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Autor/-in

Paula
Paula Charlotte ist M.Sc. Psychologin in Leipzig,spricht und schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus, elektronische Musik und mentale Gesundheit. Außerdem spricht sie mit Fabian Ajaj im gemeinsamen Podcast "St*rytime" über unsere Gesellschaft zwischen Privilegien und Diskriminierungen.

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Täterschutz in der Clubkultur: Welche Strukturen Täter schützen und sexualisierte Gewalt verharmlosen

07. Februar 2021 / Kommentare (0)

Dieser Artikel ist eine Ergänzung zu der Artikelreihe „Täter an den Decks“ und liefert eine strukturelle Einordnung, warum Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt durch männliche DJs keine Seltenheit sind und dennoch so wenig darüber gesprochen wird.

Triggerwarnung: In diesem Text geht es um sexualisierte Gewalt und andere Grenzüberschreitungen sowie strukturelle Diskriminierungen und Gewalt gegenüber FLINT*

Der Artikel als Podcast

Steile These am Anfang: Es gibt keine safe spaces. Wenn überhaupt, gibt es safERspaces, doch in der Clubkultur sind wir – um lokal zu bleiben: Vor allem in Leipzig – trotz Bemühungen und trotz Selbstzuschreibungen in der so gern als links deklarierten Bubble noch weit davon entfernt.

Die Clubszene gilt seit ihrer Entstehung als politischer Schutz- und Entfaltungsraum, in den USA vor allem für die queere Black und Latin Community, in Deutschland als safer spaces der Homosexuellen Szene. Neue Diskurse entstanden, neue Räume, eine neue Kunstform. Dieser neue, große Raum war es auch, was die Clubbesuche so revolutionierte: Da war Platz für alle.

Diese Geschichte wird immer noch gerne bemüht, wenn es um Clubs als Räume für den Eskapismus marginalisierter Menschen geht. Für Diskriminierung soll kein Platz sein, „no racism“ steht auf Veranstaltungsflyern; es gibt Soli-Partys und Awareness-Teams. Das alles ist löblich und die Bedeutung dessen soll mit diesem Artikel keinesfalls aberkannt werden. Es reicht aber nicht. Im Gegenteil, allzu häufig wird sich vor allem in linkem Club hinter Naserümpfen gegenüber offen chauvinistischen Großraumdissen versteckt, während der in den eigenen Reihen reproduzierte Sexismus (und Rassismus) geflissentlich ignoriert, gar totgeschwiegen wird.

Entwurf einer Utopie

Auf folgende Frage: „Die Elektro-Szene entwarf schon in den späten 1980-Jahren die Utopie, durch Sound Grenzen von Geschlecht, Ethnizität und Klasse zu überwinden. Warum hat sich das nicht erfüllt?“ antwortete die Musiksoziologin Rosa Reitsamer in einem Interview:

„Das hat damit zu tun, dass die Strukturen der Gesellschaft von diesen Ansprüchen so weit entfernt sind – die Szene der elektronischen Musik spiegelt das.“

Und natürlich – wir leben in einer Gesellschaft mit sexistischen Strukturen, wieso sollten diese Strukturen wie von Zauberhand im Club auflösen?

Dass wir nicht von Einzelfällen sprechen, wenn wir von Übergriffen im Clubkontext reden – wie auch anderenorts in der Gesellschaft, wenn von sexualisierter Gewalt gesprochen wird – sollte klar sein. Die Vielzahl an Erfahrungsberichten von Menschen (Frauen bzw. FLINT*), die nur innerhalb von ein paar Monaten und nur aus der „linken Techno-Bubble“ berichtet wurden, zeigt auf, wovon viele Artikel, viele fem DJ Kollektive und Netzwerke schon lange sprechen. Warum ist es nötig, einmal mehr Betroffene sexualisierter Gewalt zu bitten, darüber zu sprechen?

Illustration von Jasmin Biber

Täter- statt Opferschutz

Weil die Strukturen, die Täter schützen, von denen Täter gar profitieren, nach wie vor existieren, reproduziert und oft sogar geleugnet werden.

Dieser Artikel steht in Ergänzung zu „Täter an den Decks – Sexualisierte Gewalt in der Clubkultur“, um zu den Erfahrungsberichten strukturelle Einordnungen vorzunehmen und die Mechanismen aufzuzeigen, die im Clubkontext dazu führen, dass wir nach wie vor, trotz der Arbeit von Awareness Teams, über Übergriffe und sexualisierte Gewalt sprechen müssen.

Wenn euch jetzt schon die Finger jucken, Kommentare zu verfassen, dass es „doch wirklich andere Probleme gäbe“, dass „man(n) ja gar nicht mehr wisse, was man noch sagen dürfe“ und dass „Frauen nicht so empfindlich sein sollen“, oder aber sich in mansplaining und chauvinistischem von-oben-herab am-Thema-vorbei Geschwafel zu verlieren – Don’t.

Deutungshoheit und Machtstrukturen

Was ein für alle Mal verstanden werden muss, ehe wir überhaupt weitersprechen: NIEMAND hat die Deutungshoheit über das, was Menschen an Diskriminierungen erleben, außer ihnen selbst. Wenn du Betroffenen ihre Erfahrungen absprichst, relativieren willst, dann profitierst du nicht nur passiv von deinen Privilegien, sondern hältst aktiv die Machtstrukturen aufrecht.

Frage dich, bevor du weiterliest, abbrichst oder gar deinen Senf dazugeben willst: „Sollte ich an dieser Stelle wirklich etwas „diskutieren“? Oder sollte ich still sein, zuhören, und auch aushalten, dass ich möglicherweise selbst dazu beitrage, dass diese Strukturen existieren?“ Denn, und ich streichle nochmal die Egos: Es ist nicht deine Schuld, dass du vielleicht als cis Mann, als weiße Person geboren bist. Niemand macht dir das zum Vorwurf. Kritisiert wird, dass nicht reflektiert wird, in welcher Position man sich befindet, welche Diskriminierung man selbst reproduziert.

Da wir ja alle denkende Wesen sind (und, um zum linken Clubkontext zurückzukehren, gerne Akademiker*innentum betonen, indem wir jede Person shamen, die „nicht Marx/Hegel/Kafka [Autor deiner Wahl einsetzen] gelesen hat?!“) – Reflektiere. Und halte aus, dass sich das Folgende vielleicht unangenehm für dich anfühlen könnte. Denn glaub mir: Für Menschen, die Diskriminierung und daraus resultierende Gewalt erleben, ist es noch viel unangenehmer.

Sexist*in? Ich doch nicht!

Ich zitiere die Rosa-Luxemburg-Stiftung: „Die allerwenigsten Menschen würden von sich selbst behaupten, Sexist oder Sexistin zu sein. Entsprechend abwehrend reagieren viele, wenn eine ihrer Handlungen oder Äußerungen als sexistisch bezeichnet wird, schließlich wiegt der Vorwurf schwer, diesen Stiefel möchte sich niemand anziehen. Doch ohne Sexismus zu benennen, ist es nicht möglich, gemeinsam auf eine Sexismus-freie Gesellschaft hinzuarbeiten.

(Darauf hingewiesen werden, dass man ein problematisches Erklärungsmodell für sexualisierte Gewalt reproduziert, mag für den oder die Einzelne*n sehr unangenehm sein. Schließlich herrscht gerade beim Thema Vergewaltigung gesellschaftlich weitestgehend Einigkeit darüber, dass es sich dabei um einen gravierenden Einschnitt in die sexuelle Selbstbestimmung handelt. Daher sind die Reaktionen oft sehr abwehrend. Niemand möchte sich unterstellen lassen, dass er oder sie Vergewaltigungen gutheißt.

Gerade weil dieses Erklärungsmodell so weit verbreitet und fest verankert ist, reproduzieren es Menschen oft unbewusst. Das heißt nicht, dass sie sexualisierte Gewalt billigen. Aber wenn nicht darüber gesprochen wird, wann und in welchen konkreten Beispielen bestimmte Erklärungsmodelle reproduziert werden, bleiben sie unangefochten stehen.)“

Und, liebe linke Bubble, ist es nicht das, was wir uns alle allzu gern auf die Fahne schreiben, „no sexism, no racism“? Na Also. With that said, lasst uns doch mal die Strukturen anschauen, die sexualisierte Gewalt im Clubkontext aufrechterhalten und Täter schützen [an dieser Stelle verwende ich bewusst das generische Maskulinum].

Interview Nice4What

In einem Interview mit Nice4What wurden folgende Fragen gestellt:

Was fällt euch als Erstes ein, wenn ihr Sexismus im Zusammenhang mit Clubbing bzw. der elektronischen Musikszene hört?

„Es gibt leider keinen Bereich der Gesellschaft, in dem Sexismus keine Rolle spielt, deswegen ist auch die Clubkultur davon betroffen.“ – Isa

Marlene: Besonders absurd in diesem Kontext finde ich den Kontrast zwischen der Clubkultur als Sehnsuchtsort, an dem gesellschaftliche Konventionen abgelegt werden können und sich jede Person frei ausleben kann – und dem gegenüber die tatsächlich vorherrschenden Zuständen in der Clubkultur.

Ihr geht alle mehr oder weniger regelmäßig auch als Gäste feiern – wie erlebt ihr einen Abend im Club als „Frau“?

Franzi:  Für mich verläuft eine wünschenswerte Clubnacht so, dass […] mich fallen lassen kann, weil ich mich durch die Leute im Club um mich herum aufgehoben und sicher fühlen kann. Dennoch läuft […] von vornherein so eine Hab-Acht-Stellung, weil man sich in einen Raum begibt, in dem Personen eben gerne über die Stränge schlagen und dabei leider manchmal das letzte Fünkchen respektvoller Umgang verschwindet. Als Frau muss ich dann aufgrund patriarchaler Machtstrukturen leider eher damit rechnen, dass mir oder anderen nicht-cis-männlichen Personen diskriminierendes Verhalten widerfährt.

Marlene: Sowohl als Gast als auch hinter der Bar oder hinter dem DJ-Pult erlebe ich immer wieder unangenehme Situationen, wie angestarrt, angetanzt oder unter komischen Vorwänden angequatscht zu werden. Was ungewolltes Angefasst-Werden angeht, kann mich spontan an mindestens fünf Situationen in den letzten Jahren erinnern. Bekomme ich eine solche Situation mit oder erlebe sie selbst, ist der Abend für mich eigentlich gelaufen. Ich glaube, den meisten Personen, von denen diese Situation ausgehen, ist gar nicht bewusst, was sie durch ihr Verhalten gerade auslösen. Deswegen versuche ich sie offen darauf anzusprechen, dass sie gerade eine Grenze überschreiten. Leider treffen solche Aussprachen gerade im Partykontext häufig auf Unverständnis.

Ob Awareness-Team oder nicht, viele Betroffene sprechen nicht über ihre Erfahrungen mit übergriffigem Verhalten im Clubkontext, oder wollen anonym bleiben, um sich nicht weiterer Gefahr auszusetzen (was diverse Erfahrungsberichte auch aufzeigen).

Umgang mit Belästigung und Übergriffen

Viele Frauen bedankten sich, wenn man sich einmische und übergriffige Typen rausschmeiße, sie kämen aber nicht von sich aus zur Theke, zur Tür oder zum Awareness-Team. Der vorherrschende Umgang mit Belästigungen und Übergriffen sei oft noch, zu schweigen und zu hoffen, dass es schnell vorbeigehe, erzählt eine Türsteherin im Interview mit der jungle world.

Warum? Diverse Mechanismen greifen hier.

Täterschutz in der Clubszene: Verharmlosung

Zum einen wird in der Clubszene massiv Täterschutz betrieben. Das bedeutet: sexistisches und/ oder übergriffiges Verhalten wird toleriert, verharmlost, hingenommen. Hier geht es meistens um den eigenen Profit.

Sozialer Profit

Einerseits sozialer Profit: Die eigenen Kumpels nicht darauf ansprechen, dass es nicht cool ist, sexistische, queerfeindliche, rassistische und andere diskriminierende Aussagen zu tätigen, darüber zu reden, wie „geil man die Alte gebumst hat“. Der soziale Profit, an dieser Stelle zu schweigen, mitzulachen oder gar mitzureden liegt auf der Hand: Man(n) will nicht schlecht dastehen vor den eigenen Freunden.

Monetärer Profit

Andererseits, neben dem sozialen Profit gibt’s natürlich noch den monetären. Eine Stufe höher kommt die Macht in der Clubbranche mit ins Spiel: Lache ich mit dem Booker/DJ/Promoter über seine sexistischen Witze, damit er mich bucht, auf meiner Party spielt etc.? Denn, auch diese Brache folgt noch immer Regeln, die Männer gemacht haben (siehe bspw. „old boys network“) – Mackertum ist an der Tagesordnung und wer nicht mitspielt, profitiert nicht, sei es nun finanziell oder fame.

Ein schönes Beispiel ist (und ich nenne hier bewusst keine Namen, denn es geht um grundlegende Strukturen und nicht um „Einzelfälle“) wie fürs eigene Brand mit einem DJ kollaboriert wird, in dem Wissen, dass er sich übergriffig verhalten hat – nur für die Klicks, für Geld. Oder aber, wie durchaus nicht selten auf die Aussage zum übergriffigen Verhalten eines DJs (Managers/Politikers/…) sinngemäß geantwortet wird „sprich das nicht öffentlich an, das würde seiner Karriere schaden“, um nur zwei Beispiele zu benennen, die zeigen, wer welche Machtposition innehat und diese auch sichern möchte.

Machtmissbrauch

Auch Einzelne DJs missbrauchen ihre Macht, nicht im Booking-Kontext, sondern indem sie fame und Ressourcen (Gästeliste beispielsweise) nutzen, um sexuelle „Gefälligkeiten“ zu erbitten. Erinnert stark an den Firmenchef, der für sexuelle Handlungen eine Gehaltserhöhung verspricht, doesn‘t it?

Jetzt könnte das allseits beliebte Narrativ „Sie schläft sich hoch“  thematisiert werden, deswegen möchte ich hier direkt anschließen: Es gibt etwas, das nennt sich „Opfer-Täter-Umkehr“  bzw. „victim-blaming“.

Wieder zitiere ich die Rosa-Luxemburg-Stiftung und ihr „Ist doch ein Kompliment…Behauptungen und Fakten zu Sexismus“-Heft: „Eines der wirkungsmächtigsten und problematischsten Erklärungsmuster nimmt als Ursache für sexualisierte Gewalt nicht den Täter, sondern das Opfer in den Blick: Das Opfer selbst habe durch bestimmte Faktoren wie etwa Kleidungsstil, Verhaltensweise oder Alkoholkonsum sexualisierte Gewalt ausgelöst, so die Annahme. Dem Opfer wird suggeriert, es hätte eine Mit- oder sogar Hauptschuld daran, dass ihm Gewalt angetan wurde.

Das führt nicht nur dazu, dass Betroffene sehr häufig nicht die Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie benötigen, sondern auch dazu, dass viele Opfer die Schuld bei sich suchen und sich nicht trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder sie zur Anzeige zu bringen. Der Täter wiederum wird entlastet, da er argumentieren kann, er habe sich aufgrund der Kleidung oder des Verhaltens des Opfers nicht beherrschen können.

Diesem Erklärungsmodell liegt also auch ein problematisches Bild von Männern als animalische Täter zugrunde. Seit den 1970er Jahren hat sich für diese Strategie der Schuldumkehr, die die Opfer zu Täter*innen macht, die Bezeichnung victim blaming (engl.: das Opfer beschuldigen) durchgesetzt.“

Sexualisierte Gewalt

An dieser Stelle möchte ich es nochmal ganz deutlich sagen, damit es auch wirklich ankommt:

DIE SCHULD FÜR SEXUALISIERTE GEWALT LIEGT NICHT BEI DER PERSON, DIE DIESE ERFÄHRT.

Stellt euch vor, jemand rammt euch ein Messer in den Rücken und wird dann freigesprochen, einfach weil „Die Farbe eurer Jacke ihn aggressiv gemacht hat“ – merkwürdig, oder?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Recht auf Ausdruck seines*ihres Selbst herrscht. Das bedeutet, Menschen dürfen sich schminken, anziehen was sie möchten – und das ist kein Freifahrtsschein, sondern schlicht und ergreifend ein Grundrecht. Genauso wie das Recht auf sexuelle Freiheit kein Pendant für „Recht auf sexuelle Handlung“ ist.

„Wirklich? Das kann ich mir bei dem gar nicht vorstellen, der ist doch ein ganz Netter…“

Gerade im hedonistischen Clubkontext ist das wichtig. Warum trauen sich Betroffene oft nicht, zur Tür, zur Bar oder anderem Personal im Club zu gehen, wenn sie sexualisierte Gewalt erleben? Weil es leider immer noch die Regel ist, dass Erfahrungen relativiert werden oder aber die Schuld den Betroffenen zugeschoben wird. Und schon Aussagen wie „Wirklich? Das kann ich mir bei dem gar nicht vorstellen, der ist doch ein ganz Netter“ fallen in diese Kategorie.

Nein heißt nein

Übrigens, erst seit 2016 ist gesetzlich verankert, dass sexualisierte Gewalt beginnt, wo ein „Nein“ missachtet wird. Vorher musste sich die betroffene Person „körperlich zur Wehr gesetzt haben“. Stell dir vor, jemand fragt dich, ob du eine Ohrfeige haben willst, du sagst „nein“, und die Person schlägt dich trotzdem. Gewaltvoll, oder nicht? Schon seltsam, dass wir bei sexuellen Handlungen die Grauzone ins schier Unermessliche ausdehnen wollen.  Außerdem wichtig für den Clubkontext: Inwieweit ist die Person, mit der ich da gerade anbandle, überhaupt in der Lage, noch deutlich zuzustimmen oder eben „Nein“ zu sagen?

Lasst uns Betroffenen zuhören und Glauben schenken, statt Täter zu schützen.

Noch ein letzter Hinweis, wenn Menschen euch von Erfahrungen von sexualisierter Gewalt berichten: Relativierungen, defensive oder neugierige Fragen und Ähnliches kann retraumatisierend wirken. Hört zu, glaubt Betroffenen und schützt nicht die Täter, egal wie famous sie sind, wie nett ihr euch mit ihnen unterhalten habt oder was für coole Gespräche ihr beim Schnaps an der Bar mit ihnen hattet.

Die „guten“ Jungs

Als letzten Gedankenanstoß möchte ich The Bureau of New Futures and Friends, Creamcake und Yeşim zitieren, die über dieses Thema geschrieben haben, nachdem Konstantin (ja genau, der von Giegling) und seine sexistischen Aussagen viral gegangen sind.

Aufschreie nach Aussagen wie der Konstantins oder, um lokal zu bleiben, gut vernetzter Booker/DJs/[Position in der Clubkultur hier einsetzen] sind wichtig und richtig, reichen aber nicht aus. Wir müssen auch darüber sprechen, dass antisexistische (genauso wie antirassistische) Positionen gerade in linken Kreisen oft performativ und nur auf Image-building ausgerichtet sein. Es geht nicht nur darum, offen sexistisch getätigte Aussagen von Menschen anzuprangern, die vielleicht außerhalb des eigenen Dunstkreises tätig sind. Es geht auch um das, was im Privaten passiert, es geht darum, sexistisches Verhalten anzusprechen und zu kritisieren, auch wenn es der beste Kumpel ist, der sie tätigt, und man vielleicht ein unangenehmes Gespräch führen muss.

The Bureau of New Futures and Friends, Creamcake und Yeşim:

„Viele von uns haben diese „guten Jungs“ so oft hinter verschlossenen Türen dabei gesehen, wie sie, wenn ihre Freunde sexistische, queerfeindliche, rassistische, ableistische und klassistische Dinge sagen, keinen Pieps von sich geben oder gar mitlachen. Die überwältigende Überzahl dieser […] Männer […] bleiben verbündet und profitieren finanziell von der Kommerzialisierung von Techno. […] Sie schweigen, wenn sie von sexuellen Übergriffen und Missbrauch hören […] und sie weigern sich, den Opfern zu glauben. Diese „guten Jungs“ fragen in aller Ernsthaftigkeit „Aber wo ist der Beweis?“, wenn jemand in ihrem Umfeld ein Sexualstraftäter ist oder häusliche Gewalt verübt.“

Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, muss 1. Zugehört werden. 2. Glauben geschenkt und die Deutungshoheit über den Vorfall überlassen werden (Aussagen wie „also so schlimm ist das doch nicht!“ sind nicht einfach nur unsensibel, sie sind schlichtweg bagatellisierend gegenüber dem, was Menschen als grenzüberschreitend erleben – wir wissen nicht, was sich wann für Menschen „schlimm“ anfühlt. Also, Achim, nur weil du es „nicht so schlimm fändest“, wenn dir jemand im Vorbeigehen an die Hüfte greift, heißt das nicht, dass das für alle anderen ebenso gilt.)

„Nur weil du mal auf everydayfeminism.com einen Artikel über kulturelle Aneignung gelesen hast, deine coole Freundin dir gratis eine maßgeschneiderte Privaterziehung über Sachen gegeben hat, die eigentlich zum Grundwissen gehören, und du einmal eine Schwarze DJ für deine Party gebucht hast, bedeutet das noch lange nicht, dass du aus dem Schneider bist. Solange unsere Infrastruktur von diesem White Man Techno Club Bullshit dominiert wird, muss noch viel mehr Arbeit geleistet werden, um auch nur einen kleinen Schritt in Richtung Parität zu gewährleisten. […] Wir brauchen mehr als oberflächliches Ally-Theater.“ (Missy Mag, 29.06.17)

Weiterhin, 3., bedeutet Umgang mit Sexismus in der Clubkultur auch, Platz zu machen im old boys network für FLINT* und deren Perspektiven.

Platz machen

Platz machen kann bedeuten Positionen anders (nicht-männlich) zu besetzen, Line-Ups nicht nur tokenisiert mit FLINT* zu besetzen. Das bedeutet, niemandem im Vorbeigehen ungefragt IRGENDWOHIN zu fassen, das bedeutet nach einem „nein“ abzuziehen, das bedeutet, nicht bedenkenlos das Shirt im Club auszuziehen.

Eine Side-Note zum OKF Thema übrigens: Oberkörperfrei auf der Tanzfläche oder hinter dem Pult agieren – egal ob aus Imponiergehabe, Hitze oder anderen Gründen – ist indirekt eine, natürlich häufig unbewusste, Demonstration von Macht. Es vermittelt die Botschaft: „Ich kann hier mein Shirt ausziehen und trotzdem sicher sein, du als FLINT* kannst das nicht.“

Machtstrukturen zu kritisieren und Ally sein zu wollen – und das wollen doch Menschen, die sich Feminismus und Antirassismus auf die Stirn schreiben, dachte ich? – bedeutet auch, ein Stück vom Kuchen abzugeben, der durch Privilegien ungleich aufgeteilt ist.

Also: Platz machen, keine sexualisierte Gewalt ausüben, sensibel mit Betroffenen umgehen und nicht zuletzt monetäres und soziales Kapital umverteilen.


Illustrationen von Jasmin Biber.

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