jährliche Geburtstags-Compilation beschränken werden. Klassische Label-Arbeit im Sinne der Entwicklung eines spezifischen Sounds oder der Verstärkung eines dezidierten Künstler:innen-Kollektivs sieht er jedoch nicht auf die Arbeitsgruppe zukommen. Die positiven Erfahrungen im Vertrieb und Verkauf der „5IVE“-Compilation bestätigen aus Markus’ Sicht die enge und treue Verflechtung des IfZ mit DJs und Produzent:innen auf der einen sowie den Fans des Ladens auf der anderen Seite. Vinyl wird eine zentrale Rolle spielen, soviel ist klar. Inhaltlich bleibt es spannend.

Die Doppel-12″ mit dem Luftmotiv des Kohlrabizirkus als Etikettendruck konnte ich noch nicht in den Händen halten, daher lege ich jetzt nicht die Nadel in die Rille sondern drücke profan PLAY in Rekordbox für das „7IX“-Erlebnis.

Carlotta Jacobi ist Wahl-Leipzigerin und Resident des Connwax-Labels und der gleichnamigen Party-Reihe. „Possible Futures“ ist eine programmatische Solidarbekundung auf 136 bpm. Ich bekomme das Bild nicht aus dem Kopf, dass mit diesem Track der TRAKT I wiedereröffnet wird, wieder und wieder aneinandergereiht. Der Grundton breitet sich von Mauer zu Mauer aus, Techno’s coming home. Nach einer halben Stunde und der siebenten Ineinander-Blendung des selben Tracks transzendiert eine dreckige offene 909-Hihat auf den Offbeat die kollektive Hypnose in ein physisches Glücksgefühl. Ich meine, was denn sonst?!

„Repeater“ ist unglaublich. Der Beat tropft systematisch und beharrlich wie eine Infusion in der Notaufnahme vor kalten Neonröhren. Eine Ärztin hinter einer Gesichtsmaske kommt näher: „I will repeat everything you say. It feels good. It feels good so let’s go.“ Du willst etwas sagen, aber dein Mund bleibt taub und sie spricht weiter. Du denkst an den Film „Audition“ und bekommst Panik. Hast du dir etwas vorzuwerfen? Dein Blick wird unscharf und du hörst die Stimme erneut. Der Prozess ohne Ende hat begonnen. – Der Pariser Noir Moderne entwirft eine großartige Geschichte im Stil von Femme En Fourrure, deren einziges Manko ist, dass sie zu kurz ist.

Protests – Rioting – Looting. Subʞutan zitiert die Straße Amerikas aus dem Frühsommer 2020. Der gefilmte Mord an George Floyd führte zu massiven Demonstrationen gegen systematische Polizeigewalt und weiße Vorherrschaft. In „Looting“ verdichtet der IfZ-Mitgründer diese Eindrücke der Ohnmacht in einem Techno-Halftempo-Track mit außerordentlichem Groove. Definitiv mehr Dubstep als Industrial. Photek & Pinch könnten es nicht besser.

Die Leipzigerin Tsorn, die mittlerweile Technikleiterin des IfZ ist, bleibt stilistisch im Düsterkeller von Subʞutan. EBM-Kickdrums und -Snares bilden das Stachelbett von „Catarsis“, über das ein konsequenter Bass-Synth-Sirenen-Loop nebelt. Nur selten durchbrochen von einer sphärischen, aber nicht weniger melodramatischen Einblendung. Ich könnte so eine Wave’n’Bass-Klatsche mal wieder live gebrauchen. Andererseits – wer nicht?

Die Thüringerin Lydia Eisenblätter ist eine von vielen Wahl-Leipziger:innen, die das Bundesland für eine bunte Club-Stadt eingetauscht haben. Sie ist Gründerin des OAM-Labels, ehemalige Distillery-Resident und war kürzlich mit einem Track auf der ersten VAYA-Veröffentlichung vertreten. Mit „Confusion“ legt sie einen Acid-Track vor, der rhythmisch leichtfüßig zwischen TwoStep und House wandelt, aber atmosphärisch an engen Basement-Techno erinnert. „So confusing but it feels so right“, gesteht eine Frauenstimme – und ich nicke im Takt dazu.

HAL stammt aus Leipzig und gestaltet die „Space Is The Place“-Reihe im mjut. Dort läuft Jazz und Soul, Blues und Funk hin zu Dub und Disco, weiter zu New Wave und House, Hip Hop und RnB. Mit „Frankfurt“ entwirft er den Soundtrack einer geradlinigen High-Speed-Klang-Autobahn – definitiv eher in Richtung Sonnenaufgang als -untergang. Die Synth-Arpeggios werden besser je länger der Track läuft, zum Glück sind das 8:41 Minuten.

Jolly kommt aus Zürich und ist bei Kashev Tapes involviert. Sein Track „Ison“ trägt diesen 90er-Cybercrime-Film-Vibe in sich, wie es nur Delays von Bassfiguren in mir auslösen können. Und der Bass-Drop, natürlich. Nach fast drei Minuten lässt er den Tiger raus und ich WILL den live erleben. Das kann keine Heimanlage abbilden. Perfekter Track danach wäre „Mercy (Boddika VIP)“ *hint hint.

Sitharas „Leaks“ ist ein wunderbar-surrealer Leftfield-Trap-Track der im Kontext der Compilation wie eine willkommene Atempause wirkt. Subtile Dissonanzen erzeugen eine pulsierende Schwerkraft, die alle weiteren musikalischen Elemente rhythmisch zum Vibrieren bringen. Die Pianofigur erinnert mich an David Bowie, vielleicht weil sie einzigartig im Stück ist – das meiner Meinung nach einen viel zu kurzen Auftritt hat. Ich bin sehr gespannt, was wir von ihr in Zukunft noch hören können.

Das Finale der „7IX“-Compilation stellt „If Only For A Moment“ von Mary Yalex dar. Auch sie zählt zu den Flucht-Erfurtern, die in Leipzig einen kreativen Hafen für ihr Schaffen gefunden haben. Neben Veröffentlichungen auf ihrem Label Yalex Recordings ist sie stolz, ein Teil der KANN Records-Familie zu sein, die sich seinerzeit aus dem Wirken der Electric Island-Reihe gründete. Musikalisch ist der Track der am schnellsten zu erfassende auf 7IX: Über einem perkussiven Machine Drum Loop breitet sich zunehmend ein Zwei-Harmonie-Flächen-Epos aus.

Fazit: Musik auf Vinyl ist das anfassbare Surrogat in der pandemiebedingten Club-Entsagung und das perfekte Geschenk an die Freund:innen des Ladens. Die Label AG hat super kuratiert, die Reihenfolge funktioniert auch digital. Die Vorfreude auf das Club-Erlebnis könnte nicht größer sein. Mission 7IX accomplished.

Die 2×12″-Schallplatten von „7IX“ sind bei Bandcamp, Sleeve++, Inch by Inch, Vary und deinem gut sortierten Vinyl-Dealer erhältlich.

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