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Jens
Im Stadtmagazin Kreuzer war irgendwann kein Platz mehr für die viele gute elektronische Musik aus Leipzig. Also hat Jens im Sommer 2009 frohfroh gegründet.

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„Ich bin auf der Suche nach mehr Gelassenheit“ – Map.ache im Interview

14. November 2012 / Kommentare (5)

Es ist in doppelter Hinsicht ein Debüt – für Map.ache als Musiker, für Kann Records als Label. „Ulfo“, das erste Album. Map.ache erzählt im Interview, wie es entstand.

Zehn Tracks, zehnmal große und süß schimmernde Wehmut. „Ulfo“ ist im Prinzip die Fortsetzung von Map.aches sehr eigenem Aufschichten und Verweben von emotionalen Sounds. Immer kurz vorm Überladenen und trotzdem auf latente Weise sehr bescheiden. Selbst in offensiven Momenten bleiben die gewohnten Rave-Diktate aus. Insofern erzählt Map.ache auf „Ulfo“ nicht grundlegend neue Geschichten, aber die Weite des Album-Formats verleiht seinem Sound eine andere Würde. Es gibt ihm den Raum, den sein Poesie-House auch braucht.

Referenzen gehen an seine zweite Heimat, das Conne Island, wo er für einen Teil des Bookings zuständig ist und an seine langjährige Post-Rock-Heimat – die mittlerweile aufgelöste Band Diario. „Ulfo“ ist ein persönliches Statement, keine Frage. Und beide Stücke stecken exemplarisch den Rahmen von Map.ache ab. Die ruhigen, leicht brüchigen Phasen und die lang gedehnten Sehnsuchtsmomente auf dem Dancefloor. Was sie zusammen hält ist die Unberechenbarkeit, die Wendungen innerhalb der Stücke. Was Map.ache selbst zum Album denkt? Das haben wir ihn gefragt.

Hast du konkret an einem Album gearbeitet, oder haben sich die Stücke zusammengereiht über die Zeit?

Der Plan zum Album ist jetzt fast genau ein Jahr alt. Alle Stücke sind auch in dem Zeitraum entstanden. Ein Konzept gab es dafür jedoch weniger, was jedoch auch an meiner Art liegt, Musik zu machen. Sobald ich mit einem Stück anfange, weiß ich vorher nie, was hinten bei rauskommt. Die Stücke entwickeln sich beim machen. Und so ist auch das Album entstanden. Es war mir jedoch wichtig, dass alle Stücke zusammen als Album funktionieren und nicht als bloße Aneinanderreihung von Stücken wahrgenommen werden. Ob das gelungen ist, weiß ich nicht.

Die Schwierigkeit jedoch ein Album zu machen, dass zum einen im Clubkontext wahrgenommen wird und zum anderen auch als Höralbum funktionieren will, war schon enorm. Im Prozess wusste ich dann oft nicht, ob das jetzt zu ruhig oder zu sehr bloß Track ist. Alle Stücke sind demnach meist auch parallel zueinander entstanden.

Wie hast du es geschafft den roten Faden dann reinzubekommen?

Ob es einen roten Faden gibt, kann ich nicht wirklich entscheiden. Jedoch gab es natürlich sehr subjektive Entscheidungen, wie und wo letztendlich was aufs Album kommt. Vor dieser Entscheidung musste ich gezwungener Maßen ein paar Ideen verwerfen oder mich gegen Stücke entscheiden, da es sonst zu viel gewesen wäre. Das Album hat zehn Stücke, von denen jedoch nur acht auf der Vinyl-Version zu finden sind. Deshalb haben wir uns auch als Label entschieden noch eine CD-Version mit allen Stücken in die Platte zu legen.

Die physische Umsetzung setzt somit den Ansatz von Album versus Club ungewollt fort. Ich wollte aber unbedingt, dass jeder der eine Platte kauft auch das ganze Album erhält. Rein ästhetisch liegt der angesprochene Faden wahrscheinlich in der gleichen Zeit der Produktionen begründet. Außerdem wollte ich mich auch mit etwas Abstand in den Stücken wiederfinden als weniger auf Funktionalität der Tracks zu achten. Das macht für mich auch den Sinn eines Album aus – fernab von unbedingter Clubtauglichkeit dennoch die Liebe zu Clubmusik individuell auszuleben und seine eigene Handschrift zu verdeutlichen. Aber ob auch das gelungen ist, müssen wiederum andere entscheiden.

Gab es besondere Einflüsse beim Produzieren – musikalisch oder außermusikalisch?

Es gibt und gab immer viele Einflüsse. Logisch. Ohne Kann und das Conne Island wäre das so sicherlich nicht entstanden. Desweiteren schwärme ich seit Jahren für die verschiedensten Musiker wie. The Sea & Cake, Tortoise, Lawrence, Omar S, Kassem Mosse oder Shed und sicher noch hunderte mehr. Der direkte Einfluss ist demnach schwer zu benennen. Als DJ, der sich nach wie vor wöchentlich Schallplatten kauft, gibt es – übertrieben gesagt – jede Woche neue Einflüsse und Aha-Erlebnisse.

Das überfordert einen zwar auch, kann aber mit gewisser Gelassenheit auch erheblich zur Motivation beitragen. Alles ist in diesem Clubzirkus irgendwie immer in Bewegung und das macht die Sache wohl auch immer noch so reizvoll. Für einen selbst bleibt es demnach spannend einerseits immer mitmachen zu wollen und auch zu müssen, sich aber andererseits die Freiheit zu nehmen, die Sachen nicht immer so verbissen zu sehen und sich und alles nicht immer zu wichtig zu nehmen. Ich denke dazu dient ein Album zu machen auch ganz gut.

Dein Sound ist generell sehr musikalisch – schwingt da deine Post-Rock-Erfahrung mit Diario mit?

Sicherlich. Das war mein erstes und vor allem auch bisher wichtigstes musikalisches Projekt neben Map.ache. Mit der Band habe ich zum ersten mal Musik selber gemacht und Stücke gebastelt. Wir haben damals schon ausschliesslich instrumental gefrickelt und waren weniger auf klassische Song-Strukturen aus. Daher wahrscheinlich auch der Einfluss und meine ewige Ungeduld, Stücke für mich nie langweilig werden zu lassen. Ich habe oft das Gefühl, dass ich Stücke mit zu vielen Elementen befrachte. Aber irgendwie kann ich es auch nicht anders.

Ich bewundere klassische House- und Techno-Produzenten, die es schaffen mit wenigen Elementen und Geduld einen guten Track zu machen, der sich aus der ständigen Wiederholung erst erschließt. Das sind auch die Stücke, die man am liebsten selber spielt und die im Kontext einer guten Clubmacht nicht nur funktionieren. Aber ich bin bereits auf der Suche nach mehr Gelassenheit.

Diario gibt es ja nicht mehr – fehlt dir der Band-Kontext oder ist das Alleinarbeiten mehr in deinem Sinne?

Leider nein, er fehlt mir derzeit nicht. Nach vielen Jahren gemeinsamer musikalischer Kompromisse mit Diario, die ohne Frage total gut waren, genieße ich es wirklich beim produzieren ausschließlich mit mir allein zu sein und eigene musikalische Vorstellungen auszuformulieren. Aber das schließt natürlich nicht aus, dass ich perspektivisch mal wieder irgendwas mit anderen zusammen machen werde. Momentan fehlt mir jedoch neben dem Musik machen, Auflegen, Conne Island und Label-Arbeit einfach die Zeit dafür.

Dass das Album auf Kann rauskommt, war von Beginn an klar, oder gab es auch andere Angebote?

Ja, den Plan zum ersten Artist Album auf Kann haben wir zusammen geschmiedet. Deshalb gab es auch keine ernstzunehmende Alternative für mich. Zumal ich dass Album ja für Kann produziert habe.
Das bringt natürlich einen enormen Vetrauensvorschuss vom Label mit sich. Ich habe auch Alex und Dennis erst am Album teilhaben lassen, als es komplett fertig war.

Das war, glaube ich, der aufregendste Moment zum Album, den beiden und meiner Freundin das fertige Album zum Hören zu geben und abwarten zu müssen, was die sagen. Nebenher gab es jedoch einige Anfragen für Stücke und EPs auf anderen Labels, bei denen ich schon mit mir ringen musste, die für die Konzentration aufs Album abzusagen. Im Nachhinein war aber alles die richtige Entscheidung.

Ist eine Release-Tour mit dir als Live-Act geplant?

Nein, eine Release-Tour und ist nicht geplant. Und auch Live-Spielen will ich erstmal nicht. Auflegen ist mir lieber. Es gibt drei Termine als kleine Release-Partys: jetzt am Samstag der „Kann Dance Ulfo“ als aufregendstes Heimspiel, bei dem auch die Platte zum ersten Mal erworben werden kann. Dann am 29. November in der Loftus Hall in Berlin und im Pudel am 1. Dezember in Hamburg. Alles sehr passend.

Das Schöne an den drei Abenden ist, dass wir die als Label komplett selber gestalten und von Anfang bis Ende die musikalischen Choreographen sein dürfen. Dass ist ein Privileg im Gegensatz zu den meisten Sachen bei denen wir mit Manamana für drei Stunden genau auf den Punkt bereit für Party sein müssen und abliefern. Der musikalische Aufbau und das Ende sind aber eigentlich immer die schönste und die größte Herausforderung eines Abends. Generell soll vor allem die Platte erstmal für sich stehen, ohne irgendein konstruiertes Drumherum. Das würde der ganzen Herangehensweise wohl am Ende auch nicht gerecht.

Kann Records Website
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CommentComment

  • Map.ache „The Golden Age“ (Giegling) | frohfroh – we like electronic music from leipzig / 08. Dezember 2015 / um 16:57
    […] Und Map.ache nutzt den Giegling-Ausflug für verschiedene Nuancen seines filigran geschichteten House-Sounds. Keine substantiell neuen, aber in dem EP-Setting werden die verschiedenen Ebenen zwischen reduziert-treibender und mehr nach innen gekehrter Euphorie auf kleinem Raum noch einmal deutlicher als auf Map.aches Album. […]
  • Map.Ache – Ulfo | itsours.de / 22. November 2012 / um 15:57
    [...] Map.ache . Dass dabei die Hörbarkeit erhalten bleibt ist eine Kunst, die nicht jedem gelingt. Im Interview auf frohfroh gibt’s übrigens noch die ein oder andere Anekdote. Wer das Album versucht zu verstehen, ist da [...]
  • Daniel / 14. November 2012 / um 22:29
    album und cover ganz großartig!!!
  • caspar / 14. November 2012 / um 20:17
    sehr gelungenes cover!
  • Paeter Pan / 14. November 2012 / um 13:07
    Schöner Einblick. Schöne Bilder.
    Am Strand gen Yaffa geknipst von Tom?
    Viel Erfolg mit dem Album!

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