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Autor/-in

Lea Schröder (sie/ihr)
Umgeben von leeren Mateflaschen und vollen Aschenbechern schreibe ich am liebsten gründlich recherchierte und stets viel zu lange Reportagen und Features, die sich mit politischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Clubkultur beschäftigen. Bin in präpandemischen Zeiten so gut wie jedes Wochenende raven gegangen und lege als shrœderin energiegeladenen Techno auf. (Foto: Sophie Boche)

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Täter an den Decks – Was tun gegen sexualisierte Gewalt in der Clubkultur?

06. Februar 2021 / Kommentare (4)

In Clubs, im Bekanntenkreis oder im Dating-Kontext erleben FLINT* sexualisierte Gewalt und andere extreme Grenzüberschreitungen durch Leipziger DJs und Veranstalter. Was muss sich ändern, damit Betroffene sich empowert statt machtlos fühlen und Täter nicht länger ungehindert in der Clubkultur partizipieren können? 

Triggerwarnung: Im diesem Teil des Features werden sexualisierte Gewalt sowie Victim-Blaming, Täterschutz und struktureller Sexismus thematisiert, was möglicherweise triggernd oder retraumatisierend wirken oder anderweitig stark negative Gefühle auslösen kann. Wenn du selbst sexualisierte Gewalt im Clubkontext erlebt hast und gegen die Gewaltausübenden vorgehen möchtest, kann dir vielleicht dieser frohfroh-Artikel weiterhelfen – hier geht es um Unterstützungs- und Handlungsmöglichkeiten für Betroffene innerhalb der Leipziger Clubkultur.

Das Feature als Podcast

Betroffene und Gewaltausübende treten in den Erfahrungsberichten zwar anonym auf, doch sie sind keine Fremden – die Rave-Bubble in Leipzig ist schließlich gut vernetzt. Vielleicht hast du mal mit Alice1 einen Shot an der Bar getrunken, mit Mia1 in der Kloschlange gequatscht oder warst auf der gleichen Afterhour wie Sarah1. Vielleicht hast du zu einem Set von Niklas1 getanzt, warst auf einem Open Air von Devin1 oder hast Bekannte, die mit Moritz1 b2b spielen.

An die Leser, die keinen Sexismus oder sexualisierte Gewalt erleben: Ja, es ist verdammt unangenehm, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Aber FLINT*, die durchweg solche Erfahrungen machen, können sich auch nicht aussuchen, ob sie sich mit Sexismus und sexualisierter Gewalt auseinandersetzen wollen. 

Hier geht es nicht um irgendein Problem, das woanders, ganz weit weg stattfindet und gegen das du eh nichts tun kannst – kurz mitfühlend aufseufzen und dann ohne schlechtes Gewissen wegklicken, ist nicht. Es geht um Gewalt, die Menschen in unserem engen oder weiteren Umfeld erleben. Und wir alle können aktiv werden, um unsere Clubkultur zu einem Raum zu machen, der für FLINT* sicherer wird.

Dazu später mehr. Zuerst müssen wir uns anschauen, was es bedeutet, dass die Täter in unserer Szene stark involviert sind und welche Parallelen sich in den individuellen Erfahrungen abzeichnen.

1 Namen zum Schutz der Betroffenen geändert (siehe Teil I.)

Booking-Boykott und Hausverbot statt Support und Fame

Verschiedenste Akteur*innen der Szene – Clubs, Kollektive und Einzelpersonen – teilen feministische, antisexistische und emanzipatorische Grundwerte und versuchen mit vielfältigen Mitteln, ihre Veranstaltungen und Räume für FLINT* so sicher wie möglich zu gestalten. Bei all diesem Engagement scheint unsere Clubkultur das Potential zu haben, der Utopie eines Safe Spaces für alle Feierenden eines Tages ziemlich nah zu kommen. 

Doch Männer wie Niklas, Devin und Moritz machen diese Anstrengungen zunichte – ebenso, wie diejenigen, die sie schützen und ihr Verhalten tolerieren. Indem sie alle patriarchale Gewalt aufrecht erhalten, vergiften sie die Atmosphäre der clubkulturellen Rückzugsorte. 

Die Gewaltausübenden dieser Recherche sind nicht nur als Gäste im Nachleben unterwegs – sie sind als DJs und Veranstalter fester und aktiver Teil der Szene, die meisten tief in der lokalen Rave-Kultur verwurzelt. Sie veranstalten Open Airs und hosten Veranstaltungsreihen in Clubs. Sie werden für Raves gebucht, spielen in Livestreams und nehmen Podcasts für andere Kollektive auf. Sie werden von Clubs, Kollektiven und anderen Veranstalter*innen unterstützt, promotet und gefördert. Sie stehen am selben Abend hinter dem selben Pult wie FLINT*-DJs, die sich in feministischen Kollektiven wie Feat. Fem oder No Show engagieren. Kurz: Sie profitieren sozial und monetär von den Räumen, in denen sie sich gewaltvoll verhalten.

Mit ihrem DJ-Status befinden sie sich in einer Machtposition: Es kostet schon viel Kraft und Überwindung, sich im Club wegen eines übergriffigen Gastes an das Awarenessteam zu wenden – doch den übergriffigen DJ, der später noch auflegen soll, rausschmeißen zu lassen, ist noch mit zusätzlichen Hürden verbunden. 

Genau wie den Mitgliedern seines Kollektivs zu schreiben, dass ihr Crewbuddy sexuell übergriffig wurde. Oder den eigenen Freund*innen zu erzählen, dass genau der Typ gewalttätig war, dessen Sets sie beim Vorglühen und auf Afterhours in Dauerschleife hören und von dem sie begeistert berichten, ihn beim Backstage-Plausch als ‚super korrekten Dude‘ erlebt zu haben. 

Haben diese Männer den Support und Fame verdient, den sie bekommen? Ganz sicher nicht. Booking-Boykotte und Hausverbote scheinen eher angemessen. Wir sollten darüber sprechen, welche Rolle Maßnahmen wie diese spielen können – auch dazu später mehr. 

Illustration von Jasmin Biber

 Keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem

Um Missverständnissen vorzubeugen: Dieses Feature möchte nicht behaupten, alle cis-männlichen DJs unser Szene seien per se misogyne und übergriffige Täter. Sicher gibt sich ein großer Teil der in unserer Szene aktiven Cis-Männer sogar aufrichtig Mühe, eigenes Verhalten und ‚Männlichkeit‘ zu reflektieren, sowie eigene Privilegien kritisch zu hinterfragen. Sie erkennen Sexismus als einen der gesellschaftlichen Missstände an und haben den Anspruch, sich FLINT* gegenüber respektvoll zu verhalten. Inwiefern es gelingt, die theoretischen Ansprüche im tatsächlichen Verhalten umzusetzen, ist allerdings eine andere Frage. 

So ist es mindestens für FLINT* nichts Neues, dass es in unserer Szene trotz toleranter Mindsets und vermeintlicher ‚Aufgeklärtheit‘ einen ganzen Haufen Cis-Männer gibt, die sich – ob bewusst oder unbewusst – sexistisch verhalten oder äußern. Doch wohl erst die Menge an Erlebnissen, die sich in einem überschaubaren Zeitraum in derselben Stadt und derselben Szene ereigneten, gibt einen Eindruck vom Ausmaß der patriarchalen Gewalt in unserer Clubkultur. 

Ein kleiner Exkurs zur sexualisierten Gewalt in den europäischen Gesellschaften: Laut einer repräsentativen europaweiten Studie über sexualisierte Gewalt aus dem Jahr 2014, durchgeführt von der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, hat jede dritte Frau (33 %) seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Allein in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung hatten etwa 8 % der Frauen zwischen 18 und 74 Jahren körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt. Für Frauen in der Altersgruppe von 18 bis 29 sei das „Gefährdungsrisiko für sexuelle Belästigung“ überdurchschnittlich hoch: Mehr als jede Dritte von ihnen (38 %) hatte mindestens eine Form der sexuellen Belästigung allein in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung erfahren.  

Wie groß die quantitative Dimension dieses Problems speziell in unserer Szene ist, kann diese Recherche nicht ermitteln. Doch zumindest sollte es nachdenklich machen, dass eine einzige Instagram-Story mit mäßiger Reichweite genügte, um zwölf Personen zu finden, die sexualisierte Gewalt und andere drastische Grenzüberschreitungen durch Leipziger DJs und Veranstalter erlebt haben. Plus einige weitere Menschen mit Sexismus-Erfahrungen durch die gleiche Personengruppe. 

Unter anderem deshalb ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Fälle sehr viel höher ist – in Leipzig, wie auch in anderen Orten. Sexualisierte Gewalttaten gegen FLINT* sind also auch in unseren Kreisen keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem. Das Conne Island bringt es in seinem Statement vom Januar 2020 auf den Punkt: 

„Eine Szene – und dazu zählt das Conne Island –, die sich selbst als emanzipatorisch und antisexistisch begreift, ist keinesfalls immun gegen (bewusste oder unbewusste) machistische, frauenverachtende oder generell herabsetzende Einstellungen und Verhaltensweisen. […] Eine Selbstbeschreibung als feministisch [dient] mitunter nur als identitätsstiftendes Feigenblatt und [übersetzt] sich nicht automatisch in ein Handeln, das diesem Anspruch auch Rechnung trägt.“

Zwischen Club und Afterhour: Welche Bedeutung hat der Szene-Kontext?

Zwölf Personen haben ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt geteilt. In all diesen individuellen Geschichten lassen sich Parallelen erkennen, die deutlich machen, dass der clubkulturelle Kontext oft eine direkte oder indirekte Bedeutung hat. 

Zuerst begegneten sich Betroffene und Gewaltausübende innerhalb der Szene. Einige der Übergriffe ereigneten sich in Clubs oder auf Afterhours. Manche Täter missbrauchen ihren Status oder ihre Privilegien als DJs und Veranstalter – siehe: Gästelistenplätze als ‚Köder‘. 

Und teilweise spielen Alkohol und andere Drogen eine Rolle: Einige Betroffene waren zum Zeitpunkt des Übergriffs nicht in der psychischen oder körperlichen Verfassung, einer sexuellen Interaktion zu widersprechen oder sich körperlich zu wehren. Das nutzten die jeweiligen Täter aus oder wirkten durch das Drängen zum Konsum gezielt darauf hin.

Mit Blick auf den antisexistischen Konsens unserer Szene, der – zumindest nach außen – unter den allermeisten Akteur*innen besteht, liegt der Gedanke nahe, dass die Täter indirekt von diesem Konsens profitieren. Wer von Clubs gebucht wird oder in Kollektiven aktiv ist, die sich öffentlich antisexistisch positionieren, erhält vielleicht einen größeren ‚Vertrauensvorschuss‘, als eine weniger involvierte oder Szene-externe Person. 

Zu groß scheint der Widerspruch, dass jemand, der in dieser Szene geschätzt wird und gut vernetzt ist, deren vermeintlichem Grundwert des Antisexismus mit gewaltvollem, sexistischem Verhalten widerspricht – insbesondere, wenn er vorgibt, diesen Grundwert zu teilen. 

Sexistische Mikroaggressionen schaffen ein sexistisches Klima

In diesem Feature wird zwar hauptsächlich sexualisierte Gewalt thematisiert, doch dabei sollte auf keinen Fall die Bedeutung von sexistischen Mindsets und sexistischen Mikroaggressionen aus dem Blick geraten. 

Hier eine Zusammenfassung entsprechender Handlungen von Leipziger DJs aus der Recherche zu diesem Feature: Einen Raum betreten, in dem gerade zwei weibliche DJs auflegen, und mit abfälligem Blick auf die beiden in gönnerhaftem Tonfall sagen: „Na, gucken wir uns mal an, was ihr Mädels da so liefert“. Einer weiblichen DJ vorschlagen, es doch einfach mal mit einem völlig anderen Genre zu versuchen, „weil es ja noch nicht so viele Frauen gibt, die sowas auflegen“. Einer Frau sagen, ihre Stimme klinge „wie im Porno“. Eine Frau, die auf sexistische und anderweitig diskriminierende Sprache hinweist, beleidigen und als „Kampfemanze“ bezeichnen. Einer Frau sagen, dass sie dieses Outfit nur tragen würde, um gratis Drinks an der Bar zu bekommen. Eine Frau, die nach einer Party mit zu ihm kommt und nicht mit ihm schlafen will, durch eine genervte und abweisende Reaktion doch noch zum Sex überreden wollen.

Eine Erfahrung, die auf dem Instagram-Account @iam_a_dj geteilt wurde: Eine DJ buchen zu wollen, ohne sich vorher ein Set angehört zu haben, einfach weil „wir das Lineup gern ein bisschen weiblicher gestalten wollen“ – sowas nennt sich übrigens Tokenismus. Weiblichen DJs vorwerfen, sie seien nicht wegen ihrer Musik, sondern wegen ihrer Social-Media-Präsenz erfolgreicher als man(n) selbst – die Quintessenz des inzwischen gelöschten Facebook-Posts eines Leipziger DJs und Bookers. 

Mit diesem Post reihte sich jener DJ hinter Konstantin vom Weimarer Label Giegling ein – dieser hatte sich 2017 im Zuge eines Groove-Features ebenfalls misogyn über weibliche DJs geäußert. Im selben Jahr hatte ein Facebook-Post von DJ und Producer Johannes Heil für Aufsehen gesorgt: Heil schaffte es allen Ernstes, sich in wenigen Sätzen nicht nur mehrfach sexistisch, sondern auch noch bewusst ableistisch und queerfeindlich zu äußern, sowie die sachliche Kritik an seiner Wortwahl mit einer Anspielung auf toxische Männlichkeit – „Just grow some hair“ – lächerlich zu machen. Diese prominent gewordenen Fälle zeigen eindrücklich, dass derartige Sexismen keinesfalls ein lokales Problem sind.

Für einige mag solches Verhalten oder solche Äußerungen auf den ersten Blick harmlos scheinen – ‚Was soll sowas mit sexualisierter Gewalt zu tun haben?‘ Solche abwertenden und respektlosen Äußerungen und Handlungen gegenüber FLINT* sind Ausdruck patriarchaler Strukturen – ebenso wie derartiges unkommentiert stehenzulassen, zu akzeptieren oder wegzulachen. 

Das alles ist Teil dieses gigantischen Problems, das unsere Subkultur ebenso wie die gesamte Gesellschaft betrifft. Es trägt zu einem Klima bei, in dem sexualisierte Gewalt erst möglich wird – auch, weil die gewaltausübenden Cis-Männer offenbar keine Angst vor negativen Konsequenzen haben müssen.

Wieso fühlen sich die Täter so sicher?

Angesichts der Erfahrungsberichte kann niemand behaupten, den jeweiligen Männern sei nicht bewusst gewesen, dass sie gerade sexualisierte Gewalt ausüben oder die Grenzen ihres Gegenübers auf andere Weise verletzen. Die Übergriffe selbst, das fehlende Schuldeingeständnis gegenüber den Betroffenen sowie der anschließende Umgang mit ihnen zeigen deutlich, dass die Täter keine Angst vor unbequemen Folgen haben – zum Beispiel negative Konsequenzen für freundschaftliche Beziehungen, Kollektivarbeit oder ihre DJ-Karriere. Wieso fühlen sie sich so sicher?

Die Übergriffe, die innerhalb der Szene geschehen, werden im Umfeld der Betroffenen und Gewaltausübenden häufig tabuisiert – sinngemäß: ‚Wenn wir nicht darüber reden, ist auch nichts passiert.‘ Doch eigentlich sollte genau dieses täterschützende Verhalten dem vermeintlich antisexistischen Selbstverständnis jener Leute massiv widersprechen. 

Warum also wird sich zwar lautstark echauffiert, wenn sich ein Promi sexistisch geäußert oder ein fremder Typ in der Bahn eine Freundin belästigt hat, aber gleichzeitig geschwiegen, wenn der Täter ein guter Freund, b2b-Partner oder Crewbuddy ist? 

Wieso verharmlosen und entschuldigen Freund*innen, Bekannte oder Kollektivmitglieder des Täters dessen sexualisierte Gewaltausübung gegenüber den Betroffenen – im Sinne von: ‚Der will doch nur flirten‘ oder ‚Zu mir war der immer cool, das war bestimmt nicht böse gemeint‘ oder ‚Das kann ich mir nicht vorstellen, eigentlich ist der doch voll feministisch drauf‘? 

Warum wenden sie das Narrativ der sogenannten Täter-Opfer-Umkehr an – entweder offensiv, wie im Fall von Mia und Eva, oder subtiler: ‚Bei dem Outfit konnte er ja auch nicht anders‘ oder ‚Du hättest ja nicht mit ihm mitgehen müssen‘ oder ‚Du hast ihm doch signalisiert, dass du es auch willst‘?

Solche Äußerungen zeugen nicht nur von fehlender Solidarität und Unterstützung. Viel mehr können sie Betroffenen das Gefühl vermitteln, sie selbst würden ‚überreagieren‘ und erschweren die Erkenntnis, dass sie selbst nicht dafür verantwortlich sind – denn eigentlich sei doch nix gewesen und wenn doch, sei es ja sowieso ihre eigene Schuld. 

Sie hindern Betroffene daran, das Erlebte für sich selbst und gegenüber anderen als sexualisierte Gewalt zu benennen und gegebenenfalls gegen die Täter vorzugehen. Das belegen die Aussagen einiger Betroffener:

„Mir ist es unangenehm, über diese ganze Sache zu sprechen. Aber das sollte es nicht sein. Ich schäme mich ein bisschen, und habe Angst, dass mir nicht geglaubt wird.“ – Clara

„Ich hätte auch Vertrauenspersonen in den Clubs, mit denen ich darüber sprechen könnte. Aber ich habe Angst vor dem, was im Nachgang passiert – dass der Shitstorm wieder losgeht, wenn ich outcalle. […] Ich glaube, diese Täter-Opfer-Umkehr war für mich damals fast noch schlimmer als der Fall an sich.“ – Mia 

„Ich habe überlegt, gegen ihn vorzugehen. Aber ich hab schon so oft gehört, wie die Leute, die das getan haben, danach Probleme hatten. Wenn man die Täter mit Namen benennt, hat man in unserem patriarchalen System einfach die Arschkarte gezogen.“ – Sophia

Wenn sich Freund*innen oder Bekannte – egal ob bewusst oder unbewusst – auf die Seite des Täters stellen, wird der Übergriff durch seine Abwertung und das folgende kollektive Schweigen der Mitwissenden unsichtbar. Mit fataler Wirkung: Während das Verhalten des Gewaltausübenden durch den aktiven oder passiven Täterschutz normalisiert wird, er keine Konsequenzen erlebt und weitermachen kann, wie bisher, fühlen sich die Betroffen oft machtlos, alleingelassen und leiden teilweise noch Jahre danach darunter. 



Aus welchen Gründen über Sexismus und sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen lieber geschwiegen wird, wie patriarchale Mechanismen und Strukturen funktionieren, wie sie in der Clubkultur aufrecht erhalten werden, wer davon profitiert und warum sie es Betroffenen so schwermachen, sich Unterstützung zu suchen, erläutert der frohfroh-Artikel Welche Strukturen der Clubkultur Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen, welcher die Verortung der Erfahrungen dieser Recherche um eine strukturelle Einordnung ergänzt.

Was du kannst du tun, wenn du selbst betroffen bist?

Es gibt einige Wege, Unterstützung zu erhalten und gegen gewaltausübende Personen im Clubkontext vorzugehen – auch, wenn diese als DJs oder Veranstalter unterwegs sind.

Wenn du beispielsweise Clubs meidest, in denen die gewaltausübende Person häufig unterwegs ist, dich beim Feiern unwohl fühlst, weil du Angst hast, der Person zu begegnen oder wenn du befürchtest, die Person könnte auch gegenüber anderen Leuten gewalttätig werden, kannst du entsprechende Clubs auffordern, der Person ein Hausverbot zu erteilen – was im Fall eines DJs auch ein Gigverbot einschließt.

Hier findest du einen eigenen Artikel, der unter anderem erklärt, wie die Prozesse um Unterstützung für Betroffene und Konsequenzen für Gewaltausübende im Conne Island, im Elipamanoke und im Institut fuer Zukunft ablaufen.

Diese Möglichkeiten kannst du übrigens nicht nur nutzen, wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast, sondern bei jeder Art von Diskriminierung, Grenzüberschreitungen und/oder Gewalt. 

Auch wenn es dir unangenehm ist, auch wenn du dich schlecht fühlst, auch wenn du erst mal nur drüber reden willst oder auch gar keinen Bock hast, drüber zu reden. Sprich uns an.“ – Support-AG des Institut fuer Zukunft, Website

Wie reagieren, wenn dir eine betroffene Person ihre Erfahrung anvertraut?

Die Feminismus-Aktivistin Julia hat von sexualisierter Gewalt Betroffene gefragt, welches Verhalten sie sich von ihrem Umfeld gewünscht hätten. Auf ihrem Instagram-Account @trinksaufmich teilt sie die Antworten in Form von Tipps für den Umgang mit Menschen, die ihre Geschichte erzählen. Hier eine Auswahl ihrer Hinweise, frei nach ihrem Post:

Im Gespräch: Wenn dir eine Person ihre Erfahrung anvertraut, stell keine Fragen, wie: ‚Bist du dir sicher?‘; ‚Wie konntest du das zulassen?‘ oder ‚Hast du auch wirklich ‚Nein‘ gesagt?‘. Mach der Person keine Vorwürfe. Nimm die Situation ernst, höre einfach zu und sag erstmal nichts. 

Bemitleide die betroffene Person nicht. Zeig stattdessen Verständnis, indem du etwas sagst, wie ‚Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie du dich fühlst‘, statt ‚Ich versteh das‘. Gib es zu, wenn du überfordert bist und nicht weißt, was du sagen sollst. Stell keine Vergleiche zu anderen Betroffenen auf und gib keine Bewertung ab, wie ‚Das passiert vielen‘.

Nach dem Gespräch: Reduziere die betroffene Person nicht auf ihre Erfahrung. Brich den Kontakt zur gewaltausübenden Person ab. Frag die betroffene Person öfter, wie es ihr geht – auch noch Jahre später.

„Das Wichtigste: Ich glaube dir. Ich supporte dich. Ich bin da für dich.“ – Julia, Aktivistin 

Was Clubs und Kollektive tun können

Clubs, Kollektive und andere Veranstalter*innen tragen immer eine gewisse Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Gäst*innen, Crewmitglieder und Helfer*innen. Essenziell dafür sind die Club- oder Kollektiv-eigenen Awareness-Teams, die auf vielen Veranstaltungen präsent sind und aktiv werden, wenn jemandes Grenzen überschritten wurden und die Person um Unterstützung bittet. 

Doch auch außerhalb des Feierkontextes wird in unserer Szene sexualisierte Gewalt ausgeübt. Um dagegen vorzugehen ist es zunächst notwendig, dass ihr euch als Kollektiv und als Einzelpersonen über strukturellen und individuellen Sexismus und sexualisierte Gewalt informiert bzw. weiterbildet – denn nur, wenn wir verstehen, wie patriarchale Strukturen funktionieren und wie sie sich speziell in der Clubkultur manifestieren, haben wir eine Chance, sie zu überwinden. Dabei helfen kann euch zum Beispiel der bereits erwähnte frohfroh-Artikel Welche Strukturen der Clubkultur Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen.

Für die Unterstützung von Betroffenen ist es wichtig, nicht nur auf den einzelnen Veranstaltungen ansprechbar zu sein. Vor allem, wenn es euer Kollektiv direkt betrifft: Was wäre, wenn eines eurer Kollektivmitglieder oder ein DJ, mit dem ihr zusammenarbeitet, sexualisierte Gewalt ausübt oder anderweitig Grenzen überschreitet? 

Nehmt euch Zeit, um beim Plenum über diese Frage zu sprechen – auch, wenn sie erst einmal rein hypothetisch ist. Aber falls es doch passiert, seid ihr immerhin vorbereitet. Überlegt euch, für welche Grundwerte eurer Kollektiv steht, welche Verhaltensweisen diese Werte verletzen und wie ihr vorgehen wollt, falls ein Kollektivmitglied entgegen dieser Werte handelt. Besprecht, welche konkreten Schritte folgen könnten, wenn ihr von einem Übergriff oder Gewalt durch eines eurer Mitglieder erfahrt. 

In Bezug auf Kollektiv-externe DJs, denen ihr zum Beispiel mit Bookings oder in eurer Podcast-Reihe eine Plattform gebt, könnt ihr euch dieselben Fragen stellen. Inwiefern wollt ihr jemanden tolerieren und supporten, wenn diese Person die Grenzen anderer verletzt? 

Denkt darüber nach, wie ihr es Betroffenen leicht machen könnt, sich an euch zu wenden, und wie ihr deren Anonymität wahren könnt, falls das gewünscht ist. Legt eine kleine Gruppe von Crewmitgliedern fest, die in einem solchen Fall zuständig wäre. Diese Gruppe kann zunächst mit der betroffenen Person und der gewaltausübenden Person sprechen, dann die ganze Crew über den Vorfall informieren und schließlich den kollektiven Aufarbeitungsprozess anleiten. 

Eine eigene AG kann hilfreich sein, um sich mit bestehenden Konzepten auseinanderzusetzen – zum Beispiel dem der ‚Transformativen Gerechtigkeit‘ – und konkrete Handlungsschritte für entsprechende Fälle zu erstellen.

Falls ihr tatsächlich in eine solche Situation kommt: Nehmt die betroffene Person ernst, verharmlost ihre Erfahrung nicht und gebt nicht ihr die Schuld am Erlebten. Fragt sie, was sie sich von euch wünscht und sprecht alle Schritte mit ihr ab. Vor allem: Zweifelt nicht an der Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen –auch, wenn es euch vielleicht auf den ersten Blick unwahrscheinlich erscheint, weil die die gewaltausübende Person jemand ist, den ihr kennt. 

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die benannte Person Täter ist, ist sehr viel höher, als dass die betroffene Person nicht die Wahrheit bezüglich des gewaltvollen Verhaltens erzählt. So kommt eine Studie im Auftrag der europäischen Kommission aus dem Jahr 2009, die Strafverfolgung von Vergewaltigung in Deutschland untersuchte, zu folgendem Schluss:

„Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung beträchtlich ist, liegt der Anteil bei nur 3%.“ – Studie der EU-Kommission

Wenn euch ein entsprechendes Gerücht über ein Kollektivmitglied – oder einen DJ, mit dem euer Kollektiv zusammenarbeitet – zu Ohren kommt: Ignoriert es nicht. Versucht stattdessen herauszufinden, wieso es entstanden sein könnte. Gerüchte müssen zwar keinen wahren Kern haben, aber wenn es euer Kollektiv betrifft, habt ihr die Verantwortung, aufzuklären, was wirklich passiert ist.

Kollektive Verantwortung: Was wir alle tun können

Wenn Menschen die Grenzen anderer verletzen, geschieht das nicht immer bewusst oder mit Absicht. Um Grenzüberschreitungen zu vermeiden, ist die Reflektion eigener Privilegien und des eigenen Handelns unfassbar wichtig. 

Zum Beispiel müssen wir Räume schaffen, in denen Cis-Männer ihre Privilegien, ihre Sozialisierung und ihre Vorstellungen von (toxischer) Männlichkeit untereinander kritisch reflektieren und aufarbeiten können. Doch natürlich reicht es nicht, wenn nur Cis-Männer ihr Verhalten reflektieren: Wir alle müssen darüber nachdenken, was unser Handeln bei anderen auslösen kann. 

Wir müssen es akzeptieren, wenn Menschen ihre Grenzen aufzeigen – auch, wenn dies nonverbal geschieht. Wir müssen klar und deutlich fragen, was für unser Gegenüber okay ist – insbesondere, wenn es um körperliche Nähe oder sexuelle Interaktion geht, und vor allem, wenn die andere Person unter Einfluss von Drogen steht. Wenn wir die Grenzen einer anderen Person verletzt haben, müssen wir dafür die Verantwortung tragen.

Sexismus und sexualisierte Gewalt sind tief in unserer patriarchalen Gesellschaft verwurzelt. So sehr wir uns unsere Clubkultur als Gegenentwurf dieser Gesellschaft, als emanzipatorischen Zufluchtsort wünschen – wir müssen uns bewusst sein, dass sich soziale Machtverhältnisse nicht einfach in Luft auflösen werden. Wenn patriarchale Strukturen bestehen bleiben, wird es auch in unserer Szene weiterhin sexualisierte Gewalt geben. 

Deshalb liegt es an uns: Wir müssen aufhören, Betroffenen von sexualisierter Gewalt ihre Erfahrungen abzusprechen oder ihnen die Schuld am Erlebten zu geben. Wir müssen aufhören, eigene Interessen über die Bedürfnisse von Betroffenen zu stellen und ihnen damit zu schaden. 

Wir müssen ein Klima in unserer Clubkultur schaffen, in dem Betroffene sich sicher sein können, Solidarität und Unterstützung zu erhalten. Ein Klima, in dem sich Betroffene empowert statt machtlos fühlen – egal, ob die gewaltausübende Person Gast oder DJ ist. Ein Klima, in dem Täter wissen, dass ihr Handeln Konsequenzen für sie hat. 

Wir müssen Sexismus sichtbar machen und das Schweigen über sexualisierte Gewalt in unserer Szene brechen. Unser Feminismus darf nicht da aufhören, wo der Täter kein Fremder, sondern ein Freund ist. 


Illustrationen von Jasmin Biber.

CommentComment

  • Alka Seltzer / 06. April 2021 / um 16:05
    Guter Artikel, danke dafür. Über das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der Bubble habe ich mich bislang Illusionen hingegeben, wobei es eigentlich klar gewesen wäre, wenn ich mal nen Moment drüber nachgedacht hätte.
    Ich würde gern noch fragen, wie die Reaktion auf den Artikel in deinem Kollektiv ausgefallen ist. Ich frage deshalb, weil ich durch den IfZ-Newsletter hier gelandet bin und obwohl das verlinkte Statement (https://ifz.me/wp-content/uploads/2021/04/statement_ifz_02.04.21.pdf?fbclid=IwAR2AFTrkLHutIy3Y6JIYM2my8UhPbNTayrgBp7hXVusQp95xdpzC0uKBjHQ) mit der Ausarbeitung eines Handlungskonzeptes schließt, wird auch betont, dass die Crew eben nicht geschlossen hinter dem Statement steht.
    Theoretisch stellt die aktuelle "Downtime" eine gute Gelegenheit für am Clubleben beteiligte Entitäten dar, auch strukturell etwas zu verbessern. Aber ich bin schlecht vernetzt, von daher kann ich den Impact deines Artikels nicht abschätzen.
  • friedliches miteinander / 07. März 2021 / um 03:27
    und dann? patriachart durch matriachart ersetzen? was ist mit menschen(!), die anders im fokus stehen? "DER hat mich geschlagen, schmeißt den raus! (ER hat, dokumentiert durch aussagen und fotos, SIE aus 'eigenschutz' abgewährt?!) MEGA schwieriges thema, hat aber nichts mit links und rechts zu tun und auch nix mit clubbing.
    Das Thema betrifft MANN & FRAU!!
  • Saure / 17. Februar 2021 / um 18:44
    Oh man..
    Das alles hört sich so vertraut an.
    Das Mitglied bzw Kopf eines Dortmunder "linken" Kollektivs wurde als Täter von mehreren Frauen geoutet. Ein Artikel darüber erschien im Missy Magazine. Das Kollektiv hat sich geschlossen hinter ihn gestellt, jetzt wollen sie zusammen mit ihm ein Awareness-Team auf ihren Partys bilden. Danke dafür haha...
    Mir fehlen die Worte..

    https://missy-magazine.de/blog/2019/06/28/missbrauch-passiert-nicht-irgendwo/
  • Moritz Arand / 06. Februar 2021 / um 14:07
    Liebes frohfroh-Team,
    mein Name ist Moritz Arand und ich arbeite als Online-Redakteur für MDR SACHSEN. Ich würde gern ein Interview mit der Autorin Lea Schröder (Täter an den Decks) führen. Könnt ihr mir bitte den Kontakt vermitteln. Das würde mich sehr freuen.
    Viele Grüße und bleibt gesund,
    Moritz

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